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  • 01.01.2017
  • Praxis

Basale Stimulation in der Altenpflege

In vertrauten Bahnen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2017

Seite 18

Die Qualität und Quantität von Sinneseindrücken nehmen im Alter immer mehr ab. Basale Stimulation bietet vielfältige Möglichkeiten, diesem Phänomen entgegenzuwirken. Mit eindeutigen Berührungen, vertrauten Materialien und bewussten Ritualen können Pflegende dazu beitragen, alten Menschen zu einem stärkeren "Selbst-Gefühl" zu verhelfen.

Bewohner eines Pflegeheims werden häufig über einen langen Zeitraum betreut. Mit den Jahren entwickelt sich zwischen dem alten Menschen und der Pflegeperson eine Vertrautheit. Kontinuität in der pflegerischen Versorgung ist gut für den Bewohner, denn der alte Mensch braucht seine Rituale und gewohnten Abläufe. Es fördert seine Orientierung und sein Wohlbefinden – beides wichtige Ziele der gerontologischen Langzeitpflege.

Bewusst berühren, Zugewandtheit vermitteln

Bewohner benötigen jedoch auch eindeutige pflegerische Angebote, um sich selbst klar zu spüren. Denn die Quantität und Qualität der Sinneseindrücke nehmen altersbedingt immer mehr ab. Basale Stimulation bietet hier vielfältige Möglichkeiten, entgegenzuwirken – indem die Pflegeperson bewusste Rituale, deutliche Körperinformationen und vertraute Materialien nutzt, um dem alten Menschen im Rahmen der sowieso erforderlichen Unterstützung zu einem stärkeren Körpergefühl und damit besseren „Selbst-Gefühl“ zu verhelfen.

Der oft hektische Pflegealltag bietet denkbar schlechte Voraussetzungen, um Pflegeangebote individuell und reflektiert einzusetzen. Das kann verheerende Auswirkungen auf den Bewohner haben. Schnelle, undeutliche und unsortierte Berührungen vermitteln dem alten Menschen ein diffuses Köperbild. Zudem kann er den Pflegenden nicht deutlich und zugewandt erleben. Kurze, oft unterbrochene Berührungen vermitteln dem Bewohner das Gefühl, dass er eher objekthaft behandelt wird und man sich keine Zeit für ihn nimmt – auch wenn dies vom Pflegenden gar nicht beabsichtigt ist.

Beim Gegenteil – bei basal stimulierender Berührung im Rahmen der alltäglichen Pflege – spürt der Bewohner die Zugewandtheit sofort. Durch die Kontinuität des Berührungskontakts kann die Pflegeperson sehr schnell arbeiten und dennoch ständig für den alten Menschen spürbar „voll da sein“. Wenn dann noch gezielte basal stimulierende Pflegeangebote möglich sind, können zudem deutliche Körperinformationen vermittelt werden, die die beeinträchtigte Wahrnehmung und die gegebenenfalls vorhandene Demenz berücksichtigen. Findet die Pflege darüber hinaus mit vertrauten Materialien und Abläufen statt, läuft alles wie auf Schienen und in den dem alten Menschen vertrauten Bahnen. Dies bedeutet für den Betroffenen ein kleines, nicht unwesentliches Stück Lebensqualität.

Körperpflege bietet viele Möglichkeiten

Die Körperpflege eignet sich besonders gut, um somatische Wahrnehmung beim alten Menschen zu fördern. Hilfestellung bei der Körperpflege kann – wenn sie als eine Form des somatischen Dialogs verstanden wird – einen geregelten Tagesrhythmus, vertraute Abläufe und vor allem orientierende Körpererfahrungen ermöglichen. Geräusche, Gerüche und Munderfahrungen können vermittelt werden. Auch Sozialerfahrungen werden möglich. Vertrautheit und Klarheit helfen dem Bewohner, sich zu finden, zu orientieren und sich dem Gegenüber zuzuwenden.

Die Körperpflege sollte sich möglichst daran orientieren, was für die betroffene Person bezüglich der Spürinformationen gewohnt und normal ist. Das betrifft den Ablauf – zum Beispiel zuerst den Toilettengang, dann Hände waschen und so weiter – wie auch die Pflegemittel. Zum Normalen gehört in der Regel eine sitzende oder stehende Position. Selbst beim Baden nehmen Menschen mindestens eine halbsitzende Körperhaltung ein. Im Sitzen kann der Bewohner meist mehr eigenständig übernehmen als in flacher Rückenlage.

