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  • 22.12.2017
  • Praxis

Ernährung bei Querschnittlähmung

Rundum gut ernährt

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2017

Seite 48

Menschen mit Querschnittlähmung benötigen keine spezielle Diät, aber eine ausgewogene vollwertige Ernährung. Zudem sollte ein besonderes Augenmerk auf die Verdauung gelegt werden, da sich die Schädigung des Rückenmarks auch auf die Funktion des Darms auswirkt.

Menschen mit Querschnittlähmung haben einen etwas verminderten Energiebedarf. Das bedeutet, dass sie weniger Kalorien als Fußgänger benötigen, gleichzeitig aber die gleichen Nährstoffe. Laut Studien wird der Energiebedarf um etwa zehn bis 25 Prozent geringer eingeschätzt (v. Laffert 2010). Allerdings hängt der Energiebedarf querschnittgelähmter Menschen immer auch davon ab, wie viel körperliche Aktivität erfolgt.

10 Regeln für eine ausgewogene Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) spricht von zehn Regeln für eine ausgewogene und vollwertige Ernährung. Diese Regeln wurden für Querschnittgelähmte angepasst und auf ein Ernährungsrad für Rollstuhlfahrer übertragen (Abb. 1). Dieses stellt eine schnelle Übersicht dar, welche Nahrungsmittel wie oft am Tag konsumiert werden dürfen. Da Menschen mit Querschnittlähmung bei nied­rigerer Kalorienzufuhr dieselben Nährstoffe benötigen wie ein Fußgänger, ist es wichtig, dass vollwertige Nahrungsmittel konsumiert werden (Geng et al. 2016).

Jede Speiche des Rads stellt eine Portion dar. Die Portion ist die Lebensmittelmenge, die in der Hand des Betroffenen Platz hat. So hat ein kleiner Mensch eine kleinere Menge zur Verfügung als ein Hüne mit der Größe von zwei Metern. Die Angaben im Ernährungsrad stellen Durchschnittswerte für einen aktiven erwachsenen Rollstuhlfahrer dar. Je nach individueller Aktivität müssen die Portionsgrößen noch angepasst werden (Geng et al. 2016). Bei der Portionierung kann auch die Tellerregel helfen (Abb. 2).

1. Trinken: Eine ausreichende Trinkmenge ist, auch im Hinblick auf die Blasen- und Darmfunktion, notwendig. Es sollten mindestens 1500, besser 1800 Milliliter am Tag getrunken werden (Geng et al. 2016). Hier eignen sich Wasser und Tee, aber auch dünne Saftschorlen.

2. Obst und Gemüse: Zu empfehlen sind zwei Portionen Obst und drei bis vier Portionen Gemüse am Tag. Diese enthalten viele Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe, aber auch wichtige sekundäre Pflanzenstoffe. Das sind bioaktive Substanzen, die den Blutzucker- und Cholesterinwert regulieren und der Entstehung von Krebs entgegenwirken können. Sie stärken das Immunsystem und töten Krankheitserreger im Körper ab (Wellmeier et al. 2015). Da jedes Obst und Gemüse unterschiedliche sekundäre Pflanzenstoffe enthält, lautet die Empfehlung, ampelfarbig zu essen, also etwas Gelbes, Rotes und Grünes. So haben sie den besten Mix an sekundären Pflanzenstoffen.

3. Getreide, Kartoffeln, Teigwaren & Co: Dazu zählen die klassischen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer, Gerste, Mais und Grünkern, aber auch die sogenannten Pseudogetreide wie Amaranth, Quinoa oder Buchweizen. Es sollten vorrangig Vollkornprodukte verwendet werden, da diese länger sättigen und mehr Ballaststoffe enthalten. Sie beeinflussen auch den Stuhltransport positiv. Da Menschen mit Querschnittlähmung oft eine verlangsamte Verdauung haben, kommt es häufig zu Blähungen. Hier kann es helfen, fein vermahlenes Korn zu verwenden oder Körner vor Verzehr etwas quellen zu lassen, zum Beispiel Haferflocken.

4. Milch und Milchprodukte: Diese liefern Calcium als Baustein für die Knochen sowie Vitamin B, das für die Nerven wichtig ist. Aufgrund der reduzierten Kalorienmenge eignet sich der Gebrauch von fettreduzierten Milchprodukten. Auch Sauermilchprodukte können zur Unterstützung der Darmflora beitragen

5. Fleisch und Wurstwaren: Fleisch und Wurstwaren müssen nicht jeden Tag auf dem Speiseplan stehen, zwei- bis dreimal pro Woche reicht. Neben tierischen Fetten und Eiweißen liefern diese allerdings auch Cholesterin und Purine, die zu Gicht führen können. In Wurstwaren stecken oft auch versteckte Fette.

6. Fisch: Fisch besitzt neben hochwertigen und leicht verdaulichen Eiweißen lebensnotwendige und gesundheitsfördernde Fettsäuren, zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren. Es wird empfohlen, ein- bis zweimal pro Woche Fisch zu essen.

7. Eier: Der Eierkonsum der Woche sollte bei zwei bis drei liegen. Achtung: Eier sind oft in Backwaren versteckt.

8. Fette und Öle: Durch Fleisch und Milchprodukte werden bereits viele tierische Fette aufgenommen. Daher können zum Kochen und Braten gute Pflanzenöle verwendet werden. Idealerweise werden die Fette mit einem Löffel (= 1 Portion) abgemessen.

