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  • 16.04.2018
  • Praxis

Leitlinie

"Schichtarbeit hat auch Vorteile"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2016

Die vor zehn Jahren erschienene Leitlinie zur Nacht- und Schichtarbeit wird derzeit aktualisiert, die Veröffentlichung ist für 2017 geplant. Über die für Pflegende relevanten Inhalte sprachen wir mit dem Arbeitsmediziner Dr. Michael Nasterlack, der an der Leitlinienerstellung beteiligt ist.

Herr Dr. Nasterlack, medizinische Leitlinien beziehen sich für gewöhnlich auf Krankheiten oder medizinische Prozeduren. Wie kommt es, dass es auch eine zum Thema Schichtarbeit gibt?

Die Leitlinie „Nacht- und Schichtarbeit" richtet sich zum einen an Personen, die Schichtarbeit organisieren, und zum anderen an diejenigen, die in Schichten arbeiten. Im Fokus stehen gesundheitliche Belastungen und Krankheiten, die aufgrund von Schichtarbeit entstehen können. Insofern handelt es sich um eine klassische Leitlinie aus dem Bereich der Krankheitsprävention.

Die Leitlinie aus dem Jahr 2006 wird derzeit überarbeitet. Wann ist mit der aktualisierten Fassung zu rechnen?

Die Veröffentlichung wird im Laufe des nächsten Jahres erfolgen; wann genau, lässt sich noch nicht sicher sagen. Wenn es so weit ist, kann sie kostenfrei auf den Internetseiten der beteiligten Fachgesellschaften heruntergeladen werden, etwa auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin – www.dgaum.de.

Welche Neuerungen sind zu erwarten?

Die Leitlinie von 2006 ist in der damals üblichen Art und Weise geschrieben worden. Jetzt gelten veränderte Prozeduren für die Erstellung einer Leitlinie, die mit erheblich mehr Wissenschaftlichkeit und Konsensfindung verbunden ist. Insofern war es an der Zeit, die Leitlinie zur Nacht- und Schichtarbeit auf den aktuellen Stand zu bringen. Dies bot zum einen die Chance, neue Themenfelder einzubringen. Zum anderen sind dieses Mal neben der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin weitere Organisationen beteiligt, etwa aus der Schlafmedizin und Psychologie.

Welche neuen Themen sind enthalten?

Neu sind zum Beispiel Erkenntnisse zu der Frage, ob Schichtarbeit Krebs verursacht.

Wie lautet die Antwort auf diese Frage?

Das lässt sich noch nicht eindeutig beantworten. In großen Studien, beispielsweise aus den USA, wurden mehrere Tausend Krankenschwestern und Flugbegleiterinnen betrachtet, die in Schichten arbeiteten. Im Ergebnis wurde ein gehäuftes Auftreten von Brustkrebs festgestellt. Es muss dazu jedoch gesagt werden, dass diese Untersuchungen bestimmte methodische Schwächen aufwiesen. Für andere Krebsarten liegen noch weniger belastbare Daten vor. Eine Studie, die unsere Arbeitsgruppe unter Mitarbeitern der BASF in Ludwigshafen durchführte, zeigte, dass Schichtarbeiter und Personen, die nicht in Schichten arbeiten, die gleiche Lebenserwartung haben. Vor übertriebener Angst vor Krebs möchte ich also ausdrücklich warnen.

Sie sprachen davon, dass sich die Leitlinie auch an Personen richtet, die selbst in Schichten arbeiten. Sollten also Pflegende – als eine der wohl größten Berufsgruppen im Schichtdienst – die Leitlinie lesen?

Ja, durchaus. Pflegende können darin etwa nachlesen, was in Bezug auf Schichtarbeit empfohlen und wovon abgeraten wird. Zudem erfahren sie etwas über den aktuellen Stand der Wissenschaft – etwa zu der Frage, ob Schichtdienst gesundheitsschädlich ist.

Ist dem so?

Ja, die Literatur zeigt eindeutig, dass Chronodisruption – also das Missverhältnis zwischen der eigenen inneren Uhr und den äußeren Zeitvorgaben, die ein Arbeitsverhältnis mit sich bringt – zu gesundheitlichen Belastungen führt. Und zwar deswegen, weil sich die Personen immer wieder zwingen müssen, im Widerspruch zu ihrem individuellen biologischen Rhythmus zu agieren. Von Chronodisruption sind im Grunde aber die meisten Menschen betroffen, nicht nur Schichtarbeiter. Denn fast alle brauchen morgens einen Wecker, um pünktlich wach zu werden. Es arbeiten also fast alle Leute zumindest ein bisschen entgegen ihrer inneren Uhr. Bei Schichtarbeitern ist dieser Effekt nur stärker ausgeprägt.

