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  • 29.11.2017

Auszubildendenprojekt

Die Praxis kritisch hinterfragen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2017

Seite 98

Die vorherrschenden Strukturen im Klinikalltag analysieren, neue Verfahren entwickeln, Mitarbeiter ins Boot holen, die Pflegepraxis voranbringen. Dies schaffte eine Gruppe engagierter Auszubildender des Klinikums Werra-Meißner mit einem eindrucksvollen und im Unternehmen viel- beachteten Projekt zum Thema Harnkatheterismus.

Das machen die auf Station aber ganz anders! – So lautete die vehement geäußerte Rückmeldung der Auszubildenden des Kurses 15/18, als das Thema „Katheterismus und Drainage der Harnblase“ auf dem Unterrichtsplan stand. Doch anstatt die offenkundige Kluft zwischen Theorie und Praxis wortlos zu akzeptieren, beschlossen die jungen Frauen und Männer, einen neuen Weg zu gehen. Die Idee zu einem eigenen Projekt zum Thema Harnkatheterismus war geboren.

Befragung brachte verblüffende Ergebnisse

Das von der Schule und Unternehmensführung unterstützte Projekt startete mit einer Analyse, die das Wissen und Können der Mitarbeiter im Umgang mit der instrumentellen Harnableitung beleuchtete. Hierzu erstellten die Auszubildenden einen Fragebogen, der an beiden Standorten des Klinikums – in den nordhessischen Orten Witzenhausen und Eschwege – anonym eingesetzt wurde. Bei der Erstellung des Fragebogens orientierten sich die Schüler an den im Unterricht vermittelten Inhalten und an den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO), die 2015 vom Robert Koch-Institut (RKI) herausgegeben wurden.

Die Ergebnisse waren zum Teil verblüffend. Bei der simplen Frage nach der Benutzung eines standardisierten Kathetersets stellte sich beispielsweise heraus, dass dieses an einem Standort verwendet wurde und am anderen nicht.

Wie kann so etwas sein? Schließlich beliefert der Zentraleinkauf beide Standorte mit identischen Arbeits- und Hilfsmitteln. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Mitarbeiter des Hauses, die ohne standardisiertes Set arbeiteten, gar nicht wussten, dass dieses im Unternehmen überhaupt existiert. Dementsprechend wurde es nicht angefordert und die Lagerhaltung auf den Stationen hatte dafür auch keinen entsprechend kodierten Einschub in den Materialschränken, die die Servicemitarbeiter hätten bestücken oder wieder auffüllen können.

Ähnliche Engpässe zeigten sich bei der Materialvorhaltung von Alternativen zum Dauerkatheter, wie Katheter zum intermittierenden Einmalkatheterismus, Urinalkondome in verschiedenen Größen und entsprechendes Zubehör.

Ebenso stellte sich heraus, dass in den Fachabteilungen unterschied- liche Indikationen zur instrumentellen Harnableitung gelten. Häufig werden transurethrale Katheter bei korrekter Indikationsstellung in Operationsabteilungen oder auf der Intensivstation gelegt und in den dort verwendeten Formularen dokumentiert. Die Patienten werden oft mit dem Katheter auf die peripheren Stationen verlegt, weil die Indikation noch nicht erloschen ist. Hier begegneten die Schüler nun dem Phänomen, dass die Beteiligten des pflegerisch-therapeutischen Teams ein „Zuständigkeitsproblem“ hatten, wer ab jetzt die Notwendigkeit des Katheters überprüft und die Entscheidung zur Entfernung trifft.

Schüler entwickelten Empfehlungen

Um diesen Missständen zu begegnen, bilden die Schüler Arbeitsgruppen mit verschiedenen Schwerpunkten. Eine Gruppe trat in den Dialog mit der Geschäftsführung und Pflegedienstleitung, um die Strukturvoraussetzungen der Materialvorhaltung zu optimieren. Hierzu sichteten die Auszubildenden im Vorfeld die einschlägigen Empfehlungen der KRINKO, forderten Produktmuster an, setzten sich mit den Beschaffungskosten auseinander und probierten verschiedene Materialien aus. Die daraus entwickelten Empfehlungen wurden seitens der Geschäftsführung und der Pflegedienstleitung zeitnah aufgegriffen und umgesetzt.

