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  • 05.02.2018
  • Praxis

Erfahrungsbericht

Klartext Pflege

Alexander Fröhlich berichtet aus seiner Zeit als Pfleger, über die physischen und psychischen Herausforderungen des Pflegeberufs sowie fehlende Anerkennung seitens Politik und Gesellschaft.

Ich bin examinierter Pfleger und habe, die Ausbildung inbegriffen, fünf Jahre in Pflegeheimen gearbeitet, auch auf Wohnbereichen speziell für Menschen mit Demenz.

Ich habe mich von den dort Anvertrauten anschreien, schlagen, kratzen, bespucken und bereits um 6.00 Uhr am Morgen als unfähiger Taugenichts beschimpfen lassen. Ich habe die abstrusesten Phantasien validiert, fühlte mich ein, erkundete dabei biografische Details und Hintergründe, verlängerte Leben und behielt, bei aller Würdelosigkeit von persönlichen Schicksalen, den Respekt und den Humor.

Ich habe belebend oder beruhigend gewaschen, massiert, um Verstopfungen zu vermeiden, eingecremt, um die Haut intakt zu halten, Nägel geschnitten, den Friseurbesuch organisiert. Ich hatte täglich zahlreiche „Nahkoterfahrungen“, versorgte professionell Wunden, brauchte permanent zehn Augen am Hinterkopf und nicht weniger vorn geöffnet, um nur ja das nächste Hämatom, den nächsten Sturz zu vermeiden und zudem eine Flucht aus den geschützten Räumen unmöglich zu machen. Ich log rotzfrech alten Menschen ins Gesicht wenn es der Sache diente – „Aber natürlich können Sie heute Abend heim! Direkt nach dem Abendessen.“ Gemeint ist: Ins Heim. Wo Sie ja bereits sind, und Ihr Drecksack von Sohn, der Ingenieur – na sie wissen schon, der das letzte Mal vor einem Jahr, für fünf Minuten zu Besuch war, hat noch immer weder ihre Unterkunft hier bezahlt, noch Pflegemittel vorbeigebracht.

Engagiert und aufopferungsvoll

Ich rief Sonntagmorgens um 8 Uhr bei fremden Leuten an, um Ihnen zu sagen, dass die liebe Mutti heute Nacht verstorben ist. Schweren Herzens, selbst mit Tränen kämpfend. Weil es meine Pflicht war. Danach flechtete ich Zöpfe, rasierte faltige Haut, informierte das Bestattungsinstitut, reichte Essen, versuchte das Verdursten zu verhindern, indem ich Flüssigkeit in widerwillige Münder träufelte, und wischte hinterher die Mundwinkel sauber. Ich knöpfte viel zu eng gewordene Blusen, band Schuhe, bezog Betten, entsorgte schimmlige Schnitten, die versteckt im Nachtschrank darbten, gab Medizinern Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen, stellte auf die Waage, maß Blutzucker und Blutdruck, schob Zäpfchen, entfernte Kotsteine oder zerkleinerte auf Anordnung eines Arztes die Medikamente, um sie unter Angelikas Pudding zu mischen. Ich leerte Katheterbeutel, reinigte künstliche Luftröhrenzugänge, wartete mit Frau Müller auf den Bus, zerrte Kompressionsstrümpfe über angeschwollene Beine, spritzte ins Fettgewebe oder in den Muskel, wechselte die Beutel künstlicher Darmausgänge, beruhigte, scherzte, nahm in den Arm und tröstete. Ich schimpfte, ohne laut zu werden, wenn Gottfried mir mit dem Rolli von hinten mit Anlauf in die Hacken fuhr, protokollierte jeglichen Vorfall und protokollierte noch das Protokollieren, stets am Rande der Legalität, jeden Tag einen Fuß schon in der Schlinge.

Ich besänftigte Angehörige, nahm ihnen ihr schlechtes Gewissen, kondolierte, agierte aus gesundem Menschenverstand mit aller mir innewohnenden Menschlichkeit. Ich machte eine Falte ins Kopfkissen, lüftete den Raum, streichelte durchs Haar. Auf Wunsch gab es Zucker in den Kaffee und die Rinde vom Brot wurde selbstverständlich abgeschnitten. Ich beriet, informierte, fühlte mich empathisch in rasend wechselnde Situationen und ging, wenn ich nach all den Diensten eigentlich einen Tag frei gehabt hätte, den Kopf voller Bedenken dann noch zur Dienstberatung – nur um mir sagen zu lassen, dass auf dem Wohnbereich wieder zu viele Handtücher verbraucht wurden und die Prämie gestrichen ist.

