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  • 03.11.2017

Leichter hören

Schwerhörige stoßen bei ihren Gesprächspartnern häufig auf Unverständnis und Unwissenheit. Die Kommunikation misslingt, frustriert, erschöpft. Damit sie gelingt, müssen Betroffene ihre Bedürfnisse offen mitteilen. Angehörige können viel beitragen, indem sie einfache Gesprächsregeln beherzigen.

 

Beim Italiener mit Freunden, beim Familienfest zuhause, im Wartezimmer beim Arzt: Wer nicht hört, was andere ihm sagen, geht oft unter und wird schnell ausgegrenzt. Denn unser Ohr ist das „sozialste“ Organ. Hören und Verstehen bedeuten „dazu“ zu gehören. Miteinander Sprechen dient nicht nur der Information, sondern baut auch immer eine Beziehung auf. Inwiefern sich gutes beziehungsweise schlechtes Hören auf die Teilhabe am Leben auswirkt, ist weitestgehend unbekannt. Klar ist aber, dass eine Hörschädigung oft ein Tabuthema ist und häufig mit schlechten Meinungen und Empfindungen verbunden ist. Wer schwerhörig ist, gilt leicht als „dumm“, „einfältig“ oder „schwer von Begriff“. Ein blinder Mensch bekommt im Alltag schnell einmal Hilfe. Schwerhörige Menschen werden nicht selten ausgelacht und verspottet, wenn sie etwas falsch verstanden haben und die Zusammenhänge deshalb falsch herstellen. 

Viele verstecken ihre Schwerhörigkeit

Derlei negative Erfahrungen mit der Behinderung führen dazu, dass viele ihre Schwerhörigkeit verstecken. Andauernde Missverständnisse, Ungeduld und Ablehnung können frustrieren. Die Folge kann sein, dass sich Betroffene sozial isolieren, zurückziehen, mitunter auch den Arbeitsplatz verlieren.Soziale Isolation ist dabei nur eine der vielen körperlichen und psychischen Folgen, die eine hochgradige Schwerhörigkeit mit sich bringen kann. Weitere Folgen sind zum Beispiel Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schwindel, Ängste, Depressionen sowie eine schlechtere Lebensqualität. Darunter leiden vor allem die Schwerhörigen selbst, aber auch deren Angehörige. Denn beide Seiten wissen oft zu wenig über mögliche Hilfen und Methoden zur besseren Verständigung und darüber, wie man mit dieser Behinderung umgeht.Schwerhörigkeit ist eine Behinderung, die oft unterschätzt wird, weil sie nicht sichtbar ist.

Laut dem Deutschen Schwerhörigenbund haben etwa 13,5 Millionen Menschen in Deutschland eine Hörstörung; 1,2 Millionen davon sind hochgradig schwerhörig oder taub. Schwerhörige haben – im Gegensatz zu Gehörlosen – ihre Hörschädigung meist im Laufe des Lebens erworben, zum Beispiel aufgrund einer Krankheit, einem Unfall oder wegen einer erblichen Vorbelastung. Mit zunehmendem Alter spielt die Altersschwerhörigkeit eine größere Rolle. Sie beginnt meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Betroffenen fällt es dann besonders in Gesprächsrunden mit mehreren Personen schwer, das Gesagte vollständig zu verstehen. Die Altersschwerhörigkeit wird durch zahlreiche Faktoren begünstigt, zum Beispiel Stress, Dauerlärm, Medikamente oder unbehandelten Bluthochdruck.Viele Menschen glauben, schwerhörige Personen würden ganz leise hören. Das ermutigt Guthörende zu Umgangsformen, die für eine Kommunikation mit Schwerhörigen eher hinderlich als förderlich ist. Tatsächlich geht es in den meisten Fällen nicht um ein leises oder lautes Hören, sondern um das Verstehen. Dieses ist bei Schwerhörigen eingeschränkt. Auch schwerhörige Menschen hören, es sind aber verschiedene Frequenzbereiche, also Tonhöhen, gestört. Weil diese Störung der Tonhöhen vor allem den Sprachbereich betrifft, kommt es dort immer wieder zu Ausfällen. Das macht das Verstehen schwierig. Insbesondere hohe Töne können oft nicht gehört werden. 

Hörgeräte lösen nicht alle Verstehensprobleme

Mittlerweile gibt es verschiedene technische Hilfsmittel, die das Hören erleichtern. In vielen Fällen greifen die Hörgeräte. Am bekanntesten sind Hinter-dem-Ohr-Geräte, bei denen das Gerät hinter dem Ohr sitzt, und Im-Ohr-Geräte, die am äußeren Gehörgang sitzen. Daneben gibt es winzige Kanalhörgeräte, die sich direkt im Gehörgang befinden und mit einem dünnen Plastikfaden herausgenommen werden können. Implantierbare Hörgeräte werden operativ eingesetzt und sind nur für wenige Arten von Schwerhörigkeit geeignet. Die verschiedenen Modelle haben alle Vor- und Nachteile. Welche Art für die Einzelperson infrage kommt, ist abhängig von der Hörstörung, den eigenen Wünschen und Bedürfnissen und wird in Absprache mit dem Arzt beziehungsweise Hörakustiker ausgewählt.