Die zweite Arbeitsgruppe entwickelte einen standardisierten Verlaufsbogen, auf dem die Indikationsstellung zur Anlage eines Dauerkatheters, die tägliche Indikationsüberprüfung und die Verlaufsdokumentation vermerkt werden. Der Entwurf basiert ebenfalls auf den KRINKO-Empfehlungen. Zusätzlich berücksichtigt wurden die internen Bedingungen und Verfahrensvorgänge. Der Verlaufsbogen sieht vor, dass die examinierten Pflegenden selbstständig die tägliche Indikationsüberprüfung vornehmen und dadurch letztendlich die Liegedauer eines Blasenverweilkatheters steuern. Das ist für die pflegerischen und ärztlichen Mitarbeiter eine völlig neue Vorgehensweise, auch wenn die Entscheidung zum Verbleib und die Entfernung des Katheters weiterhin dem Arzt obliegt. Der von den Schülern entwickelte Entwurf durchläuft gerade den formalen Weg im Qualitätsmanagement und soll künftig flächendeckend umgesetzt werden.

Um den Mitarbeitern den Umgang mit der transurethralen Harnableitung zu erleichtern, wurde von der dritten Gruppe der bestehende Standard überarbeitet und der Pflegedienstleitung übergeben. Weil ein Standard umfangreich und in dem üblichen Druckformat für die Praxis im Alltag etwas unhandlich ist, hat die Gruppe zusätzlich einen kittel- taschentauglichen Spickzettel mit den wichtigsten Informationen zum Blasenkatheter zur schnellen Orientierung erstellt.

Darüber hinaus wurde eine Patienteninformation entwickelt, die auch den Patienten Möglichkeiten eines gesundheitsförderlichen Verhaltens bei liegendem Katheter aufzeigt. Das Merkblatt wird jedem Patienten bei der Anlage eines Dauerkatheters ausgehändigt.

Die neu entwickelten Arbeitstools wurden als Testversionen den einzelnen Stationen übergeben, sodass die finalen Versionen die Rückmeldungen und Vorschläge der Mitarbeiter bereits beinhalten. Dadurch ergibt sich eine hohe Akzeptanz für die Neuerungen.

Die vierte Arbeitsgruppe erarbeitete eine innerbetriebliche Fortbildung. Die Mitarbeiter sollten so mit den neuen Verfahren vertraut gemacht werden. Die Fortbildung ist als Präsenzveranstaltung und zusätzlich als E-Learning-Tool konzipiert, sodass alle Mitarbeiter die Möglichkeit der Teilnahme haben. Die Schulungstermine erfolgten nach Rücksprache mit der internen Fortbildungsbeauftragten und der Pflegedienstleitung.

Anfangs waren die zum Teil langjährig erfahrenen Pflegenden skeptisch, ob Auszubildenden ihnen noch etwas „Neues“ präsentieren können. Diese Haltung wandelte sich im Verlauf der Schulungen in echtes Interesse. Zudem entwickelten sich Einsicht und der Willen, sich auf die Veränderungen einzulassen, zumal die Strukturvoraussetzungen inzwischen gegeben waren.

Eine überaus positive Erfahrung

Die Schülergruppe hat mit ihrem Einsatz und den daraus resultierenden Ergebnissen das Rad nicht neu erfunden. Sie haben aber einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass dieses Rad jetzt „rund läuft“. Die erhoffte Steigerung der Sensibilität im Umgang mit dem Blasenkatheter soll dazu beitragen, dass Alternativen zum Katheter vorrangig genutzt, weniger Dauerkatheter mit kürzerer Verweildauer gelegt werden und die tägliche Indikationsüberprüfung zu kürzeren Liegedauern führt. Damit sollen Infektionen vermieden und der Einsatz eines Antibiotikums überflüssig gemacht werden.

Für die Auszubildenden war es eine überaus positive Erfahrung, die Pflegepraxis kritisch hinterfragen zu können, auf Gehör zu stoßen und zu erleben, dass ihre Vorschläge auch angenommen wurden. Das sichere und fachlich fundierte Auftreten der Gruppe brachte den Schülern eine Menge Wertschätzung und Respekt im Unternehmen ein und wurde mit einer durch die Geschäftsführung gesponserten Klassenfahrt honoriert.