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  • 22.02.2018

Infektionsprävention im Krankenhaus

"Wir treffen uns auf Augenhöhe"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2017

Seite 18

Um die Rate von Klinikinfektionen zu senken, startete die Bundesregierung ein Hygieneprogramm. In der Klinik für Anästhesiologie der Charité gelang es damit, die Sepsisrate um 60 Prozent zu senken. Ein entscheidender Erfolgsfaktor: Pflegende und Mediziner arbeiten in dem Programm eng zusammen.

Neu ist die Erkenntnis nicht: Händehygiene spielt eine entscheidende Rolle, um Infektionen im Krankenhaus zu bekämpfen. Doch die Umsetzung lässt im stressigen Klinikalltag vielfach noch Spielraum nach oben. Das Bundeskanzleramt hat deshalb einen neuen Versuch unternommen, das Bewusstsein zu stärken und alle, die im Krankenhaus arbeiten, zum Mitmachen zu bewegen. Die Projektgruppe „wirksam regieren“ im Haus von Kanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) legte dazu ein Programm zur Infektionsprävention auf.

Händehygiene-Compliance stieg von 57 auf 91 Prozent

Vor knapp drei Jahren war die Projektgruppe gestartet. Im Bereich Gesundheit hat sie sich dabei zum einen das Projekt „Masernimpfung – Schutz für alle“ vorgenommen, zum anderen die Infektionsprävention im Krankenhaus. Kooperationspartner sind das Nationale Referenzzentrum für die Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ) und die Charité. Im Zeitraum Januar 2016 bis September 2018 soll untersucht werden, wie die Infektionsraten auf Intensivstationen verringert und die Compliance beim Thema Händedesinfektion gesteigert werden kann. 100 Intensivstationen in ganz Deutschland nehmen teil. Der Abschlussbericht erfolgt im Oktober 2018.

Pilotstation ist die Intensivstation der Charité-Klinik für Anästhesiologie am Virchow-Campus. Dort gelang es laut einem ersten Zwischenbericht des Bundeskanzleramts vom Sommer 2017 die Händehygiene-Compliance von 57 auf 91 Prozent zu steigern und die Sepsisrate (Blutstrominfektionen) um 61 Prozent zu senken. Die Zahl der Harnwegsinfektionen sank gar um 72 Prozent. Atemwegsinfektionen gingen um 16 Prozent zurück. „Deutlich verbessert wurde insbesondere die Händedesinfektion vor aseptischen Tätigkeiten, die zum Beispiel den Kontakt mit Wunden und nicht intakter Haut, Verbandswechsel und Injektionen umfassen“, heißt es in dem Zwischenbericht. Angesichts der hohen Sterblichkeit bei Infektionen sind die Daten ein echter Erfolg.

Im April 2016 weitete die Projektgruppe das Programm auf 46 Stationen in ganz Deutschland aus, die sogenannte erste Kohorte. Die Leitungsteams dieser Stationen, bestehend aus Arzt, Pflege und der für das Programm verantwortlichen Hygienefachkraft, wurden dazu nach Berlin an das NRZ eingeladen. Im Frühjahr 2017 folgte dann die Schulung einer zweiten Kohorte aus 49 Stationen. „Die Schulung umfasst neben Hintergründen zur Infektionsprävention insbesondere den Aufbau partizipativer Strukturen, die fachgerechte Beobachtung der Händehygiene und Datenerfassung im dazugehörigen Erfassungs- und Auswertungssystem, die administrative Vorbereitung, die Schaffung einer konstruktiven und sachbezogenen Arbeitsatmosphäre sowie eine Simulation der Durchführung von Teammeetings“, ist in dem Bericht weiter zu lesen.

Seit Beginn des Programms sei die durchschnittliche Compliance-Rate beim Thema Händehygiene auf den 46 Stationen der ersten Kohorte von 72 auf 86 Prozent gestiegen. Dabei gelte: Ab 80 Prozent sinke Studien zufolge die Komplikationsrate signifikant.

„Pro Schicht eine Stunde Händedesinfektion“

Was waren die konkreten Maßnahmen? Monatlich treffen sich Ärzte und Pfleger zu einem Teammeeting, und zwar hierarchie- und berufsgruppenübergreifend. Insgesamt gebe es 100 Aktivitäten, bei denen vorher oder nachher eine gründliche Händedesinfektion nötig sei, erklärte PD Dr. Steffen Weber-Carstens, Mitglied der Erweiterten Klinikleitung der Charité und verantwortlich für die Pilotstation. „Pro Schicht heißt das: insgesamt knapp eine Stunde Händedesinfektion“, erläutert Weber-Carstens. Es müsse immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden, wie wichtig das sei. „Wir waren früher schon mal besser, sind aber vor Beginn des Projekts wieder abgesunken“, gibt er zu.

Das Problem sei nicht nur der Zeitdruck auf Stationen, der zu Nachlässigkeiten führe. „Es geht um Qualifizierung und Weiterbildung“, sagt er. Manchmal helfen aber auch banale Maßnahmen – etwa ein Aufkleber auf den Beatmungsgeräten, der erinnere: „Desinfektion nicht vergessen!“ Der Vorschlag kam aus der Pflege selbst, da hier offenkundig eine Fehlerquelle lag.

Die Hygienefachkraft Beatrice Köppel berichtet, dass Mitarbeiter sich durchaus dankbar zeigen, wenn man sie auf Fehler hinweist. 200 Beobachtungen führt sie pro Monat aus. Ihr zufolge waren „klare Ziele zu Compliance-Raten“ ein Schlüssel für den Erfolg. Also alles Gold in der Klinik? Mitnichten. Pflege-Stationsleiterin Monique Schieler berichtet über Probleme, etwa mit „externen Kollegen“. Sie klagt ebenfalls über eine „hohe Arbeitsbelastung“, sagt aber auch: „Wir treffen uns auf Augenhöhe, Pflege und Ärzte.“