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  • 22.01.2018
  • Praxis

Porträt

"Indien ist geil"

Wenn sich Gleichaltrige über Krankheiten unterhalten, hört Erna Jung weg. Die 80-Jährige, die viele Jahre ihren Mann gepflegt hat, macht sich lieber Gedanken, wo ihre nächste Reise hingeht. Dabei faszinieren sie vor allem Länder, die andere nur aus dem Fernsehen kennen. 

Zwei große Bilder nehmen fast vollständig die Wände ein. Darauf sind mehrere halbnackte afrikanische Frauen, aus deren Unterlippen kuchentellergroße Tonscheiben hängen. Die Frauen gehören zum äthiopischen Stamm der Mursi, wie sich später herausstellt. Ein Raum weiter. Auf einem Tisch ein iranisches Kaffeeservice, an der Wand hängt ein schlichtes Holzkreuz neben Seidenmalereien aus China und Perlenstickereien aus Indien. Und noch mehr Mursi. Den Kachelofen zieren Kacheln aus Portugal, andere sind aus China. Türkische Metallkrüge prangen darauf. In einem kleinen Wandvorsprung daneben steht ein silbernes Teegefäß aus dem Iran, davor liegt eine „Mao-Bibel“, dahinter kleine Schätze aus Burma, Ungarn, der Türkei, Syrien, dem Jemen, Tibet, China. Was nach ethnologischem Museum klingt, ist Erna Jungs Esszimmer. Ihre Leidenschaft ist unübersehbar: Die 80-Jährige reist für ihr Leben gern. 

Stolz wirbelt sie von einem Gegenstand zum nächsten und erklärt, was er ist und woher er stammt. Dabei legt sie ein Tempo vor, dem man kaum folgen kann. Bei einer kleinen Holztruhe hält sie inne: „Die habe ich gegen ein altes Paar Turnschuhe getauscht“, sagt sie und lacht. Dann stapft die braungebrannte Frau im langen Blümchenrock mit ihren pinken Wollsocken in den Garten.

Wann die Reiselust begann, kann sie nicht mehr sagen. Gereist sei sie schon immer gern. Mit ihrem verstorbenen Mann war sie mit dem Auto unterwegs in Europa. Das seien dann auch mal 5.000 Kilometer nach Portugal gewesen. Die Flugreisen sind später gekommen, als das Fliegen billiger wurde. 

Der Garten ist voller Blumen. Aus einem Gemüsebeet wuchern Kürbisblätter. Erna Jung geht strumpfsockig durch die Wiese. Auf den wenigen Metern zum Gartentisch erzählt sie, welche Blumen sie selbst gezogen hat. Dass sie aus den Zwetschgen bald Knödel machen wird. Welche Kürbisse wachsen. Wie die Solarbeleuchtung funktioniert. Dazwischen zupft sie mit den pink lackierten Fingernägeln ab und zu eine verwelkte Blüte ab. Von den Nägeln blättert an manchen Stellen der Lack, darunter ist Erde. „Wenn ich nicht auf Reisen bin, bin ich im Garten“, sagt sie. Da könne sie einfach am besten abschalten.

Viel Zeit verbringe sie auch damit, sich um ihre Alben zu kümmern. Wie viele sie davon hat? „Ach, hundert werden’s schon sein“, sagt Erna Jung. „Und Dias (Diafilm)! Hunderttausende Dias von China ’86“. Aber die wolle ja heute keiner mehr sehen, sagt sie mit etwas Wehmut in der Stimme. Vor einigen Jahren hat sie sich eine Digitalkamera zugelegt. „Das ist heutzutage schon super. Auf meinem Chip haben 2.000 Aufnahmen Platz“, erzählt Jung. In einem Urlaub kämen schon mal 600 Bilder zusammen. Zu Hause angekommen, habe sie dann viel zu tun: Reiseberichte schreiben, Eintrittskarten, Hotelbelege. Alles werde gesammelt und eingeklebt.