Ohne Scham

Ich lächelte, schätzte Risiken ein, koordinierte Therapeutentermine, stellte einen Becher Wasser ans Bett und schaltete das Nachtlicht ein, rettete im Zimmer nebenan eine Seele, die vor Kummer zu zerbrechen drohte. Ich duschte und badete, griff in Münder um Zahnprothesen reinigen zu können, begleitete wenn es noch ging auf die Toilette. Ich hörte mir sieben Stunden lang an: „Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben ...“, ohne vor Ratlosigkeit oder Scham genervt zu werden, legte Kompressen unter viel zu große Brüste, setzte Brillen auf Nasen und pfeifende Hörgeräte in längst taube Ohren.

Ich analysierte jeglichen Auswurf von Körpersekreten noch vor der ersten und oft einzigen Zigarettenpause, wühlte in Windeln, um irgendwie den gewünschten Urinstatus für das Labor zu bekommen, drehte und wendete und schob und hub, selbst dann noch, wenn ich selbst kaum noch tragen konnte.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Gern geschehen! All das gehörte zu meinem Beruf – für 1.400 Euro. Interesse?

Ganz ehrlich: Ich liebte diesen Beruf. Was ich jedoch überhaupt nicht mehr ertragen konnte, war die sogenannte Öffentlichkeit medialer Natur, die Gesellschaft, welche versucht, aus mir und allen Kollegen einen schlagenden, freiheitsberaubenden, skrupellos Medikamente verabreichenden Unmenschen zu machen. Bei aller Würde, die wir versuchen aufzubringen, behandelt man uns würdelos!

Wir sind die Sündenböcke für eine verfehlte Politik, für die Gier, die Ratlosigkeit, für fehlende Visionen, ein fehlendes Konzept. Wir sind Angestellte in einer „Gesundheitswirtschaft“, die weder etwas mit Gesundheit zu tun hat, noch etwas mit Wirtschaft zu tun haben sollte, kämpfen in jedem Dienst, in jeder Minute an einer Front, die niemand sehen will, von der sich jeder abwendet, um hinter dem Rücken zu tuscheln: „Also, ich könnte das nicht machen.“

Für unsere Arbeitgeber, egal wie sie auch heißen, welches Leitbild sie sich gegeben, welcher Dachorganisation sie angehören und wie humanistisch sie sich im Wettbewerb gebärden, sind wir nur schlecht kalkulierbare Wirtschaftlichkeitsfaktoren mit dem Hang, immer im ungünstigsten Augenblick zu erkranken. Wir sind austauschbares Menschenmaterial, unendlich einsetzbar, sind immer im falschen Moment zu dumm, oder im richtigen zu schlau. Wir sollten uns nicht so haben! Und überhaupt: Wenn es Ihnen nicht passt, Sie Ängste, Sorgen, Schmerzen oder gar Anregungen haben, können Sie gerne gehen, sich einen anderen Beruf suchen. Sagt die Heimleitung. Ich: Chef. Du: fauler Idiot. Vielen Dank.

So geht es nicht weiter

Und dann, bei allem Engagement das Bitterste: Die meisten Schlagzeilen, die wir Pflegekräfte in den Massenmedien Deutschlands bekommen, sind negative: Irgendwo hat mal wieder ein Pfleger einen Pflegebedürftigen geschlagen, ein Bettgitter unerlaubter Weise gezogen, Psychopharmaka verabreicht, die nicht verordnet waren, oder sich selbst an ihnen gelabt, hat einen Sturz nicht verhindert, etwas übersehen, das schließlich zum Tod des Schutzbedürftigen geführt hat und dann auch noch den Ehering vom kalten Finger gezogen. Wir sind die, die zu Tode pflegen, ignorant die Leiden übersehen, um sich gemütlich eine immer währende Kaffeepause zu genehmigen. Wir sind Chinesen oder Ex-Schlecker-Mitarbeiter, sind Asoziale, die keinen anderen Beruf gefunden haben, und nun notgedrungen in der Scheiße anderer wühlen.

Wir sind unmenschlich.

Sind wir das? Will die Öffentlichkeit uns so sehen? Denkt bitte nach! Alter, Demenz, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, der Tod – all das sondiert nicht nach einem gefüllten oder einem leeren Portemonnaie, nicht nach einer Einstellung. Es betrifft uns alle. Wie wollen wir selbst später einmal gepflegt werden? Wie wollen wir, dass unsere Großmutter heute gepflegt wird? Wer soll sich liebevoll um sie kümmern, wenn sie sich der Welt langsam entfernt, die Bügelwäsche in den Herd legt und jeden Tag davon ausgeht, dass heute Sonntag ist? Wer soll sich mit ihr in „Dementisch“ unterhalten und sie dabei trotzdem ernst nehmen? Eine Chinesin?

