Passwort vergessen
  • 10.04.2018
  • Praxis

Mundhygiene

Mundgesundheit braucht gute Pflege

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2016

Eine gründliche Mundhygiene ist unverzichtbar, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Können Menschen die Mundpflege nicht mehr selbstständig durchführen, benötigen sie Unterstützung. Hier gibt es einiges zu beachten.

Die Mundpflege ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die viele Kompetenzen erfordert. Trotzdem wird sie im Alltag häufig als eine Routinehandlung gesehen, die schnell an Aushilfen und Auszubildende delegiert wird – meist ohne dass eine gründliche Einweisung erfolgt ist. Zur Mundhygiene gehören

  • die Inspektion der Mundhöhle und das Erkennen und Klassifizieren von Mundproblemen (Oral Assessment, vgl. Huhn 2015),
  • das Auswählen geeigneter Mittel und Methoden zum Vorgehen,
  • die Erfolgskontrolle und
  • gegebenenfalls das Einbinden anderer Spezialisten.

Als entscheidend in der Mundhygiene wird die mechanische Reinigung angesehen. Damit ist zunächst das mehrmals tägliche Zähneputzen etwa 30 Minuten nach der Mahlzeit – nicht früher – und das Reinigen der Zunge mit einer Zungenbürste gemeint.

Warum ist Mundhygiene so wichtig?

Wird von Mundgesundheit gesprochen, so bezieht sich das auf die Zähne, den Zahnhalteapparat, die Zunge, die Kau- und Kieferfunktion und die Mundschleimhaut. Der Mund ist zahlreichen äußeren Einflüssen ausgesetzt. Vor allem mit der Atemluft und der Nahrung werden permanent Stoffe aufgenommen, die bei nicht intakter Mundflora Krankheitswert besitzen. Der Mund verfügt deshalb über ein eigenes Ökosystem von mehr als 500 Bakterienarten als körpereigenes Kontrollsystem.

Jedoch brauchen die Mundhöhle und die Zähne eine reinigende Pflege. Dadurch können feste, aber auch verflüssigte Nahrungsbestandteile entfernt werden. Diese verbinden sich sonst mit dem Speichel und haften an den Zähnen sowie im sonstigen Mundbereich an. Da es sich hierbei um eine systematische Reinigung des Mundhöhlenvorraums, der Mundhöhle, der Zähne und des Zahnersatzes sowie der Zunge handelt, die dem Wohlbefinden und dem Erhalt der Mundgesundheit dient, wird von Mundhygiene gesprochen (Huhn 2015). 

Wichtig: Speisereste aus der Mundhöhle entfernen

Gesunde Menschen mit ausreichender Zungenbewegung und Wahrnehmung von Speiseresten im Mund werden ihren Mund reinigen können, ohne unbedingt mit den Fingern zu greifen. Bei pflegebedürftigen Personen muss das Entfernen von Speiseresten häufig durch eine Assistenzperson erfolgen. Das einfache Ausspülen des Mundes reicht hier nicht.

Bei der Inspektion und Reinigung der Mundhöhle werden geschmacksneutrale Handschuhe getragen. Die ausführende Pflegeperson sollte dabei sitzen. Der Kopf des Patienten oder Bewohners ist leicht nach vorne gebeugt. Dadurch wird seltener ein Würgereiz ausgelöst. Keinesfalls sollte der Kopf nach hinten gelegt werden.

Bei der Durchführung an einer liegenden Person wird der Kopf etwas abgestützt und zur Seite geneigt. Noch besser ist es, wenn die Person vollständig in die Seitenposition gebracht wird. So wird auch gewährleistet, dass bei Auslösen des Würgereizes alle Mundinhalte problemlos abfließen können.

Der Mundhöhlenvorraum und die Mundhöhle müssen mit einer Taschenlampe ausgeleuchtet werden, um verbliebene Speisereste zu sehen. Zunächst wird der Mundhöhlenvorraum inspiziert, also der Bereich der Wangentasche vor der Zahnreihe, und erst im zweiten Schritt die Mundhöhle selbst.

