Passwort vergessen
  • 08.12.2017

Neues Ausbildungskonzept

In vier Jahren zur Intensivfachkraft

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2017

Seite 92

Am Klinikum Saarbrücken ist am 1. August eine  vierjährige Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege gestartet, die die Fachweiterbildung in der Anästhesie- und Intensivpflege einschließt. Dem Mangel an Fachpersonal auf Intensivstationen soll so entgegengewirkt werden.

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist in deutschen Kliniken deutlich spürbar. Besonders auf Intensivstationen wird es immer schwieriger, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Diese zunehmende Problematik ist seit einigen Jahren zu beobachten: Während 2009 22 Prozent der Kliniken offene Stellen im Intensivbereich nicht besetzen konnten, waren es 2013 bereits 40 Prozent (Krankenhaus-Barometer 2013). Aktuell sind bundesweit 3 150 Stellen in der Intensivpflege nicht besetzt (DKG 2017).

Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund, dass immer mehr Patienten auf Intensivstationen behandelt werden müssen, äußerst bedenklich. Laut Pflege-Thermometer 2012 sind die Behandlungsfälle auf Intensivstationen mit Beatmung seit 2002 um ein Viertel angestiegen. Zudem ist absehbar, dass Personalbesetzungsstandards die Problematik künftig weiter verschärfen werden.

Ausbildung soll Versorgungs- engpass entgegenwirken

Auch im Klinikum Saarbrücken konnte der Fachkräftebedarf auf Intensivstationen in den vergangenen Jahren nicht gedeckt werden. Zum einen gibt es insgesamt weniger Nachwuchs in der Pflege, zum anderen bereitet die dreijährige Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege nur bedingt auf das hochkomplexe Tätigkeitsfeld der Intensivpflege und Anästhesie vor. Obwohl im Klinikum Saarbrücken alle Auszubildenden in der Gesundheits- und Krankenpflege einen Praxiseinsatz auf einer Intensivstation absolvieren, entschieden sich nach dem Examen zu wenige für den Intensivpflegebereich und die daran anknüpfende zweijährige Fachweiterbildung.

Mit einem neuen Ausbildungskonzept – Gesundheits- und Krankenpflege mit integrierter Fachweiterbildung in der Intensivmedizin und Anästhesie – möchten die Verantwortlichen des Klinikums Saarbrücken einem Versorgungsengpass entgegenwirken. Die Schüler/innen werden in vier Jahren nach den geltenden Berufsgesetzen in der Gesundheits- und Krankenpflege und der Verordnung zur Durchführung der Fachweiterbildung in den Pflegeberufen ausgebildet. Sie erlangen nach bestandenem Examen die staatlich anerkannten Abschlüsse in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in der Fach­pflege Intensivmedizin und Anästhesie.

Wie sieht das Curriculum aus?

Die theoretische Ausbildung umfasst insgesamt 2 800 Stunden. Das für dieses neue Ausbildungskonzept entwickelte Curriculum basiert auf den Inhalten der klassischen dreijährigen Ausbildung sowie der Fachweiterbildung für Intensivmedizin und Anästhesie. Hierbei werden ab dem ersten Theorieblock die allgemeinen und speziellen Pflegethemen mit den typischen Bezügen zum Intensivpflegebereich angeboten. So ist beispielsweise das Themenfeld der Körperpflege zusätzlich mit den Besonderheiten im Intensivpflegebereich verknüpft. Darüber hinaus finden sich die speziellen Themen der Fachpflege in der Intensivmedizin und Anästhesie in jedem Theorieblock wider.

Bei der Entwicklung des Curriculums unterstützten Experten aus der Praxis der Intensivstationen. Für eine zielführende Umsetzung der Unterrichtsinhalte stehen neben den Lehrkräften der Schule, einer Kursleitung mit Intensivfachweiterbildung, Experten aus der Intensivpflege und Anästhesie mit abgeschlossener Fachweiterbildung sowie Fachärzte zur Verfügung. Prozessbegleitend finden regelmäßig Dozentenkonferenzen statt.

In der praktischen Ausbildung absolvieren die Schüler/innen 3.700 Stunden. Davon finden 300 Ausbildungsstunden in der Anästhesie und 800 Stunden in Externaten, wie der ambulanten Pflege, Rehabilitation und Psychiatrie, statt. Zum Erlernen der grundständigen praktischen Pflege durchlaufen alle Schüler/innen im ersten Praxiseinsatz und zum späteren Zeitpunkt der Ausbildung in einem zweiten Einsatz jeweils einen konservativ und chirurgisch versorgenden Pflegebereich. 2.600 Ausbildungsstunden sind in unterschiedliche Intensivpflegebereiche verteilt. Dies umfasst das Zentrum für Intensiv- und Notfallmedizin mit einem umfassenden Spektrum der am Klinikum Saarbrücken verankerten Fachabteilungen, die überregionale Schlaganfall-Akutstation, die Kinderintensivstation und die Zentrale Notaufnahme.

Zentrale und dezentrale Praxisanleiter/innen begleiten die Schüler/innen kontinuierlich in den praktischen Lernorten. Zudem gestaltet eine Fachgruppe – bestehend aus Experten aus der Praxis und der Theorie – die speziellen Lernziele für die Intensivpflegebereiche und der Anästhesie. Um kritische Situationen in der Praxis reflektieren und verarbeiten zu können, ist pro Praxisblock ein praxisbegleitender Studientag vorgesehen.