Wenn ein Hörgerät keinen Nutzen (mehr) hat, kann bei gehörlosen oder hochgradig schwerhörigen Menschen eine Innenohrprothese, das Cochlea-Implantat, helfen, akustische Signale wahrzunehmen.Auch wenn es mittlerweile sehr gute technische Hilfsmittel für Schwerhörige gibt, so können diese die Verstehensprobleme nicht vollständig lösen. Die Kommunikation zwischen Schwerhörigen und Guthörenden stellt immer eine Herausforderung dar. Beide Seiten sind deshalb gleichermaßen gefragt, Verständnis für den anderen aufzubringen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die eine gelungene Kommunikation möglich machen.

Das Versteckspiel beenden

Der wichtigste Schritt für Schwerhörige ist die Selbsthilfe. Wenn Betroffene ihr schlechtes Hören für sich behalten, führt dies umso häufiger zu Schwierigkeiten im Alltag. Schwerhörige sollten sich deshalb zu ihrer Behinderung bekennen, vorhandene Hilfsmittel nutzen und Kurse zu Kommunikation, Hörtaktik oder Sprachtraining besuchen. Besonders im Berufsleben ist es wichtig, auf den guthörenden Gesprächspartner zuzugehen und offen anzusprechen, worauf es bei der Kommunikation mit einer schwerhörigen Person ankommt. Ein Abwarten und Erwarten von anderen hilft meist nicht weiter. Dagegen sollten die Gesprächspartner über die Schwerhörigkeit aufgeklärt, und Bedürfnisse und Wünsche möglichst genau von Gesprächsbeginn an mitgeteilt werden. Ein deutliches und langsames Sprechen animiert das Gegenüber eher, auch langsamer zu sprechen. Ein vorgetäuschtes Verstehen hingegen wird in der Regel irgendwann bemerkt und kann zu Unmut führen. Hilfreich ist es auch, das Hörgerät sichtbar zu tragen. Damit ist die Behinderung für das Gegenüber sichtbar und gerät nicht so schnell in Vergessenheit. 

Was können Angehörige tun? 

Angehörige können viel tun, um schwerhörigen Familienmitgliedern das Hören zu erleichtern. Ein erster Schritt ist dabei das Sprechen: deutlich, nicht zu schnell und in normaler Lautstärke. Ein zu lautes Sprechen kann vor allem für Hörgeräteträger sehr unangenehm sein und sogar Schmerzen verursachen. Insbesondere gelten diese „Sprechregeln“ für Telefongespräche. Denn hier ist es für die schwerhörige Person nicht möglich, Gesicht, Mund und Mimik mit in den Verstehensprozess einzubeziehen. Dasselbe Problem tritt auf, wenn ganz nah ins Ohr gesprochen wird, aus weiter Entfernung etwas zugerufen wird oder ein Vollbart den Mund verdeckt. Auch ein Sprechen während des Essens oder Kaugummi kauen verhindern es einem Schwerhörigen, von den Lippen abzulesen und den anderen zu verstehen.Neben der Sprache spielt auch die Umgebung eine große Rolle, wie gut oder schlecht jemand hört. Laute Musik oder der Fernseher sind hinderlich für ein störungsfreies Hören. Aber auch das Wetter oder Müdigkeit beeinflussen, wie gut eine Person hört. Oftmals wird in diesem Zusammenhang fälschlicherweise schlechte Laune als Ursache für das schlechte Hören identifiziert. 

In großen Runden ist der Lärmpegel meist automatisch höher. Schwerhörige sollten in das Gespräch integriert werden und über Inhalte informiert werden. Gerade wenn durch ein falsches Verstehen eine falsche Antwort herauskommt und der Rest der Gesprächsrunde lacht, ist es wichtig, dem Schwerhörigen mitzuteilen, warum alle anderen lachen. Denn nur dann ist es möglich, dass die Person mitlachen kann und sich nicht ausgeschlossen oder ausgelacht fühlt. Zu guter Letzt sollten Schwerhörige immer selbst antworten „dürfen“. Das „Einspringen“ von Guthörenden, wenn eine schwerhörige Person nicht sofort antwortet, ist gut gemeint. Es führt aber zu einer Bevormundung des anderen und dieser fühlt sich dann nicht mehr ernstgenommen. Das Verstehen einer Frage dauert manchmal einfach etwas länger als bei Guthörenden und damit kann auch die Antwort ein wenig länger dauern. Oft hilft es, dem Betroffenen ein Stichwort zu nennen oder die Frage kürzer und einfacher zu formulieren und der Antwort einfach auch ein wenig Zeit zu geben. Für eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Schwerhörigen und Guthörenden müssen beide Seiten aufeinander zugehen. Schwerhörige dürfen ihre Behinderung nicht geheim halten und müssen aktiv ihre Bedürfnisse einfordern. Guthörende können Schwerhörigen das Verstehen erleichtern, indem sie kommunikative Umgangsformen bewusst einsetzen und Empathie zeigen. Dann ist es auch möglich, dass sich die Gesprächspartner in jeder Hinsicht gut verstehen.

Hans Neuhold ist Präsident der österreichen Schwerhörigen Selbsthilfe (ÖSSH). Mail: info@oessh.or.at

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