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  • 27.03.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Segregative Versorgung

Geschützter Raum für Demenzkranke

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2019

Seite 38

Eine stationäre Unterbringung ist für Patienten mit Demenz ein besonders belastendes Ereignis. Sie leiden unter Unruhe, Hinlauftendenz, Verwirrtheit, Angst oder einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Die interdisziplinäre Demenzabteilung der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus bietet ihnen einen weitgehend stressfreien Klinikaufenthalt mit minimierten Risikofaktoren in der Behandlung.

In einer alternden Gesellschaft ist es unumgänglich, Menschen mit demenziellen Veränderungen ein Leben in Würde und mit Perspektiven zu ermöglichen [1]. Besonders deren Behandlung im Krankenhaus ist eine sehr schwer zu bewältigende Herausforderung [2]. Denn der Klinikalltag ist selten auf Menschen mit Demenz eingestellt [3].

Laut der von der Robert Bosch Stiftung geförderten GHoSt-Studie aus dem Jahr 2016 weisen insgesamt 40 % aller über 65-jährigen Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) in Allgemeinkrankenhäusern kog­nitive Störungen auf; fast jeder Fünfte leidet an Demenz.

Bei der Aufnahme ins Krankenhaus wird die Nebendiagnose Demenz oft gar nicht erkannt. Krankenhausaufenthalte von Patienten mit Demenz gehen mit erhöhten Komplikations- und Sterberaten und längeren Verweildauern einher [4].

Die Krankenhaussituation ist für die Betroffenen zusätzlich sehr belastend, da sie die fremde Umgebung und die unbekannten Abläufe nicht einordnen können [5]. Patienten mit einer Demenz fehlt im Krankenhaus häufig die Möglichkeit, sich selbst zu beschäftigen [6]. Aus ihrem sozialen Netz herausgerissen fühlen sich Patienten mit Demenz in der Klinik oft einsam, langweilen sich, werden möglicherweise passiv und schläfrig oder zeigen ihr Unwohlsein durch unruhiges Verhalten [7, 8].

Das segregative Konzept der Interdisziplinären Demenzabteilung (IDA) der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus, einer zertifizierten Akutklinik für Innere Medizin, Altersmedizin, Palliativmedizin sowie Reise- und Tropenmedizin in Tübingen, gewährleistet Versorgungssicherheit und wird den besonderen Bedürfnissen Demenzerkrankter im Krankenhausalltag gerecht. Seit der Erarbeitung des Konzepts im April 2017 bis zur gegenwärtigen Umsetzung und der darauf folgenden Abschlussevaluation wird das Projekt über eine Laufzeit von 3 Jahren von der Lechler Stiftung gefördert.

Immer mehr Menschen erkranken an Demenz

Demenz ist eine der häufigsten Krankheiten im Alter. Der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit und die damit einhergehende Veränderung der Persönlichkeit betreffen weltweit rund 47 Millionen Menschen. Allein in Deutschland sind 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, jedes Jahr kommen über 300.000 Betroffene dazu. Sofern kein Durchbruch in Therapie und Prävention gelingt, wird sich nach Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf rund 3 Millionen erhöhen. Dies entspricht einem mittleren Anstieg der Zahl der Demenzerkrankten um 40.000 pro Jahr oder um mehr als 100 pro Tag [8].

IDA: ein vielversprechendes Projekt

Sowohl bauliche Maßnahmen als auch spezielle Angebote in der Alltagsbetreuung und eine Kontinuität in der pflegerischen Versorgung schaffen für die oftmals desorientieren Pflegeempfänger/-innen eine Umgebung, in der sie sich trotz ihrer Beeinträchtigungen besser zurechtfinden und wohlfühlen können. Die IDA ist ein räumlich abgegrenzter Bereich mit insgesamt acht Betten, den die Klinik für Patienten mit einer akuten internistischen Erkrankung und einer Nebendiagnose Demenz bei erhöhtem Pflege- und Betreuungsbedarf eingerichtet hat.

Patienten sollen mobil oder mobilisierbar sein, damit sie an den angebotenen Aktivitäten partizipieren können. Ausschlusskriterien sind isolierte Patienten, chronische Bettlägerigkeit, akute Psychose, Schizophrenie und schwere Depression.

Elementar ist die Mitarbeit von zusätzlich eingestellten Alltagsbegleiterinnen und -begleitern, die Pflegende, Ärzte und Therapeuten in ihrer Arbeit unterstützen.

