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  • 30.11.2017

Studie

Fragwürdige Krebstherapien

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2017

Seite 47

Hochpreisige neue Krebsmedikamente verbessern nur in seltenen Fällen die Lebensqualität und Lebensdauer unheilbar erkrankter Menschen. Dieses Ergebnis stellt die gängige Praxis der Zulassung teurer, aber meist wenig sinnvoller Krebsmedikamente mehr als infrage.

Krebserkrankungen – und vor allem deren Behandlungsintensität – haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Experten warnen schon heute, dass dieses Behandlungsausmaß in absehbarer Zeit kein Sozialsystem der Welt mehr tragen kann. Auch der Einsatz von Krebstherapien vor dem Lebensende beziehungsweise in palliativer Situation nimmt zu – dabei wird dieser zunehmend kritisch gesehen und gilt sogar als Qualitätsindikator für eine schlechte krebsmedizinische Versorgung. Während einige Substanzen einen nicht unerheblichen Zusatznutzen haben, besteht bei vielen anderen die Sorge, dass ihr Nutzen nur minimal ist, obgleich sie oft als „Durchbrüche“ vermarktet werden.

Eine aktuelle Studie hat nun Daten zum Gesamtüberleben und zur Lebensqualität von in Europa zugelassenen Krebsmedikamenten zusammengefasst (1). Hierfür wurden öffentlich zugängliche wissenschaftliche Berichte über Krebsgenehmigungen durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) von 2009 bis 2013 ausgewertet. In dieser Zeit genehmigte die EMA die Verwendung von 48 Krebsmedikamenten für 68 Indikationen.

61 (90 %) hatten von vornherein nur ein palliatives Ziel, ihr Einsatz war mithin ausschließlich für unheilbar Krebserkrankte gedacht. Trotzdem wurde bei keiner Substanz die Lebensqualität als primärer Endpunkt untersucht.

Zum Zeitpunkt der Marktzulassung kam es bei 24 der 68 Indikationen (35 %) zu einer signifikanten Verlängerung des Überlebens. Die Höhe des Nutzens für das Gesamtüberleben lag zwischen 1,0 und 5,8 Monaten (Median 2,7 Monate). Zum Zeitpunkt der Marktzulassung verbesserte sich die Lebensqualität in sieben von 68 Indikationen (10 %). Von 44 Indikationen, für die zum Zeitpunkt der Marktzulassung kein Überlebensgewinn nachgewiesen werden konnte, gab es in der folgenden Zeit nach Markteinführung in drei Fällen (7 %) Belege für eine Verlängerung des Lebens und in fünf Fällen Belege für eine Besserung der Lebensqualität (11 %).

Die Autoren kritisieren drastisch die Zulassung teurer Medikamente ohne klinisch sinnvolle Leistungen. Der bei einer Minderheit festgestellte Lebenszeitgewinn lag im Mittel bei nur 2,7 Monaten. Moderne Krebstherapeutika erfüllen zu einem Großteil nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Ein Lebenszeitgewinn wurde nur bei einem kleinen Teil gezeigt, mehrheitlich war er dann trotz statistischer Signifikanz nicht patientenrelevant.

Bedrückend ist, dass der Großteil der Substanzen ohnehin nur in palliativer Indikation zugelassen wurde. Pflegepersonal weiß schon lange, dass Patienten hier Lebensqualität wünschen, diese wurde bei keiner Substanz als primärer Endpunkt getestet und letztlich nur bei einem Bruchteil während der Therapie gebessert. Etwa die Hälfte der Behandlungen belegte mit Stand März 2017 keinerlei Nutzen, selbst in der Langzeitbeobachtung. Nach wie vor werden die Substanzen aber verordnet und extrem hochpreisig erstattet. Hier sei das gerade erschienene Buch „Die Krebsmafia“ zitiert, welches bei einem nicht unerheblichen Teil der Krebsmediziner „rechtswidrige Partizipation“ an hohen Preisen beschreibt.

Mit den Artikelautoren kann man nur unterstreichen, dass solche Medizin gerechte Gesundheitsversorgung untergräbt. Würde das „verschwendete“ Geld in Pflege investiert, hätten wir leistungsgerechte Vergütung und ausreichendes Stellenpolster. Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden: Industrielobby – oder Menscheninteressen?

(1) Davis, C., Naci, H., Gurpinar, E., Poplavska, E., Pinto, A., & Aggarwal, A. (2017). Availability of evidence of benefits on overall survival and quality of life of cancer drugs approved by European Medicines Agency: retrospective cohort study of drug approvals 2009–13. Bmj, 359, j4530, Online verfügbar unter: www.bmj.com/content/359/bmj.j4530 (letzter Abruf: 13.11.17)