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  • 19.07.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Langzeitpflege

Mobbing unter Bewohnern – ein häufiges Phänomen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2019

Seite 22

Was tun, wenn Heimbewohner sich drangsalieren, schikanieren und tyrannisieren? Dieser Frage widmet sich die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Robin P. Bonifas. Mit der Professorin der Indiana State University sprachen wir über ein Phänomen, über das selten bis nicht gesprochen wird, aber dennoch häufig vorkommt: Mobbing und Bullying unter alten Menschen.

Frau Professor Bonifas, in Ihrem Buch beschreiben Sie das Phänomen des sogenannten „Mobbing und Bullying“ unter Heimbewohnern. Wie äußert sich dieses Verhalten typischerweise?

Verbales Drangsalieren, etwa in Form von Beschimpfen, Bedrohen und Beleidigen, und nichtkörperliche Aggressivität kommen unter Heimbewohnern am häufigsten vor.

Was verstehen Sie unter nichtkörperlicher Aggressivität?

Darunter zählen Verhaltensweisen wie der bewusste Ausschluss und das Nachäffen von Personen. Oder schlecht über andere Personen reden und Gerüchte über Personen verbreiten. Zur Verdeutlichung: Ein Heimbewohner, den ich im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema Mobbing und Bullying befragte, berichtete mir, dass ihn ein anderer Bewohner im Vorbeigehen als „Fettsack“ bezeichnet und – während er weiter in Richtung Aufzug lief – Grunzgeräusche von sich gegeben habe. Das ist ein klassisches Beispiel, wie sich Mobbing und Bullying im Alltag stationärer Pflegeeinrichtungen äußert.

Mobbing und Bullying: die Begriffe

Der Begriff „Bullying“ wurde vom schwedischen Psychologen Dan Olweus geprägt und leitet sich ab von „Bully“ im Sinne von brutaler Kerl. Olweus beobachtete als Schulrektor gewalttätige Auseinandersetzungen unter Schülern, die teilweise so weit gingen, dass sich die angegriffenen Personen das Leben nahmen. „Mobbing“ leitet sich vom englischen Verb „to mob“ ab und bedeutet „belästigen“. Beide Begriffe beschreiben ein Verhalten, bei dem eine oder mehrere Personen verbal und/oder körperlich angegriffen, emotional verletzt und schikaniert werden. Das einzelne Ereignis kann dabei recht unspektakulär sein. Charakteristisch ist, dass die Summe der Angriffe für die betroffene Person sehr belastend ist und zum völligen Zusammenbruch führen kann.

Handelt es sich um ein Randphänomen oder kommt schikanöses Verhalten unter Heimbewohnern häufig vor?

Es kommt drauf an, wie man schikanöses Verhalten definiert. Grundsätzlich kommt in der stationären Langzeitpflege Demenz-assoziierte Aggressivität und Gewalt zwischen 2 Personen weitaus häufiger vor als tatsächliches Bullying, also das bewusste Drangsalieren und Tyrannisieren zwischen einem stärkeren Täter und einer schwächeren Zielperson. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Bullying ein gewisses Maß an Kognition voraussetzt, das bei Heimbewohnern in den USA – und sicher auch in Deutschland – in der Regel krankheitsbedingt nicht in einem ausreichenden Maß vorhanden ist. In meiner wissenschaftlichen Untersuchung äußerten 20 % der befragten Heimbewohner, dass sie gewalttätiges Verhalten – in welcher Art auch immer – im vergangenen Jahr erlebt hätten. Diese Zahl deckt sich mit anderen Untersuchungen zum Thema, wobei für manche Einrichtungen auch Zahlen von bis zu 50 Prozent identifiziert wurden. Es kann also konstatiert werden, dass es sich beim Mobbing und Bullying unter älteren Menschen keinesfalls um ein zu vernachlässigendes Thema handelt. Es kommt häufiger vor, als wir denken bzw. uns eingestehen.

Wo liegen die Gründe für ein solches Verhalten?

Die Gründe sind nicht hinlänglich geklärt. Menschen, die andere Personen schikanieren, tun dies häufig aus einer Motivation heraus, andere einzuschüchtern und zu verletzen. Es gibt ihnen ein erhabenes Gefühl, wenn sie sich in einer machtvollen Position befinden. Aus den Ergebnissen meiner Untersuchung habe ich geschlussfolgert, dass genau dies der Grund ist, warum Mobbing und Bullying unter Heimbewohnern verhältnismäßig häufig vorkommt: Manche hilfebedürftige Menschen versuchen damit, von ihren eigenen körperlichen und womöglich auch geistigen Schwächen abzulenken – vor sich selbst und anderen. Dafür suchen sie sich ein „Opfer“, das noch größere körperliche und/oder kognitive Defizite aufweist als sie selbst.

Wie sollte sich eine Pflegeperson verhalten, wenn sie schikanöses Verhalten unter Heimbewohnern beobachtet?

In der akuten Situation sollte eine Pflegeperson umgehend eingreifen. Bei einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei Personen sollte sie dazwischengehen – etwa indem sie sagt: „Es hört sich an, als hätten Sie beide einen Streit miteinander“ – und sich der schwächeren Person zuwenden, z. B. mit Worten wie „Lassen Sie uns spazieren gehen und miteinander sprechen“. In einer Situation, in der ein Bewohner bewusst von einem anderen Bewohner von einer Gruppenaktivität ausgeschlossen wird, sollte eine Pflegeperson die Zielperson zurück in den Mittelpunkt des Geschehens holen. Grundsätzlich sind in einer Pflegeeinrichtung Strukturen notwendig, die angemessenes, faires Verhalten unter den Bewohnern fördert und antisoziales Verhalten konterkariert – z. B. über gemeinsame Mahlzeiten oder Gruppenausflüge, an denen wirklich jeder teilnimmt bzw. teilnehmen kann.

Wie kann eine pflegerische Mobbing-und-Bullying- Prophylaxe aussehen?

Aus meiner Sicht sind die pflegerischen Möglichkeiten begrenzt, schikanöses Verhalten unter Heimbewohnern zu verhindern. Aber es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um das Gemeinschaftsgefühl auf dem Wohnbereich so zu stärken, dass aggressives Verhalten untereinander unwahrscheinlicher wird. Hierzu gehört etwa das Fördern von gegenseitiger Empathie und Respekt. Dies kann in der Praxis beispielsweise so aussehen, dass Pflegende unangemessenes Verhalten spiegeln und versuchen, in eine positive Richtung umzukehren. Wichtig ist, dass aggressives Verhalten nicht verpufft, sondern dass die Bewohner merken, dass sie im Sinne von mündigen Menschen in der Gemeinschaft, in der sie sich befinden, für ihr Verhalten verantwortlich sind.

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