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  • 20.12.2016
  • Forschung

Umfrage zum Pflegeberufegesetz

Generalistik: Pro oder Contra?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2016

Seite 90

Wie stehen die beruflich Pflegenden zur Generalistik? Wie gut fühlen sie sich zum geplanten Gesetz informiert? Eine Befragung von gut 3.200 Personen offenbart deutlichen Nachholbedarf. Denn: Je schlechter sich die Befragten informiert fühlen, desto größer ist ihre Skepsis gegenüber der Generalistik.  

 

Das Pflegeberufegesetz ist in aller Munde. Noch zu Beginn des Jahres sah es so aus, als ob die gesetzliche Regelung noch vor der Sommerpause verabschiedet wird. Nun ist klar, dass sich der Prozess verzögert, weil Überarbeitungen notwendig sind. Befürworter und Gegner nutzen die Zeit, um den politischen Willensbildungsprozess zu beeinflussen und informieren auf allen Kanälen. Was aber kommt von den Informationen bei den beruflich Pflegenden an? Wie positionieren sich die Berufsangehörigen?

Im Rahmen eines studentischen Forschungsprojektes an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München wurden dazu beruflich Pflegende mittels einer Online-Erhebung befragt. Im Mittelpunkt standen drei Fragen, die derzeit die Praxis besonders bewegen:

  1. Wie informiert fühlen sich Pflegende zum geplanten Pflegeberufegesetz?
  2. Wird die „Generalistik“ befürwortet oder abgelehnt?
  3. Welche zukünftige Berufsbezeichnung wird präferiert?

Ergänzend zu diesen Leitfragen wurden das Geschlecht, die Art der Berufsausbildung, das Alter, das Jahr des letzten Berufsabschlusses und das Qualifikationsniveau erfragt. Die Online-Erhebung bestand damit aus acht Fragen. Sie wurde in einer Computer- und Smartphone-Variante angeboten und erreichte die beruflich Pflegenden über Soziale Netzwerke. 

Überraschende Ergebnisse

Insgesamt 3.441 Personen nahmen zwischen dem 29. Mai 2016 und 18. Juni 2016 an der Befragung teil. Davon waren 3.275 Datensätze auswertbar. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit betrug 98 Sekunden (SD = 35,8).

Der überwiegende Teil der Befragten hatte ein Examen in der Gesundheits- und Krankenpflege (55,4 %) oder der Altenpflege (39,6 %). Der Anteil an Personen, die sich in der Ausbildung befanden, lag bei 18,9 Prozent. Bei den Examinierten lag das pflegerische Examen im Durchschnitt zwölf Jahre zurück. Der Anteil der Pflegenden mit einem Studienabschluss war, bezogen auf die Verteilung in der Gesamtstichprobe, mit knapp einem Drittel überdurchschnittlich hoch (31,9 %). Der Altersdurchschnitt lag bei 35,6 Jahren (SD = 11,3), der Männeranteil bei 17,1 Prozent.

Grad der Informiertheit: Etwa die Hälfte der Befragten fühlt sich nur unzureichend informiert (51,1 %). Nur jede fünfte Person fühlt sich „gut“ oder „sehr gut“ informiert (19,2 %) (Abb. 1).

 

 

Anteil der Befürworter: Von den 3.222 Personen, die dazu Angaben gemacht haben, lehnen 60,7 Prozent die Generalistik ab, 39,3 Prozent befürworten diese. Dabei wird deutlich, dass mit steigender Informiertheit die Akzeptanz für die Gene- ralistik zunimmt (Abb. 2).

Da der Anteil an Personen, die sich als „sehr gut“ und „gut“ informiert einschätzen, bei den Pflegenden mit akademischem Abschluss höher ist, ergeben sich auch bedeutsame Gruppenunterschiede: Der Anteil der Generalistik-Befürworter liegt bei Personen mit hochschulischem Abschluss bei 48,2 Prozent, bei Personen ohne Hochschulstudium bei 34,1 Prozent.

Bedeutsame Unterschiede gibt es auch zwischen den einzelnen Berufsgruppen. Innerhalb der 257 Befragten mit einem Examen in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege befürworten 19,8 Prozent die generalistische Ausbildung, in der Gesundheits- und Krankenpflege sind es 36,8 Prozent, in der Altenpflege 47,0 Prozent.