Ich bin bereit, mit jeder politischen wie außerpolitischen Macht zusammenzuarbeiten, zu beraten, zu diskutieren, zu schreiben, bereit, mein Wissen um die Realität in der Pflege genauso einzubringen, wie all meine anderen Erfahrungen und meinen gesunden Menschenverstand, um Veränderungen anzustoßen.

Denn Fakt ist: So wie bisher geht es nicht weiter.

Der Punkt, um über irgendwann später zu philosophieren, ist bereits überschritten. Es geht nicht mehr um bessere Kontrollorgane, mehr oder härtere Prüfungen, ausgefeiltere Expertenstandards, perfekt koordinierte Pflegeplanungen, eine effizientere Organisation der vorhandenen Ressourcen oder um Zeitmanagment! Es geht nicht um Pflaster - sondern um die Wunde selbst. Pillepalle war vorgestern.

Denn bei all der übergestülpten, bürokratischen Fachlichkeit kommt eines zu kurz: Oma und Opa.

Es ist sinnlos, sich wieder und wieder pro wie contra um Marginales zu streiten, ohne dabei gesellschaftlich visionär die genannten Fragen zu beantworten und ein tatsächliches Gesamtkonzept zu entwickeln, welches auf die Beantwortung obiger Fragen hin arbeitet. Jetzt.

Gesellschaftliche Verantwortung

Denn momentan arbeitet die Pflege einzig auf Verschleiß der Wenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen dafür entschieden haben, in ihrem Dasein Altruismus und Egoismus zu verbinden, sich entschieden haben, ihre Menschlichkeit zu einem Gut zu machen. Wir versuchen, Dienste abzudecken, obwohl wir nach einer sieben Tage Woche mal einen Tag frei haben. Wir beschweren uns nicht über einen gänzlich inadäquaten Lohn für die physisch wie psychisch anspruchsvolle Arbeit. Wir nehmen hin, dass wir für jedes Hämatom verantwortlich gemacht werden, auch wenn dieses recht selten zum Tode führt, halten den Kopf hin für all die Gewalt des Alterns, treffen Entscheidungen ohne Rückendeckung, machen, was möglich ist – aber dies reicht euch nicht.

Wir arbeiten auch dann noch, wenn andere sich längst hätten krankschreiben lassen, denn schließlich sind wir immer noch gesünder, als die Leidenden, welche wir zu umsorgen haben, arbeiten an Wochenenden und Feiertage, Weihnachten wie Ostern, Tag wie Nacht. Wir geben dabei denen Liebe, die verlassen wurden, zu nichts mehr nütze sind, am Ende eines Lebens voller Triumphe nun das Scheitern, das Verlassen zu erlernen und schließlich ihre Endlichkeit zu erfahren haben. So wie eine Amme, ein Erzieher, ein Lehrer ins Leben verhilft, so versuchen wir in unserem Beruf, aus dem Leben zu helfen, die Angst zu überwinden, den Schmerz zu lindern, die Tage mit Sinn zu erfüllen, auch wenn die Sinne schwinden.

Nein - natürlich gelingt uns dies nicht immer mit Auszeichnung, oder gar nach Plan. So ist das Leben. Wir sind angewiesen auf unsere Stärken wie Schwächen, unsere Menschlichkeit, auf ein Netzwerk verständnisvoller Menschen, Ärzte, Therapeuten, Angehörige, angewiesen auch auf individuelle Fähigkeiten wie Geduld, Empathie, Kreativität, Demut, welche nicht jedem gleich gegeben sind. Zudem aber auch angewiesen auf eine Öffentlichkeit, die einen Wert in unserer Arbeit erkennt. Denn nur wenn dieser Wert erkannt wird, werden wir weiterhin mit unserem Gewissen vereinbar pflegen können und werden sich auch künftig Menschen finden, um diese Arbeit zu verrichten.

 

Zur Person

Alexander Fröhlich hat mit 40 Jahren eine dreijährige Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft absolviert, danach zwei Jahre in der Pflege gearbeitet. Seit 2015 ist er als Arzthelfer in der Allgemeinarzt-Praxis seiner Frau im thüringischen Bad Tabarz angestellt.

 

 

Autor

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