Passwort vergessen
  • 26.03.2018

Leben mit Schwerhörigkeit

"Anschreien bringt nichts"

Treffen Hörende auf Schwerhörige, ist der erste Gedanke meist: am besten ganz nah ran ans Ohr und laut hineinrufen. Doch genau das hilft in der Regel nicht, um einander zu verstehen. Christel Knelange trägt sei 15 Jahren Hörgeräte und weiß, was es heißt, schwerhörig zu sein.

"Die kriegt wieder nichts mit" oder "Hat sie wieder nicht verstanden" – welche Schwerhörige kennt solche Sätze nicht? Als ob Hörende immer alles mitkriegen oder immer alles verstehen würden. In unserer immer schneller werdenden Gesellschaft wird Schwerhörigkeit oft gleichgesetzt mit doof: nicht gehört gleich nicht verstanden. 

Ich bin 51, berufstätig und schwerhörig, seit ich 16 Jahre alt bin. Zunächst hieß die Diagnose Otosklerose beidseitig – es folgten drei Operationen mit gutem Erfolg. Die Schwerhörigkeit, vor allem im Innenohr, schritt und schreitet aber trotzdem voran. Mit 36 Jahren erhielt ich die ersten Hörgeräte. Plötzlich hörte ich anders, lauter. Mein Gehirn musste sich erst daran gewöhnen. Im Steinzeitalter hat uns diese Funktion das Leben gerettet. Geräusche, die wir nicht kennen, macht unser Gehirn zunächst lauter. Auf diese Weise haben wir genug Zeit, bei Gefahr davonzulaufen. Können wir die Geräusche einordnen und signalisieren sie keine Gefahr, werden sie in unser Gehirn integriert und für normal befunden. 

Als ich die Hörgeräte erhielt, hatte ich viele Geräusche schon lange nicht mehr gehört. So wusste ich nicht mehr, dass es Geräusche macht, wenn ich mir die Schnürsenkel bin-de oder wenn ich mit den Fingern über meine Hose kratze. Es gab viele Momente, die ich staunend, aber auch anstrengend fand. Der Satz, den viele Kinder über ihre Eltern sagen: „Das Hörgerät liegt bei meiner Mutter nur in der Schublade“, bekam für mich eine andere Bedeutung: Ich konnte es verstehen. Um bei der Lautstärke nicht verrückt zu werden, ist die Schublade ein geeigneter Ort. 

Je später Schwerhörige mit Hörsystemen versorgt werden, umso schwieriger wird es für das Gehirn, all die neuen Geräusche einzuordnen. Hören wird dann zu einem erheblichen Stressfaktor. Und trotz der mittlerweile guten Versorgung werden Schwerhörige ein hundertprozentiges Sprachverstehen nie erreichen. So bleiben viele Situationen, in denen das Hören unendlich anstrengend sein kann. Situationen, in denen man etwas nicht mitbekommen, nicht oder anders gehört hat: Wenn

  • jemand im Nebenraum mit mir redet oder sich jemand umdreht, während er oder sie mir etwas erklärt. 
  • das Radio im Hintergrund läuft oder der Straßenverkehr während einer Unterhaltung lärmt. ich in einem Café oder in einer Kneipe sitze und alle durcheinanderreden. 
  • die Akustik in den Räumen schlecht ist und ich von dem Vortrag oder der Predigt kein Wort verstehe. 

Wenn ich dann abends erschöpft auf das Sofa fiel, wunderte ich mich zu Anfang noch … Heute weiß ich, dass ich mehr Energie für das Hören brauche – trotz guter Hörgeräte. 

Wie aber kann ein Zusammenleben zwischen Hörenden und Schwerhörigen gelingen? Seitens der Schwerhörigen ist sicherlich ein weitestgehender offener Umgang mit der Schwerhörigkeit sinnvoll. Seitens der Hörenden gibt es ein paar Spielregeln. Eigentlich sind das nicht mehr als achtsame Umgangsformen, die uns allen gut zu Gesicht stehen: zum Beispiel, sich während eines Gespräches anzuschauen, in Augenkontakt zu bleiben, buchstäblich „den Mund aufzumachen“. Multitasking und „eben mal“ ist für niemanden gut. Wenn man sich unterhält, unterhält man sich und macht nicht noch tausend Sachen nebenbei. Zudem muss man einen Schwerhörigen nicht anschreien – er wird deswegen nicht mehr verstehen. Oft wird die Stimme beim Schreien automatisch eine Oktave höher, und das ist gerade der Bereich, in dem das Sprachverstehen bei den meisten Schwerhörigen ohnehin schlechter ist. Es gibt Schwerhörige, deren Erkrankung paradoxerweise eine Lärmempfindlichkeit mit sich bringt. Der Erschreck-Faktor ist hier immens groß. Auch zehn Zentimeter vor dem Gesicht oder direkt ins Ohr zu reden, ist kontraproduktiv. Bei beidem kann man die Lippen und das Gesicht des anderen nicht sehen. Ich höre aber am besten, wenn ich auch sehen kann. 

In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass man mit Schwerhörigen nicht flüstern kann, zum Beispiel während eines Vortrags. Kleiner Tipp: Zettel und Stift helfen weiter. Bei Familienfesten oder in einer geselligen Runde in der Kneipe gilt all das natürlich auch. Und wenn die Hintergrundgeräusche zu laut sind, kann sich ein Schwerhöriger eben manchmal nicht an der Unterhaltung beteiligen. Da hilft es auch nicht, etwas zum zehnten Mal zu wiederholen. Da hilft nur noch ein deutliches „Es ist zu laut“. 

Die Basis für ein gutes Zusammenleben zwischen Hörenden und Schwerhörigen ist aber das Verständnis: Wenn jemand freundlich ist und versucht, zu verstehen, dass Hören nicht selbstverständlich und manchmal auch anstrengend ist, trägt das bereits ungemein zur allgemeinen Entspannung bei.

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN