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  • 01.04.2016
  • Praxis

Integrativ pflegen

"Mehr Menschlichkeit in den Pflegealltag bringen"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2016

Damit Naturheilmittel ihre volle Wirkkraft entfalten können, müssen sie richtig eingesetzt werden. Das erfordert Expertise. Doch eine einheitliche Ausbildung, diese zu erlernen, gibt es bislang nicht, sagt Rolf Heine, Experte für anthroposophische Pflege. Dabei sehnen sich immer mehr Patienten nach einem ganzheitlichen Therapieansatz. Um diesen Wünschen gerecht werden zu können, muss die Pflege aber noch einige Hürden überwinden.




Herr Heine, Sie engagieren sich sehr für anthroposophische Pflege. Warum?

Pflege ist heute oft zwar fachlich korrekt, aber nicht mehr wirklich schön, funktional, aber nicht mehr herzlich. Darunter leiden Patienten, Bewohner und Pflegende selbst. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die Ökonomisierung des Gesundheitssystems hat daran bestimmt einen wichtigen Anteil. Aber auch wenig ausgebildete fachliche und ethische Kompetenzen bei uns Pflegenden haben dazu geführt, dass Pflege oft keine Freude mehr bereitet, sondern nur noch als notwendiges Übel oder Kostenfaktor angesehen wird. Anthroposophische Pflege will in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie mit einer guten und beispielhaften Pflegepraxis mithelfen, dass wieder mehr Menschlichkeit in den Pflegealltag einzieht. Diesen Ansatz halte ich für wichtig und richtig. Deshalb setze ich mich dafür ein.

Gab es eine besondere persönliche Erfahrung, weshalb Sie sich diesem Thema verschrieben haben?

Ich habe erlebt, wie eine einfühlsame Waschung oder ein Fußbad Benzodiazpine als Schlafmittel ersetzen konnten. Ich habe gesehen, wie hochwirksame Medikamente wie Furosemid erst nach einer rhythmischen Einreibung der Nierengegend zur Diurese geführt haben. Und ich habe gelernt, dass ich mit guter Pflege helfen kann – egal in welch körperlicher oder seelischer Not sich ein Mensch befindet.

Was ist eigentlich genau anthroposophische oder komplementäre Pflege? Ab wann gilt eine Maßnahme oder Anwendung als diesem Bereich zugehörig?

Komplementär bedeutet so viel wie ergänzend. Wenn ich im Rahmen einer Dekubitusprophylaxe beispielsweise einen Patienten druckentlaste, entspricht dies dem Therapiestandard. Komplementär dazu kann ich die gefährdeten Hautpartien mit einer Salbe in einer bestimmten Technik einreiben. Damit unterstütze ich die Körperwahrnehmung des Patienten. Die Atmung vertieft sich, der Patient entspannt. Die Einreibung ist also keine Alternative zur Druckentlastung, sondern sie ist komplementär. Vielleicht wird eines Tages die Einreibung Teil des Therapiestandards, dann wäre sie nicht mehr komplementär, sondern integriert. Ich bevorzuge deshalb den Begriff integrative Pflege.

Inwiefern spielen anthroposophische Ansätze mit in die integrative Pflege?


Die anthroposophische Pflege wendet verschiedene komplementäre Pflegemethoden an, aber auch alle pflegewissenschaftlichen Standards oder aus der Tradition begründete Verfahren. Wickel und Auflagen, therapeutische Waschungen, Einreibungen und Massagen gibt es schon seit Jahrtausenden. Einige sind originär anthroposophische Entwicklungen. So etwa die rhythmische Einreibung. Vielleicht haben integrative Methoden deshalb in der anthroposophischen Pflege eine Heimat gefunden, weil sie hier in ein entwicklungsorientiertes Pflegekonzept und Menschenverständnis eingebunden sind.