Zur besseren Einsicht kann die Wange mittels eines feuchten Spatels oder eines kleinen Löffels zur Seite verschoben werden. Speisereste werden entweder mit der Zahnbürste oder mit dem Finger entfernt. Dabei wird der Finger an der Wange entlang nach hinten in den Vorraum gebracht. Vorhandene Speisereste werden dann nach vorne hin ausgeräumt. Der Finger kann dabei mit einer Mullkompresse umwickelt werden. Vielfach ist es jedoch sinnvoll, den bloßen Finger zu nehmen, da sich die Speisereste dann besser ertasten lassen. Erst bei der weiteren Reinigung wird dann der Finger umwickelt, um Reste von der Mundschleimhaut zu lösen oder auch um ein Pflegeprodukt aufzutragen.

Im zweiten Schritt wird die Mundhöhle gereinigt. Die Vorgehensweise gleicht der im Mundhöhlenvorraum. Auch hier wird der Finger immer zunächst nach seitlich hinten gebracht und die Reinigung nach vorne ausgeführt. Dabei empfiehlt es sich ebenfalls, den Finger zu nutzen, weil so die Entfernung von Speiseresten und die Reinigung erfahrungsgemäß besser gelingen.

Wenn ein Risiko besteht, dass die Patienten oder Bewohner beißen, kann natürlich eine Klemme mit Tupfer verwendet werden. Der Beißreflex wird selten ausgelöst, wenn die Vorgehensweise wie hier beschrieben erfolgt. Jedoch kann bei sehr empfindlichen Menschen oder bei Personen, für die die Mundpflege nicht nachvollziehbar ist, zunächst als Annäherung mit der Lippenpflege begonnen werden. Manchmal ist es auch sinnvoll, mit dem Zähneputzen zu beginnen, weil das ein weniger intimer Vorgang ist, und so ein Verständnis für die Maßnahme entstehen kann (Huhn 2015).

Zungenbelag regelmäßig entfernen

An der Oberfläche der Zunge haften zahlreiche Speisereste und Bakterien. Deshalb wird die Reinigung der Zunge zweimal täglich empfohlen. Die Zunge kann dabei mit einer um den Finger gewickelten Kompresse oder einer speziellen Zungenbürste gereinigt werden.

Die Zungenbürste wird in der Regel als angenehmer erlebt und besser toleriert. Vor allem im hinteren Zungenbereich wird die flache Zungenbürste bevorzugt. Die Zungenreinigung ist auch deshalb so wichtig, weil sich fast immer Beläge bilden und diese mit über 80 Prozent den häufigsten Grund für Mundgeruch darstellen (Kullberg et al. 2010).

Zähneputzen – anspruchsvoller als es scheint

Die Zähne sollten mindestens zweimal täglich gebürstet werden. Das Zähneputzen wird erst nach der Entleerung des Mundraumes empfohlen, um ausreichend Platz zu haben, und gleichzeitig den Kiefer und den Mundboden putzen zu können.

Für die Zahnreinigung werden die handelsüblichen Zahncremes empfohlen. Am besten wird weiterhin die Zahncreme verwendet, die die Pflegebedürftigen schon vor dem Hilfebedarf verwendet haben. Wenn keine Schleimhautprobleme vorliegen, kann die Zahnbürste oben und unten über die Zahnreihen hinaus in das Zahnfleisch geführt werden. Die Zahnbürste soll möglichst weich sein. Es muss stets erfragt oder beobachtet werden, ob der ausgeübte Druck nicht zu stark ist. Ein Indiz für einen zu starken Druck ist, wenn die Patienten oder Bewohner versuchen, dem Druck auszuweichen und den Kopf zur Seite wegdrehen. Andererseits sollte der Druck auch nicht zu sanft sein, weil sonst keine Ablösung der Beläge erfolgt.

Es gibt unterschiedliche Zahnbürsten, die für pflegebedürftige Menschen zur Auswahl stehen. Grundsätzlich gilt, dass Zahnbürsten mit weichen Nylonborsten und abgerundeten Borstenenden verwendet werden sollten. Der Griff sollte handlich sein, der Bürstenkopf klein und abgerundet (Lücke 2015).

