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  • 29.05.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Erfahrungsbericht

Pflege mit Bauchgefühl

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2019

Seite 42

Auch im Zeitalter der digitalen Revolution sollten sich Pflegende nicht allein auf Monitore und andere technische Geräte verlassen. Um den Zustand eines Patienten tatsächlich zu erfahren, sind die eigene Wahrnehmung, Erfahrung und Intuition durch nichts zu ersetzen.

Ich war gerade einmal 17 Jahre alt, als ich 1995 meine Ausbildung zum Krankenpfleger in einem Kreiskrankenhaus im ländlichen Raum begann. Damals wie heute eine ungewöhnliche Entscheidung, als Mann in einem als eher weiblich angesehenen Beruf eine Ausbildung zu absolvieren. So war meine Ausbildung von Anfang an etwas Besonderes; auch wenn ich viel davon erst hinterher gemerkt habe, schließlich fehlte der Vergleich. Ein Baustein dieser Ausbildung war es, routinemäßig Einblicke in die Anästhesie und die Intensivstationen zu erhalten – in Theorie und Praxis. Ob es nun gefärbte Erinnerung oder Realität war, vermag ich nicht mehr genau zu sagen. Es schien mir, dass gerade in den Fach- und Funktionsbereichen das männliche Geschlecht vorrangig anzutreffen war. Anders als auf den sogenannten „Normalstationen“, auf denen auch mal ganze Schichten nur weiblich besetzt waren. Auch den theoretischen Unterricht zu Anästhesie, Intensivpflege und damit verbundene Themen wie Verhalten bei Notfällen und Umgang mit medizinischen Geräten haben zumeist männliche Ärzte und Pfleger vermittelt.

Manches stand dabei im Gegensatz zu den praktischen Anforderungen der eigentlichen Lehrkräfte, die ein hohes Augenmerk auf Krankenbeobachtung und menschliche Zuwendung legten. Penibel achteten sie darauf, dass wir den Zustand des Patienten beschreiben und auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Dabei sollten wir den Patienten sowohl nach seinem Äußeren als auch nach seinem „Sein“ beschreiben können.

Im Kontrast dazu waren wir „Schüler“ eher für eine Art Fließbandarbeit herangezogen worden: bei allen Patienten den Puls, den Blutdruck und die Temperatur erfassen. Händisch natürlich. Nach Stuhlgang haben wir selbstverständlich auch immer gefragt. Da waren die reinen Spritzenrunden schon beliebter. Waren diese eben auch nur denen vorbehalten, die einen Spritzenschein hatten und somit mindestens im Mittelkurs waren.

Anders auf der Intensivstation und in der Anästhesie: Es gab Wartelisten, um in diesen Bereichen arbeiten zu dürfen. Die Kollegen schienen eine eigene Mentalität zu haben. Gefühlt traf ich hier mehrheitlich auf männliche Pfleger und Ärzte. In jedem Fall aber auf besonders technisch affine Pflegekräfte. Geräte gab und gibt es hier schließlich genug. Irgendwie machte dies eine gewisse Faszination aus. Es hatte einen Reiz und, um ehrlich zu sein, einen gewissen Coolness-Faktor. Man(n) war eben „irgendwie jemand anderes“, auch wegen der andersfarbigen Kasacks. Allerdings gab es dann auch eine Genderverteilung der etwas anderen Art zu beobachten.

 

Blindes Vertrauen in die Technik

Konkret merkte ich das nach meiner Ausbildung in der Anästhesie einer mittelgroßen Klinik am Rhein. Während auf „Normalstation“, der sogenannten „Peripherie“, der Blutdruck mit Manschette und „Schwestern-Stethoskop“ ermittelt wurde, verwendeten die Pfleger auf der Intensivstation und in der Anästhesie hochwertigere Stethoskope. Natürlich nicht, um den Blutdruck zu messen. Nein, das machten natürlich die Monitore und andere Automaten. Diese hochwertigen Stethoskope wurden dann eher zur Auskultation verwendet, aber natürlich auch als Statussymbol um den Hals hängend getragen.

