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  • 13.03.2018
  • Praxis

Psychische Pflege

Was Pflegende alles leisten

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2018

Seite 32

Sehen, hören, spüren, was jemand braucht, und auf diese Bedürfnisse eingehen – das ist es, was die berufliche Pflege auszeichnet. Doch gerade diese Kernkompetenz wird von Pflegenden selbst gar nicht als solche wahrgenommen. Ein Psychologe kommentiert das Schattendasein der psychischen Pflege. 

Vor ein paar Jahren musste ich mich erstmalig einer Operation stellen, und zwar in der Tübinger Uni-Klinik. Das löste in mir eine geradezu panische Angst aus. Als man mich im Bett liegend dann in den Vorraum zum OP-Saal geschoben hatte und ich dort noch etwas warten musste, schlug mir das Herz bis zum Hals. Einer Krankenschwester, die an meinem Bett vorbeikam, fiel das irgendwie auf. Sie blieb unvermittelt stehen, legte sacht ihre Hand auf meine Schulter und sagte mit ruhiger Stimme: „Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen, ich schaue nach Ihnen, versprochen.“ Das war alles. Und gleichzeitig alles, was meine Seele in diesem Moment gebraucht hat, um wieder ruhiger zu werden. Noch heute denke ich mit großer Dankbarkeit an diesen körperlich wie emotional berührenden Moment der Ermutigung. Es ist bewundernswert, dass Pflegende solch ein Gespür haben und dann auch noch so patientennah handeln können.

Eine zweite Erfahrung: Meinem Bruder wurde letztes Jahr im Ellwanger Klinikum ein künstliches Kniegelenk eingesetzt. Nach der erfolgreichen Operation und ersten Tagen der Erholung konnte ich ihn am Wochenende dort besuchen. Da saßen wir dann in einem großen Besucherzimmer, ganz für uns. Nach einiger Zeit kam eine junge Krankenschwester herein, entschuldigte sich für die Unterbrechung und erklärte, dass mein Bruder eine Spritze erhalten müsse und sie ihn dazu ins Patientenzimmer bitten möchte. Mein Bruder: „Das können wir doch auch hier machen! Wissen Sie, das ist mein Bruder.“ Die junge Krankenschwester setzte sich freundlich lächelnd zu uns und erläuterte: „Herr Bamberger, Sie sollen doch wieder zu Kräften kommen!“ Die spontane Antwort meines Bruders: „Was mir wirklich Kraft geben würde, das wäre jetzt ein Kartoffelsalat!“

Alle schmunzelten. Nun wollte die Krankenschwester genauer wissen, wie diese Lieblingsspeise meines Bruders denn zubereitet werden müsse – ob geschnitten oder gerieben, ob mit oder ohne Zwiebel, welche Kartoffelsorte usw. Über all das diskutierten die beiden intensiv, und gleichzeitig wurde die Einstichstelle frei gemacht, desinfiziert, die Spritze aufgezogen, die Luft herausgedrückt usw. Es war unübersehbar, wie es meinem Bruder bei diesem Dialog immer besser ging, er an Vitalität gewann, seine Augen strahlten, er geradezu von einer fröhlichen Stimmung getragen wurde …

„Hier ist eine intuitive Psychologin am Werk!“ – ging mir spontan durch den Kopf. Und diese so wertvolle psychische Unterstützung „applizierte“ die junge Kollegin ganz nebenbei, als „Huckepack-Leistung“ sozusagen, denn vordergründig wollte sie ja nur etwas spritzen, also medizinisch behandeln. Als sie sich dann wieder verabschiedete, fügte sie beim Hinausgehen mit einem Lächeln für meinen Bruder noch an: „Ich werde mal mit der Küche sprechen.“

Ein drittes, ganz unspektakuläres Beispiel für das, was Pflege leistet: Meine Schwiegermutter erlitt mit 90 Jahren einen schweren Schlaganfall, der eine rechtsseitige Lähmung und den Verlust des Sprechvermögens zur Folge hatte. Man gab ihr wenig Überlebenschancen, hilflos lag sie in ihrem Bett auf der Pflegestation, musste gewindelt, gelagert und über eine Sonde ernährt werden. Eines Tages registrierten meine Frau und ich ganz gerührt, dass eine Pflegerin ihr die störrischen weißen Stoppeln, die am Kinn gesprossen waren, abrasiert hatte. Für die optimale medizinische Versorgung spielte dies überhaupt keine Rolle, aber einer Frau, die immer auf ihr Äußeres geachtet hatte, konnte diese einfühlsame Pflegerin damit ein kleines Stück Würde wiedergegeben.