Wichtig ist vor allem, dass der Zahnbürstenkopf nicht zu groß gewählt wird. Personen, die sich selbstständig die Zähne putzen, können größere Zahnbürsten besser handhaben. Für die passive Zahnpflege durch Assistenzpersonen können sogar Kinderbürsten sinnvoll sein. Denn es ist sehr schwierig, eine Zahnbürste in einem fremden Mund zu führen. Dabei kann man versehentlich zu weit mit dem Bürstenkopf nach hinten gelangen, sodass ein Würgereiz ausgelöst und eine Abwehrhaltung provoziert wird.

Das Putzen erfolgt von unten nach oben, manchmal als von „Rot nach Weiß" beschrieben. Zunächst werden die vorderen Schneidezähne geputzt. Dann wird die Zahnbürste ähnlich wie bei der Mundpflege nach hinten gebracht und in Auf- und Abwärtsbewegungen nach vorne geführt. Die inneren Anteile müssen besonders vorsichtig gereinigt werden, da dies von den meisten Personen als unangenehm empfunden wird.

Altersbedingt gehen die Zähne etwas auseinander. Deshalb haben alte Menschen größere Zahnzwischenräume als junge. In den Zahnlücken bleiben Speisereste verstärkt zurück und müssen mechanisch entfernt werden. Dazu reicht das einfache Zähneputzen selten aus. Empfohlen wird fast immer die Reinigung mit Zahnseide. Es ist jedoch äußerst schwierig, in einem fremden Mund Zahnseide zu verwenden. Deshalb wird hier eher zu einer speziellen Bürste für die Zwischenräume geraten, sogenannte Interdentalbürstchen. Dies geht auch schneller, und ist für alle Beteiligten angenehmer.

Zahnärztliche Versorgung ist wichtig, um Folgeerkrankungen vorzubeugen

Ältere Menschen verfügen heute über mehr natürliche Zähne, als das bei der vorherigen Generation der Fall war. Das ist auf die bessere zahnmedizinische Versorgung und den zahnärztlich angestrebten Zahnerhalt zurückzuführen. Das geht jedoch leider mit einer Zunahme der Wurzelkaries sowie Erkrankungen des Zahnhalteapparats (Parodontitis) einher.

Die durchgeführten Erhebungen der letzten 20 Jahre zeigen eine deutliche Zunahme der Parodontitis unter älteren Menschen. Dabei weisen etwa 48 Prozent der älteren Menschen eine mittlere und etwa 40 Prozent eine schwere Ausprägung auf (KZBV 2010). Hierbei fällt auf, dass die Zahngesundheit bei multimorbiden und pflegebedürftigen älteren Menschen deutlich schlechter ist als in der Vergleichsgruppe. Hier ist noch mit einer deutlichen Zunahme zu rechnen, wenn keine adäquate pflegerische und auch zahnärztliche Versorgung gewährleistet wird.

Diese Entwicklung ist auch deshalb bedeutsam, weil die Parodontitis deutliche Wechselwirkungen zu allgemeinmedizinischen Erkrankungen wie Herzkreislauf- und Lungenerkrankungen, Diabetes mellitus und Magen-Darm-Störungen aufweist (ebenda).

Deshalb können pflegebedürftige Personen zukünftig einfacher zu Hause eine sogenannte „aufsuchende zahnmedizinische Betreuung" in Anspruch nehmen. Zwar kann die Behandlung zu Hause nicht so intensiv oder umfangreich angeboten werden wie in einer Zahnpraxis. Sie ist jedoch ein erster Schritt, um zumindest einer Verschlechterung vorzugreifen. Bei nötigen chirurgischen Eingriffen kann über ein Taxi oder einen Krankentransport auch das Aufsuchen einer Praxis ermöglicht werden. Dies gilt selbstverständlich auch für Menschen, die in Pflegeheimen leben (KZBV 2015). Informationen hierzu oder auch Adressen von spezialisierten Zahnärzten können über die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin (dgaz) oder die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) abgerufen werden.
www.dgaz-online.de/zahnarztsuche.html; www.kzbv.de

Mundspülungen nutzen

Fluoridhaltige Mundspüllösungen verstärken den Schutz vor Karies, indem sie das von der Zahnpasta aufgebaute Fluoriddepot vergrößern. Bei einer Spülung werden auch die Stellen erreicht, die mit der Zahnbürste nicht erreichbar sind. In Einzelfällen kann die Lösung auch auf eine Kompresse aufgetragen und im Mund verteilt werden.

