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  • 12.06.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Pflegewissenschaft in der Schweiz

Das Ziel: Pflege auf höchstem Niveau

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2018

Seite 22

Das Institut für Pflegewissenschaft (INS) der Universität Basel steht im weltweiten „Shanghai-Ranking 2018“ in der Kategorie Pflege auf Platz 23. Es ist damit das einzige pflegewissenschaftliche Institut im deutschsprachigen Raum unter den ersten 50 Platzierungen. Der entscheidende Erfolgsfaktor der Forschungseinrichtung ist die enge Verbindung von Pflegewissenschaft und -praxis. In der Schweiz gibt es dafür beste Voraussetzungen.

Die Schweiz steht vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Industrienationen auch: Der demografische und gesellschaftliche Wandel sowie die zunehmenden Gesundheitskosten stellen das gesamte Gesundheitssystem und insbesondere die Pflege immer wieder auf die Probe und erfordern neue Lösungswege. Die alternde Bevölkerung mit zunehmend chronischen und multiplen Erkrankungen sowie der steigende Bedarf nach verschiedenen, gut koordinierten und auf die individuellen Situationen der Menschen angepasste Gesundheitsleistungen stellen dabei mehr und mehr die auf Akutsituationen ausgerichteten Strukturen infrage.

Das im Jahr 2000 gegründete Institut für Pflegewissenschaft (INS) der Universität Basel hat es sich zur Aufgabe gemacht, angesichts dieser Herausforderungen konkrete und praktikable Lösungen zu entwickeln.

Auch in der Schweiz sind es Pflegende, die sich an vorderster Stelle um Patienten und deren Familien kümmern. Deshalb sind Pflegefachpersonen mit einem akademischen Abschluss ein unverzichtbarer Bestandteil innovativer Lösungsansätze. Das INS bildet Pflegefachpersonen mit Masterabschluss aus und ermutigt sie, Führungsrollen zu übernehmen sowie offene Möglichkeiten zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung aktiv zu nutzen.

Kombination von Forschung, Lehre und Praxisentwicklung

Aus Sicht des INS ist die Entwicklung der Pflegepraxis das zentrale Element, um Forschung einerseits und Lehre andererseits miteinander zu verbinden. Ziel dabei ist es, nachhaltige und qualitativ hochwertige Lösungen für die pflegerische Versorgung mit hoher Relevanz für Patienten, Bewohner und Familien zu entwickeln.

Hierfür fokussiert das INS seine Arbeit in der Lehre auf die Master- und Doktoratsausbildung. Die Forschung konzentriert sich auf die Themenfelder Innovative Versorgungsmodelle, Patientensicherheit und Versorgungsqualität sowie Genomik in der Pflege.

Das INS unterhält gemeinsam mit verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens sogenannte Akademie-Praxis-Partnerschaften, kurz APP (https://nursing.unibas.ch/de/ins/partnerschaften). Dies sind strukturierte Kooperationen zwischen dem INS und Praxispartnern aus verschiedenen Settings. Neben den zwei Universitätskliniken der deutschsprachigen Schweiz – dem Inselspital Bern und dem Universitätsspital Basel – bestehen auch mit den Langzeitpflegeverbänden Curaviva Baselland und Curaviva Basel-Stadt sowie den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel entsprechende Kooperationen.

Ziel der Zusammenarbeit ist es, durch die Kombination von Forschung, Lehre und Praxisentwicklung in der Pflege auf höchstem Niveau bessere Gesundheitsergebnisse für die Bevölkerung zu erzielen. Die APP verbinden die klinische Pflegepraxis mit dem akademischen Umfeld des INS. Gemeinsame Projekte in der Aus- und Weiterbildung von Krankenhaus- und Pflegeheimpersonal sowie Forschungsmöglichkeiten in der Pflegepraxis bieten ideale Voraussetzungen für eine weitsichtige Entwicklung der Pflege in der Schweiz.

Fokus auf Master- und Doktoratsausbildung

Das INS bietet Studiengänge zur Erlangung der akademischen Grade „Master in Nursing Science“ und „PhD in Nursing Science“ an.

Der Master erfolgt in zwei Schwerpunkten: Advanced Nursing Practice (ANP) und Forschung. Studierende erwerben erweiterte klinische Kompetenzen als „Advanced Practice Nurse“ sowie Kenntnisse zu Theorien und Methoden der pflegewissenschaftlichen Forschung. Sie verfügen über die Fähigkeiten, Herausforderungen im Gesundheitswesen zu analysieren und innovative Lösungsansätze zu entwickeln. Zudem sind sie in der Lage, führende Rollen mit erweiterten klinischen Kompetenzen zu entwickeln und diese umzusetzen.

