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  • 03.09.2019
  • Online exklusiv

Altenpflege

Wenn Heimbewohner Rammstein singen

Nicht Volkslieder, sondern Songs von Rammstein und den Puhdys: Die Sitztanz-Gruppe eines Pflegeheims in Sachsen-Anhalt geht ungewöhnliche Wege in der Bewegungstherapie. Was das mit den Bewohnerinnen und Bewohnern macht, haben uns die beiden Betreuerinnen Lisa Bojarzin und Silvia Bartnik erzählt.

"Ich will dass ihr mich gut seht, Ich will dass ihr mich versteht" – das sind zwei Zeilen aus dem Lied "Ich will" der Heavy-Metal-Band Rammstein. Fokussiert auf den Inhalt des Liedtextes und losgelöst von der brachialen Musik zeigt sich, dass diese Zeilen die Grundbedürfnisse von älteren, in einem Pflegeheim lebenden Menschen beschreiben: "Ich will gesehen werden. Ich will fühlen. Ich will, dass ihr mich hört. Ich will, dass ich verstanden werde. All diese Aspekte sind elementar wichtig für ältere Menschen", wissen Ergotherapeutin Lisa Bojarzin und Betreuerin Silvia Bartnik. Sie arbeiten im Altenbetreuungszentrum Erxleben im nördlichen Sachsen-Anhalt – und sind glühende Rammstein-Fans.

Im Juni waren sie auf einem Konzert der Band in Berlin. "Dort haben wir auch viele Ältere gesehen, die sich teilweise sogar in Rollstühlen von den Angehörigen haben hinfahren lassen. Auf dem Heimweg kam uns dann die Idee, dass wir diese Musik mal in unserem Arbeitsalltag ausprobieren sollten", beschreibt Ergotherapeutin Bojarzin.

Bestehende Betreuungskonzepte überdenken

"Dieser Ansatz hat gleich zweierlei Gutes", ergänzt Betreuerin Bartnik. Einerseits würden in spätestens 10 Jahren die ersten Heavy-Metal-Fans Einzug in Pflegeheime halten. "Mit Volksliedern, Abzählversen und Häkeldecken sind die sicherlich nicht zu locken. Spätestens dann müssen bestehende Betreuungskonzepte überdacht und angepasst werden."

Andererseits seien mit klassischen Liedern keine Nachwuchskräfte für den Beruf in einem Pflegeheim zu begeistern. "Selbst meine Kollegin Lisa lehnt die Klassiker immer ab", weiß Bartnik. "Wenn Jüngere aber sehen, dass es auch anders geht und alle Beteiligten Spaß haben, dann kann das zumindest ein positiver Impuls sein, um für den Altenpflegeberuf zu begeistern."

Mit ihren regelmäßig rund 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im wöchentlichen Sitztanzkreis haben die beiden Frauen die Probe aufs Exempel gemacht. Für die Premiere wählen sie "Ich will" von Rammstein. "Wichtig ist, dass der Liedtext eine deutliche Aussage hat. Im Fall von Rammstein hat jeder Song was zu sagen. Dennoch darf es natürlich nicht zu schnell und zu hart sein. 'Ich will' passt perfekt", sagt Bartnik.

Rammstein-Text sitzt nach nur 4 Trainingsstunden

In nur 4 Trainingsstunden sitzen Text und Choreografie. Die 80- bis 90-Jährigen singen Rammstein, gestikulieren dazu, stampfen mit ihren Füßen und heben die Hände in die Höhe.

"Wir konnten nicht glauben, wie schnell die Gruppe fit war in dem Lied. Die Seniorinnen und Senioren haben sich offenbar voll identifizieren können mit den Songinhalten", schwärmt Bojarzin und verrät: "Manch andere Tänze sitzen immer noch nicht, obwohl wir sie schon monatelang üben."

"Ich bin immer noch ganz geflasht", ergänzt Bartnik. "Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich sehe, mit welcher Leidenschaft die Gruppe dabei ist und welche neue Lebensenergie die Teilnehmerinne und Teilnehmer entwickeln. Das zeigt mir auch: Wenn der Anreiz stimmt, ist es egal, wie alt man ist, um voll aufzudrehen. Die Menschen im Heim sind zwar alt und müssen mit der einen oder anderen Beeinträchtigung kämpfen. Aber sie haben noch Energie in sich, wollen teilhaben, Spaß haben und so aktiv wie möglich sein."

YOUTUBE-VIDEO GING VIRAL

Die Zeit scheint reif für eine Trendwende in Heimen. Die beiden Rammstein-Fans erhalten für ihre Idee bislang eine breite Zustimmung. Denn Ergotherapeutin Bojarzin hat ein Video mit den rockenden Seniorinnen und Senioren auf YouTube hochgeladen. Innerhalb von 2 Tagen wurde das Video 12.000 Mal geklickt. Mittlerweile – rund 6 Wochen später – haben mehr als 250.000 Menschen das Video gesehen. Die meisten Bewertungen sind positiv. Auch Bild, Süddeutsche Zeitung und zahlreiche lokale Medien haben über den ungewöhnlichen Ansatz im Erxlebener Pflegeheim berichtet. Inzwischen gibt es sogar Fans in Mexiko, Norwegen und Spanien. Bartnik und Bojarzin berichten der Tanzgruppe jede Woche, wie viele neue Video-Likes hinzugekommen sind und welche neuen Anfragen für Interviews oder Reportagen über die rockenden Bewohnerinnen und Bewohner das Heim erreicht haben. "Unsere Tanzmäuse fiebern regelrecht diesen Updates entgegen", so Bojarzin.

Auch die Angehörigen merken, dass ihre Lieben noch einmal richtig aufblühen und viel dynamischer geworden sind. 

BEDENKEN UND KRITIK MITTLERWEILE KEIN THEMA MEHR

Doch anfangs gab es durchaus auch kritische Stimmen – sowohl von außen als auch aus den eigenen Reihen, berichten die beiden Frauen.

"Auf Facebook gab es einige böse Kommentare. Der Vorwurf: Wir überfordern die Heimbewohnerinnen und -bewohner und machen sie lächerlich. Auch im Kollegenkreis stand anfangs nicht jeder hinter unserer Idee. Manche waren ziemlich entsetzt", sagt Bartnik. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Rammstein mit der rechten Szene in Verbindung brächten. "Das stimmt natürlich nicht. Außerdem: Erlaubt ist, was gefällt. Warum sollen die Bewohnerinnen und Bewohner ständig im Gestern leben und nicht einfach mal das Hier und Jetzt genießen? Die Sitztanz-Gruppe hat sichtlich Spaß. Das hat Priorität für uns", erzählt die Betreuerin weiter.

"Sicherlich wollten wir auch ein bisschen provozieren und zeigen: Man muss an der Arbeit nicht immer an altbewährten Methoden festhalten, sondern kann ruhig auch mal Dinge ausprobieren."

JETZT SIND DIE PUhDYS DRAN

Unterstützung haben die Betreuerinnen letztlich nicht nur über das breite Medienecho erfahren, sondern auch von Pflegedienstleiterin Dorothee Elsholz. Sie hat das Sitztanz-Video kurzerhand auf die Startseite des Internetauftritts der Einrichtung gestellt.

Wie geht es nun mit den rockenden Seniorinnen und Senioren weiter? Neben einem weiteren Rammstein-Hit – "Diamant" – steht als nächste Sitztanz-Choreografie der Song "Es war schön" der ehemaligen ostdeutschen Rockband Puhdys in der Pipeline. Ein erstes Making-Of ist vor wenigen Tagen erschienen. 

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