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  • 21.12.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Pflegeberufegesetz

"Die Zwischenprüfung ist völlig sinnlos"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2019

Seite 50

Das Bundeskabinett hat am 13. Juni 2018 die neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für den künftig generalistischen Pflegeberuf verabschiedet. Die neue Pflegeausbildung zur „Pflegefachfrau“ und zum „Pflegefachmann“ wird 2020 starten. Christine Vogler, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats und Schulleiterin der Wannseeschulen Berlin bewertet im Interview, was das jetzt konkret für Pflegeschulen und insgesamt für die Pflege bedeutet. 

Frau Vogler, warum ist die Reform der Pflegeberufe notwendig gewesen?

In den zahlreichen Diskussion um die Ausbildungsreform wurde sehr deutlich, dass sich die pflegerischen Versorgungs- und Betreuungsansprüche sehr verändern und weiterentwickeln werden. Die Zeiten, in denen Pflegende in der Ausbildung alles lernen, was sie wissen müssen, sind lange vorbei – und das übrigens nicht nur in der Pflege. Heute geht es primär darum, Kompetenzen zu erwerben und Prinzipien zu verstehen. Der Widerstand der Reformgegner setzte genau an diesem Punkt an. Man wollte eine frühzeitige Spezialisierung auf nur einen Bereich und dann am besten das derzeitige System der Altenpflegeausbildung bewahren, das vielfach eher einer Einarbeitung denn praktischer Anleitung entspricht. Der steigende Bedarf an Gesundheits- und Pflegeleistungen resultiert aus demografischen wie epidemiologischen Veränderungen. Die Alterspyramide verändert sich, droht sich umzudrehen. Immer mehr alte Menschen stehen immer weniger jungen Menschen gegenüber. Das bedeutet also mehr Pflegebedürftige und gleichzeitig weniger Menschen, die sich potenziell für eine Pflegeausbildung entscheiden. Außerdem sind immer mehr Menschen chronisch krank, auch schon Kinder und Jugendliche. Mit zunehmendem Alter entwickeln sich oft mehrere Erkrankungen parallel. Der Umgang mit den Auswirkungen von Krankheit und Therapie sowie eventueller Pflegebedürftigkeit erfordert eine Stärkung der Selbstpflegefähigkeiten der Menschen. Für die professionelle Pflege heißt das, ein Mehr an Beratung, Anleitung und Edukation. Es heißt auch, mehr an Koordination und Sicherung der Kontinuität der Versorgung zu arbeiten, und beinhaltet ebenso die Führung und Anleitung von Menschen mit pflegerischer Qualifikation unterhalb des Heilberufs. Um all dies bewältigen zu können, benötigen wir eine grundsätzlich andere Ausbildung und zunehmend eine Ausbildung an Hochschulen.

Wird der Pflegeberuf mit der Reform nun wirklich attraktiver?

Ja. Mit der Reform sichern wir ein attraktives Berufsprofil mit großen Entwicklungschancen. Pflege ist ein abwechslungsreicher, interessanter und zukunftsorientierter Beruf mit einer großen Vielfalt an Tätigkeits- und Spezialisierungsbereichen. Wenn es uns gelingt, neben der überfälligen Modernisierung auch die Arbeitsbedingungen zu verbessern, haben wir eine gute Chance, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

Pflegeschulen müssen nun Lehrpläne entwickeln. Gibt es hierbei so etwas wie eine Mindestvorgabe, die einzuhalten ist und an denen sich die Schulen orientieren können?

Die Mindestvorgabe sind die formulierten Ausbildungsziele und die sogenannten Vorbehaltenen Tätigkeiten im Pflegeberufegesetz sowie die Kompetenzkataloge in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung. Darüber hinaus wird die neu geschaffene Fachkommission Rahmenlehr- und Ausbildungspläne mit allerdings nur empfehlendem Charakter verfassen. Diese müssen laut Gesetz bis spätestens 30. Juni dieses Jahres vorliegen – meines Erachtens viel zu spät. Darüber hinaus können die einzelnen Bundesländer weitere Vorgaben über verbindliche Lehrpläne machen.

Einige Schulen bilden bereits generalistisch aus. Sind diese Einrichtungen jetzt im Vorteil?

Die Erfahrungen zu den bisherigen Modellprojekten, die beim Deutschen Pflegerat bislang eingegangen sind, sind durchweg positiv. Da sich diese Schulen bereits intensiv mit der künftigen pflegerischen Versorgung und der Gestaltung moderner Ausbildungscurricula auseinandergesetzt haben, sind sie natürlich im Vorteil gegenüber Einrichtungen, die sich bislang mit der Thematik noch nicht beschäftigt haben.

Warum hat die Politik nicht einfach eines dieser bereits erfolgreich erprobten Modelle kopiert?

Das ist in Teilaspekten durchaus geschehen. Die Gesetzesreform muss aber berücksichtigen, dass zwei sehr unterschiedliche Ausbildungssysteme – nämlich das der Krankenpflege und der Altenpflege – zum neuen Berufsbild der Pflegefachfrau und des Pflegefachmanns zusammengeführt werden müssen. Hinzu kommt, dass der Föderalismus in Deutschland einen schulpolitischen Flickenteppich hervorgebracht hat.

Neu ist, dass es eine Zwischenprüfung geben wird. Ist diese sinnvoll?

Die Zwischenprüfung in einem Bundesgesetz zu regeln, ist völlig sinnlos. Seitens des Deutschen Pflegerats haben wir uns sehr dagegen gewehrt und zumindest erreicht, dass die formalen Anforderungen an die Zwischenprüfung im Gesetz deutlich reduziert wurden. Die Zwischenprüfung ist noch ein Überbleibsel aus dem Versuch, die Pflegeassistenzausbildung in die Ausbildung zum Heilberuf zu integrieren. Ein Ansatz, der weder fachlich, noch pädagogisch Sinn macht, und übrigens rechtlich unzulässig ist. Damit sollten die (zu) niedrigen Zugangsvoraussetzungen mit dem hohen Risiko, dass die Abschlussprüfung nicht bestanden wird, abgefedert werden. Dieser weitere Versuch, die Ausbildungsqualität abzusenken, ist zum Glück gescheitert.

Was sehen Sie besonders kritisch in der jetzigen Verordnung, und sehen Sie eine Möglichkeit, dass es in naher Zukunft überhaupt noch Anpassungen geben kann?

In der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung muss dringend das niedrigere Kompetenzniveau für den eigenständigen Abschluss zur Altenpflegerin und zum Altenpfleger korrigiert werden. Außerdem muss die Finanzierungsverordnung eine Regelung für die Investitionskosten finden und die Anschubfinanzierung sichern. Gleichzeitig muss dafür Sorge getragen werden, dass auch der praktische Teil der hochschulischen Ausbildung über den Ausbildungsfonds finanziert wird. Das alles muss zeitnah angepasst werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vogler.

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