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  • 20.02.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Pflegemanagement

"Die Pflege bei uns ist selbstbewusst und durchsetzungsstark"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2018

Seite 18

Mitte vergangenen Jahres brüskierten die Verantwortlichen der Berner Universitätsklinik Inselspital das Pflegepersonal: Die Pflegedirektion sollte nicht mehr in der Konzernleitung vertreten sein, sondern der Berufsgruppe sollte ein Arzt vorstehen. Die Pflegenden wehrten sich – mit Erfolg: Der Pflegedirektor blieb, zwei ranghohe Verantwortliche mussten gehen. Ein Zeichen für die Stärke der Pflege? Ein Gespräch mit Pflegedirektor Ulrich von Allmen.

Herr von Allmen, die Insel Gruppe hatte im Frühjahr 2017 angekündigt, die Pflege in der ehemaligen Konzernleitung und heutigen Direktionsleitung der Medizinischen Direktion unterzuordnen. Die Pflegenden liefen Sturm gegen diese Entscheidung – mit dem Ergebnis, dass Sie in der Direktionsleitung verankert blieben und stattdessen der damalige Direktionspräsident und der damalige Verwaltungsratspräsident gehen mussten. Wie dankbar sind Sie Ihren Beschäftigten?

Ich bin natürlich froh, dass die Angelegenheit über eine gemeinschaftliche Aktion der Berufsgruppe Pflege und MTT (medizinisch-technische und medizinisch-therapeutische Bereiche) abgewendet werden konnte. Allerdings muss ich Sie korrigieren: Man wollte nicht die Direktion Pflege/MTT abschaffen – man wollte diese nicht mehr im obersten Organ der Spitalführung positionieren. Das ist ein Unterschied.

Dennoch wollte man den Stellenwert der Pflege innerhalb der Spitalführung schmälern.

Ja, und dies passt nicht in die heutige Zeit. In sämtlichen Spitälern, die in der Pflege qualitativ gut aufgestellt sind, verfügt die Pflege in der obersten Führungsebene über eine strukturell verankerte und gute Position – so wird es ja auch bei den „Magnet-Hospitälern“ propagiert und international erfolgreich praktiziert. Die Pflege am Inselspital war und ist insofern der Überzeugung, dass es unabdingbar ist, dass die Pflege und MTT in der Konzernleitung verankert ist. Denn die Pflegenden stehen ja meist an der Schaltstelle der klinischen Prozesse.

Die Insel Gruppe: Größtes medizinisches Versorgungssystem der Schweiz

Im Januar 2016 fusioniert das Inselspital Universitäts-spital Bern mit der Spital Netz Bern AG zur Insel Gruppe AG. Dadurch entstand das größte und führende medizinische Versorgungssystem der Schweiz. Mit ihren sechs Standorten im Kanton Bern, dem Inselspital, Universitätsspital Bern, dem Stadtspital Tiefenau sowie den Landspitälern Belp, Riggisberg, Münsingen und Aarberg, vereint die Insel Gruppe wohnortnahe Grundversorgung mit universitärer Spitzenmedizin, Lehre und Forschung. In der Insel Gruppe werden jährlich rund 500.000 Patientinnen und Patienten aus über 120 Nationen behandelt. Die Insel Gruppe verfügt über 10.750 Mitarbeitende. Mit 38,3 Prozent ist das Pflegepersonal die größte Berufsgruppe (3.179 Vollzeiteinheiten).

Während am Inselspital in diesem Jahr offensichtlich wieder Ruhe eingekehrt ist, hat die deutsche Pflege turbulente Monate hinter sich – 2018 fanden zahlreiche Streik- und Protestaktionen statt. Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Pflegefachpersonen in der Schweiz wahr?

Meines Erachtens ist die Pflege in Deutschland und der Schweiz aufgrund der unterschiedlichen Verhältnisse nur schwer miteinander zu vergleichen. Schweizer Pflegefachpersonen weisen beispielsweise ein anderes Tätigkeitsprofil auf als ihre deutschen Kollegen. Die Krankenhausorganisation, und darin auch die Ressourcen für die Pflege, ist ebenfalls ein Unterschied.

Aus deutscher Sicht erscheint es, als sei die Schweizer Pflege deutlich besser aufgestellt. Würden Sie dem zustimmen?