Beim Stichwort Lieblingsland holt Erna Jung Luft und hebt ihre etwas schief nachgezogenen Augenbrauen. Danach folgt eine endlos wirkende Liste mit Ländern, in denen sie schon war. Eines aber taucht dann doch immer wieder auf: Indien. Fünfmal sei sie bereits dort gewesen, jedes Mal woanders. „Ach, Indien ist geil“, sagt sie. „Ein irre tolles Land“. Natürlich dürfe man nicht dorthin, wo die Touristen sind. Bei dem Verweis darauf, dass Indien ja als hektisch und schmutzig gelte, reagiert Jung fast schon ungehalten: „Delhi ist nicht Indien!“, wiederholt sie drei Mal. Dann erzählt sie von Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnet ist. Es ist nicht einfach, auseinanderzuhalten, wo sie gedanklich gerade ist. Oft schließt sie die Augen. Als Zuhörer fühlt man sich wie ein Kandidat bei Schlag den Raab – es ist anstrengend, ihr zu folgen, macht aber auch enorm Spaß und ist spannend.

In Tibet habe sie ’86 eine Himmelsbestattung von der Ferne miterlebt. Dafür sei sie um fünf Uhr früh aufgestanden. Der Leichnam werde zerhackt und dann den Geiern zum Fressen gegeben. Irgendwann wurde sie aber von der chinesischen Polizei „zum Teufel gehaun“. 

Die Jains in Indien seien auch sehr interessant. Sie tragen Mundtücher, damit sie keine Insekten verschlucken – sie wollen keine Tiere töten. Die Tempel der Jains müsse man einfach gesehen haben, schwärmt Jung. „Da kann man alles andere vergessen.“ 

Auf dieser Reise habe sich auch ihr Fahrer nahe der pakistanischen Grenze verfahren. Mitten im Nirwana seien sie da gestanden. Als er ihnen einen Halm zeigte, aus dem man eine Flüssigkeit trinken könne, habe sie sich gedacht: „Na Servus, das wird ja sauber“. Am Ende sei aber alles gut gegangen.

Auch den Jemen findet sie toll. Und Syrien. Durch Aleppo sei sie gegangen. Da hält sie kurz inne, und die Falten im Gesicht werden etwas tiefer, ihr Blick glasig. „Es ist schon unfassbar, dass es diese jahrtausendealten Schätze jetzt nicht mehr gibt. Einfach weggebombt“, sagt sie aufgewühlt. Wenn sie in einem Land war und danach solch schreckliche Bilder im Fernsehen sehe, berühre sie das immer sehr. 

Bei der Frage, wie sie sich denn auf ihren Reisen verständige, macht Erna Jung eine abwinkende Handbewegung: Zwar könne sie kein Englisch, die Verständigung klappe dennoch. Ihr Lebensgefährte könne einigermaßen Englisch, aber auch ohne ihn komme sie ganz gut klar. Früher habe sie einfach oft auf den Ort auf der Karte gedeutet. Wenn dann die Leute irgendwo hingezeigt hätten, habe sie sich gedacht, „mei, wird scho hinhaun“. Außerdem seien die Menschen überall so freundlich und hilfsbereit, dass man nicht viele Worte brauche.

Ob das Alter Thema sei? Darauf geht sie gar nicht ein. Nur kurz und entschlossen sagt sie: „Wenn mir was wehtut, dann sage ich mir, des muss jetz’ wieder werdn. Und dann wirds auch wieder.“ Im August ist sie 80 geworden. Daheim sein wollte die Frau mit den kastanienbraun gefärbten Haaren und rosa Lippenstift an dem Tag nicht. Lieber fuhr sie drei Wochen nach Polen. Zum zweiten Mal nach Auschwitz. Manche sagen zu ihr, „was willst du denn dort? Das ist doch alles vorbei.“ Da wird Erna Jung sauer: „Da krieg ich so eine Wut. So eine Wut!“ Viele Menschen hätten Vorurteile. „Man muss doch die Menschen von was anderem überzeugen“, sagt sie ernst. Dafür müsse man raus in die Welt, die Menschen kennenlernen.

Nächster Tag: ein Anruf von Erna Jung. „Mir ist da noch was eingefallen, was Sie auch noch schreiben könnten.“

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