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  • 13.11.2017
  • Praxis

Delirprävention

Gut orientiert durch die OP

Immer mehr ältere Menschen werden heute operiert. Bei vielen kommt es rund um die OP zu einer Verwirrtheit, oft mit gefährlichen Folgen. Dabei können einfache Maßnahmen helfen, ein sogenanntes Delir zu vermeiden. Angehörige sind dabei wertvolle Partner.

Geschichten wie diese kennt jeder: Ein älterer Herr um die 80 Jahre wird wegen eines Leistenbruchs in die Klinik aufgenommen. Medizinisch gesehen ist die Leistenhernien-OP eine Bagatelle. Der Eingriff verläuft auch ohne Komplikationen, aber kurz nach der OP ist der Herr – bei der Aufnahme noch sehr höflich und zuvorkommend – kaum wiederzuerkennen: Er schreit um sich, reißt sich die Infusion raus, wirft mit dem Tablett nach der Krankenschwester. Von dieser Verwirrtheit, im Fachjargon auch als Delir bezeichnet, erholt sich der Rentner zwar nach einigen Tagen, aber so ganz der Alte wird er nie wieder.

Vorfälle wie diese sind für ältere Menschen nach einer Operation keine Seltenheit. Auch wenn sich die Verwirrtheit nicht immer so lautstark zeigt wie im Beispielfall. „Gerade Patienten im höheren Lebensalter leiden häufiger an einer unspektakulären Form des Delirs“, erklärt Dr. med. Simone Gurlit. „Diese Patienten liegen dann apathisch im Bett, schauen unter die Decke und haben bis um fünf Uhr nachmittags noch nicht einmal nach der Krankenschwester geklingelt.“ Für die Betroffenen sei diese Form viel gefährlicher: „In der Hektik der Tagesroutine wird das unauffällige Delir häufig zu spät oder gar nicht diagnostiziert“, so Gurlit, die am Franziskushospital in Münster die Abteilung für Perioperative Altersmedizin leitet. „Was nicht erkannt wird, kann aber auch nicht behandelt werden.“

Klassische Symptome eines Delirs sind die Störung von Bewusstsein und Aufmerksamkeit. Auch Halluzinationen und Wahnvorstellungen sind typisch. „Oft ist der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört“, erklärt Gurlit, „das macht sich zum Beispiel dadurch bemerkbar, dass sich die Symptome nachts verschlechtern.“ Viele Patienten seien zudem depressiv verstimmt. Typisch sei auch, dass sich die Verwirrtheit innerhalb einer kurzen Zeitspanne entwickle und im Krankheitsverlauf schwanke. „Der Patient kann nachts sehr unruhig sein, morgens schläft er dann und nachmittags geht es ihm scheinbar gut. Und am Abend geht es dann mit den Symptomen weiter.“

Gefährliche Verwirrtheit

Das Phänomen Verwirrtheit rund um die OP ist kein neues. Früher wurde es oft als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Damit einher ging die Vorstellung, der Patient brauche nur etwas länger, um sich von der Operation zu erholen. Danach werde er aber wieder genauso aus dem Delir hervorgehen, als wenn er keines gehabt hätte. „Heute wissen wir, dass das nicht stimmt“, sagt Dr. med. Simone Gurlit. „Die Betroffenen haben ein hohes Risiko, langfristige Schäden zu erleiden.“ Das Risiko, eine Demenz zu bekommen, sei nach so einem Vorfall beispielsweise doppelt so hoch. Auch die Sterblichkeit liege nach einer Verwirrtheit deutlich höher. „Die Patienten sterben nicht an ihrer Verwirrtheit, aber an den Komplikationen, die sie erleiden. Das können Stürze oder auch Infektionen sein. Oft führt ein Delir auch dazu, dass Patienten langfristig bettlägerig werden“, weiß Gurlit.

Viele Patienten sind betroffen, auch wenn es nur wenig konkrete Zahlen gibt. Bereits bei Aufnahme in ein Krankenhaus zeigen zehn bis 20 Prozent der über 65-jährigen Patientinnen und Patienten Anzeichen eines Delirs, wie Studien zeigen. Weitere zehn bis 25 Prozent sind zu einem späteren Zeitpunkt betroffen. „Und von den Patienten, die aufgrund einer hüftgelenksnahen Fraktur operiert werden und älter als 65 Jahre sind, erleiden sogar 40 bis 60 Prozent ein Delir“, erläutert Gurlit.

Ein hohes Lebensalter ist laut der Medizinerin eines der Hauptrisikofaktoren für das Erleiden eines Delirs. Hinzu kommen Mehrfacherkrankungen, aber auch eine vorbestehende kognitive Einschränkung. „Diese ist aber vorher häufig nicht bekannt und fällt erst auf, wenn der Patient ins Krankenhaus kommt. Denn viele Patienten kommen zu Hause in der gewohnten Umgebung noch gut zurecht“, so Gurlit. Werden sie dann aber ins Krankenhaus aufgenommen, können sie sich oft nicht orientieren und das fragile Gleichgewicht, das diese älteren Menschen bislang noch hatten, breche zusammen. Von einem auf den anderen Tag scheine der Patient plötzlich „akut dement“. Das sei typisch für ein Delir im Krankenhaus.