Die Personalsituation ist bei uns sicher eine andere. Insofern kann ich den Unmut der deutschen Berufskollegen nachvollziehen. Ich nehme jedoch auch wahr, dass sehr viele Krankenhäuser in Deutschland große Anstrengungen unternehmen, um die Situation ins Positive zu verändern. Zum Beispiel sind am Universitätsklinikum Essen über 100 Pflegestellen in den vergangenen zwei Jahren geschaffen worden. Das ist auch der Weg, den viele meiner deutschen Kollegen befürworten und gehen. Ebenfalls werden große Anstrengungen innerhalb der Krankenhausstrukturen und der Qualität unternommen. Das Thema Magnet-Hospital ist für meine Kollegen der Universitätsmedizin in Deutschland ein großes Thema, welches sie mit Erfolg verfolgen. Derzeit gibt es in Europa nur ein einziges Spital, das über das Magnet-Qualitätssiegel verfügt: das Universitätsklinikum Antwerpen in Belgien. Meiner Einschätzung nach wird das zweite Magnet-Hospital eines in Deutschland sein: die RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm.

Fest steht dennoch, dass die Pflegenden in Deutschland unzufrieden sind. Das ist auch nachvollziehbar, da der jahrelange Sparkurs der Kliniken vornehmlich auf ihre Kosten ging. Haben Sie Verständnis für die Streikaktionen der Pflege, die die Krankenhauslandschaft in ganz Deutschland erschütterten?

Ob in Deutschland gewerkschaftliche Mittel der richtige Weg sind, möchte ich nicht kommentieren; das weiß ich nicht. In der Schweiz verfügen die Pflegenden über gute Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, um ihren Beruf angemessen auszuüben. Wenn dies nun in Deutschland in der Beurteilung meiner Kollegen nicht möglich ist, verstehe ich, dass man zu erfolgversprechenden Gegenmaßnahmen greift.

Was sind für Sie die Stärken des Schweizer Pflegesystems?

Hervorzuheben ist sicherlich die ausdifferenzierte und zudem sehr durchlässige Bildungssystematik. Von der Sekundarstufe bis zur Hochschule besteht eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, die Qualifikation, Weiterentwicklung und Aufstieg im Gesundheitswesen ermöglichen. Bezogen auf die Patientenversorgung im Spital ist die gute Gesprächskultur unter den Gesundheitsberufen eine Stärke – nicht nur mit den Ärzten, sondern auch mit den therapeutischen und medizintechnischen Berufen. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir zusammen mit allen anderen Gesundheitsberufen das Credo des sogenannten Integrierten Patientenpfads hochhalten. Das klingt kompliziert, ist in der Praxis aber ebenso simpel wie effektiv: Ärzte, Pflegende und andere Berufsgruppen, die in die Patientenversorgung integriert sind, orientieren sich am Wohl des Patienten, an seinem Behandlungspfad. Sie überlegen gemeinsam, was der Patient benötigt, und wer was am besten kann, sodass eine optimale Versorgung erreicht wird.

Schöne Worte, aber wie sieht das in der Praxis konkret aus?

Der Ursprung sind wie so oft begrenzte Mittel. Man ist in den vergangenen Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass wirtschaftliche Vorteile nicht über eine optimierte Codierung innerhalb des DRG-Systems zu generieren sind, sondern über schlanke Prozesse, die ganz auf den Patienten ausgerichtet sind. Lean Management ist hier beispielsweise ein Thema, das bei uns eine große Rolle spielt. Lean Management hat zum Ziel, dass die Gesundheitsfachleute, inklusive der Ärzte, ihre meiste Zeit beim Patienten verbringen, denn dort geschieht die Wertschöpfung. Wertschöpfung kann mit einer relativ einfachen Frage überprüft werden, nämlich: Würde der Patient für das, was ich gerade tue, bezahlen? Man muss den Klinikalltag so organisieren, dass dies möglich wird. Dies fängt beim Bauen an: Brauchen wir Büros und Warteräume? Es geht dann weiter: Wie müssen Prozesse organsiert sein, damit ich alles direkt beim Patienten erledigen kann? Wie kann uns die Digitalisierung dabei helfen?

In Deutschland ist es für Krankenhäuser sehr schwierig, freie Stellen in der Pflege zu besetzen. Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt. Wie sieht das in der Schweiz aus?

Auch wir haben einen Fachkräftemangel. Aber die Dimension ist noch recht überschaubar, sodass wir freie Stellen in den Akutkrankenhäusern in der Regel besetzen können, außer in einigen spezifischen Pflegefeldern, wie zum Beispiel der Neonatologie. Es ist aber absehbar, dass das Thema in einer verschärften Dimension auch auf uns zukommt: Während sich früher auf eine Stelle fünf bis sechs Kandidaten beworben haben, sind es heute nur noch einer oder zwei. Während die Personalsituation in der Langzeitpflege noch viel schwieriger ist, würde ich die gegenwärtige Lage in den Schweizer Spitälern so beschreiben: Wir befinden uns in einer guten Ausgangssituation, müssen aber gut aufpassen, dass wir die Pflege in eine gute Richtung weiterentwickeln.