Modellausbildung wird wissenschaftlich begleitet

Die vierjährige Ausbildung verfolgt das Ziel, staatlich anerkannte Berufsabschlüsse auf einem kürzeren Qualifikationsweg zu ermöglichen. Bei der Entwicklung des Curriculums standen vor allem zwei zentrale Fragestellungen im Fokus: Welche Qualifikationsprofile in der Intensiv- und Anästhesiepflege können künftig einem Fachkräftemangel entgegenwirken? Wie können die Grundausbildung und die Fachweiterbildung für Intensivmedizin und Anästhesie integrativ verknüpft werden?

Die vorgestellte Konzeption überzeugte die zuständige Aufsichtsbehörde. Diese stimmte dem Antrag zur Durchführung eines Modellvorhabens zu. Die verpflichtend ausbildungsjahrbezogene und die zusätzliche abschließende Evaluation jeden Modelldurchgangs bilden einen festen Bestandteil der Konzeption. Die wissenschaftliche Begleitung trägt unterstützend zum Gelingen der Ausbildung bei. Parallel zum Modellvorhaben findet weiterhin die klassische dreijährige Ausbildung statt. Auch die Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie, die seit Jahren am Klinikum Saarbrücken angeboten wird, wird weitergeführt.

Der neue Ausbildungsgang wurde seit Mai 2017 medienwirksam beworben. Am 1. August 2017 begann die Ausbildung mit 18 Teilnehmern. Es konnten junge Menschen mit Allgemeiner Hochschulreife oder Fachhochschulreife sowie Personen mit Erfahrung in einem anderen Gesundheitsberuf, im Rettungsdienst oder im Freiwilligendienst gewonnen werden.

Die Verantwortlichen hoffen, dass dieses neue Ausbildungsmodell die Attraktivität der Pflegeberufe steigert sowie zur Verbesserung der Qualität und Effizienz in den zunehmend komplexen pflegerischen Versorgungssituationen beiträgt. Zudem ist zu erwarten, dass die fachlich fundierte und professionelle Quali­fizierung der Auszubildenden zu einer Aufwertung des pflegepraktischen Handlungsfelds beiträgt.

Bildungspolitische Sackgasse

Lothar Ullrich, 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) und Leiter der Weiterbildungsstätte für Intensivpflege & Anästhesie und Pflege in der Onkologie am Universitätsklinikum Münster, kommentiert das neue Ausbil- dungskonzept des Klinikums Saarbrücken

Die Lage auf Intensivstationen und im OP ist angespannt. Händeringend suchen Krankenhäuser in Deutschland qualifizierte Fachpflegende. Hinzu kommt, dass der Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums zur Forderung nach Personaluntergrenzen in sogenannten pflegesensitiven Bereichen wie Intensivstationen den Druck auf die Kliniken erhöhen wird.

Sich in dieser Situation wieder alter Rezepte zu bedienen, die auf eine Beschleunigung der Ausbildung bis zur Fachpflegekraft abzielen, bringt mehr Probleme mit sich, als dass es sie löst. Missglückte Experimente aus der Vergangenheit belegen, dass verkürzte Ausbildungswege im Intensivbereich nicht tragfähig sind: So ist der Klinikverbund Südwest aus Baden-Württemberg mit seinem Versuch, eine grundständige Ausbildung zur Intensivpflegekraft ohne Anerkennung irgendeiner beruflichen Qualifikation zu etablieren, ebenso gescheitert wie eine Klinik in Frankfurt am Main, die Frischexaminierte einjährig zu Pflegeexperten für die Intensivstation weiter ausbilden wollte.

Nun bietet das Klinikum Saarbrücken eine staatlich anerkannte vierjährige Krankenpflegeausbildung in Kombination mit der Fachweiterbildung an. Solche Auswüchse stellen überstürzte Reparaturmaßnahmen dar und sind symptomatisch für eine verfehlte Bildungspolitik im Bereich der Pflege. Die Saarbrücker Ausbildung erfüllt zwar die formalen Voraussetzungen der Krankenpflegeausbildung und der landesrechtlichen Weiterbildungsverordnung des Saarlandes, aber bei weitem nicht die anderer Landesverordnungen und der Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Insofern ist auch zu erwarten, dass der Ausbildungsabschluss in vielen Bundesländern nicht anerkannt wird. Selbst wenn es gelingt, in den vier Jahren durch geschickte curriculare Umsetzung die gleichen theoretischen Grundlagen zu vermitteln, kann die Umsetzung der praktischen Anleitung nie an das heranreichen, was in drei Jahren Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung und zwei Jahren Fachweiterbildung inklusive rotierender Einsätze möglich ist. Es ist zu befürchten, dass dadurch nicht wie gewünscht zusätzliches Pflegepersonal für die Intensivstationen akquiriert werden kann, sondern aufgrund von Überforderung und falschem Ehrgeiz die Absolventen dem Berufsfeld mittelfristig verloren gehen.

Aus meiner Sicht wollen und müssen wir auch im Sinne der Patientensicherheit und zum Schutz junger Pflegender an der zweijährigen Fachweiterbildung, die sich einer grundständigen Ausbildung anschließt, festhalten. Meines Erachtens handelt es sich bei der neuen Ausbildung des Klinikums Saarbrücken um einen Schnellschuss, der in die Sackgasse führt. Es ist zielführender, Pflegenden schon in der Ausbildung die Möglichkeit zu bieten, Einsätze auf den Intensivstationen zu absolvieren. Nur so kann die Attraktivität der Intensivpflege erlebt werden.

Und: Es besteht Konsens darüber, dass Bildung europaweit vereinheitlicht werden soll, um Absolventen breite Karriereoptionen zu bieten. Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass Kliniken regionale Angebote entwickeln, um ihre Personalprobleme zu lösen.