Stehen diese Therapieformen in Widerspruch zu evidenzbasierter Pflege und Medizin? Immerhin gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu …

Keineswegs! Allerdings gibt es bei vielen pflegerischen Maßnahmen methodische Probleme, Evidenz zu generieren. Das Hauptproblem scheint mir die noch völlig unterentwickelte Pflegeforschungslandschaft zu sein, vor allem auf dem Gebiet der äußeren Anwendungen. Einige Methoden der integrativen Medizin sind allerdings bereits recht gut untersucht. Etwa die Misteltherapie bei verschiedenen Krebserkrankungen. Aufgrund ihrer positiven Studienlage wurde diese Therapie sogar in den Erstattungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen bei bestimmten Indikationen aufgenommen. Man muss jedoch auch bedenken, dass Arznei- und Heilmittel in der Regel von der Industrie erforscht werden. Die Entwicklungs- und Zulassungskosten sind enorm. Da kann man sich mühelos vorstellen, dass zum Beispiel ein Kartoffel-Wickel, den jeder Patient selbst herstellen kann, auf wenig Interesse bei der forschenden Industrie stößt. Hier braucht es unbedingt eine öffentliche Forschungsförderung, besonders für Methoden, die teilweise schon über Jahrhunderte bewährt sind. In den USA oder China gibt es entsprechende Förderprogramme.

Sind die internationalen Kollegen generell besser aufgestellt bei diesem Thema?

Nein, gerade hierzulande haben integrative Pflegemethoden eine lange Tradition wie etwa die Kneipp-Bewegung. Diese ist, genauso wie die anthroposophische Pflege, in anderen europäischen Ländern weniger verbreitet. Dort findet man allerdings ein breites Angebot an asiatischen Heilmethoden wie Ayurveda, die auch in die Pflege Eingang gefunden haben. Die Aromoatherapie hat eine breite Anhängerschaft in Europa und den USA. Österreich, Schweiz und Deutschland arbeiten seit Jahren auf dem Gebiet der äußeren Anwendungen zusammen. Internationale Kooperationen nehmen kontinuierlich zu.

Sich auf Heilmittel aus der Natur zurückzubesinnen, scheint momentan in Mode zu sein. Werden diese Heilmittel tatsächlich verstärkt nachgefragt oder handelt es sich vielmehr um ein Marketinginstrument der Einrichtungen, die sich entsprechend Profit und besseres Renommee damit versprechen?


Jeder seriöse PR-Berater würde einem Unternehmen davon abraten, mit einem Produkt zu werben, das er nicht in einer bestimmten Qualität liefern kann. Qualität meint hier Nutzen für den Patienten. Damit Naturheilmittel eingesetzt werden können, braucht es Expertise. Die fällt nicht vom Himmel, sondern ist Ergebnis einer guten Ausbildung. Die Ratio der Mittel erschließt sich meist nicht aus der gewohnten medizinischen Denkweise, sondern braucht die Einbettung in ein anderes Krankheits- und Heilmittelverständnis. Patienten wollen heute am Prozess der Heilung beteiligt werden und etwas für sich selbst tun. Naturheilkundliche Methoden kommen diesem Bedürfnis entgegen, weil sie sich an die Selbstheilungskräfte richten. In einem integrativen Behandlungskonzept werden die verschiedenen Therapierichtungen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander verbunden, gemeinsam mit dem Patienten erörtert und dann die Therapie geplant. Ein solches Vorgehen überzeugt. Sie sprechen die notwendige Expertise für den richtigen Einsatz von Heilmitteln an.

Welche Ausbildung oder Voraussetzungen müssen Pflegende mitbringen?