Der Schwerpunkt ANP umfasst vor allem die Entwicklung klinischer Kompetenzen. Beispiele hierfür sind die Durchführung klinischer Assessments, der Erwerb vertiefter pharmakologischer und pathophysiologischer Kenntnisse sowie die Entwicklung von ANP-Rollen.

Die Vertiefungsrichtung Forschung umfasst vertiefende Kurse in der Statistik, in der Gesundheitsökonomie, zum Thema „Big Data“ und zu qualitativen Methoden. Forschungspraktika dienen der Vertiefung des Gelernten. Das Masterstudium ist zulassungsbeschränkt und erfordert eine Zulassungsprüfung für interessierte Kandidaten. Pro Jahr können bis zu 30 Studierende das Masterstudium am INS aufnehmen.

Der PhD in Nursing Science erfolgt im Rahmen von Forschungsprojekten der Forschungsgruppen im Anstellungsverhältnis. PhD-Absolventen eignen sich in den drei bis vier Jahren der Ausbildung Kenntnisse und Fähigkeiten zur Erarbeitung neuen Wissens durch Forschung an, um die drängendsten Probleme in der Pflegepraxis lösen zu können. Dabei wird besonderer Wert auf die interprofessionelle und internationale Zusammenarbeit gelegt. Derzeit befinden sich 16 Studierende aus sechs Ländern im PhD-Studium des INS.

Sowohl im Master- als auch PhD-Studium sind die Studierenden eng an die pflegerische Praxis angebunden. Durch die APP sind eine Vielzahl der Studierenden weiterhin in klinischer Funktion tätig und können Praktika, ihre Masterarbeit oder Promotion im Kontext der jeweiligen Einrichtung durchführen. Diese direkte Anbindung der Studierenden an die Pflegepraxis gewährleistet den hohen Praxisbezug der Forschungsarbeiten im Rahmen der Qualifikationsarbeiten.

Forschung erfolgt praxisnah und interdisziplinär

Forschung am INS möchte Lösungen zu den Herausforderungen in der Praxis entwickeln und eine Wirkung im klinischen Feld erreichen. Im Zentrum stehen Menschen mit chronischen Krankheiten, beispielsweise bei Transplantationen, Infektions- und onkologische Erkrankungen. Zahlreiche Forschungsaktivitäten sind zudem an älteren multimorbiden Menschen und ihren Angehörigen in unterschiedlichen klinischen Settings ausgerichtet.

Forschung am INS ist interdisziplinär. Sie umfasst wissenschaftliche Disziplinen, angefangen bei Pflege, Medizin und Gesundheitsökonomie über Informatik, Epidemiologie und Statistik bis hin zur Pharmazie. Alle Disziplinen arbeiten am INS am gemeinsamen Ziel, relevante Lösungsansätze für die klinische Praxis zu entwickeln.

Forschung am INS ist klinisch ausgerichtet und verwendet hauptsächlich einen implementierungswissenschaftlichen Ansatz. Das bedeutet, dass Forschungsprojekte und die daraus resultierenden Erkenntnisse am INS so durchgeführt und aufbereitet werden, dass sie leichter in der Praxis umgesetzt werden können und somit eine bessere Wirkung entfalten können.

Zur Verdeutlichung werden im Folgenden zwei Projekte aus den Forschungsschwerpunkten des INS – „Innovative Versorgungsmodelle“ und „Patientensicherheit & Versorgungsqualität (PSQ)“ – näher beschrieben.

Projekt „INTERCARE“: Innovative Versorgungsmodelle sind notwendig, um den Bedürfnissen der Bevölkerung im Sinne einer sich verändernden Demografie und Epidemiologie gerecht zu werden. Das Entwickeln, Evaluieren und Implementieren von interdisziplinären Versorgungsmodellen, basierend auf den Prinzipien integrierter Versorgung, „Nurse-led Care“ und zunehmend gestützt auf eHealth-Technologien, steht dabei im Fokus verschiedener Forschungsprojekte des INS. Eins davon ist das Projekt „INTERCARE“. Die zunehmende Komplexität der medizinischen Versorgung in Pflegeheimen und die fehlende Pflegekoordination zwischen den verschiedenen Leistungserbringern gefährden die Versorgungsqualität in Pflegeheimen. Ein besonderes Problem sind hier vermeidbare Krankenhauseinweisungen, die mit potenziell negativen klinischen und psychosozialen Ergebnissen für die Bewohnenden verbunden sind. Hospitalisierungen bei älteren Menschen können zu einer höheren Mortalität, Funktionseinschränkungen, Delir und Stürzen führen. Zwischen 19 Prozent und 67 Prozent der Spitaleinweisungen aus Pflegeinstitutionen werden als vermeidbar eingestuft.

