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  • 10.07.2018
  • Praxis

Sturzprophylaxe

Sicher unterwegs

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2018

Seite 26

Ein Sturz kann schwerwiegende Folgen für den Betroffenen haben. Werden Risikofaktoren frühzeitig erfasst und prophylaktische Maßnahmen umgesetzt, lassen sich Stürze verhindern. Ziel aller Interventionen ist eine möglichst sichere Mobilität, ohne sturzgefährdete Personen dabei einzuschränken.

Jeder Mensch kann stürzen, zum Beispiel aus Unachtsamkeit oder beim Sport. Darüber hinaus passieren   Stürze aber auch, wenn es einer Person nicht mehr gelingt, den Körper in Balance zu halten oder ein verlorenes Gleichgewicht wiederzuerlangen. Letzteres gilt besonders für ältere Personen oder für Menschen mit reduziertem Allgemeinzustand. Sie haben ein erhöhtes Sturzrisiko. Aber auch bei Kindern und Menschen mit einer körperlichen Behinderung ist die Sturzgefahr größer.

Die Folgen eines Sturzes sind vielfältig und können sowohl physisch als auch psychisch sein. Die körperlichen Auswirkungen reichen von Prellungen und Wunden bis hin zu Verstauchungen und Frakturen, schlimmstenfalls sogar bis zum Tod. Daneben misstrauen Betroffene der eigenen Bewegungsfähigkeit, haben Angst vor weiteren Stürzen und schränken deswegen den eigenen Bewegungsradius unter Umständen ein. Die Folge kann eine soziale Isolation des Betroffenen sein.

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) hat mit dem Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege notwendiges Wissen vorgelegt, um Sturzrisiken frühzeitig zu erkennen und durch prophylaktische Maßnahmen zu reduzieren. Der 2013 aktualisierte Standard richtet sich an alle Pflegefachpersonen, die Patienten in ambulanten und stationären Pflege- und Gesundheitseinrichtungen oder in der häuslichen Umgebung betreuen. Übergeordnetes Ziel ist es, einen Sturz zu vermeiden und Sturzfolgen möglichst gering zu halten. Dafür soll die vorhandene Mobilität keinesfalls eingeschränkt, sondern vielmehr eine sichere Mobilität erhalten oder wiederhergestellt werden.

Angelehnt an die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird ein Sturz im Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege wie folgt definiert: „Ein Sturz ist ein Ereignis, bei dem der Betroffene unbeabsichtigt auf dem Boden oder einer tieferen Ebene aufkommt.“ (DNQP 2013) Nicht umfasst sind nach dieser Definition sogenannte Beinahe-Stürze, bei denen eine betroffene Person durch balance- oder haltungsstabilisierende Maßnahmen einen tatsächlichen Sturz noch vermeiden kann, zum Beispiel indem sie nach einem Gegenstand greift, an dem sie sich festhalten kann. Der Beinahe-Sturz soll als Beleg für Ressourcen gewertet werden, wird doch ein möglicher Sturz abgewendet. Der Übergang zwischen Sturz und Beinahe-Sturz kann fließend sein.

Ein Sturz – viele Ursachen

Stürze sind meist multifaktoriell bedingt. Es gibt in der Regel nicht die eine Sturzursache; vielmehr treffen mehrere verschiedene Faktoren aufeinander, die gemeinsam zu einem Sturz führen. Die Risikofaktoren werden unterteilt in personen-, medikamenten- und umgebungsbezogene Faktoren. Zu den personenbezogenen Faktoren gehören zum Beispiel eine eingeschränkte Gehfähigkeit, Gang- oder Balancestörungen, Kontinenzprobleme oder kognitive Beeinträchtigungen. Aber auch die Angst vor Stürzen oder bereits erfolgte Stürze in der Vergangenheit zählen dazu. Zu den Medikamenten, die das Sturzrisiko erhöhen, gehören unter anderem Antihypertensiva, Antidepressiva, Neuroleptika und Sedative/Hypnotika. Ein besonderes Sturzrisiko liegt unabhängig vom einzelnen Medikament in der Polypharmazie. Umgebungsbezogene Sturzrisikofaktoren sind sämtliche Gefahrenquellen in der Lebensumgebung: Stolperfallen wie Kabel, rutschende Teppiche oder eine nicht ausreichende Beleuchtung. Auch freiheitsentziehende Maßnahmen gelten als umgebungsbezogener Risikofaktor.

 

10 Tipps, wie Sie Stürze vermeiden können

  1. Körperliches Training aus mehreren Komponenten wie Kraft-, Balance-, Ausdauer- oder Koordinationsübungen
  2. Aktive Umgebungsgestaltung: für gute Lichtverhältnisse sorgen, rutschfeste Unterlagen im Nassbereich, Klingel leicht erreichbar positionieren
  3. Stolperfallen wie am Boden liegende Kabel beseitigen
  4. Über mögliche Gefahrenquellen informieren, zum Beispiel schlecht erkennbare Schwellen oder loses Schuhwerk
  5. Höhe des Pflegebetts so wählen, dass ein selbstständiger Transfer aus dem Bett erleichtert wird, eventuell einen Stuhl neben das Bett stellen, um das Aufstehen zu erleichtern
  6. Sehhilfen nutzen und Wirksamkeit über- prüfen. Erhöhte Aufmerksamkeit bei einer Brillenanpassung
  7. (Neben)Wirkungen von sturzrisikoerhöhenden Medikamenten beobachten, überprüfen, dokumentieren und an den Arzt weitergeben
  8. Hilfsmittel wie Niedrigbetten, Bettalarm- systeme oder Identifikationsarmbänder nutzen
  9. Im Einzelfall Beratung über verschiedene Protektoren anbieten, zum Beispiel Hüft-/ Rückenprotektoren oder Sturzhelme
  10. Funktionalität von Hilfsmitteln überprüfen
    Quelle: Huhn (2017). Praxisheft Mobilität.