Für Pflegende gibt es Fort- und Weiterbildungen im Bereich von Wickeln, Auflagen, Bädern, Einreibungen, therapeutischen Waschungen und vielem anderen mehr. Diese Angebote haben sehr unterschiedliche Formate, angefangen von der einstündigen Kurzfortbildung über Wochenendseminare bis hin zu mehrmonatigen Weiterbildungen. Inzwischen wird in Bremen eine Fachweiterbildung mit Schwerpunkt in komplementärer Pflege angeboten. Die Zugangsvoraussetzungen sind allerdings so verschieden wie die Angebote selbst. Anthroposophische Krankenhäuser haben sich beispielsweise verpflichtet, dass mindestens 30 Prozent ihrer Pflegenden einen Grundkurs in anthroposophischer Pflege im Umfang von 200 Stunden absolviert haben. Das ist eine gute Basis, um ein qualitativ hochwertiges Angebot an äußeren Anwendungen vorhalten zu können. Wichtig ist zu prüfen, wie die jeweilige Methode von Pflegenden im beruflichen Kontext angewendet werden darf. Grundsätzlich gilt, dass – wenn sie als Heilmittel angewendet werden – sie nach deutschem Recht einer ärztlichen Verordnung bedürfen.

Die Anwendungen nehmen Zeit und Geld in Anspruch. Sind solche Angebote angesichts immer knapper werdender Ressourcen überhaupt noch umsetzbar?


Es stimmt, die Ressourcen in der institutionellen Altenhilfe und in Krankenhäusern sind sehr knapp. Man muss sehr genau überlegen, wofür man seine Mittel einsetzt. Es ist erschütternd, dass viele Pflegende das Gefühl haben, dass Pflege im Krankenhaus nicht mehr stattfindet, sondern sich alles darauf beschränkt, den medizinischen Reparaturbetrieb zu bedienen. Das braucht politische und gesellschaftliche Lösungen. Trotzdem: Ich lasse mir die Freiheit nicht nehmen, einem von Schmerzen geplagten Menschen die Hände mit einem Moorextrakt einzureiben oder einem Asthmatiker eine Lavendelölkompresse auf die Brust zu legen – wenn es Sinn macht. Die pflegerischen Methoden lassen sich dabei in die Behandlungskonzepte einbeziehen. Vorausgesetzt, Einrichtungen und Teams machen sich gemeinsam auf den Weg.

Inwiefern können naturheilkundliche Maßnahmen im derzeitigen Gesundheitssystem finanziert werden?

Im öffentlichen Krankenhaus werden alle Leistungen über das DRG-System abgerechnet. Wenn hier naturheilkundliche Maßnahmen zur Anwendung kommen, werden diese nicht extra finanziert. Eine Ausnahme sind Zusatzentgelte, die für naturheilkundliche Komplexbehandlungen, palliativmedizinische Behandlungen oder anthroposophisch-naturheilkundliche Komplexbehandlungen abgerechnet werden können. Die Messlatte, diese Zusatzentgelte zu erreichen, liegt allerdings sehr hoch. In der häuslichen Pflege müssen naturheilkundliche Maßnahmen privat bezahlt werden, wenn sie nicht im Rahmen der Grundpflege erbracht werden. Als ärztliche Verordnung ist die Abrechnungsziffer nicht auskömmlich. Gleiches gilt für die Anwendung in der stationären Altenhilfe.

Was sagen Sie Kritikern, die in integrativer Pflege eher eine Wohlfühltherapie sehen und weniger einen tatsächlichen Nutzen?

Sich wohlzufühlen ist ja nicht per se schlecht. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit als Zustand körperlichen und sozialen Wohlbefindens. Wohlbefinden ist übrigens eine wichtige Grundlage für Vertrauen und Compliance und hat einen entscheidenden Nutzen aus Sicht des Patienten. Zustimmen kann ich dieser Kritik, wenn das Wohlgefühl Selbstzweck wird. Dann wird Pflege zum Spaßprogramm. Das entwertet meine Arbeit. Wenn integrative Methoden allerdings in den klassischen Kanon der Pflege und Medizin integriert würden, wäre das ein wichtiger Schritt hin zu einer Pflege, die uns Menschen gut tut.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Heine.

 

 

Rolf Heine sitzt im Vorstand des Dachverbands Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), ist Mitglied im Verband für Anthroposophische Pflege e. V. (VfAP), leitet die Akademie für Pflegeberufe an der Filderklinik im baden-württembergischen Filderstadt und koordiniert außerdem das Internationale Forum für Anthroposophische Pflege in der Medizinischen Sektion am Goetheanum in der Schweiz.