Zu welchen Krankheiten kann das führen?

Zu Einschlaf- und Durchschlafstörungen sowie einem weniger erholsamen Schlaf. Daraus können Magen-Darm-Beschwerden resultieren. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden bei Schichtarbeitern auch häufig genannt, wobei die Literatur hier nicht eindeutig ist. Das liegt vor allem daran, dass Schichtarbeiter häufig einen anderen Lebensstil pflegen als der Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung.

Inwiefern?

Die internationale Literatur zeigt eindeutig, dass Schichtarbeiter im Durchschnitt häufiger rauchen, sich weniger sportlich betätigen und sich ungünstiger ernähren. Dieser Lebensstil birgt ein höheres Gesundheitsrisiko. Deswegen ist es sehr schwierig zu sagen, ob Krankheiten auf die Schichtarbeit an sich oder auf deren ungesünderen Lebensstil zurückzuführen sind. Insofern lautet die wichtigste Empfehlung für Schichtarbeiter: Pflegt einen gesünderen Lebensstil und vermeidet Risikofaktoren, die ihr selbst in der Hand habt. Wenn dies gelingt und man darüber hinaus das Glück hat, in einem Schichtsystem zu arbeiten, das der eigenen inneren Uhr nahekommt – was immer die erste Empfehlung ist –, dann besteht eine gute Chance, Schichtarbeit genauso gut zu vertragen wie Tagarbeit. Was darüber hinaus nicht zu vergessen ist: Schichtarbeit hat für denjenigen, der sie macht, nicht nur Nachteile, sondern durchaus auch Vorteile.

Die da wären?

Schichtarbeiter werden zum Beispiel in der Regel besser bezahlt aufgrund von Schichtzulagen. Zudem kann er in seiner Freizeit, wenn die meisten anderen arbeiten, viel entspannter Behördengänge erledigen oder auch kulturellen Aktivitäten nachgehen. Je nach Schichtsystem muss ein Beschäftigter womöglich auch an weniger Tagen seinen Arbeitsplatz aufsuchen als eine Person, die nicht in Schichten arbeitet. Dies ist etwa der Fall, wenn Zehn- oder Zwölf-Stunden-Schichten anstatt der üblichen Acht-Stunden-Schicht praktiziert werden. Diese Schichtsysteme sind genau genommen nicht ganz kompatibel mit dem Arbeitszeitgesetz und bedürfen daher einer Genehmigung, aber mittlerweile konnte in Studien gezeigt werden, dass sie Vorteile haben. Denn die Betroffenen müssen dann nicht fünfmal pro Woche zur Arbeit fahren, sondern nur zweieinhalb mal. Sie sparen dadurch Benzinkosten und verbringen insgesamt weniger Zeit auf der Straße. Dies schmälert wiederum deren Unfallrisiko. All diese Vorteile führen dazu, dass viele Beschäftigte in Zehn- oder Zwölf-Stunden-Schichtsystemen sich mit Händen und Füßen gegen kürzere Schichten wehren.

In der Pflege wird im Drei-Schicht-System gearbeitet. Ist Nachtarbeit per se belastender als Schichten tagsüber?

Ja – Schichtarbeit, die Nachtarbeit einschließt, ist belastender als der Früh- und Spätdienst tagsüber, weil zusätzlich die Durchbrechung des normalen Schlafrhythmus hinzukommt.

Ist es vor diesem Hintergrund sinnvoll, die Anzahl derer, die nachts arbeiten, möglichst gering zu halten?

Grundsätzlich ist es sinnvoll, möglichst wenig Personen nachts arbeiten zu lassen. Allerdings bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die wenigen Mitarbeiter, die nachts arbeiten, die volle Last tragen. Letztlich ist all das aber gar nicht so entscheidend.

Sondern?

Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, dass Mitarbeiter zufrieden mit ihrer Arbeit sind und einen Sinn in ihr sehen. Eine Pflegekraft, die gerne mit Patienten arbeitet und Befriedigung daraus zieht, wird sehr viel weniger leiden – trotz belastender Arbeitsbedingungen – als eine Person, die eine ähnliche Tätigkeit ausübt, ihren Beruf aber hasst.

Herr Dr. Nasterlack, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Dr. Michael Nasterlack ist Arzt für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin und Umweltmedizin im Ruhestand. Von 1996 bis 2013 war er in der Abteilung Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz der BASF in Ludwigshafen tätig.
Mail: nasterlack@arcor.de