9. Knabbereien: Dazu gehören, Süßigkeiten, Schokolade, Kekse und Kuchen, aber auch Chips, Eis, Limonaden und alkoholische Getränke. Hier kann es hilfreich sein, schon beim Einkaufen auf die Portionsgröße der Verpackung zu achten. Kleinere Einheiten sind zu bevorzugen. Alkohol in Maßen ist ein Genuss, in größeren Mengen jedoch schädlich. Auch sind die Wechselwirkungen mit Medikamenten nicht zu unterschätzen. Nüsse und Mandeln liefern wichtige pflanzliche Fette und Eiweiße. Sie ergänzen den Speiseplan perfekt.

10. Salz, Kräuter und Gewürze: Bei querschnittgelähmten Menschen ist der Natriumwert im Serum ausschlaggebend dafür, ob eher salzreich oder salzarm gegessen werden soll. Zu bedenken ist, dass Salz in vielen Fertigprodukten vorhanden ist. Durch die Verwendung von Kräutern und Gewürzen kann beim Abschmecken das Salz reduziert werden. Mit unterschiedlichen Gewürzen können auch körperliche Vorgänge beeinflusst werden. So sind Fenchel, Anis, Kreuzkümmel und Kümmel verdauungsfördernd und helfen gegen Blähungen. Schwarzkümmel und Lorbeer sind harntreibend, Kardamom ist krampflösend.

Ballaststoffe sind wichtig für die Verdauung

Ballaststoffe sind definiert als Nahrungsbestandteile, die der menschliche Körper nicht verdauen kann. Deshalb liefern sie ihm auch keine Energie und keine Bausteine. Trotzdem sind sie sehr wichtig. Zum einen wird durch eine ausreichende Menge an Ballaststoffen – empfohlen sind 30 Gramm pro Tag – die Darmflora ernährt und zum anderen Wasser im Stuhlgang gebunden. Das führt zu einem besseren Stuhltransport.

  • Im Mund zwingen die Ballaststoffe zu längerem und intensiverem Kauen. Dadurch startet der Verdauungsprozess.
  • Im Magen verweilen ballaststoffreiche Lebensmittel länger und sättigen dadurch für eine längere Zeit.
  • Im Dünndarm vergrößern Ballaststoffe das Speisebreivolumen und führen dadurch zu mehr Stuhlmasse. Das stimuliert die Darmwand und regt in der Folge die Darmbewegung an.
  • Im Dickdarm wird die Darmflora durch die Ballaststoffe positiv beeinflusst.

Dies sind nur ein paar der positiven Einflüsse der Ballaststoffe auf das Verdauungssystem. Einen negativen Aspekt gibt es allerdings: Ballaststoffe können Blähungen hervorrufen. Der Körper gewöhnt sich aber an die Ballaststoffe, und die Blähungen werden weniger. Wichtig ist deshalb, Ballaststoffe schrittweise zu erhöhen und dem Körper Zeit zu geben, sich daran zu gewöhnen.

Grundsätzlich ist die Ernährung von Menschen mit Querschnittlähmung mit der von Fußgängern vergleichbar. Die Grundsätze der ausgewogenen Ernährung bleiben die gleichen. Allerdings haben Lebensmittel, die einen Einfluss auf die Darmfunktion haben, egal ob sie eher abführend oder stopfend wirken, beim Querschnittgelähmten andere Konsequenzen, da der Darm nicht willkürlich entleert und kontrolliert werden kann.

Knoblauch und Zwiebeln können Blähungen hervorrufen. Das ist bei Menschen mit Querschnittlähmung ebenso wie bei Fußgängern, und viele berichten, dass diese richtig „durchputzen“. Deshalb kann es Sinn machen, Knoblauch und Zwiebel beim Kochen wegzulassen und dafür mehr mit Kräutern und Gewürzen zu arbeiten.

Letztendlich geht es bei der Ernährung aber auch darum, selbst herauszufinden: Was tut mir gut, was tut mir nicht gut? Wie reagiert mein Körper auf bestimmte Lebensmittel? Und dies ist unabhängig davon, ob jemand im Rollstuhl sitzt oder nicht.

BUCHTIPPS

Die beiden Bücher „Querschnitt Ernährung“ und „Querschnitt Kochen“, ein Projekt der Manfred-Sauer-Stiftung, können im Doppel- pack in der Manfred-Sauer-Stiftung zzgl. Versandkosten bestellt werden. www.bz-ernaehrung.de

Geng, V. & Hess, C. (2016): Ernährung bei Querschnittlähmung, Informationen für Betroffene, Broschüre der Manfred-Sauer-Stiftung, Beratungszentrum für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter

Geng, V. Obereisenbuchner, J.; Senft, B. & Wirschinger, S. (2016): Ernährungsempfehlungen bei Querschnittlähmungen, Netzwerk Ernährung Querschnittgelähmter, 3. Aufl., Manfred-Sauer-Stiftung, Selbstverlag

Von Laffert, A. (2010): Ruheumsatz und Zusammenhang mit dem Ernährungs- und Bewegungsverhalten bei Querschnittgelähmten; Bachelor Thesis, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Wellmeier, M. (2015): Die Anleitung zum Ess- und Bewegungsprogramm – Lecker und Ausgewogen mit dem VFED-Ernährungsdreieck. Hrsg. Verband für Ernährung und Diätetik e.V.

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