Das waren wenige Beispiele dafür, was in der Pflege allgegenwärtige Praxis ist und für die besondere Berufskompetenz der Pflegenden steht: Sehen, hören, spüren, was jemand braucht, und darauf eingehen. Das betrifft in gleicher Weise physische wie psychische Bedürfnisse und Notlagen. Wer wollte hier, wenn es um die Pflege von Menschen geht, einen Unterschied machen?

Und genau so beschreibt es auch das im letzten Jahr verabschiedete Pflegeberufegesetz: „Pflege umfasst präventive, kurative, rehabilitative, palliative und sozialpflegerische Maßnahmen zur Erhaltung, Förderung, Wiedererlangung oder Verbesserung der physischen und psychischen Situation der zu pflegenden Menschen.“

Was ich nicht verstehe …

Die Geschichte am Ellwanger Klinikum geht aber noch weiter. Nachdem ich mich von meinem Bruder wieder verabschiedet hatte, suchte ich die junge Krankenschwester im Stationszimmer auf, um ihr dafür zu danken, was ich erlebt und was mich sehr berührt hatte. Aber sie relativierte das sofort mit der Bemerkung: „Ich habe doch nur eine Spritze gegeben!“

Wie konnte es sein, dass jemand eine ganz wunderbare Arbeit machte und das gar nicht realisierte? Also versuchte ich ihr im Detail zu beschreiben, wie sie über das Spritzen hinaus die emotionale Befindlichkeit meines Bruders so gravierend verbessert hatte, nämlich mit ihrem aufmunternden Lächeln, ihrer sensiblen Einlassung auf ihn und sein Thema, ihrer differenzierten Empathie, ihrem herzlichen Mitgefühl, ihren ermutigenden Impulsen, ihrem liebevollen Humor usw. Da reagierte sie dann doch mit feuchten Augen und meinte: „Schön, dass Sie das so sehen!“

Recht nachdenklich verließ ich die Klinik, und dabei ging mir die Frage durch den Kopf, was die Krankenschwester wohl in der Patientendokumentation vermerkt hatte. Vielleicht „eingehende Beratung“, so wie es auf Arzt-Rechnungen immer steht. Oder „Patientenedukation über Kartoffelsalat“? Oder das, was Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke, in einer Studie herausgefunden hat, nämlich gar nichts? Inzwischen weiß ich, dass Angelika Zegelin Recht hat, meistens jedenfalls.

In einem stark betriebswirtschaftlich ausgerichteten System, wie dies bei Krankenhäusern und Pflegeheimen der Fall ist und wie es von dem Freiburger Medizin-Ethiker Giovanni Maio immer wieder beklagt wird (z. B. in „Mittelpunkt Mensch“, 2017), hat dieses „gar nichts“ natürlich Auswirkungen, denn es werden nur solche Aktivitäten honoriert, die dokumentiert sind. Und auch das zieht wiederum Konsequenzen nach sich: Was nicht honoriert wird, ist – betriebswirtschaftlich gesehen – nichts wert. Oder anders formuliert: Psychische Pflege, so wie sie gegenwärtige Praxis ist, wird im doppelten Wortsinn nicht registriert!

Rein theoretisch stellt sich in diesem Themenzusammenhang natürlich die Frage, wie denn solch eine Dokumentation der psychischen Pflege überhaupt aussehen müsste. Und da sind wir dann gleich beim nächsten Problem: Den Pflegenden fehlen zumeist die Worte dazu. So differenziert sie mit der Terminologie der Medizin vertraut sind und sie fachgerecht anwenden können, hört sich das auf das Psychische bezogene Vokabular für die Pflegenden doch eher fremd an. Das verwundert einen nicht, wenn man in die gängigen Lehrbücher der Krankenpflege hineinschaut, um dann festzustellen, dass die psychische Pflege ohnehin nur wenig Seitenzahlen beansprucht und die Autoren vorzugsweise auch noch psychotherapeutische Konzepte auf die Pflege zu übertragen versuchen, am liebsten aus dem Personzentrierten Ansatz von Carl Rogers.