Wie meinen Sie das?

Die Akademisierung der Pflege ist hierzulande seit zehn Jahren systematisch im Aufbau. Dieser Weg muss weitergehen. Neben Instituten an den Universitäten Basel und Lausanne, wo Pflegewissenschaft auf universitärem Niveau betrieben wird, bestehen zudem Fachhochschulen, die die akademische Pflege vorantreiben. Sehr konsequent ist hier die französischsprachige Schweiz, wo die Pflegeausbildung ausschließlich auf Hochschulniveau erfolgt. Im frankophonen Kanton Waadt sind Nurse-Practitioner-Rollen für Pflegende nun sogar gesetzlich verankert worden – inklusive der Erlaubnis, Medikamente zu verschreiben. Beispiele wie diese stellen unter Beweis, dass die Schweizer Pflegefachpersonen eine gute Vorstellung davon haben, ihre Profession zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln. Glücklicherweise verfügen wir über handlungsfähige Gremien, um Fragen der Weiterentwicklung des Berufs konstruktiv zu diskutieren und auszuhandeln. Das führt in der Regel zu guten Ergebnissen, die die Profession Pflege voranbringen, auch wenn diese Prozesse oft auch lange dauern.

Welche Gremien sind das?

Das zentrale Gremium auf Bundesebene ist „OdASanté“, die 2005 gegründete nationale Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit. Sie vertritt die gesamtschweizerischen Interessen der Gesundheitsbranche in Bildungsfragen für Gesundheitsberufe. Sie besteht aus den Spitzenverbänden der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen im Gesundheitswesen. Darunter befindet sich auch der Schweizerische Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner – SBK, in dem die meisten Schweizer Pflegefachpersonen organisiert sind. Viele sind zusätzlich Mitglieder der Gewerkschaft. In der Summe ergibt sich eine selbstbewusste und durchsetzungsstarke Berufsgruppe.

Personaluntergrenzen sind in Deutschland derzeit ein großes Thema. Die Politik ist einerseits bemüht, Verbesserungen herbeizuführen, aber die bisherigen Strategien verpuffen und gehen Expertenmeinungen zufolge am Ziel vorbei. Gibt es in der Schweiz gesetzlich festgelegte Pflegeschlüssel?

Nicht in ganzen Zahlen. Aber es gibt Vorschriften, dass zum Beispiel Pflegefachpersonal über 24 Stunden beim Patienten anwesend sein muss. Für spezifische Patientensituationen, zum Beispiel Intensivpflege oder spezialisierte Pflege in Rehabilitationssettings, wird auch die spezifische fachliche Ausbildung verlangt. Wenn Sie solche strukturellen Vorgaben nicht vorweisen können, können Sie diese Tarife dann auch nicht abrechnen.

Sie sprachen das ausdifferenzierte Bildungssystem der Schweizer Gesundheitsberufe an. Welche Berufsqualifikationen setzen Sie in der Pflege ein und wie erfolgt die Arbeitsteilung?

Die rund 3.200 Pflegestellen der Insel Gruppe, zu der neben dem Universitätsspital auch die Außenstandorte zählen, bestehen zu ungefähr 75 Prozent aus diplomierten Pflegefachfrauen und -männern. 25 Prozent sind Pflegeassistenten sowie Fachfrauen und -männer Gesundheit, eine Berufsqualifikation auf Sekundarstufe 2, die direkt nach der obligatorischen Schulzeit absolviert werden kann. Ihre Frage nach dem Skill- und Grade-Mix, also der optimalen Mischung aus Berufsqualifikationen und Fähigkeiten, ist komplex. Wir orientieren uns hier wieder am Patientenbedarf. Wir schauen, was der Patient benötigt, und setzen die Berufsgruppen gezielt ein. So entsteht bei uns im Idealfall der Skill- und Grade-Mix. Es ist uns ein Anliegen, die besten Kräfte dort einzusetzen, wo sie für den Patienten am meisten Nutzen haben.

Wie sieht das in der Praxis konkret aus?

