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  • 12.06.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Klinikleitung

Pflegedirektion abgeschafft

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2019

Seite 42

Die Leitung der Pflege auf ärztliche Direktoren zu übertragen empfinden Pflegende als „Tritt unter die Gürtellinie“. Zwei Universitätskliniken haben das dennoch versucht. Ein Kreiskrankenhaus in Bad Homburg will dies nun als „Pflegestärkungsprogramm“ an seine Mitarbeiter verkaufen. Aber das ist nach Ansicht vieler eine Mogelpackung.

Pflegeberufe zu professionalisieren, zu emanzipieren – das sind schon seit langer Zeit erklärte Ziele nicht nur von den Berufsgruppen selbst, sondern auch von der Politik. Es gibt gute Wege, um das zu erreichen. Dazu zählen sicherlich, dass die Pflege sich zunehmend akademisiert, dass Pflegeforschung zu evidenzbasierter Pflege geführt hat, dass es heute viele Expertenstandards und Leitlinien auch für Pflegemaßnahmen gibt, die klinikübergreifend einheitlich zum Einsatz kommen. Zudem verleihen ihnen Berufsverbände, Gewerkschaften und neuerdings auch – in einigen Bundesländern – Pflegekammern eine erstarkte Stimme innerhalb der Gesellschaft. Auch die Klinikträger haben dem Rechnung getragen, indem sie Pflegedirektionen bzw. Pflegedienstleiter als oberste Instanz für diese Berufsgruppen geschaffen haben, die auf Augenhöhe mit den anderen Direktoren zentral die Interessen der Pflege vertreten und deren Qualität hochhalten.

Angelehnt an den Text eines berühmten Comics könnte man es auch so formulieren: Wir befinden uns im Jahr 2019. Ganz Deutschland ist bereit, die Pflege als eigenständige Profession anzuerkennen, die weit mehr darstellt als eine medizinische Assistenz. Leider trifft aber auch die Fortsetzung des Originaltextes des „Asterix und Obelix“ im übertragenen Sinne zu: Ganz Deutschland? Nein! Immer wieder finden sich Beispiele, die das scheinbar anders sehen.

 

Pilotprojekt an der Hochtaunus-Klinik verwundert Betriebsrat

So im hessischen Bad Homburg. Seit November des vergangenen Jahres läuft am dortigen Standort der Hochtaunus-Kliniken ein Pilotprojekt, das das Pflegemanagement in erheblichem Maß von der Pflegedirektion auf die ärztliche überträgt. Ausgerechnet unter dem Namen „Pflegestärkungsprogramm“ verkauft die Klinikleitung ihre Umstrukturierung, durch die die Pflegedirektion nur noch fachlich, aber nicht mehr disziplinarisch weisungsbefugt ist. Das heißt im Klartext: Ganz oben im Organigramm des Konzepts steht nun der Chefarzt als Klinikleiter und dieser fällt personalpolitische Entscheidungen auch für die Pflege.

Die einzelnen Fachabteilungen haben noch sogenannte Klinikpflegeleitungen, die aber nur zu 50 % für ihre Leitungstätigkeit freigestellt sind. Eine pflegerische Führungskraft, die zentral die Pflege managt und vollständig dafür befreit ist, fehlt. Denn die Pflegedirektorin der beiden anderen Standorte der Hochtaunus-Kliniken ist hier laut dem Konzept „von organisatorischen und disziplinarischen Aufgaben entlastet und befasst sich mit pflegesachlichen Themen“.

Mit anderen Worten: Sie kann zwar noch einheitlich Pflegestandards implementieren. Aber wenn eine Pflegekraft einer anderen Abteilung wegen Krankheitsausfall aushelfen möchte, braucht es das Einverständnis des Chefarztes als Klinikleiter.

„Das ist ein Schlag unter die Gürtellinie für die Pflege“, sagt die Pflegedirektorin eines anderen Krankenhauses. Und auch der Betriebsrat der Klinik selbst zeigte sich laut eines Mitglieds verwundert über diese Situation, als das Konzept vorlag. Beide wollen namentlich nicht genannt werden.