Psychische Pflege als kleine Psychotherapie sozusagen, das geht an der Realität völlig vorbei. Greift man jedoch auf den Alltagswortschatz zurück und spricht zum Beispiel von „trösten“ oder „aufmuntern“, dann klingt das, was für die Patienten so eminent hilfreich ist, schrecklich banal. Hier aus dem Tätigkeitsfeld der Pflege heraus ein eigenes und in diesem Kontext stimmiges Vokabular zu entwickeln, könnte ein erster Schritt zur Aufwertung der psychischen Pflege sein. Denn für uns Menschen ist nur das existent und real, wofür man Worte hat. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) hat das einmal so beschrieben: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Wie sehen das die Pflegenden selbst?

Noch betroffener hat mich jedoch gemacht, was ich als Mitglied der Arbeitsgruppe von Angelika Zegelin in mehreren Lehrgängen an Kliniken und Pflegeheimen zum Thema „Kommunikation in der Pflege“ lernen musste: Die Pflegenden erkennen nicht, welch einzigartige psychische Pflege sie tagtäglich erbringen – siehe das Beispiel aus Ellwangen. Dass sie diese immer schon praktizieren, sozusagen als Zusatzleistung ganz nebenher, das liegt außerhalb ihrer Selbstsicht.

Unter dem enormen zeitlichen Druck, wie er sich durch die Sparmaßnahmen im Personalbereich ergeben hat, konzentrieren sie sich voll und ganz darauf, dass sie die notwendigste medizinische Versorgung der Patienten bewältigen. Für psychische Pflege bleibe da, wie sie meinen, schon gleich gar keine Zeit. Und weil sie andererseits aber genau spüren, was Patienten brauchen, leiden sie unter diesem Zeitmangel dann doppelt. Erschwerend kommt außerdem noch hinzu, dass sie eine Vorstellung von psychischer Unterstützung haben, die in der Tat sich nur sehr zeitaufwendig realisieren ließe, weil es so etwas wie Beratung wäre, wie sie vielleicht in einer psychologischen Praxis üblich ist. Das Einzigartige ihrer Leistung, und vor allem die Einzigartigkeit ihrer Ausgangslage, nämlich dass sie auf ganz natürliche Weise schon ganz nah am Patienten dran sind (solch eine emotionale Nähe muss in den Gesprächen von Psychologen erst langwierig aufgebaut werden), das ist ihnen offensichtlich gar nicht bewusst und entgeht so völlig ihrer Wertschätzung.

Als Psychologe beneide ich die Pflegenden noch um eine zweite Besonderheit in ihrer Nähe zum Patienten: Sie haben sozusagen die Lizenz zum Berühren. Berührung hilft dem Patienten nicht nur, sich selbst zu spüren, darüber hinaus entsteht ein Gefühl der Verbundenheit, der Zugehörigkeit, und das ist die emotionale Basis, auf der Mut wachsen kann. Mit Berührung lässt sich also viel unmittelbarer, viel rascher und viel intensiver psychische Unterstützung vermitteln, ganz ohne Worte.

Darf ich diese Paradoxie, in der ich Pflegende erlebe, etwas provozierend zusammenfassen? Pflegende sind auf einem Auge blind, und dabei wissen sie genau, dass man mit zwei Augen besser sieht! Wenn Pflegende tatsächlich sehen würden, wie umfassend sie physisch und psychisch pflegen, dann müssten sie einfach stolz sein auf sich und ihren Beruf. Und weil alles immer Auswirkungen hat, könnte wahrscheinlich auch ihr Berufsverband mit größerem Selbstbewusstsein auftreten und damit seine Durchsetzungsfähigkeit im Interesse der Pflegenden erhöhen.

Und jetzt???

An sich könnte man erwarten, dass die Nutznießer dieser psychischen Pflege, also die Patienten, stärker als bislang das bewundernswerte Engagement der Pflegenden in die Öffentlichkeit tragen und umgekehrt nun diese Öffentlichkeit sich vermehrt für die Pflegenden und die Verbesserung derer Arbeitsbedingungen engagiert. Aber das dürfte leider eine vergebliche Hoffnung sein. Wenn jemand eine gesundheitliche Beeinträchtigung oder Notlage bewältigt hat, nicht zuletzt dank einer umfassenden pflegerischen Unterstützung, neigen Menschen zu einer „selbstattribuierenden“ Rückschau, das heißt, sie schreiben sich Erfolge gerne der eigenen Person zu – sofern sie nicht gleich diese leidige Episode aus ihrem Bewusstsein verdrängen. Menschen mögen keine Erinnerung an eigene Hilfsbedürftigkeit oder gar Hilflosigkeit.

