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  • 29.08.2017
  • Story

Palliativpflege aus Betroffenensicht

Ein guter Abschied

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2017

Nach 50 Ehejahren nahm der gemeinsame Lebensweg von Ingrid und Hans Joachim Nachtmann auf der Palliativstation einer Klinik sein Ende. Sehr persönlich berichtet die 71-Jährige von den letzten Tagen mit ihrem Mann und ihren guten Erfahrungen mit der Palliativpflege.

Meinen Mann Hans Joachim habe ich als als 17-Jährige kennengelernt und mich spontan in diesen vielseitigen, mitreißenden Mann verliebt. 1964, zwei Jahre später, heirateten wir, und unsere Ehe war liebevoll, temperamentvoll und immer geprägt von großem Verständnis und Respekt für den Partner. 2008 wurde meinem Mann das Bundesverdienstkreuz verliehen, und ich war sehr stolz auf ihn. Kurze Zeit danach stellte ich Veränderungen seines Wesens fest, die ich mir nicht erklären konnte. Der wissbegierige und lebhafte Mann wurde antriebs- und interessenlos. Kurze kognitive Ausfälle trieben uns zum Arzt, aber erst 2010 bekamen wir die Diagnose: Frontotemperale Demenz. Mich traf es wie ein Keulenschlag. Hans Joachim war damals 75 Jahre alt, und ich fand keinen Trost darin, zu erfahren, dass diese Krankheit meistens viel früher auftritt und wir doch viele gute Jahre gewonnen hatten. Ich informierte mich über dieses Krankheitsbild und betreute meinen Mann allein und immer als Partner, mit dem ich (seiner Krankheit entsprechend) ein gemeinsames Leben haben wollte. Es gelang uns sechs Jahre lang durch intensive Zuwendung und Anregung, noch vieles gemeinsam zu machen.

Anfang 2016 stellte ich fest, das er schneller erschöpft war, manchmal verwirrt reagierte und oft Schwierigkeiten beim Wasserlassen hatte. Unser Hausarzt schlug eine stärkende Infusion vor, und dreimal in der Woche brachte ich ihn dafür zum Arzt – zurück gingen wir die vier Kilometer zu Fuß. Am 15. Februar 2016 mussten wir diesen Spaziergang abbrechen, da er plötzlich verkrampfte und nicht mehr gehen konnte. Eine Nachbarin brachte uns nach Hause. Er erholte sich wieder, und sein Appetit war nach wie vor sehr gut, sodass ich dieses Vorkommnis als Schwächeanfall verbuchte. Zwei Tage später hatte er beim Aufstehen Schwierigkeiten, aufrecht zu bleiben. Wieder war der ganze Körper minutenlang verkrampft. Er frühstückte aber gut, und so fuhren wir wieder für die Infusion zum Arzt. Als er aussteigen musste, hatte er große Schwierigkeiten. Der ganze Körper war steif, die Beine ließen sich kaum beugen, und nur mit großer Mühe konnten wir die paar Schritte bis zur Praxis bewältigen, wo er plötzlich kollabierte. Seine Beine waren bis zu den Knien blau, er war stark unterkühlt und nicht ansprechbar. Der Arzt bestand auf die Einweisung in die Palliativklinik Bad Lippspringe. Für mich war das ein großer Schock, und ich dachte nur: Jetzt lassen sie ihn einfach sterben.

Empfang war sachlich, aber warmherzig

Auf der Palliativstation wurde ich sofort von einer Ärztin empfangen. Sie sprach sehr lange mit mir, ließ sich über die letzten Jahre mit meinem Mann berichten und erklärte mir seinen Zustand – ruhig, sachlich, aber sehr warmherzig. Die Durchblutung war gestört, und er hatte Harnversagen, dadurch eine Vergiftung. Die Körpertemperatur war bei seiner Ankunft im Krankenhaus auf 32 Grad abgesunken. Diese Symptome konnten erfolgreich behandelt werden, aber problematisch waren seine Schluck- und Atembeschwerden und dass er sehr bedingt ansprechbar war. Mein Mann wurde entsprechend behandelt – ein intravenöser Zugang für Medikamente und Flüssigkeitzufuhr wurde gelegt, aber es kamen keinerlei Apparate zum Einsatz. Stattdessen wurde er regelmäßig massiert und bewegt, er bekam Zuwendung und wurde angesprochen.

Jede Behandlung, jede Veränderung wurde liebevoll und ruhig mit uns besprochen. Von der ersten Stunde an waren die Ärztin, das Pflegepersonal, aber auch die Psychiaterin und Krankengymnastin immer für ihn, aber auch für mich da. Auch ich wurde umsorgt, in seine Pflege eingebunden, ich konnte ihn massieren, seine Lippen benetzen und nach einer Einweisung den Schleim absaugen, um ihm das Atmen zu erleichtern. Ich berührte ihn so oft wie möglich. Eincremen oder auch nur streicheln taten ihm offensichtlich gut. Wenn ich nicht selbst anwesend sein konnte, war ich jedoch ständig mit dem Personal in Kontakt. Seine Ärztin, aber auch der Chefarzt bezogen mich stets in die Behandlung ein, erklärten mir verschiedene Optionen, ließen aber auch durchblicken, dass die Hoffnung auf Besserung sehr begrenzt sei und versuchten, mir Kraft für den Moment, aber auch für die „Zeit danach“ zu geben. In den letzten Tagen seines Aufenthaltes auf der Palliativstation hatte ich immer wieder lange Gespräche mit der Psychiaterin. Die gesamte Atmosphäre auf dieser Station war für mich in diesen Tagen entspannend und wohltuend. Das gab mir Kraft für den Abschied. Mir wurde zwar ein Zusatzbett in das Zimmer gestellt, aber wenn ich das Bedürfnis hatte, mich zu meinem Mann zu legen, war das auch völlig in Ordnung. Angeschmiegt an ihn konnte ich mich auf das Ende einlassen, diese letzten Tage gestalten und sehr bewusst erleben.

Es gab mir Trost zu erfahren, dass Hans Joachim bis zu seinem letzten Atemzug als Mensch angesehen wurde. Ihm wurde jede Berührung erklärt, seine Persönlichkeit wurde mit Respekt und liebevoller Zuwendung geachtet. Und immer hatte das gesamte Personal auch ein Auge auf mich. Besonders in der letzten Nacht und in den letzten Stunden gab mir das große Kraft und Halt. Es war mir möglich, mich ganz auf diese Situation einzulassen und auf meine Weise Abschied zu nehmen. Ich lag bei ihm, erzählte aus unserem langen, schönen gemeinsamen Leben – aber ich konnte ihm auch versprechen, dass ich es allein schaffen werde und er seinen Weg gehen könne.

Jetzt – viele Monate nach seinem Tod – gibt mir die Erinnerung an diese letzten Tage in meinem Schmerz und in der Trauer viel Trost. Sein Ende war ruhig, liebevoll begleitet, und seine Persönlichkeit wurde mit Würde geachtet. Dem gesamten Personal der Palliativ-Abteilung der Karl Hansen Klinik in Bad Lippspringe schulde ich viel, und ich werde immer mit großer Dankbarkeit auf diese Zeit zurückblicken.

Ingrid Nachtmann, 71, pflegte sechs Jahre lang ihren Ehemann. Sie gehört dem Redaktionsbeirat der Zeitschrift "Angehörige pflegen" an.

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