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  • 29.11.2017

Erfahrungsbericht

"Der Unterschied könnte größer kaum sein"

Inken Pouillon berichtet von ihren Erlebnissen als Gesundheits- und Krankenpflegerin in Uganda. Vier Wochen war sie dort mit einer Hilfsorganisation im Einsatz.

Mein Name ist Inken Pouillon, ich bin 28 Jahre alt und Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seit gut zwei Jahren arbeite ich im interdisziplinären Notfallzentrum der Universitätsklinik Bonn. Wenn ich zum Dienst komme weiß ich nie, was mich erwartet; jeder Tag ist anders.

State of the Art an der Uniklinik

Die Uniklinik ist ein Hightech-Krankenhaus. Wir arbeiten beispielsweise im Schockraum mit Extrakorporaler Membranoxygenierung, kurz ECMO, können drei Schockraumpatienten zeitgleich annehmen, sind überregionales Traumazentrum, arbeiten interdisziplinär. Am Ende des Tages sind wir stolz auf das, was wir zusammen alles können. Es ist ein spannendes Arbeitsumfeld und genau nach meinem Geschmack. Trotzdem wollte ich mehr.

Also wurde ich Mitglied der Hilfsorganisation Humedica. Damit kam ich meinem Kindheitstraum, in Katastrophengebieten zu helfen, ein Stück näher. Vor kurzem habe ich dann zum ersten Mal erlebt, was Krankenversorgung im Ausland tatsächlich bedeuten kann.

Krankenwagen gibt es nicht

Vier Wochen lang war ich in Mutolere, Uganda. In dieser Kleinstadt steht ein Krankenhaus mit 230 Betten. Es wurde vor 30 Jahren gegründet und wird noch immer unterstützt von verschiedenen Hilfsorganisationen. Das Krankenhaus hat einen Operationssaal, einen Kreissaal sowie eine Intensivstation mit vier Betten. Internistische, chirurgische und gynäkologische Patienten können hier versorgt werden. In einer Ambulanz werden sogar Augen- sowie Hals-Nasen-Ohren-Patienten versorgt. Der Unterschied zum Arbeiten in Deutschland könnte trotzdem größer nicht sein.

Es gibt in Uganda kaum Autos und schon gar keine Krankenwagen. Wer ins Krankenhaus muss, wird auf einem sogenannten BodoBoda, einem Motorradtaxi, gefahren – oder läuft. Im Krankenhaus angekommen geht es dann direkt auf eine Station, also in eines der Zimmer mit 20 Betten. Dort entscheiden dann die Pflegenden, wie es weitergeht: Ist die Verletzung so bedrohlich oder der Patient so stark erkrankt, dass ein Arzt gerufen werden muss oder reicht es, bis zur nächsten Visite zu warten, die alle zwei bis drei Tage erfolgt?

Angehörigen geben Essen und waschen

Nicht nur der Patient bleibt im Krankenhaus, auch seine Angehörigen bleiben in der Nähe, sie sind nämlich für seine Verpflegung und auch für das Waschen zuständig.

In den vier Wochen meines Aufenthalts durfte ich in verschiedenen Bereichen des Krankenhauses mitarbeiten. So habe ich viel über das Haus und die Abläufe erfahren.

Die chirurgische Station zum Beispiel hat vier Zimmer und immer rund 55 Patienten. Außerdem ist hier die Intensivstation angegliedert. Auf der Intensivstation liegen vier Patienten in einem Zimmer. Es gibt – wenn gerade kein Stromausfall ist – ein Monitoring und Sauerstoff. Außerdem steht ein Absauggerät bereit. Beatmete Patienten gibt es nicht.

Stumpfe Scheren und selbst zugeschnittene Kompressen

Hauptaufgabe der Pflege auf der chirurgischen Station ist es, die täglichen Verbandswechsel durchzuführen. Dabei arbeiten die Pflegenden so hygienisch wie eben möglich – aufgrund sehr eingeschränkter Ressourcen ist dies natürlich nicht so problemlos möglich wie in Deutschland.

Sterile Kompressen sind nicht in Stapeln zu je zehn Stück eingeschweißt, sondern werden im Schwesternzimmer geschnitten, gefaltet und dann in den Sterilisator gegeben. Am nächsten Tag können sie aus einer großen Wanne mit einer sterilen Klemme entnommen. Die Klemme selbst wird allerdings nur sehr selten sterilisiert.

Die Scheren, Klemmen und Pinzetten die wir nutzen, erkenne ich aus Deutschland wieder. Mittlerweile schneiden die Scheren allerdings kaum noch.

Ich habe Glück bei meinem Aufenthalt: Wir haben immer ausreichend Handschuhe, sogar sterile und für jeden Verbandswechsel. Auch die anderen Materialien reichen, solange wir sehr sparsam damit umgehen. Manches kaufen aber auch die Angehörigen und überlassen es uns zur Nutzung, wie Honig, mit dem infizierte Wunden behandelt werden.

Klinikaufenthalt bis die Wunden ausgeheilt sind

In Uganda haben viele Patienten Osteomyolitis, besonders Kinder. Eine Ursache für diese Häufung der Knochenmarksinfektion ist noch nicht gefunden, die Therapie dafür aber erprobt: Operation mit zwei Hautschnitten. Bis die Schnitte verheilt sind, bleiben die Patienten auf der Station. Eine ambulante Nachsorge gibt es nicht. Die wenigsten Patienten würden zu einem Kontrollbesuch zurück in die Klinik kommen können; ihr stationärer Aufenthalt erfolgt deshalb so lange bis alle Wunden ausgeheilt sind.

