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  • 06.02.2018
  • Praxis

"Den Knall im Kopf vergesse ich nie"

Ein Secondhandshop für Designermode, Fernreisen, eine Beziehung: Das alles gehörte zum Leben der 45-jährigen Tanja Kaudasch – bis eine Hirnblutung alles veränderte. 

In ihrem Schlafzimmer lehnt ein Surfbrett an der Wand. Kartons mit ausgefallener Kleidung stehen in einer Zimmerecke. Dies alles erinnert an das Leben, das Tanja Kaudasch vor ihrer Hirnblutung geführt hat. Im April 2015 war es, als die heute 45-Jährige einen lauten Knall in ihrem Kopf wahrnahm, ihr schlecht wurde und sie plötzlich extrem starke Kopfschmerzen bekam. Sie entschloss sich, den Notarzt zu rufen und rief auch ihre Mutter an, die nur wenige Meter entfernt im Dortmunder Stadtteil Aplerbecker Mark wohnt. „Die Sanitäter vermuteten einen Magen-Darm-Infekt und sprachen sogar zwischenzeitlich von Drogenmissbrauch“, erinnert sich die 65-Jährige. Und dann fügt sie an: „Sie sagten noch, dass sie am Nachmittag wieder aus dem Krankenhaus zurück sei.“ Mit dieser Prognose lagen die Rettungskräfte allerdings falsch, denn es dauerte fünf Monate, bis Tanja Kaudasch das Krankenhaus wieder verlassen konnte.

Sechs Wochen Tiefschlaf

Mutter und Tochter halten es heute noch für „fatal“, dass man Tanja Kaudasch mit ihren Symptomen in ein Unfallkrankenhaus gebracht hat. Das besonders vor dem Hintergrund, dass ihr Großvater mit 48 Jahren an einer Hirnblutung gestorben ist. Nach einer Magnetresonanztomografie (MRT) vom Kopf stand die Diagnose Hirnblutung fest, und Tanja Kaudasch musste in die Uniklinik Dortmund verlegt werden. Dort wurde sie für sechs Wochen in Tiefschlaf versetzt. Neben einer Thrombose in der Hauptschlagader erlitt sie in dieser Zeit Vasospasmen, also plötzliche Verengungen der Gehirnarterien, und steckte sich mit einem Darmkeim an. Sie magerte bei einer Größe von 1,74 Metern von 72 auf 40 Kilogramm ab. Auch die medikamentöse Behandlung in der Zeit auf der Intensivstation hat ihre Spuren hinterlassen: Die Leber ist unwiederbringlich geschädigt, und so wartet die gelernte Einzelhandelskauffrau heute dringend auf ein Spenderorgan. 

In der Zwischenzeit versucht sie, ein möglichst normales Leben zu führen. Den Haushalt in ihrer sehr liebevoll eingerichteten Wohnung kann sie weitgehend allein führen. Das war nicht immer so. Als sie im Dezember 2015 aus der Frühreha entlassen wurde, war sie schwerstpflegebedürftig. „Ich war stuhl- und harninkontinent, und es waren keine Muskeln mehr vorhanden. Meine Mutter hat mich vier Monate lang gepflegt.“ Die Betreuung durch einen Pflegedienst, der anfangs kam, sieht sie im Nachhinein mit gemischten Gefühlen. Größtenteils sei die Versorgung eine Katastrophe gewesen, auch, weil der Pflegedienst so unzuverlässig war. Aber es habe auch ein paar wertvolle Tipps gegeben, erinnert sich Bärbel Kaudasch. So war der Wannenlifter ungemein hart und kalt für die zarte Frau. „Eine Pflegekraft hat uns geraten, Luftpolsterfolie und ein Handtuch unterzulegen, das hat geholfen“, sagt Tanja Kaudasch. 

Ihre Mutter hat alles darangesetzt, dass ihre Tochter wieder ein möglichst eigenständiges Leben führen kann. So hat sie für ihre Tochter den Secondhandshop aufgelöst, Vollerwerbsminderungsrente beantragt und sich bemüht, die Wohnung für Tanja Kaudasch aufrechtzuerhalten. Selbst heute noch muss sich die sehr schlanke Frau mehrmals am Tag hinlegen und ausruhen, da sie schnell erschöpft ist. Das passe nicht zu ihrer Tochter, die vor der Erkrankung einen eigenen Secondhandshop für Designermode geführt hat, Gartenarbeit liebte, Kleinmöbel gebaut und Bilder gemalt hat, so die Einschätzung ihrer Eltern. Außerdem sei sie viel gereist. An ihre mehrwöchigen Reisen nach Tahiti oder Sri Lanka erinnern Mitbringsel und Urlaubsfotos. „Einmal habe ich mir drei Monate unbezahlten Urlaub genommen und mein Auto verkauft, um mir einen Flug auf die Seychellen leisten zu können“, erzählt Tanja Kaudasch.

In diesem Winter hat Tanja Kaudasch sehr viel gemalt und Handarbeiten angefertigt, denn da ihre Freunde meist erst abends Zeit haben, war sie viel allein. Eine Reha wurde aufgrund der Rente, die sie nun erhält, abgelehnt. Während Mutter Bärbel recht offen mit ihren Ängsten und Sorgen um die Tochter umgeht, fällt dies Vater Helmut schwer. Tanja Kaudasch leidet körperlich momentan am meisten unter dem Juckreiz, den ihr ihre Lebererkrankung verursacht. Psychisch belastet sie der Gedanke sehr, wieder ein Pflegefall werden zu können – und: „Den Knall im Kopf sowie die wahnsinnigen Kopfschmerzen werde ich nie vergessen.“

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