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  • 26.01.2017

Serie zur Pflegegeschichte - Teil 6

Pflege wird ein Beruf

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2015

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich die Krankenpflege allmählich zu einem staatlich anerkannten Beruf. Mutige Pionierinnen wie Florence Nightingale und Agnes Karll waren maßgeblich daran beteiligt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Krankenpflege weit davon entfernt, ein staatlich anerkannter Beruf zu sein. Es gab kein definiertes Berufsbild, keine einheitliche Ausbildung und keine soziale Absicherung. Der Staat brachte der Krankenpflege eine geringe Wertschätzung entgegen. Insbesondere die zweifelhafte Tätigkeit der als unzuverlässig, unqualifiziert und korrupt geltenden Wärter, die in den Hospitälern arbeiteten und gesellschaftlich geächtet waren, warfen auf die gesamte Berufsgruppe ein negatives Bild.

Geringe Wertschätzung

Im Jahr 1800 begann die Gründungsphase der Krankenpflegeschule an der Berliner Charité. Es war der erste Versuch, in Preußen eine pflegerische Bildungseinrichtung einzuführen. Es dauerte ganze 32 Jahre, bis die Krankenpflegeschule ihren Regelbetrieb aufnahm. Diese lange Zeitspanne steht symbolisch für die geringe Wertschätzung und damit verbundene Nachrangigkeit der Krankenpflege im preußischen Medizinalwesen. 

Im 19. Jahrundert engagierten sich vor allem konfessionelle Organisationsformen wie katholische Ordensgemeinschaften und die evangelische Diakonie in der Krankenpflege. Die Katholiken stellten mit Werten zwischen 48 und 65 Prozent den größten Anteil des Pflegepersonals. Eine zahlenmäßig untergeordnete Rolle spielten die Diakonie und übrigen Genossenschaften. Die frei praktizierenden Pflegepersonen, deren Tätigkeit sich aus dem Wunsch oder der Notwendigkeit nach mehr finanzieller Eigenständigkeit entwickelte, waren statistisch gesehen ebenfalls von geringerer Bedeutung. Ihr Anteil lag zur Jahrhundertwende bei unter zehn Prozent.

Das von Vincent de Paul ins Leben gerufene Mutterhaussystem gewann zahlenmäßig gegen Ende des 19. Jahrhunderts an Bedeutung: Junge Frauen erhielten in diesen konfessionellen Gemeinschaften bei geringer Vergütung und stark eingeschränkten persönlichen Freiheiten eine Ausbildung in pflegerischen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. 

 Die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildende Rotkreuzschwesternschaft diente das kirchliche Mutterhaussystem als Vorbild. Neu war allerdings, dass die Tätigkeit nicht mehr allein auf der „christlichen Liebestätigkeit“ beruhte und als ärztlicher Hilfeberuf definiert wurde. Schwerpunkte der Rotkreuzkrankenpflege waren praktische Tätigkeiten bei begrenzter theoretischer Qualifikation und hauswirtschaftlicher Kompetenz.

In den 1880er-Jahren wurde die staatliche Sozialversicherung eingeführt, wodurch die Bettenzahl in den Krankenhäusern rasant anstieg. Immer mehr Menschen fanden dadurch in der Krankenpflege eine Anstellung. Dennoch ließen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen auf sich warten. Die Pflegenden befanden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiterhin in einem weitgehend rechtsfreien Raum. Daran änderte auch die Einführung eines Krankenpflegeexamens 1907 in Preußen wenig. Erreicht wurde hiermit lediglich eine Unterscheidung zwischen Pflegenden, die durch das Ablegen einer Prüfung über eine Minimalqualifikation verfügten und denjenigen ohne Examen.

Auch die Einigungskriege, der gesellschaftliche Wandel und die verheerende Choleraepidemie änderte nichts an der geringen Bedeutung und Wertschätzung des Pflegeberufs. Um an diesem Missstand etwas zu ändern, gründete die ehemalige Rotkreuzschwester Agnes Karll 1903 in Berlin die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ (B.O.K.D.), den Vorläufer des heutigen Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). Es handelte sich um den ersten freien Verband nicht-mutterhausgebundener Frauen, der die Zielsetzung hatte, die Krankenpflege zu einem qualifizierten Beruf weiterzuentwickeln.

