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  • 10.04.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Für die Pflege entschieden trotz chronischer Erkrankung

"Für mich ist Diabetes kein Hindernis"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2019

Seite 44

Was bedeutet es, trotz eines Diabetes mellitus Typ 1 den vielfältigen Herausforderungen der Ausbildung und des Pflegealltags gerecht zu werden? Darüber sprachen wir mit der 20-jährigen Annika Rütjeroth aus Düsseldorf, die seit ihrer Kindheit von der Stoffwechselerkrankung betroffen ist.

Frau Rütjeroth, wann wurde Diabetes mellitus Typ 1 bei Ihnen diagnostiziert?

Ich bin erblich vorbelastet: Seit meiner Geburt bestand das Risiko, an Diabetes mellitus Typ 1 zu erkranken. Die Diagnose erhielt ich im Alter von sechseinhalb Jahren. Ich erinnere mich noch gut daran. Ich war zu Besuch bei meinem leiblichen Vater. Ihm fiel auf, dass ich sehr viel trank und oft auf Toilette musste. Da mein Vater ebenfalls Diabetiker ist, erkannte er die Symptome gleich und maß meinen Blutzucker. Der Wert war über 300 mg/dl. Er verständigte meine Mutter und wir fuhren in die Uniklinik Düsseldorf. Dort wurde die Diagnose gestellt.

Vermutlich wurde Ihnen die Diagnose sowohl von den Ärzten als auch Ihren Eltern erklärt. Wie geht man als Kind mit einer solchen Nachricht um?

Mir wurde genau erklärt, was die Diagnose für mich und mein Leben bedeutete. Es war ein Schock, aber ich habe die Erkrankung schnell als Herausforderung gesehen. Ich glaube, meine Mutter hat sehr viel stärker unter der Diagnose gelitten als ich.

Diabetes mellitus: Das Krankheitsbild

Diabetes mellitus ist die am meisten verbreitete Volkskrankheit in den großen Industrienationen. Bei der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um den in der zweiten Lebenshälfte auftretenden Typ-2-Diabetes, der deshalb früher auch als „Altersdiabetes“ bezeichnet wurde. Er ist mit Übergewicht, falscher Ernährung und geringer sportlicher Aktivität assoziiert.

Der früher als „jugendlicher Diabetes“ bezeichnete Diabetes mellitus Typ 1 manifestiert sich demgegenüber meist im Kindes- oder Jugendalter. Die Patienten sind ihr Leben lang von Insulininjektionen abhängig. Die Erkrankung wirkt sich daher stark auf das Sozialleben der Betroffenen aus und bestimmt Berufswahl, Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt auch das gesamte Privatleben einschließlich sportlicher Aktivitäten und Reisen. Die Therapie zielt darauf ab, diabetesbedingte Minderungen der Lebensqualität zu vermeiden. Das Risiko für schwere Stoffwechselentgleisungen mit Anstieg des Blutzuckers nach oben (Ketoazidose, diabetisches Koma) oder nach unten (Hypoglykämien) soll möglichst gering gehalten werden. Als primärer Zielparameter soll der HbA1c-Wert verwendet werden. Dieser gibt den Anteil des mit Glucose abgesättigten Hämoglobin an und ist langfristig stabiler als der im Tagesverlauf schwankende Blutzuckerwert.

Wie ging es nach der Diagnose weiter?

Ich musste mein Leben von jetzt auf gleich komplett umstellen. Die Mitarbeiter der Uniklinik haben sich sehr viel Mühe gegeben, mir alles kindgerecht beizubringen. Aber am meisten bin ich für die Unterstützung meiner Familie dankbar. Ohne meine Angehörigen hätte ich es nicht geschafft, heute so gut mit meiner Erkrankung zu leben und so offen darüber zu sprechen.

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine chronische Erkrankung, die mit deutlichen Einschränkungen für den Alltag einhergeht. Warum haben Sie sich trotzdem für den mitunter körperlich anstrengenden Pflegeberuf entschieden?

Für mich ist Diabetes kein Hindernis. Klar, es ist nicht immer leicht, und manchmal bringt es auch mich zur Weißglut. Aber ich versuche, daran zu wachsen und positiv zu bleiben. Schon früh war mir klar, dass ich mich für die Pflege interessiere. Ich wollte diesen Berufswunsch verwirklichen und mich davon nicht abhalten lassen. Ich bin jetzt im zweiten Ausbildungsjahr und mir ist klar, dass ich trotz Diabetes alles schaffen werde. Die Herausforderung spornt mich an.

Diabetes mellitus Typ 1 führt leichter als der sogenannte Altersdiabetes zu Entgleisungen des Blutzuckers. Inwiefern schränkt Sie das im Alltag ein?

Diabetes gehört zu mir. Ich habe lange gebraucht, um offen über meine Erkrankung zu sprechen. Man lernt damit zu leben und passt sich an – was mir trotz gewisser Einschränkungen trotzdem erlaubt, auch mal eine Pizza zu essen. Man muss nur alles gut im Überblick behalten und in Maßen genießen. Ich unternehme viel, gehe oft schwimmen und reise gerne um die Welt. An meiner Seite sind natürlich immer mein Messgerät, Pumpe und Ersatzkatheter.

Wie sieht Ihre Therapie aus?

Ich habe zwei Jahre mit Pens gespritzt, aber damit bin ich nicht so gut zurecht gekommen. Heute trage ich rund um die Uhr eine kleine Insulinpumpe mit mir. Über einen kleinen Katheter bin ich mit ihr verbunden. Ich nehme die Pumpe schon seit langer Zeit nicht mehr wahr; sie gehört zu mir. Über die Pumpe läuft kontinuierlich das Kurzzeit-Insulin Novorapid. Damit komme ich sehr gut zurecht, ich muss zusätzlich nichts spritzen.

Lassen sich Entgleisungen damit gut verhindern?

Ja, das funktioniert sehr gut. Eine starke Unterzuckerung hatte ich Gott sei Dank noch nicht. Ich kann die Wahrsignale meines Körpers zudem gut spüren. Selbst im Schlaf werde ich wach, wenn mit dem Zucker etwas nicht in Ordnung ist.

Sie sind Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege und stellen damit sozusagen unter Beweis, dass man auch mit dieser Erkrankung in der Pflege arbeiten kann. Welchen Tipp können Sie anderen Betroffenen geben?

Es ist sehr wichtig, als Diabetiker gut auf sich zu achten. An sehr stressigen Tagen merke ich, dass mein Zucker sinkt und damit auch meine Konzentration. Ich ziehe mich dann für fünf Minuten zurück und esse und trinke etwas, damit der Zucker wieder steigt. Die Kollegen haben mich in diesen Situationen bislang immer sehr unterstützt und mir diese Zeit gelassen. Dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar.

Sie sind „überzeugte Pumpenträgerin“, wie Sie selbst sagen. Schränkt Sie das Gerät bei praktischen Tätigkeiten nicht ein?

Manchmal kommt es vor, dass ich Patienten mobilisiere und sie sich an meiner Pumpe, die am Hosenbund befestigt ist, festhalten. Ich bitte die Patienten dann, sich dort nicht festzuhalten. Das klappt meistens reibungslos. Natürlich wird mir in solchen Situationen manchmal auch bewusst, dass ich an Diabetes erkrankt bin und es insofern schwerer habe als die anderen. Aber egal. Ich würde behaupten, ich bin eine Pflegeperson wie jede andere, nur halt mit Diabetes. Aber seine Ecken und Kanten hat ja jeder.

Liebe Frau Rütjeroth, vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Ausbildung.