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  • 01.05.2017
  • Praxis

Erfahrungsbericht

„Für ein ,Gerade so‘ habe ich diesen Beruf nicht gelernt“

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2017

Seite 18

Mal wieder zwei Kollegen krank, das freie Wochenende fällt aus, und jeden Tag verlässt man die Station mit dem unguten Gefühl, nicht alles geschafft zu haben. Ein Pfleger schreibt sich von der Seele, warum sich dringend etwas ändern muss, damit Berufsideale nicht bald vollständig der Vergangenheit angehören.

Als ich neulich an einem Samstag um 5.45 Uhr noch müde zu meinem elften Dienst in zwölf Tagen fuhr, sträubte sich alles in mir. Ich hatte eigentlich etwas anderes geplant, musste aber für einen erkrankten Kollegen einspringen. Aus dieser Unzufriedenheit heraus fing ich an, meine Gedanken laut vorzutragen, so als spräche ich vor Ärzten, Fachleuten der Gesundheitspolitik und Krankenkassenfunktionären:

„Manchmal frage ich mich, wie lange das noch gut geht und warum ich Krankenpfleger geworden bin. Die Personalnot ist ein ernster Gegner für die Gesundheit von Pflegekräften. Ich weiß, das ist ein alter Hut, trotzdem möchte ich es mal grob aus Sicht meiner Kollegen und mir beleuchten. Drei Punkte sind mir dabei besonders wichtig: erstens, der Spaß an der Arbeit. Zweitens, das Privatleben und drittens, die Zufriedenheit der Patienten.

Zu Punkt eins: Ich bin mit Freude Krankenpfleger. Ich möchte Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen können. In der psychosomatischen Klinik, in der ich arbeite, sind wir fast immer alleine in den Schichten. Mit Routine und guter Zeiteinteilung ist der Alltag manchmal zu schaffen – gerade so. Aber für ein „Gerade so“ habe ich diesen Beruf nicht gelernt. Wenn der Patient schon allein dann als „versorgt“ gilt, wenn er sich nicht suizidiert hat, ist eine perspektivische Pflege vollkommen verfehlt. Häufig verlasse ich die Station nach Feierabend und habe das Gefühl, nicht alles oder zu wenig geschafft zu haben. Derzeit fallen drei Kollegen aufgrund von Krankheit oder Schwangerschaft für Monate aus. Ein weiterer Kollege hat Urlaub. Die einzige Lösung, um die Schichten einigermaßen abdecken zu können, sind Einspringen, Dienste tauschen, Überstunden machen. Da heißt es „Augen zu und durch“. Zeitweise kommt es vor, dass Stationen untereinander aushelfen, um die Krankheitsausfälle zu kompensieren. Das bedeutet, dass das Stationskonzept durch Unkenntnis der einspringenden Kollegen nicht umgesetzt werden kann, oder es passieren schwerwiegende Fehler. Dafür kann der einspringende Kollege nichts, aber es passiert.

Punkt zwei: das Privatleben der Angestellten. Angesichts der hohen Arbeitsbelastung wäre Erholung eine dringende Notwendigkeit. Als Schichtarbeiter regelmäßige Sporttermine einzuhalten ist schwer, aber in der Regel planbar, wenn der Dienstplan Bestand hat. Wenn man aber an Trainingstagen einspringen muss oder nach zehn Arbeitstagen einfach die Kraft fehlt, bleibt die Erholung auf der Strecke. Das wirkt sich auch auf die Familie aus. Diese sieht keinen erholten Elternteil, keinen gut gelaunten Partner, oft sogar einen unzufriedenen. „Es ist nicht für lange, nur bis die Krankheitsausfälle wieder zurückgehen“, heißt dann die Erklärung. Aber wann soll das sein? Häufig passiert es, wenn das Kollegium wieder zur Verfügung steht, dass diejenigen krank werden, die lange das Schiff auf Kurs gehalten haben.

Punkt drei: die Zufriedenheit der Patienten. Diese stoßen auf Personal, das ständig am Limit arbeitet. Damit leidet auch das Engagement für die Patienten. Diese bemerken das natürlich, beklagen sich oder nehmen aus Rücksicht wenig Kontakt auf, um nicht zu stören oder zu belasten. Sind sie deshalb zu uns gekommen? Um nicht zu stören? Oder – statt sich um die eigene Genesung zu kümmern – um sich über das erschöpfte Personal zu beklagen oder gar Sorgen zu machen? Meine Unzufriedenheit wächst immer, wenn ich merke, dass ich Patienten nicht so unterstützen kann, wie ich es mir wünsche. Diese sind von ihren eigentlichen Problemen abgelenkt und in ihrer Genesung oder Therapie gebremst. Ärzte denken sich deshalb Zusatzdiagnosen aus, um höhere Liegezeiten rechtfertigen zu können. Patienten brechen Therapien ab, schreiben der Patientenbeschwerdestelle. Spätestens hier sollte die Pflegedienstleitung handeln. Das passiert bei uns sogar. Es gab Personalbefragungen. Die Ergebnisse wurden aber nicht veröffentlicht und eine Konsequenz war nicht ersichtlich. Wie kann das sein?

Ach ja, ins Krankenhaus kommen die Leute ja immer wieder. An Arbeit mangelt es also nicht und Geld kommt auch in die Kassen. Und das Personal macht mit. In unserer Branche ist Streik ein heikles Thema. In den meisten Fachabteilungen ist ein Nichtantreten des Dienstes fast wie unterlassene Hilfeleistung. Die Personaldecke ist sowieso schon dünn. Also können nur diejenigen streiken, die Nachtwachen-frei, Urlaub oder eine reduzierte Stelle haben. Wer würde das bisschen Freizeit, das übrig bleibt, für einen Streik opfern, der nur mäßig Aussicht auf Erfolg hat?

Ob Menschen in leitenden und lenkenden Positionen über all das nachdenken? Die Lenker arbeiten nicht im Schichtbetrieb, sprechen nicht mit Patienten. Sie denken an Wirtschaftlichkeit und nicht an die Gesundheit. Ich stattdessen denke immer häufiger darüber nach, warum ich nichts anderes gelernt habe, etwas, was mich zufriedener macht. Mehr Geld will ich gar nicht verdienen, aber Zeit für meine Familie – ohne überarbeitet zu sein. Ich möchte keine Menschen, die unter meinem Stress leiden müssen. Weder Familie, Freunde noch Patienten.

Patienten! Jetzt weiß ich wieder, warum ich Krankenpfleger geworden bin. Ich wollte helfen. So gut ich kann. Mit Fachwissen, Geduld und einem Lächeln. Warum lässt man mich nicht?“

Am Arbeitsplatz angekommen, wird mir klar, dass die Zuhörer aus meiner Phantasie nicht existieren. Keiner hat meinen Appell wahrgenommen, keiner wird etwas ändern. Das kann nur ich selbst.

Der Verfasser möchte anonym bleiben. Die Redaktion leitet Zuschriften an ihn gerne weiter: pflegeredaktion@bibliomed.de

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