Der Personaleinsatz der jeweiligen Fachpersonen sollte stets im oberen Drittel ihres Qualifikationsrahmens erfolgen, und nicht in den unteren. So profitiert der Patient am meisten. Das heißt zum Bespiel: Braucht es in der Endoskopie Diplompflege? Gibt es dort genügend Arbeiten, die für zum Bespiel akademisch ausgebildetes Personal, im genannten Sinne qualifizieren? Diese Frage können Sie nur beantworten, wenn ein klarer Prozess zugrunde liegt und Sie dann schauen können, wer wo am besten was macht. Da sind Fragen zur Vorbereitung, Lagerung, Sedation, Endoskopie, Nachbehandlung relevant. Je nachdem was man der Pflege zuordnet, braucht es akademische Pflege oder eben auch Fachfrauen- und -männer Gesundheit.

Welche Rolle spielen akademisierte Pflegefachpersonen?

Akademisierte Pflegeexperten in den Kliniken arbeiten in der Regel zu 50 Prozent ihres Arbeitspensums in der direkten Pflege und die anderen 50 Prozent fließen in übergeordnete Aufgaben. Pflegeexperten mit dem Abschluss „Master of Science“ arbeiten teilweise im Sinne des Modells „Advanced Nursing Practice“, kurz ANP. Diese Fachpersonen agieren patientenbezogen und stellen Angebote zur Verfügung, die auf die jeweilige Patientengruppe zugeschnitten sind – zum Beispiel Patienten mit Brustkrebs, Systemsklerose, chronischer Niereninsuffizienz, dermatologischen Erkrankungen, Prostatatumoren oder im Bereich Palliative Care. Im Aufbau befinden sich gerade ANP-Rollen zu den Themen Delir, Tracheostoma, Stammzelltransplantation, Frühgeburt. Am Inselspital arbeiten zudem und 20 Pflegefachpersonen mit PhD-Abschluss. Ihre Haupteinsatzgebiete sind ebenfalls Advanced-Nursing-Practice-Rollen sowie Lehre und Forschung.

Wie sorgen Sie dafür, dass pflegewissenschaftliche Erkenntnisse nicht verpuffen, sondern die Praxis voranbringen?

Wir arbeiten eng mit den pflegewissenschaftlichen Fachbereichen der Universität Basel und der Berner Fachhochschule zusammen. Diese sind unsere beiden expliziten akademischen Forschungseinheiten, mit denen wir eine strukturierte Akademie-Praxis-Partnerschaft pflegen. Eine zentrale Stellung nimmt hier zum Beispiel Professor Michael Simon ein. Er hat eine Doppelanstellung: Er ist im Leitungsteam des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel und ist gleichzeitig Bereichsleiter der Universitären Forschung Pflege und Hebammen am Inselspital. Er ist am Inselspital sehr präsent und mindestens zweimal pro Woche hier vor Ort. Seine Aufgabe ist es, die Pflegewissenschaft in die Praxis zu überführen.

Und wie gelingt das?

Darüber, dass Projekte von Professor Simon und seinem Team immer in Zusammenarbeit mit den pflegewissenschaftlichen Mitarbeitern der jeweiligen Klinik des Inselspitals erfolgen. Diese fungieren dann als Multiplikatoren, um die Erkenntnisse unter den Stationsmitarbeitern zu verbreiten. Das funktioniert sehr gut. Damit das gesamte Haus von einem Projekt profitiert, treffen sich die Pflegewissenschaftler des Inselspitals in regelmäßigen Abständen und stellen ihre Projekte vor. Eine Möglichkeit ist, dass daraus allgemeingültige Pflegestandards entstehen. Eine zweite Möglichkeit ist, dass aus einem Forschungsprojekt ein neues pflegerisches Angebot entsteht – zum Beispiel eine von der Pflegefachperson eigenverantwortlich geleitete Sprechstunde für eine bestimmte Patientengruppe. Wir sind grundsätzlich der Überzeugung, dass es im Sinne einer evidenzbasierten Pflegepraxis zielführender ist, keine Grundlagenforschung, sondern ausschließlich Versorgungsforschung zu betreiben. Wir erforschen also nur Themen, die dem Patienten und seiner Versorgung nutzen. Diese Strategie ist sehr erfolgreich: Rund 50 Prozent aller Pflegeforschungsprojekte haben eine unmittelbare Konsequenz für die Pflegepraxis. So wurde beispielsweise ein evidenzbasierter Pflegestandard eingeführt, der den fachgerechten Umgang mit Blasenkathetern definiert. Im Tumorzentrum ist zudem ein pflegewissenschaftlich- fundiertes Angebot einer Sarkomsprechstunde eingeführt worden, das von den betroffenen Patienten und Angehörigen sehr gut angenommen wird. Die Liste der Beispiele ließe sich noch weiter fortführen.

Herr von Allmen, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.