Für die Mitglieder der als eingetragener Verein geführten Organisation bestanden detailliert festgelegte Rechte und Pflichten. Zu den Leistungen des B.O.K.D. zählten unter anderem ein umfangreiches Beratungs- und Auskunftsangebot. So schärfte der B.O.K.D. im Laufe der Jahre ein eigenständiges Profil und erlangte zunehmend politisches Gewicht. Der Verband wirkte unter anderem bei der Entwicklung von Ausbildungswegen und bei der Festlegung von Arbeitsbedingungen mit.

1904 gründete Karll, die den B.O.K.D. bis zu ihrem Tod im Jahr 1927 führte, zusammen mit Vertreterinnen aus den USA und Großbritannien den International Council of Nurses (ICN). 1909 wurde Karll zur Präsidentin gewählt, 1912 fand in Köln der von Politik und Öffentlichkeit vielbeachtete ICN-Kongress statt.

Der Erste Weltkrieg bricht aus

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Aus nationaler Begeisterung meldeten sich eine Vielzahl von Frauen zu freiwilliger Hilfeleistung im Krieg. Agnes Karlls Zeitschrift „Unterm Lazaruskreuz“ rief alle Schwestern dazu auf, „durch äußerste Pflichterfüllung ihrem Verband Ehre zu machen“ – es gäbe keine Parteien mehr, sondern nur noch ein Volk von Deutschen. Viele Krankenpflegerinnen betreuten während des Krieges Erfrischungs-, Verpflegungs- und Verbandstellen an Bahnhöfen. 

Dem Roten Kreuz kam in der Kriegskrankenpflege eine zentrale Bedeutung zu. Seit der ersten Genfer Konvention 1864 hatte die Organisation die Aufgabe, genügend Pflegende für den Kriegsfall auszubilden. Im ersten Krieg nach Gründung des Roten Kreuzes, dem Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870 und 1871, war ein Einsatz von Pflegenden an Lazaretten und Erfrischungsstationen nur im relativ überschaubaren Rahmen erforderlich. Angesichts des nun im Krieg befindlichen Millionenheeres war ein völlig neues Ausmaß an Hilfeleistung und Mobilmachung erforderlich. Das Rote Kreuz, das von den kriegsführenden Mächten als neutral anerkannt war, übernahm auch die Versorgung von Kriegsgefangenen. Die Rotkreuzschwestern waren unter anderem an Verbandplätzen und Kriegslazaretten im Frontgebiet, auf Lazarettschiffen sowie in Genesungsheimen und Übernachtungsstätten tätig.

 


 „The Lady with the Lamp“

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Krankenpflege des 19. Jahrhunderts war zweifellos die Britin Florence Nightingale. Sie wurde 1820 während einer zweijährigen Europareise der Eltern in Florenz geboren und war die jüngste Tochter einer wohlhabenden britischen Familie. Schon im Kindesalter zeigten sich eine große sprachliche Begabung und gute Beobachtungsgabe. Von ihrem Vater erhielt Nightingale Unterricht in Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch und Italienisch sowie in Geschichte und Philosophie.

In den 1830er-Jahren suchte eine Grippe-Epidemie Südengland heim, der viele Menschen zum Opfer fielen. Nightingale blieb gesund und kümmerte sich vier Wochen lang intensiv um Erkrankte. Erste Erfahrungen in Krankenpflege hatte Nightingale zuvor schon bei der Versorgung kranker Familienmitglieder gesammelt.

1845 entschloss sich Nightingale gegen den Willen ihrer Eltern dazu, ihr Leben der Krankenpflege zu widmen. Die strikte Ablehnung der Eltern beruhte vor allem auf dem schlechten Ansehen der Krankenpflege in Großbritannien zu jener Zeit. Bei den damaligen Pflegenden handelte es sich meist um unqualifizierte Personen, die keine andere Anstellung fanden und daher gezwungen waren, sich ihren Lebensunterhalt durch diese Arbeit zu verdienen. Sie galten als unzuverlässig, korrupt und alkoholabhängig.