Als Ursachen für vermeidbare Krankenhauseinweisungen gelten fehlende Fähigkeiten der Pflegemitarbeitenden zur frühzeitigen Erkennung von Verschlechterungen bei chronischen Erkrankungen, eine fehlende vorausschauende Planung mit Bewohnern und Familien rund um das Lebensende sowie der fehlende Zugang zu ärztlichen Dienstleistungen und das Umsetzen von ersten diagnostischen Maßnahmen in Notfallsituationen.

Eine Lösungsansatz für Probleme wie diese sind neue Versorgungsmodelle. Schlüsselelemente dieser Modelle sind interprofessionelle Gesundheitsteams mit einem Skillmix, der erlaubt, die spezifischen Gesundheitsbedürfnisse von älteren Menschen zu decken, die Koordination von Übergängen an den Schnittstellen zu verbessern, das Pflege- und Betreuungspersonal in Pflegeinstitutionen in ihrer klinischen Expertise zu befähigen, und die Pflegeentwicklung zu unterstützen.

Ziel des Projekts INTERCARE ist es, ein pflegegeleitetes Versorgungsmodell zur Betreuung und Pflege von multimorbiden Bewohnern in komplexen Versorgungssituationen zu entwickeln und im Hinblick auf vermeidbare Hospitalisierungen in elf Pflegeheimen in der deutschsprachigen Schweiz zu überprüfen.

INTERCARE wird durch den Schweizerischen Nationalfonds und die Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz gefördert. Das Projekt wird erste evidenzbasierte Aussagen zum Einsatz hochqualifizierten Pflegepersonals in interprofessionellen Teams in Schweizer Pflegeinstitutionen erlauben. Es adressiert damit den mangelnden Zugang zu geriatrischer Expertise in Schweizer Pflegeinstitutionen und entwickelt nachhaltige Lösungsmöglichkeiten.

Projekt „WER@INSEL“: Eine Lösung, die im Rahmen des Forschungsschwerpunkts „Patientensicherheit & Versorgungsqualität (PSQ)“ entwickelt wurde, ist „WER@INSEL“, ein Vorhersagemodell für die Pflegepersonalausstattung für die akutstationäre Versorgung. „WER@INSEL“ steht für Workforce Effectiveness Research am Inselspital Bern. Es untersucht den Zusammenhang von Pflegepersonalausstattung und Patientergebnissen.

Studien haben grundsätzlich gezeigt, dass eine niedrige Pflegepersonalausstattung zu negativen Patientenoutcomes führen kann und unterstreichen damit die Bedeutung einer angemessenen Anzahl von Pflegefachpersonen pro Schicht, um auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können. Das Hauptziel von WER@INSEL ist die Entwicklung einer Methode zur Personalbedarfsplanung von Pflegenden pro Schicht. Die spezifischen Ziele sind:

  • Beschreibung des Pflegepersonalbedarfs und der tatsächlichen Personalausstattung pro Schicht.
  • Entwicklung eines prädiktiven Modells zur Vorhersage des Pflegepersonalbedarfs.
  • Validierung des prädiktiven Modells durch den Vergleich mit der tatsächlichen Personalausstattung unter Berücksichtigung von unerwünschten Patientenereignissen.

WER@INSEL basiert auf Daten, die routinemässig von Pflegenden erfasst werden, wie der Leistungserfassung und Daten aus dem medizinischen Controlling. Aus diesen verschiedenen Quellen ist ein Datensatz von mehr als 58 Millionen Datenpunkten entstanden, der mit Data-Science-Methoden aufgearbeitet und analysiert wird.

Intersektorale Zusammenarbeit fördern

Die beschriebenen Forschungsprojekte untersuchen einerseits die Entwicklung geriatrischer Expertise in Pflegeheimen und andererseits die Bestimmung einer sicheren Pflegepersonalausstattung in der akutstationären Versorgung durch Routinedaten.

In beiden Fällen, wie auch in den meisten anderen Forschungsprojekten des INS, ist die hochwertige Versorgung von Bewohnern und Patienten das unmittelbare Ziel. In Verbindung mit der Ausbildung und dem Einsatz von Master- und PhD-Studierenden, der Zusammenarbeit mit Praxispartnern sowie durch die Beteiligung von Stakeholdern in den Einrichtungen, den Verbänden, den Kantonen und der Gesundheitspolitik versucht das INS in seinen Projekten, die Zusammenarbeit aller Beteiligten zu ermöglichen und zu fördern. All diese Anstrengungen erfolgen, um den Beruf attraktiv zu gestalten, anwendbare Lösungen zu entwickeln sowie letztlich praktikable Angebote für Patienten, Familien und Pflegende bereitzustellen.

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