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  • 13.02.2018
  • Praxis

Gerontologische Pflege

Demenz: Mit Angst professionell umgehen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2018

Seite 48

Angst tritt bei Menschen mit Demenz sehr häufig auf. Um Angst zu reduzieren, müssen Pflegende eine vertrauensvolle Nähe zum Erkrankten herstellen, die Sicherheit und Vertrautheit vermittelt.

Angst ist eine natürliche und sinnvolle menschliche Emotion. Sie dient dazu, sich den situativen Gegebenheiten anzupassen. Ein Übermaß an Angst kann jedoch krank machen – beispielsweise zu Phobien, Panikattacken oder im Alter zur generalisierten Angststörung, dem beständigen Sorgen über die Zukunft, führen.

Angst nimmt im Alter zu

Menschen haben in der Regel gelernt, Affekte zu regulieren, das Erregungsniveau konstant zu halten und Angst nach Möglichkeit in Neugierde oder gar Spaß zu verwandeln – „No risk, no fun!“

Wenn dies nicht gelingt, kommt es zu einer unkontrollierten Stressreaktion mit den typischen Merkmalen der Unruhe und des Gefühls der Lähmung.

Mit zunehmendem Alter nimmt die Fähigkeit ab, mit Angst angemessen umzugehen. Älteren Menschen fällt es häufig schwer, sich einer anderen Person anzuvertrauen. Sie bleiben eher für sich, zeigen ihre Gefühle weniger und reagieren eher misstrauisch auf Zuwendung.

Zudem nehmen der kognitive und körperliche Abbau zu. Betroffene verlieren an Selbstständigkeit und sind zunehmend auf fremde Hilfe angewiesen. Viele Betroffene gehen Situationen, in denen sie sich unsicher fühlen, bewusst aus dem Weg. Dies steigert das Gefühl von Angst. Vermehrte Ängstlichkeit mündet im sozialen Rückzug, geringerer Aktivität und Kommunikation sowie einem beschleunigten kognitiven Niedergang.

Angsterkrankungen im Alter werden insgesamt stark unterschätzt. Dies liegt auch daran, dass die Symptome oft weniger dramatisch daherkommen als in jungen Jahren. Die entsprechenden Symptome werden zudem eher somatischen Erkrankungen oder einer Demenz zugeschrieben – „eher Atemnot als Panikattacke.“

Das bei älteren Menschen häufig zu beobachtende Rückzugsverhalten wird meist als alterstypisch gedeutet und nicht als Zeichen einer Angst vor der Außenwelt, der sogenannten Agoraphobie.

Person möchte sich verstanden fühlen

Ältere Menschen mit einer Angststörung versuchen häufig, stressigen und unbehaglichen Situationen aus dem Weg zu gehen und Konflikte zu vermeiden. Diese Strategie gelingt aber nur so lange, wie die Herausforderungen das vorhandene Regulationssystem nicht zu sehr überfordern. Ist die Wirklichkeit aber nicht mehr zu deuten und nimmt sie einen überwältigenden Charakter an, dann kommt es zunehmend zu strukturellen Störungen, die Persönlichkeitsstörungen ähneln.

Betroffene erleben dann schneller Hilflosigkeit und fühlen sich in ihrer Identität bedroht. Mit Schreien, Aggressionen und damit einhergehenden paranoiden Vorstellungen versuchen sie, diesen Eindrücken etwas entgegenzusetzen, um sich zu stabilisieren. Schwierige Belastungssituationen führen schneller als in jüngeren Jahren zum psychischen Breakdown.

Es bedarf dann eines „externen, interaktiven Regulators“ – dies kann ein Therapeut, eine Pflegeperson oder ein Angehöriger sein –, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Je mehr die Person sich verstanden und anerkannt fühlt, desto eher kann sie auch wieder „denken“. Dadurch gewinnt sie mehr Kontrolle über sich und die Situation. Gefühle der Angst nehmen dann häufig wieder ab.

Wenn aus Helfenden Sündenböcke werden

Besonders herausfordernd für die Pflege sind „paranoide Übertragungen.“ Diese werden besonders dann ausgelöst, wenn der „Reiz“, etwa in Form von Körperpflege, zu nahe kommt. Die Unterstützung, Assistenz und Zuwendung wird als Übergriff und Bemächtigung erlebt, auf die mit einer impulsiven Abwehr reagiert wird. Besonders das Gefühl der Nacktheit und Scham entziehen der Person die sichere Basis bis hin zum Umstand der Retraumatisierung.