Bevorzugte Berufsbezeichnung: Insgesamt haben 3.260 Personen eine der fünf zur Auswahl stehenden Bezeichnungen gewählt (Abb. 3). Mehr als die Hälfte favorisieren den Begriff „Pflegefachkraft“. Knapp ein Drittel findet keine der zur Auswahl stehenden Bezeichnung passend. Die Kommentierungen in den Sozialen Medien zu Befragungen deuten an, dass diese Personen für die Beibehaltung der bisherigen Berufsbezeichnung sind (Abb. 3).

Die Präferenz für eine Berufsbezeichnung ist vom Votum „Pro versus Contra Generalistik“ unabhängig. Dennoch zeigen sich auch hier bedeutsame Zusammenhänge durch das Qualifikationsniveau, die Berufsgruppe und den Grad der Informiertheit. Studierende oder Studierte präferieren zu 51,1 Prozent den Begriff Pflegefachkraft, Personen ohne Hochschulstudium zu 64,8 Prozent. Unter den Befragten der Altenpflege wird die Bezeichnung „Pflegefachkraft“ mit 86,4 deutlich präferiert, gegenüber der Gesundheits- und Krankenpflege (49,7 %) und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (44,8 %).

Abbildung 4 verdeutlicht für die beiden Bezeichnungen „Pflegefachkraft“ und „Pflegefachmann/-frau“ die Verschiebungen in Abhängigkeit vom Grad der Informiertheit. Bei den anderen Namensoptionen sind die Unterschiede in Abhängigkeit vom Grad der Informiertheit gering (Abb. 4).

Es wird deutlich, dass mit steigendem Grad der Informiertheit die Tendenz zur Wahl des Begriffs „Pflegefachmann/-frau“ steigt. So wählen beispielsweise die „sehr gut“ Informierten zu 40,8 Prozent den Begriff Pflegefachkraft, bei den „unzureichend“ Informierten sind es 58,1 Prozent. Hinsichtlich der Bezeichnung „Pflegefachmann/-frau“ ist die Tendenz gegenläufig.

 

Information muss deutlich verbessert werden

Die Ergebnisse belegen einen geringen Grad der Informiertheit unter den beruflich Pflegenden. Offensichtlich sind die verfügbaren Informationen zum Pflegeberufegesetz, wie sie beispielsweise durch Berufsverbände oder Fachzeitschriften vermittelt werden, wenig wirksam. Mit dem Grad der Informiertheit wächst die Tendenz, die Generalistik positiv zu bewerten. Der Anteil der Befürworter liegt aber auch bei den „sehr gut“-Informierten lediglich bei 59,2 Prozent.

Beim Vergleich zwischen den Berufsgruppen überrascht der höhere Proporz der Befürworter unter den knapp 1.000 Befragten aus der Altenpflege. Dieses Ergebnis ist konträr zu den Arbeitgeberargumentationen, die mit großer Vehemenz gegen die Generalistik ins Feld ziehen, damit aber nicht zwingend im Interesse aller Beschäftigten argumentieren.

Was die Präferenz für die Berufsbezeichnung betrifft, zeigt sich auch hier eine deutliche Abhängigkeit vom Grad der Informiertheit. Gut Informierte favorisieren gegenüber unzureichend Informierten eher den Begriff „Pflegefachmann/-frau“. Wenn mehr als die Hälfte der knapp 3.200 Befragten den Begriff Pflegefachkraft geeignet findet, dann wird auch hier eine Diskrepanz zu berufspolitischen Forderungen deutlich.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) kritisiert in seiner Stellungnahme zum Pflege- berufegesetz den Begriff „Pflegefachkraft“, da es sich „um einen dehumanisierenden und entsubjektivierenden Sprachgebrauch (handelt), bei dem unsichtbar gemacht wird, dass es sich bei den Pflegenden um Individuen und Subjekte handelt und nicht um „Kräfte“. Diese Überlegungen scheinen bei den Befragten kaum eine Rolle gespielt zu haben.

Insgesamt zeugt die hohe Teilnahmebereitschaft bei der Befragung von einem großen Interesse an der Thematik, andererseits wird aber auch deutlich, dass es zu den Leitfragen einen Dissens gibt und die Information der Pflegepraxis deutlich verbessert werden muss.

Die Autorengruppe: Lisa Daufratshofer, Carolin Demmelhuber, Lisa Paul, Cordula Steidle, Anne Ziebell, Bachelor-Studierende an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München