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  • 19.09.2017

Pflege als Schulfach

"Wir wollen die Schüler für den Pflegeberuf begeistern"

Der größte ostdeutsche Sozial- und Wohlfahrtsverband, die Volkssolidarität, geht auf der Suche nach Pflegenden neue Wege. Auf dem Stundenplan der Schüler einer integrierten Gesamtschule in Magdeburg steht seit diesem Schuljahr das Unterrichtsfach Pflege. Ein begleitendes Praktikum absolvieren die Schüler in einer Einrichtung des Verbands. Wir sprachen mit der Bereichsleiterin Personal der Volkssolidarität, Anja Girschik, über Hintergründe und Ziele dieses deutschlandweit bislang einmaligen Ansatzes.  

Frau Girschik, warum haben Sie sich für ein Schulfach Pflege eingesetzt? 

Junge Menschen auszubilden, um potenzielle Arbeitnehmer zu gewinnen – diesen Ansatz verfolgen nahezu alle Arbeitgeber. Wir wollten aber noch einen Schritt vorher ansetzen. Wir wollen den künftigen Berufseinsteigern bei der beruflichen Orientierung helfen und Jugendliche schon während ihrer Schulzeit für den Pflegeberuf begeistern. Gleichzeit erhoffen wir uns aber natürlich auch, damit dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenwirken zu können. 

War es leicht, eine kooperierende Schule zu gewinnen? 

Ja. Die Verantwortlichen an der der Integrierten Gesamtschule Regine Hildebrandt in Magdeburg waren sofort begeistert. Sie begrüßten sehr unser Vorhaben, ein Wahlpflichtfach Pflege für Schüler der neunten und zehnten Klasse anbieten zu wollen. Auch seitens der Schüler ist das Programm jetzt nach dem Start gut angenommen worden. Erste Erfahrungen mit Wahlpflichtfächern hat die Schule bereits in den Vorjahren sammeln können. Wir als Volkssolidarität Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. haben letztlich von diesen Erfahrungen bei der Umsetzung unserer aktuellen Kooperation profitiert. Erfahrungen der Schule gerade im pädagogischen Bereich, das Gewinnen von interessierten Schülern und vor allem der Hintergrund einer schulischen Struktur konnten in die Konzeption einfließen. 

Warum gibt es das Schulfach Pflege nur an einer Schule?

Zunächst galt es, überhaupt erst einmal zu starten und Erfahrungen in der Umsetzung von Theorie und Praxis zu gewinnen. Wichtig ist hierbei, ein auf die Schüler abgestimmtes Programm zu finden, welches für den Beruf der Pflege bereits im pubertierenden Alter begeistert. Hier konnten wir auf Erfahrungen aus Halle/Saale und Magdeburg zurückgreifen. 

Inwiefern?

Im Rahmen eines Schulprojekts konnten dort Schüler bereits das Wahlpflichtfach Pflege belegen. Als dieses Projekt endete, wurde nach Möglichkeiten gesucht, diese gute Idee weiterzuentwickeln und ein eigenes Projekt mit und für die Volkssolidarität zu entwickeln. Entstanden ist unser aktuelles Konzept. Derzeit belegen 14 Schüler den Wahlpflichtkurs Pflege. Sie konnten wählen zwischen einer zweiten Fremdsprache und einem Wahlpflichtkurs wählen. 

Ist eine Ausweitung auf andere Schulen und Bundesländer geplant? 

Nein, erst einmal nicht. Nicht jede Schule kann sofort ein Wahlpflichtfach anbieten. Es bedarf viel Vorbereitung und insbesondere Absprachen mit verschiedenen Institutionen. Das nicht zuletzt, um die Schüler nicht nur während des Unterrichts, sondern auch während des Praktikums abzusichern. 

Mit dem Wahlpflichtfach ist also auch ein Praktikum verbunden?

Genau. Das Praktikum dauert zwei Wochen. Während dieser Zeit werden die Schüler in unseren Wohneinrichtungen und Sozialstationen tätig sein. Sie werden die älteren Menschen unterstützen, mit ihnen Gedächtnisübungen machen und sich vor allem mit ihnen austauschen. Neben dem Praktikum gibt es aber auch noch weitere Veranstaltungen in unseren Einrichtungen der Volkssolidarität, wie die Teilnahme der Schüler am Patiententreffen, an gemeinsamen Bastelnachmittagen oder Feiern etwa zu Weihnachten mit Patienten und Bewohnern. 

Warum soll Pflege nur in der neunten und zehnten Klasse unterrichtet werden?

Der Pflegeberuf ist sehr anspruchsvoll. Vorwiegend alte Menschen werden von den Pflegenden betreut und umsorgt. Sowohl Psyche als auch Körper der Pflegefachpersonen sind hier besonderen Belastungen ausgesetzt. Diese Belastungen werden natürlich auch in einem Praktikum sichtbar werden. Zu jung sollten die Schüler deshalb nicht sein. Unsere Schüler werden außerdem zunächst in Bereichen eingesetzt, die für die Psyche und dem mit dem Alter verbundenen Entwicklungsstand der Schüler angemessen sind. 

Welche Themen werden im Unterricht gelehrt? 

Es geht um den vielseitigen Beruf der Pflege im Allgemeinen. Das IWK - Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege aus Magdeburg vermittelt theoretische Kenntnisse in der Pflege. Zum Beispiel lernen die Schüler mithilfe eines Anzugs Motorik und Sinne des alternden Menschen kennen und können selbst einmal die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt nicht mehr so agil und beweglich zu sein. In unseren Einrichtungen dann haben die Schüler den Kontakt zu unseren Patienten. Sie unterhalten sich mit den Patienten, hören manchmal einfach nur zu oder geben Hilfestellung. Während des Unterrichts wird aber auch geübt, wie ein Vorstellungsgespräch in der Praxis stattfindet oder wie eine Bewerbung aus Sicht eines Personalverantwortlichen auszusehen hat. 

Wie finanziert sich das Projekt? 

Die Finanzierung vor allem der Personalkosten läuft primär über die Kooperationspartner, also die Schule und den Bildungsträger. 

Was erhoffen Sie sich jetzt von dem Projektstart? 

Die Zusammenarbeit mit den Projektpartnern trägt dazu bei, die Berufsorientierung der Schüler in Form von gemeinsamen Projekten in Theorie und Praxis zu fördern und den Beruf der Pflege wieder attraktiv zu gestalten. Natürlich hoffen wir, dass möglichst viele Schüler sich für den Pflegeberuf begeistern und bei der Volkssolidarität eine Ausbildung beginnen werden. 

Anja Girschik ist Bereichsleiterin Personal bei der Volkssolidarität Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. in Magdeburg

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