Stark wahrnehmungsbeeinträchtigte Personen sollten zu Beginn der Körperpflege Gelegenheit bekommen, das Wasser zu spüren. Dies kann durch die Hand in der Waschschüssel erfolgen, die – falls sie nicht selbst aktiv ist – zum „Planschen und Wassertasten“ bewegt wird. Eine zweite Möglichkeit ist, dass der Bewohner den nassen Waschlappen in die Hand bekommt, um ihn und das Wasser zu spüren.

Die Vorbereitung und Hinführung über die Hände ist äußerst wichtig. Direkt mit dem Waschen im Gesicht zu beginnen, kann problematisch sein und vom wahrnehmungsveränderten Menschen meist nicht nachvollzogen werden. Das Gesicht ist für die Betroffenen oft mindestens genauso intim wie der Genitalbereich. Die typische Reaktion ist Abwehr und Rückzug.

Wie alle basal stimulierenden Pflegehandlungen werden auch die Maßnahmen zur Körperpflege über mehrere Sinne – visuell, verbal, taktil, olfaktorisch – angekündigt und möglichst unter Beibehaltung von Körperkontakt ausgeführt. Gerade für kognitiv beeinträchtigte Menschen ist eine Körperpflege im Bett per se desorientierend. Das Waschen am Waschbecken ist vorzuziehen – sofern der Bewohner noch in der Lage ist, zu stehen oder zu sitzen.

Beruhigend oder belebend waschen

Der Mensch ist fast am ganzen Körper behaart. Die Haarwuchsrichtung verläuft in einer typischen Weise, da sie dem Ableiten von Schweiß, Bakterien und anderen Ausscheidungsprodukten dient. Menschen machen sich diese Richtungen unbewusst zunutze, zum Beispiel indem man einer anderen Person tröstend über die Haare streicht. Intuitiv geschieht dies mit der Haarwuchsrichtung. Gegen die Haarwuchsrichtung streicht man, um uns oder andere wach zu machen oder zu ärgern.

Mit der beruhigenden oder belebenden Ganzkörperpflege können neben den Aspekten der Beruhigung oder Belebung unterschiedliche und differenzierte Informationen des Körpers spürbar gemacht werden: Beweglichkeit, Muskelspannung oder -entspannung, Bodenkontakt, Gewicht einzelner Körperpartien sowie die Form der Arme, Beine und des Rumpfes.

Die Pflegeperson konzentriert sich auf die von ihr zu waschenden Bereiche, wie den Rücken und die Beine. Beim beruhigenden Waschen kann man vom (Hinter-) Kopf in Richtung Finger- beziehungsweise Zehenspitzen streichen. Da jedoch kein „Marionetten-Gefühl“ entstehen soll, bei dem Kopf, Rumpf, Arme und Beine nur durch Bindfäden diffus verbunden sind, wird der Arm gewaschen, indem auf der Brust begonnen wird.

Bei der belebenden Form geschieht dies entsprechend umgekehrt. Dies passt im Übrigen auch besser zur Haarwuchsrichtung. Bei den Beinen kann unterhalb der Taille jeweils an der Außenseite angesetzt werden. Abbildung 1 und 2 visualisieren das Prinzip der beruhigenden und belebenden Ganzkörperpflege.


Abb. 1: Beruhigende Ganzkörperpflege - Streichen mit der Haawuchsrichtung. Die Streichungen überlagern sich im Bereich der Hüfte. a) ventral; b) dorsal
Quelle: Buchholz, Th.; Schürenberg, A. (2013): Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. 4. Auflage, Bern: Huber

 

 



Abb. 2: Belebende Ganzkörperpflege - Streichen gegen die Haarwuchsrichtung. Die Streichungen überlagern sich im Bereich der Hüfte. a) ventral; b) dorsal
Quelle: Buchholz, Th.; Schürenberg, A. (2013): Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. 4. Auflage, Bern: Huber

Pflege wird nachvollziehbarer

Eine basal stimulierende Arbeitsweise macht die Pflege für den Betroffenen nachvollziehbarer, berechenbarer und vorhersehbarer. Der ältere Mensch erhält ein klares, angenehmes Gefühl von seinem Körper und somit von sich selbst. Er spürt deutlich seine verbliebenen und hinzukommenden Möglichkeiten und muss sich nicht ständig über seine Mängel und Verluste definieren. Er nimmt die Pflegeperson als einen Mensch wahr, der an seiner Person interessiert ist und ihn mit seinem Tun unterstützt.

