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  • 17.01.2017

Serie Rechtsfragen

Delegation: Darf OP-Personal bei Amputationen anzeichnen?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2016

Frage:
In unserem Klinikum wurde einem Patienten um ein Haar das falsche Bein amputiert. Die Ärzte im OP haben behauptet, das Pflegepersonal in der Notaufnahme habe falsch angezeichnet. Das stimmte aber nicht, wie nachträglich festgestellt wurde. Meine Frage: Ist das Anzeichnen bei Amputation überhaupt delegierbar?



Das OP-Personal ist zur Unterstützung und Ergänzung der operierenden Ärzte beschäftigt. Ohne ihre Mithilfe können die operierenden Ärzte im Regelfall keine Operationen durchführen. Die Arbeit erfolgt im Team – in der Regel mit einem Operateur, einer ersten und zweiten Assistenz, der Anästhesie (Arzt und Fachpflege) sowie einer oder mehrerer OP-Fachkräfte (Pflege, Operationstechnische Assistenten). 

Demzufolge sind alle Aufgaben des OP-Personals Tätigkeiten, die eigentlich der operierende Arzt auszuführen hat. Ausnahmen bilden die Anästhesie, Hygiene und Medizintechnik. Bei Streitigkeiten gibt es selbst gegenüber den Anästhesisten die Kompetenz-Kompetenz des Operateurs. Er allein ist „primus inter pares“ (Letztverantwortlicher im Team).

Da also der Operateur die Gesamtverantwortung im Sinne einer Letztentscheidungsverantwortung trägt, ist er letztendlich der Verantwortliche für das Anzeichnen des zu amputierenden Beines. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass das richtige Bein amputiert wird.

Da das OP-Personal zur Unterstützung eingesetzt wird, bekommt es ärztliche Aufgaben übertragen. Der Operateur darf nicht nur, sondern muss sogar delegieren, damit er sich auf die eigentliche Operationstätigkeit konzentrieren kann. Was im Einzelnen von wem zu erledigen ist, hat der Operateur im Team mit seinen Mitarbeitern unter Beachtung deren Fachlichkeit und persönlicher Kompetenz abzuklären und festzulegen. Insbesondere muss durch den ärztlichen Dienst eine Überwachung erfolgen.

Ein ganz wesentlicher Punkt ist dabei das Risikomanagement. Dies wurde schon in der Vergangenheit an den immer wieder auftretenden Bauchtuchfällen – oder Zurücklassen sonstiger Gegenstände – von der Rechtsprechung entschieden. Natürlich wird der fehlerhaft handelnde Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen – aber eben auch der gesamtverantwortliche Operateur. Er hat sich wegen Körperverletzung auch strafrechtlich zu verantworten, weil er die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen unterlassen hat. So ist es in der Rechtsprechung seit über dreißig Jahren geregelt. Das bedeutet, der Operateur hat vor dem Schnitt immer abzuklären: Ist es das richtige Bein oder nicht?

Um so mehr überrascht die Selbstgefälligkeit vieler Operateure, die im Strafprozess oder Haftpflichtprozess in der Regel geltend machen, sie hätten so viel zu tun, dass sie sich nicht um alles kümmern könnten. Das aber akzeptieren die Juristen nicht, weil das eine Frage des Zeitmanagements und des richtigen Planens ist. Genau das Planen und Organisieren könnte eine Stärke des OP-Personals sein, ein Risikomanagement zusammen mit den Ärzten zu entwickeln, das sicherstellt, dass das richtige Bein amputiert wird. Keinesfalls ist das aber Aufgabe einer Notaufnahme. Die ist zu weit weg.

Ergebnis: Im Rahmen eines Risikomanagements kann das Anzeichnen des zu amputierenden Beins durch OP-Personal vorgenommen werden. Die letzte Verantwortung, dass das richtige Bein amputiert wird, trägt aber der Arzt.

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