Deutsche Unikliniken haben bald alle wieder Pflegedirektionen

Ähnliche Umstrukturierungen hatte es in der Vergangenheit auch bereits in zwei Universitätskliniken gegeben. Beide unterteilten ihre Kliniken in pflegerische Departements, die sich selbst verwalten sollten, und verzichteten auf eine zentrale Pflegedirektion. In Leipzig war das 2013. Seit 2017 gibt es aber wieder eine geschäftsführende pflegerische Departementleitung, die laut eigener Auskunft direkt mit dem Vorstand kommuniziert und den Pflegekräften fachlich und disziplinarisch weisungsbefugt ist.

Die Universitätsmedizin Mannheim (UMM) plant laut Auskunft des dortigen Pressesprechers Dirk Schuhmann aufgrund einer im vergangenen Dezember durchgeführten Evaluation und auf Wunsch der Pflegekräfte, die – 2017 abgeschaffte – Stelle eines Pflegedirektors wiedereinzuführen. Und im Universitätsklinikum Frankfurt diskutierte, ebenfalls nach Auskünften der dortigen Pressestelle, 2015 deren Aufsichtsrat über die Abschaffung der Pflegedirektion, entschied sich aber dagegen. Zu den damaligen „Beratungsgegenständen“ will dort von den Verantwortlichen aber niemand Auskunft geben.

Kritik an der damaligen Pflegestruktur der UMM

In der Öffentlichkeit führten solche Pläne immer wieder zu Kritik. So rügte z. B. der Deutsche Pflegerat (DPR) auf rechtsdepesche.de die Universitätsmedizin Mannheim 2017 dafür und forderte die Verantwortlichen dazu auf, den Beschluss zu korrigieren, weil eine Streichung der Pflegedirektion den Forderungen der Politik sowie der Berufsgruppe nach mehr Eigenständigkeit und Wertschätzung der Pflege widerspreche. Auch der Verband der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Universitätskliniken und Medizinischen Hochschulen Deutschlands (VPU) wandte sich zu dieser Zeit an die UMM. In einem Brief an deren Aufsichtsrat heißt es: „Die zentral aufgestellte Pflegedirektion konnte bislang Initiativen zur Qualitätssteigerung und Fehlervermeidung adäquat bündeln, begleiten und gegen Partikularinteressen fachkompetent durchsetzen. Das künftig absehbare Stückwerk hätte nachhaltige Auswirkungen auf Zertifizierungsergebnis, Patientenzufriedenheit und Wettbewerb.“ Und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) nahm auf seiner Internetseite dazu folgendermaßen Stellung: „Der Bedeutung und Leistung der Pflegemitarbeiter entsprechend, ist die Führungsverantwortung eines Pflegedirektors auf Augenhöhe mit der Geschäftsführung elementar, insbesondere hinsichtlich strategischer und betriebswirtschaftlicher Entscheidungen, Regulatorien und Zielfestlegungen.“

Pflege ist ein Leistungserbringer

Die Vizepräsidentin des DPR, Irene Maier, spricht von „Insellösungen“, wenn selbstverwaltende Pflegedepartements ohne zentrales Management auskommen. „Die Pflegedirektion einzusparen, stärkt die Pflege definitiv nicht“, sagt sie, sondern stelle vielmehr einen Rückschritt dar. Nur Pflegefachpersonen seien in der Lage, Pflege zu beurteilen und zu managen.

Maier war über 20 Jahre Pflegedirektorin und stimmberechtigtes Vorstandsmitglied am Universitätsklinikum Essen. In Nordrhein-Westfalen fordert dies das dortige Hochschulgesetz. Dass dies nicht in allen Bundesländern der Fall ist, bedauert sie, denn das bedeute immer einen Qualitätsverlust und auch eine Einbuße in ihrer Wertschätzung. „Pflege ist kein Kosten-, sondern ein Leistungserbringer“, führt sie aus, „deren Maßnahmen stellen 30 % der DRG dar.“ Deshalb sei es entgegen der nationalen und internationalen Trends, auf ein homogenes Pflegemanagement zu verzichten.

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