Passwort vergessen
  • 01.10.2016
  • Bildung

Pflegeforschung in der Praxis

Brückenbauer und Übersetzer

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2016

Viele Praktiker stehen der Pflegewissenschaft skeptisch gegenüber. „Das lässt sich doch gar nicht umsetzen" – dieses häufige Vorurteil widerlegt Krankenpfleger Peter Nydahl, der am Universitätsklinikum in Kiel dafür sorgt, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse für Mitarbeiter auf den Stationen nutzbar zu machen.

 

Wenn Peter Nydahl über die Stationen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Kiel läuft, dauert es nicht lange, bis er in fachliche Gespräche verwickelt ist. „Wir möchten einen invasiv beatmeten Patienten mobilisieren, doch wie fixieren wir den Tubus?", „Welche Alternativen bestehen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen?", „Was hilft am besten bei einem Patienten mit Delir?" – dies sind typische Fragen, die an den berufserfahrenen Krankenpfleger mit Master-Abschluss gestellt werden. 

Für gewöhnlich kann Nydahl seinen pflegerischen Kollegen schnell weiterhelfen – sei es in Form eines aktuellen Studienergebnisses oder einer Checkliste, die pflegerische Maßnahmen stichpunktartig zusammenfasst. 

Wenn er Mitarbeiter der Stationen fachlich berät, kommt Nydahl sowohl seine rund 30-jährige Berufserfahrung als auch sein guter Überblick über die internationale Pflegeforschung zugute. Seine praktische und theoretische Expertise kann er im Rahmen seiner Funktion als klinischer Pflegeforscher am Kieler Universitätsklinikum gewinnbringend ausleben. Nydahls primäre Aufgaben sind es, Forschungen durchzuführen und pflegewissenschaftliche Erkenntnisse für die Pflegepraxis nutzbar zu machen. 

Wissen nutzbar machen

„Von Pflegenden wird heute erwartet, dass sie nach wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeiten", sagt Nydahl, „doch im stressigen Klinikalltag bleibt kaum Zeit für das Lesen von Fachtexten. Pflegende finden zudem kaum Studienergebnisse, die ihren jeweiligen Arbeitsbereich betreffen." Zudem seien Forschungsberichte oft nicht auf Deutsch erhältlich und die Texte zu wissenschaftlich formuliert – all dies seien Barrieren, die der Übertragung pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis im Wege stünden.

Nydahl sieht sich vor diesem Hintergrund als Brückenbauer und Übersetzer, der Forschungsergebnisse für die Basis nutzbar macht. Dies geschieht auf vielfältige Art und Weise – über fachliche Beratung, über Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, über Fortbildungen und Symposien.

Ein wichtiger Tätigkeitsbereich ist die Durchführung wissenschaftlicher Projekte; die meisten laufen von der Planung über die Umsetzung bis zur Veröffentlichung mehrere Jahre.

Hier gilt es, nicht den Überblick zu verlieren – denn die Liste der laufenden Projekte ist lang. „Derzeit bereite ich mit Kollegen eine Studie zu einer App des Intensivtagebuchs vor, arbeite an einer europaweiten Studie zum Nutzen des Medikaments Haloperidol zur Delirprävention mit, bearbeite eine Metaanalyse zur Sicherheit der Frühmobilisierung beatmeter Patienten, übersetze mit den Kolleginnen der Physiotherapie den ICU-Mobility-Score ins Deutsche, führe eine Befragung zum Thema Bettensperrung durch, bearbeite eine Studie zur Kalorimetrie unter Frühmobilisierung und schreibe mit einem wieder anderen Team eine Veröffentlichung einer Studie zum Delir bei Schlaganfall-Patienten." 

Nebenbei ist Nydahl zudem mit der Zertifizierung der neurochirurgischen Intensivstation beschäftigt und erstellt einen regelmäßigen Newsletter für Normal- und Intensivstationen, der aktuelle Forschungsergebnisse prägnant und auf den Punkt formuliert zusammenfasst. 

Die Erstellung von Informationsveranstaltungen und Broschüren sowie die Planung und Durchführung von Arbeitsgruppen- und Netzwerktreffen zählen zu den weiteren Routinetätigkeiten des engagierten Pflegeforschers.

Jahrelanges Engagement

Nydahl ist seit Ende der 80er-Jahre in der Pflege tätig, seit 1991 gehört die Intensivpflege zu seinem Spezialgebiet. Schon früh verspürte der frohsinnige Norddeutsche den Drang, Dinge zu hinterfragen und die Pflegepraxis voranzutreiben. Es reifte der Gedanke, sich akademisch weiterzubilden, doch die Möglichkeiten hierzu war begrenzt. „Vor 20 Jahren gab es vergleichsweise wenige Studienmöglichkeiten in der Pflege, zudem war ich voll und ganz im Stationsalltag eingebunden."

In seiner spärlichen Freizeit initiierte Nydahl 1996 seine erste wissenschaftliche Untersuchung: das Erleben von Intensivpatienten auf einer chirurgischen Intensivstation. Hier ging er mit Leidenschaft ans Werk, trotz begrenzter Ressourcen und – zumindest formal betrachtet – fehlender wissenschaftlicher Qualifikation. Nydahl agierte ganz nach dem Motto „Wenn du tust, was du liebst, musst du niemals arbeiten."

2010 verwirklichte Nydahl endlich seinen Traum vom Pflegestudium – die Wahl fiel auf einen pflegewissenschaftlichen Online-Studiengang der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. 

Schon während des Studiums reifte in der pflegerischen Führungsetage des Uniklinikums Kiel die Überzeugung, dass ein derart großes Krankenhaus ohne Pflegewissenschaftler eigentlich nicht mehr auskomme. 

So zahlte sich das jahrelange Engagement Nydahls letztlich aus: 2013 wurde in der Pflegedirektion die Projektstelle Pflegeforschung eingerichtet – zunächst mit einem Stellenanteil von 50 Prozent, der später auf 75 Prozent ausgeweitet wurde.

Pflege voranbringen

An seiner Arbeit schätzt Nydahl vor allem, seine Kompetenzen mit viel Kreativität anzuwenden. „Es macht mir Spaß, mit hoch motivierten Pflegenden und Kollegen anderer Professionen zusammenzuarbeiten und gemeinsam die Pflege voranzubringen", konstatiert Nydahl. „Es ist immer wieder erstaunlich, was sich mit gemeinsamer Power alles erreichen lässt."

 

 

Pflegeforscher Nydahl: "Von Pflegenden wird heute erwartet, dass sie nach wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeiten"

Das Wichtigste aus der Pflege

Erhalten Sie kostenlos alle pflegerelevanten News aus Politik, Wissenschaft und Praxis

JETZT KOSTENLOS
ANMELDEN
Schließen