Ziele des Projekts:

 

  • Niveau der Patienten-Selbstständigkeit mindestens erhalten
  • Selbstbestimmung der Patienten mit Demenz wahren
  • Delirrate präventiv senken
  • Auftreten von herausfordernden Verhaltensweisen senken
  • sicheren Krankenhausaufenthalt und Behandlung ermöglichen
  • Sicherheit der Mitarbeiter/-innen im Umgang mit demenziell erkrankten Patienten erhöhen
  • Verweildauer senken und der durchschnittlichen Verweildauer annähern
  • Zufriedenheit der Mitarbeiter/-innen, Patienten, Angehörigen steigern

Kernelemente des therapeutischen Konzepts:

  • Einsatz von Alltagsbegleiterinnen und -begleitern
  • tagesstrukturierende Maßnahmen
  • Mobilisation
  • Schlafförderung
  • stressarme Umgebung
  • Vermeidung von Reizarmut
  • Größtmögliche Kontinuität der betreuenden Personen
  • Aktivierend therapeutische Pflege
  • Gruppenaktivitäten im Aufenthaltsraum
  • Gruppentherapie/Geschichtenwerkstatt

Individuelle Betreuung in demenzsensibler Umgebung

Die Mitarbeiter/-innen auf der IDA sind grundsätzlich alle für das Thema Demenz über Tagesseminare (z. B. demenz balance-Modell©, Integrative Validation) oder auch im Rahmen von geriatrischen Fort- und Weiterbildungen qualifiziert. Gemäß Qualifikationsmix der Abteilung nehmen die Alltagsbegleiter/-innen als Ergänzung zum pflegerischen, medizinischen und therapeutischen Personal in der Betreuung von Demenzerkrankten eine tragende Rolle ein. Die Alltagsbegleiter/-innen werden täglich von 7.30 Uhr bis 13.15 Uhr und von 14.30 Uhr bis 20.15 Uhr an 365 Tagen im Jahr eingesetzt. Sie sind das zentrale Element des Konzepts und verfügen über die Zeit, die den Pflegepersonen für die individuelle Zuwendung und Beschäftigung der Patienten oftmals fehlt.

Es gelingt demnach auch, den Tagesablauf patientenorientierter zu gestalten. Feste Visitenzeiten und die Möglichkeit zum gemeinsamen Essen im Aufenthaltsraum wiederum helfen, dem Alltag der Patienten in der neuen und ungewohnten Umgebung Struktur zu geben. Bei inneren Widerständen des Patienten in der Aufnahmestation erfolgt eine rasche Verlegung auf die Zielstation und eine dortige Weiterbetreuung in ruhigerer Umgebung. Wenn möglich, erfolgt die apparative Diagnostik auf Station, ansonsten werden alle therapeutischen und diagnostischen Maßnahmen außerhalb des „geschützten“ Bereichs der Station gebündelt, um auftretende Reizüberflutungen möglichst gering zu halten.

Für die Umgebungsgestaltung im Neubau der Klinik stand eine demenzsensible Raumgestaltung, die Geborgenheit vermittelt, Orientierung gibt, Sicherheit gewährleistet und Aktivitäten fördert, im Vordergrund. Ein begehbarer und begrünter Innenhof lädt zum Aufenthalt und zur Bewegung ein. Zusätzlich können Aktivitäten, wie die Bepflanzung eines Hochbeets, angeboten werden. Die Patientenzimmer sind mit großen Uhren und mit jeweils identischen Bildern im Inneren und an der Zimmertür ausgestattet. Diese sollen den Patienten als Orientierungshilfen dienen. Die IDA ist durch Flurtüren vom Rest der Station abgegrenzt. Diese Türen sind mit Naturmotiven optisch kaschiert, um Hinlauftendenzen entgegenzuwirken. Die räumliche Abtrennung schafft die Grundvoraussetzungen für eine Atmosphäre mit möglichst geringem Geräuschpegel.

Auf die engmaschige Einbeziehung der Angehörigen legen die IDA-Verantwortlichen großen Wert, da diese speziell im Umgang mit demenziell Erkrankten von großer Bedeutung und für eine adäquate Versorgung unbedingt erforderlich ist. Der Aufenthaltsraum mit integrierter Küchenzeile ist der Mittelpunkt des Geschehens. Dort bietet die IDA tagesstrukturierende Maßnahmen und Gruppenaktivitäten an: Gemeinsame Mahlzeiten und Aktivitäten ermöglichen einen zeitlichen Orientierungsrahmen und ein anregendes Umfeld. Jeweils vor- und nachmittags findet ein entsprechendes Tagesprogramm zur Aktivierung der Patienten in Form von Zeitungs- und Literaturrunde, Gymnastik, Biografie- bzw. Erinnerungsarbeit, Spielen, Kochen, Backen und Singen statt. Patienten mit Demenz werden so mobilisiert, angeregt und aktiviert, essen üblicherweise mehr und kommen nachts besser zu Ruhe [8].