Der Kontrollverlust wird „externalisiert“, sodass andere, die helfen wollen, als verfolgend, vergiftend und vernachlässigend erlebt werden. In den „Sündenböcken“ wird stellvertretend die eigene Schwäche bekämpft.

Dies kann wiederum zu intensiven negativen Übertragungsgefühlen seitens der Pflegenden führen – mit der Folge, den Klienten zu meiden, zu stigmatisieren und zu medikalisieren.

Es ist eine schwierige Situation, wenn der „interaktive Regulator“, zum Beispiel die Pflegeperson oder ein Angehöriger, paranoide Reaktionen auslöst. Da hilft zunächst nur: auf Machtausübung verzichten und die körperpflegerischen Interessen hinten anstellen. Ohne aufbauende Beziehungsarbeit laufen funktionale Pflegeziele ins Leere.

Herausforderndes Verhalten als Signal verstehen

Es wird diskutiert, ob das Ausmaß der Angst für die Schwere herausfordernden Verhaltens ausschlaggebend ist. Angst und Agitiertheit kann demnach in vielen Fällen als Signal für eine Bedrohungssituation gedeutet werden. Pflegende sollten dann interaktive Regulierungsangebote machen, zum Beispiel Umgebungsstressoren – zum Beispiel große Räume mit vielen Personen, schnelle Bewegungen, diffuse Geräusche wie Fernsehen und Radio – reduzieren, angstbindende Körpersprache mit sanften Berührungen anbieten, vermehrt auf individuelle Zuwendung und Beschäftigung achten.

Das Versagen der Stressregulation führt zum Verlassen der „Komfortzone“ – man hält sich in der Situation nicht mehr aus – und mündet entweder in einer Hypererregung in Form von Panik, Wut und Flucht oder einem sogenannten „Limbic Shutdown“: Gefühle von Lähmung, Verzweiflung und Erstarrung treten auf.

Je weiter die Demenz voranschreitet, desto schmaler wird diese Komfortzone. Im Laufe des Tages nehmen die Neurotransmitter-Imbalancen und damit die Agitiertheit und Ängste zu.

Erfolgen dann – insbesondere am Nachmittag – nicht geeignete Interventionen, ist die Schwelle zum herausfordernden Verhalten schnell überschritten: antisoziales Verhalten, Unruhe, rasende Fragen, beständiges Klingeln und Rufen, somatoforme Störungen oder auch Dissoziation, Apathie, Depressivität, Resonanz- und Ausdruckslosigkeit. Die Angst ist es, die die Demenz unerträglich macht.

Angst systematisch einschätzen

Zur Einschätzung der Angst bei Demenz empfiehlt sich das Instrument RAID – Rating Anxiety in Dementia (Shankar et al. 1999), das in einer nicht validierten Übersetzung vom Dialog- und Transferzentrum Demenz (www.dialogzentrum-demenz.de) herunterzuladen ist. Vier Dimensionen mit insgesamt 18 Items zusammen mit einer Kommentierung für Phobien und Panikattacken erlauben ein zuverlässiges Assessment.

Für leichte bis mittlere Demenz empfiehlt sich eine von Paukert (2010) beschriebene Intervention mit dem Namen „Peaceful Mind“. Hierbei handelt es sich um Wahrnehmungs- und Atemübungen, der Entwicklung beruhigender Gedanken und Bilder und dem Training von Schlaftechniken. Diese werden in zwölf Sitzungen innerhalb von sechs Monaten zusammen mit der Hauptpflegeperson eingeübt und anschließend reflektiert. Achtsamkeitsübungen, Psychoedukation, Entspannungstrainings, Umgang mit Alter und Schmerz ergänzen solche Programme.

Nähe deaktiviert Angst

Sogenannte „unspezifische Effekte“, also die Haltung und die Person des Betreuenden, sind für den Erfolg aller Maßnahmen entscheidend. Eine Sicherheit und Vertrautheit vermittelnde Haltung, sozusagen eine „seelsorgerische Verbundenheit“ – darauf kommt es an.

Nähe deaktiviert die Angst, ermöglicht mehr strukturelle Klarheit und damit auch mehr Distanz und Kontrolle des Affekts. Dies anzubieten ist in der Arbeit mit Menschen mit Demenz der unverzichtbare Ausgangspunkt aller Maßnahmen und Interventionen.

Angst und Demenz: Virtuelles E-Book

Weitere Informationen, Videos und Podcasts zum Thema "Angst und Demenz" gibt es auf der Webseite des Dialog- und Transferzentrums Demenz: dzd.blog.uni-wh.de/angst-und-demenz-virtuelles-e-book