Auch die Pflegeperson selbst profitiert. Besonders wenn es zügig gehen muss, kann sie den Bewohner über diese Arbeitsweise schnell erreichen. Sie kann ohne komplizierte Worte vermitteln, was sie tut. Sie bringt ihn nicht ungewollt „auf die Palme“, sondern ist für diesen kurzen Augenblick sein Fels in der Brandung. Sie spürt, dass etwas beim Bewohner ankommt. Das ist Kommunikation. Das Wort stammt vom lateinischen Wort „comunicare“ und bedeutet unter anderem „gemeinsam sein“ – einfach so.

Zeit ist in Pflegeheimen ein knappes Gut. Doch dies steht der Anwendung der Basalen Stimulation keineswegs entgegen, es macht sie umso wichtiger. Denn wenig Basale Stimulation in den alltäglichen Maßnahmen zur Körperpflege ist immer noch mehr als die Verwirrung stiftende, zügige Pflege.

Demenzerkrankte benötigen Orientierung

Gerade bei Demenzerkrankten wird den Bewohnern sehr schnell wohlmeinend „alles aus der Hand genommen“. Dies führt aber dazu, dass auch die anderen Fähigkeiten verlernt und vergessen werden. Darüber hinaus erfährt der Bewohner eine ständige Demütigung – ihm wird immer wieder bewusst gemacht, was er alles nicht mehr kann.

Außerdem sind die Momente der Selbstwirksamkeit darauf beschränkt, dass er durch aktiven Widerstand bis hin zu aggressivem Verhalten bei den Pflegenden deutliche Reaktionen bewirkt. Die Schweizer Pflegeforscherin Andrea Renz zeigt dies in ihrer noch laufenden Studie zu herausforderndem Verhalten bei der Körperpflege auf und hat als zentralen Begriff das Gefühl des „Bloßgestellt-Seins“ der Bewohner erarbeitet.

Demenzerkrankte Bewohner benötigen eine Orientierung und sicherheitgebende Struktur über den ganzen Tag und die Nacht hinweg. Gelingt es den Pflegenden, diese immer wieder zu vermitteln, kann der Betroffene ein gutes Maß an Lebensqualität erfahren – auch und gerade im Pflegeheim.

Häufig wird über herausforderndes Verhalten bei Demenz diskutiert. Mitarbeiter stehen diesem Phänomen oft völlig hilflos gegenüber. Auch hier kann Basale Stimulation Positives bewirken. Wenn ein Bewohner sehr aufgebracht ist, zeigt er überdeutlich mit seinen ihm verbliebenen Mitteln, dass er von der Situation, von den Anforderungen an ihn, vom Verhalten einer Pflegeperson sowie von Gerüchen, Geräuschen oder anderem völlig überfordert ist. Um sich davon zu befreien, macht er das, was aus seiner Sicht notwendig ist, also seine Not wenden könnte: abwehren, die gefühlte Ohnmacht durch Gewalt übertünchen, sich zurückziehen, jammern, schreien und vieles mehr – je nachdem, was ihm verblieben ist oder was sich bei der letzten Situation bewährt hat.

Für einen Demenzerkrankten ist sehr vieles nicht mehr „selbstverständlich“, der gewohnte Zusammenhang ist nicht mehr ausreichend spürbar. Verstehen zu müssen, warum er sich mit so vielen Leuten in einem Raum aufhält, die unverständliches Zeug reden und sich aus seiner Sicht unpassend verhalten, ist schon schwer genug. Wenn dann noch „junge Leute“ daherkommen und ihm sagen, was er tun und lassen soll, dann muss man schon mal Dampf ablassen und zeigen, wo der Hammer hängt.

Dies sind natürlich immer sehr individuelle und belastende Situationen, doch wenn diese gut analysiert werden – zum Beispiel anhand des „Erfassungsbogen Selbstexpressives Verhalten“ (Buchholz/Schürenberg 2013: 411), können sehr häufig weitere beim jeweiligen Bewohner verhindert werden. Die Pflegenden haben mehr Verständnis für den Bewohner, fühlen sich weniger bedroht. Der Bewohner fühlt sich vermehrt am rechten Ort, oder „zuhause“.

Nicht-reflektiertes Berühren wird vom Bewohner meist als zweideutiges Berühren, also unangenehm und verwirrend falsch verstanden. Berührungssprache ist die verständlichste Sprache für Menschen mit Demenz. Hierfür bietet Basale Stimulation das ideale Instrumentarium.