Also kommt es doch wieder auf Sie, die Pflegenden selbst an. Vielleicht habe ich Sie mit meinen Ausführungen ein wenig zum Nachdenken gebracht, und womöglich beobachten Sie sich in den nächsten Tagen einmal genauer, um dann erstaunt festzustellen, bei wie vielen Gelegenheiten Sie so ganz nebenher und völlig selbstverständlich „psychisch pflegen“. Zum Beispiel schon durch die Art und Weise, wie Sie morgens das Patientenzimmer betreten, wie Sie einen guten Morgen wünschen, Medikamente (verab)reichen, vielleicht außer der Reihe den Rücken eincremen, etwas Aufmunterndes sagen, einen Tee anbieten usw.

Bleiben Sie aber nicht mehr als ein oder zwei Tage bei dieser Selbstaufmerksamkeit. Denn wichtig ist nun, mit der ganzen Achtsamkeit, in der Sie tagtäglich den Patienten und Bewohnern begegnen, die Auswirkungen Ihres wunderbaren Tuns zu registrieren. Sie kennen ja inzwischen die Grundüberzeugung der Psychologen: „Alles Verhalten hat immer Auswirkungen“! Und geben Sie sich die Zeit, um Ihre Wirksamkeit in psychischer Hinsicht bewusst wahrzunehmen und so das Geschenk anzunehmen, das Sie mit diesen Re-Aktionen erhalten – von den meisten Patienten und Bewohnern jedenfalls. Natürlich, nicht alle können ihre Gefühle der Dankbarkeit direkt ausdrücken, einzelne mögen auch durch gravierende persönliche Probleme „behindert“ sein.

Und möglicherweise sprechen Sie anschließend auch mit Ihren Kolleginnen und Kollegen einmal über Ihre Beobachtungen, laden diese zu ähnlichen Selbst- und Reaktionserkundungen ein. Und vielleicht fangen Sie irgendwann gemeinsam an nach Begrifflichkeiten zu suchen, mit denen Sie diese psychische Pflege adäquat beschreiben, wertschätzen und in letzter Konsequenz dann auch dokumentieren können.

Gerne möchte ich Ihnen für einen ersten Schritt der eigenaktiven Veränderung ein Zitat von Nick Hanauer, amerikanischer Philosoph und Geschäftsmann, ans Herz legen (zit. n. Scharmer, 2009, S. 420): „Bezweifle nie, dass eine kleine Gruppe von engagierten Menschen die Welt verändern kann. Im Gegenteil: Nur so sind jemals Veränderungen zustande gekommen. Ich glaube fest daran. Mit fünf Leuten kann man fast alles machen. Mit nur einer Person ist es schwierig – aber wenn du diese eine Person mit vier oder fünf weiteren Personen zusammen-bringst, dann hast du eine Kraft.“

Am Anfang dabei steht immer ein gemeinsamer Traum – nicht als Verleugnung der Gegenwart, sondern als Schlüssel für eine Zukunft, in der das wieder selbstbewusst und stolz gelebt werden kann, was Paracelsus vor über 500 Jahren einmal so formuliert haben soll: „Die beste Medizin für den Menschen ist der Mensch!“

Noch eine abschließende Anmerkung: Mir ist klar, dass meine Beobachtungen nur einen Ausschnitt der Arbeitsrealität von Pflegenden erfassen und beschreiben – aber eben einen, der mir zu wenig beachtet und dabei sehr, sehr wichtig erscheint.

Ich bin mir jedoch auch über andere Seiten Ihrer Berufsrealität bewusst, beispielsweise die der immer größer gewordenen Arbeitsverdichtung und der damit zunehmenden physischen wie psychischen Belastung. Die Fehlzeiten durch Krankheit oder die hohen Fluktuationsraten sprechen dabei eine klare Sprache. Von da aus stellt sich dann ganz aktuell die Frage, wer denn die Pflegenden pflegt beziehungsweise wie die Rahmenbedingungen beschaffen sein müssten, damit so etwas wie Selbstfürsorge möglich wird, wie es in anderen sozialen Berufen längst als unabdingbar angesehen wird. Das wäre sicherlich ein weiteres wichtiges Thema.

Maio, G. (2017): Mittelpunkt Mensch: Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege (2. Aufl.). Stuttgart: Schattauer.

Scharmer, O. (2009): Theorie U. Von der Zukunft her führen. Heidelberg: Carl-Auer