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  • 26.10.2017
  • Praxis

Teufelskreis aus Jucken und Kratzen

Chronischer Juckreiz ist ein weit verbreitetes Symptom, dass auf zahlreiche Krankheiten hinweisen kann. Weil viele Betroffene aber nicht darüber sprechen, erfolgt oft keine Behandlung. Pflegende Angehörige können dabei helfen, chronisches Jucken zu erkennen und zu lindern.

 

Jeder kennt das lästige Gefühl nach einem Mückenstich. Zunächst versucht man noch, das Jucken zu ignorieren. Doch irgendwann kommt man nicht mehr dagegen an und es wird heftig drauflos gekratzt. In vielen Fällen endet das Scheuern mit einer kleinen Wunde – hätte man doch bloß nicht damit angefangen.

Juckreiz verspürt jeder Mensch mindestens einmal am Tag – die Nase piekst, der Rücken kratzt oder die Kopfhaut verleitet dazu, sich zu jucken. Diese kurzen Juckreiz-Attacken sind in aller Regel ganz normal. Doch wenn das Jucken länger als sechs Wochen anhält, spricht man von chronischem Juckreiz. Im Fachjargon spricht man auch von einem chronischen Pruritus. Der Begriff leitet sich ab vom lateinischen Wort „prurire“, was „jucken“ bedeutet.

Während ein akuter Juckreiz nach kurzer Zeit wieder abklingt, ist bei chronischem Juckreiz meist eine spezifische Therapie notwendig. Professorin Sonja Ständer, Leiterin des Kompetenzzentrums Chronischer Pruritus in Münster, erklärt den Unterschied: „Der akute Juckreiz spricht schnell auf Therapien an, beispielsweise Kortisoncremes, und klingt von alleine ab. Es stehen auch üblicherweise keine versteckten Krankheiten dahinter. Anders ist dies beim chronischen Juckreiz. Hier ist genau das Gegenteil der Fall. Daher muss er auch durch einen Spezialisten untersucht und behandelt werden.“

Juckreiz ist ein Volksleiden

Laut der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft leiden etwa 13,5 Prozent der Allgemeinbevölkerung an chronischem Juckreiz, bei der arbeitenden Bevölkerung sind es fast 17 Prozent. Daher kann man durchaus von einem Volksleiden sprechen. „Früher wurde der chronische Juckreiz aber nicht beachtet und daher auch nicht erfasst“, erklärt Sonja Ständer die hohen Zahlen. „Heute leiden weltweit viele Menschen unter Zivilisationskrankheiten, die mit chronischem Jucken einhergehen.“

Eine einzelne Ursache gibt es dabei nicht. „Die Ursachen sind sozusagen unbegrenzt“, erklärt die Juckreiz-Expertin. „Viele Erkrankungen aus allen Fachgebieten haben die Fähigkeit, Juckreiz im Körper auszulösen.“ Zu den häufigsten Ursachen zählen laut Ständer eine trockene oder erkrankte Haut, Nesselsucht, Schuppenflechte, chronische Nieren- oder Lebererkrankungen, Medikamentenreaktionen und Bluterkrankungen.

Den Teufelskreis durchbrechen

Das Symptom folgt dabei immer dem gleichen Muster: Der Juckreiz bewirkt ein Kratzen, Scheuern, Rubbeln, Reiben, Drücken oder Kneten der Haut. Dieses Kratzen führt zu Schmerzen. Der Schmerz kann das Jucken kurzzeitig lindern, bewirkt aber gleichzeitig, dass sich der Betroffene weiterhin kratzen möchte. Durch diesen Teufelskreis aus Jucken und Kratzen kann die Haut geschädigt werden und sich unter Umständen entzünden. Als Folge können zum Beispiel Blutergüsse, Blutungen oder Krusten entstehen.