Die Frage, wie es dem Patienten geht, wurde allerdings meistens auch erst mit Vitalwerten beantwortet. Die Höhe des Blutdrucks, die Herzfrequenz und die Sättigung waren entscheidend. Wenn der Chirurg meinte, dass der Patient presst, wurde dies mit Werten des TOF (Gerät zum Bestimmen des Relaxierungsgrads) gekontert oder mögliche Schmerzen mit nicht veränderten Vitalparametern wegdiskutiert. In der Einleitung waren Laborwerte, EKG, Röntgen und die Frage der Nüchternheit die essenziellen Fragestellungen. Die Verlegung aus dem Aufwachraum wurde begleitet von Fragen nach den Monitorwerten. Klagte ein Patient über Atemnot, zeigten die Geräte aber eine durchaus gute Sauerstoffsättigung an, konnte natürlich auch keine bedrohliche Luftnot vorliegen. Schließlich wiederholten wir wie auf einer Tonbandansage, dass der Katheter liegt, der Urin ablaufen kann und „man“ doch bitte liegen zu bleiben habe. Ach ja: Und entspannen sollte der Patient dabei auch unbedingt.

So verwunderte es mich nach meinem Wechsel an eine große Universitätsklinik umso mehr, als mich manche Pflegekräfte in meiner Einarbeitung nach dem Zustand des Patienten fragten und keine meiner Antworten zufriedenstellend schien.

Ich erklärte es mir mit den vermeintlich unterschiedlichen „Lagern“ auf der Intensivstation. Durchreisende, Retter, Techniker, viele andere Stereotypen und die „Läppchen-Schwestern“ oder „Creme-Schwestern“. Letztere Kolleginnen und Kollegen(!) waren der Meinung, dass ich noch sooo viel lernen müsste. Interessanterweise wurde auch hier auf einen Gender-typischen Sprachgebrauch geachtet. „Creme-Pfleger“ gab es nicht.

Dass ich viel zu lernen habe, habe ich zwar geglaubt, es dennoch nicht verstanden. Mehr Technik, mehr Überwachung und noch mehr Geräte waren mein Ansinnen. Je umfangreicher und komplexer die Ausstattung im Patientenzimmer, liebevoll auch „Box“ genannt, desto besser habe ich mich aufgehoben gefühlt. Auf jede Frage musste es doch eine technische Antwort geben oder zumindest eine technische Überwachung. Wir bastelten uns da schon mal den einen oder anderen Intensivpatienten. Für bestimmte „Zimmer“, so eine häufige Vorgabe, war denn auch eine bestimmte technische Erfahrung notwendig. So waren die ersten Patienten, die einer Herz-Lungen-Maschine bedurften, oder andere spezielle, aufwendige Patienten einer gewissen Vergabehierarchie (wer diese Patienten pflegerisch betreuen durfte) untergeordnet. Formal, weil Einweisungen fehlten, oder auch aus eigenen Reihen, weil diese den Patienten nicht in Ruhe lassen konnten. Diesen Pflegekräften wurden die notwendigen Kompetenzen, dort eingesetzt zu werden, abgesprochen, weil sie doch tatsächlich einfach anfingen, die Patienten zu cremen, zu waschen und zu „lagern“. Es gab aber auch immer Pflegekräfte, die sich diesen Zimmern sehr bewusst ferngehalten haben.

Ich erinnere mich an eine Situation sehr genau: Eine dieser Pflegekräfte, die wir eher als „Läppchen-Schwester“ bezeichneten, nervte mich im Nachtdienst mal wieder mit kleineren Sticheleien. Wir redeten uns in Rage darüber, wie es einem von mir überwachten Patienten ginge und wer dies besser im Blick hätte. Ich war von meinen Flugzeug-Cockpit im Zimmer – hell erleuchtet, laut und mit allen Geräten ausgestattet, die die Klinik zu bieten hatte – überzeugt. Und ich war der festen Meinung, dass der Patient gut überwacht sei und die Prognosen nicht eindeutig zu stellen seien. Schließlich hing doch alles davon ab, wie geschickt ich alle diese Geräte steuerte und kontrollierte.