Ebenfalls sehr häufig auf der chirurgischen Station anzutreffen, sind Patienten mit Femurfraktur. Schuld daran sind die vielen BodaBodas, das fast einzige und zugleich gefährlichste Verkehrsmittel. Hier vor Ort kann eine Fraktur allerdings nicht verplattet werden. Der Patient liegt entsprechend ein bis drei Monate in seinem Bett. Über einen Nagel im Schienbein und ein Gewicht am Seilzug wird Zug auf die Fraktur ausgeübt.

Viele Verbrennungsopfer

Dann sind da noch die ganz jungen, tapferen Patienten, die einem das Herz zusammenkrampfen lassen. In Uganda wird oft über offenem Feuer gekocht: Ein Kochtopf mit Essen steht auf drei Steinen über dem Feuer, im selben Raum spielen Kinder. Unfälle sind also vorprogrammiert.

Der für mich bewegendste Moment war der Verbandswechsel bei einem süßen dreijährigen Mädchen. Die Kleine litt an Verbrennungen zweiten und dritten Grades an Beinen, Teilen von Bauch und Rücken, linkem Arm bis zum Ellbogen und rechtem Handgelenk. 20 Mitpatienten und deren Angehörige bekommen mit, was passiert, wenn das Kind anfängt zu schreien. Es ist einer jener Momente, in dem wir Trennwände aufbauen. Der Vater hält seine Tochter fest. Der alte Verband wir vorsichtig abgewickelt, Wunden inspiziert, mit sterilem Wasser gesäubert, mit antibiotischer Salbe vorsichtig eingecremt und mit Vaseline getränkten Kompressen abgedeckt. Dann wird gewickelt. Das ganze Prozedere dauert 30 Minuten, einige Tränen fließen. Dem kleinen Mädchen wird immer wieder gesagt, es solle aufhören zu schreien. Es versucht es. Kaum sind wir fertig, atmen wir tief durch. Wieder geschafft. Wir streicheln der Kleinen über den Kopf. Sie hat sich schon beruhigt und ich weiß, dass sie mir wie immer in zehn Minuten wieder zuwinken und lachen wird. Das Mädchen ist unendlich tapfer. Die Eltern helfen toll mit. Sie wissen, dass wir ihrem Kind wehtun müssen, damit es überleben kann – alle zwei Tage, ohne Narkose, ohne Schmerzmittel. Auch nach zwei Monaten habe ich noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Aufklären, impfen, untersuchen

In Woche drei habe ich angefangen, im Bereich Public Health zu arbeiten. Dieses kostenfreie Angebot richtet sich an alle Bürger. Primär geht es aber um alles, was mit Babys zu tun hat: Babys wiegen und impfen, Stillberatung, Voruntersuchungen – ohne Ultraschall, hier wird gehört und gefühlt – Empfängnisverhütung und Aufklärung.

Viele Schwesternschüler sind ganz wild darauf, die Babys zu impfen. Deshalb helfe ich meistens beim Wiegen und Messen mit. Auch die begleitenden Väter müssen gewogen werden. Denn wenn jemand aus der Familie Anzeichen einer Unterernährung aufweist, lässt das schließlich auch auf die übrigen Angehörigen schließen.

Termine werden hier in diesem Bereich keine vergeben. Die Patienten kommen einfach alle vier Wochen vorbei und warten dann, bis etwas gemacht wird. Mittags machen alle Angestellten zwei Stunden Pause. Während dieser Zeit sitzen die Patienten draußen vor der Tür und warten geduldig bis es weitergeht.

Bis in entlegene Dörfer

Im Rahmen meiner Arbeit in diesem Bereich habe ich mit einem einheimischen Team auch medizinische Ausflüge zu den sogenannten Outreaches unternommen. Zu den in entlegenen Dörfern wohnenden Ugandern fahren wir mit zehn Personen in einem ziemlich kleinen Auto, um dort nach den Babys und Schwangeren zu schauen und auch, um Medikamente für andere Erkrankungen zu bringen. Mit dem Auto waren wir jedes Mal rund zwei Stunden unterwegs. Diese Strecken kann also keiner der Bewohner mal eben zu Fuß zurücklegen, um ärztliche Hilfe zu bekommen.

Die Straßen in Uganda sind nicht asphaltiert, oft liegen große Felsbrocken auf der Straße oder es gibt tiefe Schlaglöcher. Wenn es regnet wird der Lehmboden furchtbar glatt und die Fahrt wird zu einer Schlitterpartie. An einem besonders schlimmen Tag mussten sich auf der kurvenreichen und holprigen Strecke gleich zwei meiner Kollegen übergeben – aber das war kein Grund für den Fahrer, anzuhalten.

Am Ende der Fahrt folgt immer noch ein kleiner Fußmarsch. Meist geht es 15 bis 30 Minuten einen Trampelpfad entlang bis zu einem Treffpunkt im Dorf, zu dem alle Bewohner kommen. Wir packen die Medikamente aus, ein paar Stühle werden zusammen gesucht, die Babywaage an irgendeinen Pfosten oder Türrahmen gehangen. Dann geht es los, „Abarbeiten, was so kommt“ lautet das Motto.

Lehrreicher Aufenthalt

Die Frauen, die fertig mit der Untersuchung sind, binden sich das Kind wieder auf den Rücken und gehen zurück zu ihrer Arbeit. Mutterschutz gibt es nicht. Hier wird bis zur Geburt gearbeitet und spätestens drei Monaten danach fängt man wieder in seinem Job an.

Uganda ist anders als alles, was ich bisher kannte oder mir vorstellen konnte. Ich bin sehr froh, dass ich dort gewesen bin und viel lernen durfte. 

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