Alle Beteiligten miteinbeziehen

Im Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege sind die Meilensteine für eine erfolgreiche Sturzprophylaxe fixiert. Pflegepersonen nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein. Sie brauchen neben einer umfangreichen Expertise auch die Fähigkeit, zwischen allen Beteiligten zu vermitteln und prophylaktische Maßnahmen zu koordinieren. Der Expertenstandard gliedert die Aufgaben der Pflegeperson in sechs Schritte.

Identifikation: Zu Beginn des pflegerischen Auftrags, am besten bereits im Rahmen des pflegerischen Aufnahmegesprächs, werden die Sturzrisiken identifiziert und erfasst. Pflegende müssen dafür sämtliche Risikofaktoren kennen und erkennen. Wenn sich die pflegerische Situation ändert, sich zum Beispiel die Medikation oder die Umgebung verändert oder ein Sturz erfolgt, muss das Risiko erneut systematisch überprüft werden. Generell kann der Grundsatz gelten, je akuter das Setting, desto häufiger ist eine erneute Einschätzung des Sturzrisikos notwendig.

Information: Patienten und Angehörige werden über das Sturzrisiko informiert und beraten. Bei der pflegerischen Beratung steht im Vordergrund, die Mobilität des Patienten so weit wie möglich zu erhalten und zu fördern. Die betroffene Person soll ihr Sturzrisiko kennen und zu geeigneten prophylaktischen Maßnahmen informiert und geschult werden. Ziel ist es, die Selbstpflegefähigkeit zu erhalten und zu fördern, damit eine selbstbestimmte Alltagskompetenz möglich ist. Indem die Pflegeperson professionell berät, unterstützt sie das eigenverantwortliche, gesundheitsbezogene Handeln des Patienten.

Maßnahmen planen: Gemeinsam mit der gefährdeten Person und deren Angehörigen wird ein Maßnahmenplan erstellt. Dazu müssen Pflegende entsprechende Maßnahmen und Hilfsmittel kennen und diese personen- und situationsgerecht auswählen. Die Interventionen können einzeln oder in Kombination durchgeführt werden.

Präventive Maßnahmen sind immer für den Einzelfall zu erstellen und müssen fachlich begründet werden. Für Pflegepersonen bedeutet das, ihr Fachwissen auf den Einzelfall und an die umgebungsspezifischen Gegebenheiten zu übertragen, um die Sturzprophylaxe erfolgreich umzusetzen.

Maßnahmen durchführen: Die Pflegefachperson sorgt dafür, dass die geplanten Prophylaxemaßnahmen durchgeführt werden, geeignete Hilfsmittel zum Einsatz kommen und die Umgebung entsprechend angepasst ist. Hierfür ist die Absprache mit allen beteiligten Berufsgruppen erforderlich.

Koordination: Die Pflegefachperson informiert und berät alle Berufs- und Personengruppen, die an der Versorgung des Patienten oder Bewohners beteiligt sind, über dessen Sturzrisiko und den geplanten Umgang damit. Sie vermittelt zwischen den Beteiligten und stellt den Informationsfluss sicher. Besonders wenn die betroffene Person in eine andere Versorgungseinrichtung verlegt wird, müssen das Sturzrisiko und erfolgte prophylaktische Maßnahmen im Pflegebericht dokumentiert werden.

Evaluation: Die eingeleiteten Prophylaxemaßnahmen werden in zuvor festgelegten Abständen auf Erfolg und weitere Genauigkeit geprüft und gegebenenfalls angepasst. Jeder Sturz wird mithilfe eines strukturierten Sturzereignisprotokolls erfasst und analysiert. Unabdingbar sind dabei folgende Angaben:

– demografische Angaben zur gestürzten Person,

– Einrichtung, Datum, Zeit und Ort des Sturzes,

– Sturzsituation, Umgebungssituation,

– gesundheitliches Befinden und Aktivität vor dem Sturz,

– unmittelbare physische und psychische Folgen des Sturzes wie Schmerzen oder Angst,

– unmittelbar eingeleitete Folgemaßnahmen wie Erste-Hilfe-Maßnahmen, Arztbesuch.

Hauptzweck ist die Sturzanalyse, um mögliche Ursachen zu erfassen und zukünftig auszuschalten. Darüber hinaus können einrichtungsspezifische Daten erhoben werden und in das Qualitätsmanagement einfließen.

Sichere Mobilität statt Einschränkung

Stürzen kann jeder. Je nach Alter und Umständen ist aber die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand stürzt, sehr unterschiedlich. Wird das Sturzrisiko frühzeitig erfasst und geeignete Maßnahmen geplant und umgesetzt, lassen sich Stürze vermeiden. Dafür notwendig ist immer eine Einzelfallanalyse. Die betroffene Person soll in ihrer Mobilität nicht eingeschränkt werden, sondern größtmögliche Selbstständigkeit auf einer sicheren Basis erlangen. Um das zu erreichen, müssen alle Beteiligten eng zusammenarbeiten.

Download-Tipp

Die Kurzversion des „Expertenstandards Sturzprophylaxe in der Pflege“ ist auf der Seite des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (www.dnqp.de) kostenfrei als PDF verfügbar. Die vollständige Version kann über die Website des DNQP bestellt werden.

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrg.). Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. 1. Aktualisierung 2013.

Huhn Siegfried (2017): Praxisheft Mobilität – welchen Auftrag hat die Pflege? 2. Überarbeitete und erweiterte Auflage. DBfK Nordost Berlin.