 

Patienten, nicht Monitore im Blick haben

Die Kollegin war anderer Meinung. Natürlich konnte sie mich erst nicht überzeugen. Auch dass sie ihren Patienten mehr im Blick habe, überzeugte mich nicht. Sie könne benennen, wie es dem Patienten geht. Ich nicht. Ja, natürlich hatte sie den Patienten im Blick. Ja, sie kann die Frage beantworten. Ich muss es abschätzen? Nein! Ich konnte alles messen. Ihr Patient war schließlich wach und würde auch am nächsten Morgen verlegt werden. Er hatte noch ein bis zwei Spritzenpumpen laufen und nicht mal mehr eine „Arterie“, also invasive Blutdruckmessung. Klar kann „man“ so einen Patienten besser „im Blick“ haben. Ist ja auch übersichtlicher, sagte ich damals. Die Kollegin war erbost, nahm mich an die Hand und führte mich in das Zimmer des Patienten. Sie bedeckte die Monitore mit Handtüchern, löschte das Licht und fragte mich: „Hörst du es? Fühlst du ,ihn‘? Weißt du, wie es ihm geht?“ Ich fing an, die Dinge aufzusagen, an die ich mich erinnerte und reproduzierte die Werte der letzten Blutgasanalyse, die Monitorwerte und andere Daten. Die Kollegin ging kopfschüttelnd aus dem Raum. Ich entfernte sofort die Handtücher – schließlich sah ich es als Affront an, dass der Patient nun fast eine Minute nicht überwacht war.

In den folgenden zehn Jahren ist viel passiert. Viele Eindrücke und manche sehr persönlichen Erfahrungen haben mich geprägt. Probleme, die ich gemeinsam mit Kollegen lösen konnte, ebenso wie einsame und frustrane Situationen, die ich durchlebt und durchgestanden habe. Unzählige Gespräche und Stunden am und mit Patienten und sehr intensive Gespräche mit einem sehr lieben Kollegen. Wir haben nie zusammen auf einer Station gearbeitet, und dennoch war er ein Lehrer, der mir eine andere Welt der Pflege öffnete, ohne dass ich um meine berufliche Identität fürchten musste.

Das hatte auch mit einem weiteren beruflichen Wechsel zu tun. Zurück an ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung. Zurück zu gewissen Wurzeln. Die technischen Mittel waren hier eben begrenzter als an der Universitätsklinik.

Er lehrte mich, die Patienten wahrzunehmen. Atmung und den Weg der Atmung am Patienten zu erfühlen und daraufhin die Beatmung einzustellen. Die Haut im Blick zu haben und die sofortigen Veränderungen der Mikrozirkulation in die Überlegungen einzubeziehen. Dass dies schon Teil meiner dreijährigen Krankenpflege-Ausbildung gewesen war, fiel mir nicht auf. Er lehrte mich, den Patienten immer aktiv einzubeziehen, da ich nur dann für diesen wirklich etwas tun kann. Wie dieser die Einstellungen empfindet und damit zurechtkommt, ist wichtiger als die reinen BGA-Werte.

Heute schaue ich erst auf den Patienten und hinterfrage: Was macht er? Wie sieht er aus? Was nehme ich wahr? Sofern möglich, spreche ich mit dem Patienten und beziehe ihn ein. Andernfalls frage ich mich: „Ist das richtig so und können wir das ändern?“ Ich achte auf Gestik, Mimik, Haltung und Ausdruck des Patienten und natürlich seiner Angehörigen. Auf Geruch und Konsistenz von Körperflüssigkeiten. Auf Geräusche und Eindrücke am jeweiligen Einsatzort. Und währenddessen oder danach schaue ich auf den Monitor und versuche, dort die Bestätigung für meine Eindrücke zu finden. Dafür braucht es das technische Verständnis. Es ist sehr hilfreich, sehr genau zu wissen, wie die Atemfrequenz über das EKG abgeleitet angezeigt wird, um die Werte technisch zu interpretieren. Auch bei anderen Geräten hat es mir schon sehr oft geholfen, die Technik – und wie die Werte auf den Monitor kommen – zu verstehen. Insbesondere bei Fehlermeldungen. Und natürlich weiß ich auch: Ist am Monitor alles gut, heißt dies nicht, dass es dem Patienten auch wirklich gut geht.

Im Übrigen nutze ich selbst manchmal Handtücher, um den einen oder anderen Monitorwert zu verdecken. Zum Beispiel, wenn ich mit Auszubildenden arbeite und frage: „Wie geht es dem Patienten?“

Anschließend versuche ich, die Situationen mit dem Auszubildenden aufzulösen und zu erarbeiten. Am Ende einer solchen Einheit sollte immer die gemeinsame Erkenntnis stehen: Monitore sind unsere Helfer und nicht umgekehrt!

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