Konzept überzeugt Mitarbeiter und Angehörige

Laut einer Befragung der Mitarbeiter/-innen und Angehörigen findet das Projekt bislang durchweg positiven Anklang. Alle Befragten stimmen darin überein, dass das IDA-Konzept die Qualität der Versorgung von demenziell erkrankten Patienten verbessert hat:

  • Patienten erleiden weniger Stürze
  • Hinlauftendenz verringert sich
  • Selbstbestimmung der Patienten bleibt gewahrt
  • Niveau der Selbstständigkeit bleibt erhalten oder verbessert sich
  • Patienten essen und trinken mehr
  • Patienten sind ruhiger und weniger umtriebig
  • Zufriedenheit der Patienten wird gesteigert
  • Mobilisation der Patienten wird gefördert
  • Patienten erhalten viele Anreize, sich außerhalb des Zimmers aufzuhalten

In diesem Zusammenhang schätzen die Mitarbeiter/-innen den Einsatz von Alltagsbegleitern als sehr wertvoll und entlastend ein. Auch das Angebot der tagesstrukturierenden Maßnahmen stößt auf positive Resonanz. Die Mitarbeiter/-innen selbst berichten seit Einführung des Konzepts über

  • größere Zufriedenheit und geringere Erschöpfung nach Schichtende,
  • erhöhte Sicherheit im Umgang mit Menschen mit Demenz und
  • Entlastung der anderen Stationen und eine Übertragbarkeit des Konzepts auf andere Krankenhäuser.

Besucher nehmen die entzerrte Atmosphäre wahr und schätzen die deutlich bedarfsorientiertere Betreuung ihrer Angehörigen. Insgesamt besteht laut Meinungsbild kein Zweifel daran, dass eine Weiterführung des Projekts sinnvoll und erwünscht ist.

Erste Erfolge zeigen sich schon jetzt

Nach der Einführung des Konzepts sind im Jahr 2018 die Werte der Barthel-Indizes bei der Entlassung der Patienten im Vergleich zum Aufnahmeassessment durchschnittlich um weitere 6,85 Punkte gestiegen. Dies unterstützt die These, dass sich die alltäglichen Fähigkeiten der Patienten nach dem Aufenthalt und der Versorgung in der IDA tendenziell verbessert haben.

Die Betreuungssituation in der Nacht ist weiterhin eine Herausforderung, da die Pflege in reduzierter Personalstärke besetzt ist. Eine Entlastung des Nachtdienstes war die Einführung eines Spätdienstes bis 23 Uhr. Um die Evaluation des Projekts zu ergänzen, ist perspektivisch im Frühjahr eine wissenschaftliche Betrachtung aus ökonomischer Sicht geplant.

Der Aufwand, die baulichen Gegebenheiten dem Patientenklientel anzupassen, die Organisationsstrukturen zu verändern, das Personal umfassend zu schulen und ein versorgungsspezifisches Konzept zu entwickeln und zu implementieren, hat sich gelohnt. Alle Beteiligten – Demenzerkrankte, deren Angehörige und die Pflegenden – profitieren davon. Ein solch komplexes Versorgungskonzept bedeutet allerdings einen beachtlichen Personal- und Sachkosten-Mehraufwand für das Krankenhaus. Die Finanzierung des Projekts war nur mit Unterstützung der Lechler Stiftung möglich und bedarf prospektiv einer auskömmlichen Refinanzierung durch die zuständigen Kostenträger.

 

[1] Hermann DM, Muck S, Nehen H-G. Supporting dementia patients in hospital environments: Health-related risks, needs and dedicated structures for patient care. European Journal of Neurology 2015; 22 (2): 239–247

[2] Griffiths A, Knight A, Harwood R, Gladman J. Preparation to care for confused older patients in general hospitals: a study of UK health professionals. Age and Ageing 2014; 43 (4): 521–527

[3] Löhr M, Schulz M, Behrens J. Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Psych. Pflege Heute 2014; 20: 189–195

[4] George J, Long S, Vincent C. How can we keep patients with dementia safe in our acute hospitals? A review of challenges and solutions. J R Soc Med. 2013; 106: 355–361

[5] Robert Bosch Stiftung GmbH. General Hospital Study – GHoSt. Zusammenfassung einer repräsentativen Studie zu kognitiven Störungen und Demenz in den Allgemeinkrankenhäusern von Baden-Württemberg und Bayern. 2018. doi: www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf_import/Studie_Demenz_im_Akutkrankenhaus.pdf; Zugriff: 27.11.2018

[6] Wojnar, J. Demenzpatienten im Krankenhaus. Alzheimer Info 01/2003. Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V.

[7] Elsbernd A, Biewald S, Escher M et al. Verbesserung der fachlichen und menschlichen Begleitung von Patienten/-innen mit Demenz in einem Akutkrankenhaus. Projektbericht Hochschule Esslingen. Forschung und Entwicklung in der Pflegepraxis 2008

[8] Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Informationsblatt 1. Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen 2018. doi: www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1_haeufigkeit_demenzerkrankungen_dalzg.pdf

[9] Huber A, Welzel H, Freiberger E et al. Stiftung Wohlfahrts- pflege NRW (Hrsg.). Demenzkranke Patienten im Krankenhaus. Ein Praxishandbuch für Mitarbeiter in der Pflege, Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG 2010

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