Statt einer Spüllösung werden im Handel auch Gele vorgehalten, die auf die Zähne aufgetragen werden können. Es können zudem Spüllösungen angewendet werden, die zusätzlich Wirkstoffe enthalten, welche die Schmerzempfindlichkeit freiliegender Zahnhälse vermindern. Sollte bei den Patienten oder Bewohnern der Eindruck von Zahnschmerzen vorliegen, ist unbedingt ein Zahnarzt hinzuzuziehen. Antiseptische Produkte sollen möglichst nicht ohne ärztliche Empfehlung und auch nur kurze Zeit angewendet werden.

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, die Mundpflege mit Mitteln durchzuführen, die für die Patienten und Bewohner geschmacklich angenehm sind. Es gibt jedoch keinen Anhalt dafür, dass für die normale Mundpflege spezielle Produkte dem normalen Leitungswasser überlegen sind. Auch die von Pflegepersonen häufig favorisierten Kamille- oder Salbeilösungen haben in Untersuchungen keinen Vorteil gezeigt (Gottschalk 2007). Sollten Kräuteraufgüsse zur Mundreinigung verwendet werden, sollten diese auf keinen Fall länger als drei Minuten ziehen, weil dann Gerbsäuren frei werden.

Mundpflege braucht gute Fachkenntnisse Der Beitrag macht deutlich, dass die Mund- und Zahnpflege eine hochprofessionelle Pflegetätigkeit ist, die spezielle Fachkenntnisse voraussetzt und nicht ohne intensive Einweisung durchgeführt werden kann. In Fortbildungen wird bis in die jüngste Zeit deutlich, dass für den gesamten Mundbereich Wissenslücken im grundsätzlichen Vorgehen bestehen und eher auf anekdotisches Wissen oder Zufallswissen zugegriffen wird. Der Verfasser empfiehlt, Kontakt mit der örtlichen Zahnärztekammer oder einer Zahnpraxis aufzunehmen, um möglicherweise eine Fachperson für professionelle Zahnreinigung und Prophylaxe zu gewinnen, die vor Ort entsprechende Fortbildungen gestalten kann. Neben dem Fachwissen verfügen diese Fachpersonen über Erfahrungswissen im Umgang mit schwierigen Pflegesituationen etwa bei Verweigerung oder Beißverhalten, mit dem Pflegepersonen im Arbeitsalltag regelmäßig konfrontiert werden.


Informationsdienst des Instituts der Deutschen Zahnärzte (2012): Zur Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung. Review; Berlin

Gottschalk, Th. (2007): Mundhygiene und spezielle Mundpflege. Bern; Huber Verlag

Huhn, S. (2015): Mundpflege – anspruchsvoll und unverzichtbar. Die Schwester Der Pfleger 10: S. 13–16

Kullberg, E. et al. (2010): Dental hygiene educationfor nursing staff. In: J Adv N (1) 1273–1279

Lücke, St. (2015): Praktische Aspekte der Mundpflege – „Erst einmal Vertrauen herstellen". Interview mit Jacqueline Boss. Die Schwester Der Pfleger 10: S. 18–21

Robert-Koch-Institut (2009): Mundgesundheit. Gesundheitsberichtserstattung des Bundes Heft 47; Berlin
Schweizer Zahnärzte Gesellschaft (2008): Handbuch der Mundhygiene. Bern

ZQP-Themen-Ratgeber (2013): Mundgesundheit. Hinweise für den Pflegealltag; Berlin