5 Tipps, um ein Delir zu vermeiden

Da eine Verwirrtheit nach der Operation schwere Folgen haben kann, spielt die Vermeidung eine so wichtige Rolle. „Hier gibt es zahlreiche nicht-medikamentöse Maßnahmen, die einem Delir vorbeugen können“, erläutert Dr. med. Simone Gurlit. Viele Studien belegen, wie wirksam diese sind, wenn sie konsequent gelebt werden. Gerade Angehörige können dazu beitragen, dass diese Maßnahmen im Klinikalltag auch umgesetzt werden.

  1. Wichtig ist, alles zur Re-Orientierung zu bieten, was möglich ist. Das heißt, Brille aufsetzen und Hörgerät einsetzen. Auch wenn ein Patient in den OP gebracht wird, sollte er sein Hörgerät tragen. Ist das aus irgendeinem Grund nicht möglich, muss sichergestellt sein, dass ihm dieses unmittelbar nach der Operation im Aufwachraum zur Verfügung gestellt wird.
  2. Viele Patienten haben verständlicherweise Angst vor einem chirurgischen Eingriff. Deshalb sollten im Vorfeld einer Operation Ängste genommen werden. Das trägt wesentlich dazu bei, ein Delir zu vermeiden. Denn: Angst kann ein Auslöser für ein Delir sein.
  3. Essentiell ist ein guter Tag-Nacht-Rhythmus. Dafür braucht der Patient eine gute Tagesstruktur mit Aktivitätsphasen. Das heißt, der Patient muss raus aus dem Bett (auch wenn er das nicht möchte). Er muss die Möglichkeit haben, überhaupt müde zu werden. Angehörige sind hier wertvoller Partner. Wichtig ist, dass den Angehörigen bewusst ist, wie wichtig die Aktivierung am Nachmittag ist. Ein guter Besuch macht müde!
  4. Auch vertraute Gegenstände können zur Vermeidung eines Delirs beitragen, zum Beispiel Fotos der Familie. Und was zu Hause am Bett steht, kann auch in der Klinik am Bett stehen – der gleiche Wecker, das gleiche Trinkglas, das gleiche Foto von der Ehefrau. Das alles hilft dem Patienten, sich zu orientieren.
  5. Bei geriatrischen Patienten sind eine medikamentöse Prämedikation und auch das Schlafmittel am Abend zu vermeiden. Der Grund: Diese Medikamente können ein Delir auslösen. Schon eine einmalige Gabe kann dazu führen, dass ein gefährdeter Patient ein Delir bekommt. Nimmt ein Patient hingegen zu Hause regelmäßig ein Schlafmittel, sollte er dies auch in der Klinik nehmen. Der Entzug von einem Schlafmittel kann ebenfalls ein Delir auslösen.

Wichtig: Eigene Ängste nicht übertragen

Zeigt der Vater oder die Ehefrau plötzlich Symptome einer Verwirrtheit, sind Angehörige natürlich besorgt. „Ist ein Patient akut delirant, dann geht bei den Angehörigen oft ein Kopfkino los: Wie soll das bloß werden? Was passiert, wenn meine Mutter nicht zurück in ihre Wohnung kann? Was bedeutet das für mich?“ Diese Erfahrung macht Dr. med. Simone Gurlit häufig. Manchmal beobachte sie dann, dass ein Angehöriger am Bett sitzt und die ganze Zeit sagt: „Du weißt doch, wo du hier bist. Du bist im Franziskus Hospital. Du weißt doch, wie spät es ist. Und du weißt doch, dass Mittwoch ist.“ Dieses Verhalten sei nachvollziehbar, aber sehr ungünstig, weil die Angehörigen damit ihre Ängste auf den Patienten übertragen. „Der fühlt dann, mit mir stimmt etwas nicht, und die Angst wird immer größer.“

Wünschenswert wäre es laut der Medizinerin, wenn die Pflegenden und Ärzte die Angehörigen in dieser Phase begleiten und unterstützen könnten. Sie könnten beispielsweise erklären: „Ein Delir kommt häufig bei älteren Patienten im Krankenhaus vor. Wenn jetzt die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, kann es komplett wieder verschwinden.“ Sie können vermitteln, wie wichtig es ist, dass die Angehörigen nun möglichst oft beim Patienten sind, speziell in den ersten Tagen nach der OP und an den Wochenenden, wenn die Pflege schlecht besetzt ist. Es gehe nicht darum zu kommen und zu sehen, dass der Vater schläft. Es geht darum, ihn zu aktivieren, gegebenenfalls auch gegen seine schlechte Laune und sein unwirsches Abweisen. „Was der Patient jetzt braucht, sind kontinuierlich vertraute Gesichter um sich.“

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