Nachdem Nightingale Zeugin davon wurde, dass eine Patientin durch die Inkompetenz einer Pflegerin starb, erkannte sie die Notwendigkeit einer pflegerischen Grundausbildung. Sie selbst ließ sich im Rahmen eines dreimonatigen Praktikums im Krankenhaus von Salisbury ausbilden. Nightingale hospitierte auch in der Kaiserswerther Diakonie, einer vom evangelischen Pfarrer Theodor Fliedner gegründeten Institution, in der Diakonissen eine Ausbildung als Krankenpflegerin, Gemeindeschwester, Erzieherin oder Lehrerin erhielten. Auch wenn Nightingale die Kaiserswerther Diakonie in einem Brief an ihren Vater als „ärmlich und hässlich“ beschrieb, war sie von der wöchentlichen Vorlesung, die Fliedner für die Schwestern abhielt, und von den für die Schwestern geltenden strikten Regeln tief beeindruckt.

Zur Zeit des Krimkrieges betreute Nightingale im Auftrag der britischen Regierung verwundete britische Soldaten im türkischen Militärkrankenhaus in Skutari – dem heutigen Istanbuler Vorort Üsküdar. 1855 reiste sie von Skutari zu den Hospitälern auf der Krim. Da sie die Patienten nachts mit einer Lampe in der Hand aufsuchte, wurde sie unter dem Begriff „The Lady with the Lamp“ („Die Dame mit der Lampe“) bekannt. Während ihres Einsatzes erkrankte Nightingale am Krimfieber und rang wochenlang mit dem Leben.

1856 kehrte Nightingale schwer angeschlagen, aber als Nationalheldin gefeiert, nach Großbritannien zurück. Trotz eines körperlichen Zusammenbruchs im Folgejahr und zunehmender Hilfebedürftigkeit wirkte Nightingale an der Reform des Sanitätswesens der Armee mit und veröffentlichte ihr Standardwerk „Notes of Nursing“ („Bemerkungen zur Krankenpflege“), das weltweit Aufsehen erregte.

1860 wurde die Nightingale School of Nursing am Londoner St Thomas‘ Hospital eröffnet. Dort wurde das als heute Nightingale’sche System bezeichnete Ausbildungsmodell umgesetzt, das bald öffent‧liche Aufmerksamkeit erlangte und dazu führte, dass andere Krankenhäuser ebenfalls Lehrgänge für Pflegende einrichteten. Nightingales Ausbildungsmodell sah vor, dass Berufsanfänger durch erfahrene Pflegepersonen und nicht durch Ärzte unterrichtet wurden. Schwerpunkt der Ausbildung war die Beachtung der Hygiene. Nightingale vertrat die Ansicht, dass die meisten Krankheiten durch Sauberkeit, richtige Lüftung und angemessene Ernährung geheilt werden können.In den 1870er-Jahren setzte sich Nightingale unermüdlich für höhere Ausbildungsstandards in der Krankenpflege ein und setzte ihre Vorstellungen des anerkannten Frauenberufs ohne kirchlichen Einfluss weiter um. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1910 erhielt Nightingale als erste Frau den britischen Verdienstorden.


 

(ohne Autor): Die Geschichte der Krankenpflege. In: Die Schwester 1 (1), 15–17

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK): Tradition bewahren, Zukunft entwickeln. Pressemitteilung 2012. www.dbfk.de/presse/DBFK_historie_prinfo_2012.pdf (letzter Abruf am 01.12.2014)

Eckart, W. U. (2009): Geschichte der Medizin. 6. Auflage, Heidelberg: Springer

Metzger, M.; Zielke-Nadkarni, A. (1998): Von der Heilerin zur Pflegekraft. Stuttgart: Thieme

Nightingale, Florence (2011): Bemerkungen zur Krankenpflege. 2. Auflage, Frankfurt am Main: Mabuse

Österreichischer Krankenpflegeverband (Hrsg.): Geschichte der Krankenpflege – Kurzer Abriß. 5. Auflage, Wien: Facultas

Schweikardt, Christoph (2008): Die Entwicklung der Krankenpflege zur staatlich anerkannten Tätigkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert. München: Martin Meidenbauer

Seidler, E.; Leven, K.-H. (2003): Geschichte der Medizin und der Krankenpflege. 7. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer

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