Dennoch: Kratzen lindert den Juckreiz, wenn auch nur kurzfristig. Auch Ablenkung oder ein warmes Klima können lindernd sein. Dagegen gibt es viele Faktoren, die sich negativ auf den Juckreiz auswirken: „Dazu zählen zum Beispiel eine trockene Haut oder zu häufiges Waschen und Baden. Auch das Kratzen mit scharfen Gegenständen schädigt die Haut und sollte vermieden werden. Eine intakte Haut ist sehr wichtig, um den chronischen Pruritus nicht zu fördern. Aber auch raue Kleidung, Stress oder bestimmte Genussmittel wie Alkohol oder scharfe Gewürze können den Juckreiz verstärken“, erklärt Professorin Sonja Ständer.

Um den chronischen Juckreiz langfristig in den Griff zu bekommen, muss zunächst die Grunderkrankung behandelt werden. Wenn das nicht hilft, wird ergänzend das Symptom therapiert. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel Salben oder Cremes, aber auch verschiedene Medikamente. Was im Einzelfall wirklich hilft, hängt aber immer von der Grunderkrankung ab.

Juckreiz kann die Lebensqualität einschränken

Chronischer Juckreiz kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken: Wer sich nachts ständig kratzt, schläft schlechter. Das kann dazu führen, dass Betroffene tagsüber müde sind und deswegen in Schule oder Arbeit weniger belastbar sind. Hautschäden und das ausgeprägte Kratzen können auch dazu führen, dass Betroffene ablehnendes Verhalten erfahren, sich schämen und das Selbstwertgefühl leidet. Pflegende Angehörige können viel tun, um ein betroffenes Familienmitglied zu unterstützen:

„Das beginnt zunächst einmal damit, überhaupt zu erkennen, dass der Juckreiz vorliegt. Denn viele Betroffene berichten nicht davon und der chronische Pruritus bleibt damit oft unerkannt“, erklärt Sonja Ständer. Angehörige sollten daher die Haut im Blick behalten und auf Kratzläsionen achten. Darüber hinaus gibt es viele Maßnahmen, die den Juckreiz lindern oder einem solchen vorbeugen:

Hautpflege: Langes und/oder heißes Baden belastet die Haut und kann den Juckreiz fördern. Stattdessen eignet sich ein 10-minütiges Baden in lauwarmem Wasser. Pflegeprodukte sollten die Haut nicht zusätzlich reizen und austrocknen. Gut geeignet sind hautschonende Reinigungsmittel, Badeöle und rückfettende und feuchtigkeitsspendende Cremes, die die Haut weich und geschmeidig machen.

Kleidung: Die Kleidung sollte keine rauen Oberflächen haben, die zusätzlich scheuern. Wolle und Schweiß können den Juckreiz verstärken. Wollkleidung und -decken sind deshalb weniger geeignet.

Essen: Auch das Essverhalten kann eine Rolle spielen. Scharfe Gewürze, Alkohol und heiße Getränke können den chronischen Juckreiz fördern.

Klima: Eine trockene Luft durch Heizung oder Klimaanlage trocknet die Haut aus. Raumvernebler können dabei helfen, die Luftfeuchtigkeit in Zimmern gleichmäßig zu halten.

Stress vermeiden: Auch Stress kann chronischen Juckreiz verstärken. Entspannungsübungen, individuelles Stressmanagement und Selbsthilfegruppen können helfen, individuelle Stressauslöser aufzuspüren und dazu führen, dass sich Betroffene seltener kratzen.

Chronischer Juckreiz ist ein Symptom vieler Krankheiten. Nur wenn es erkannt wird, ist eine entsprechende Behandlung möglich. Zahlreiche negative Folgen für die Betroffenen, wie Hautschäden oder psychisches Leiden, können so verhindert werden. Pflegende Angehörige spielen dabei eine wichtige Rolle, indem sie die Haut ihres pflegebedürftigen Angehörigen im Blick behalten und juckreizförderliche Faktoren erkennen und gegebenenfalls vermeiden.

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