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  • 14.09.2017
  • Praxis

Leben mit Krebs

"Meine Kraft schöpfe ich aus Glaube, Liebe, Hoffnung"

Während und nach ihrer Krebserkrankung verbrachte Corinna Kohröde-Warnken mehr Stunden im Wartezimmer, als ihr lieb war. Trotzdem begreift sie diese Zeit als eine Bereicherung.

In Ihrem ersten Buch thematisierten Sie besonders Ihre Beziehung zu Gott – Ihre Zweifel und Ängste, aber auch Ihre Zuversicht und Hoffnungen. Hat sich diese Beziehung seitdem verändert?

In mancherlei Hinsicht ja. Gott ist immer gegenwärtig. An manchen Tagen ist er für mich mehr spür- und erlebbar als an anderen. Aber die Gewissheit, dass er da ist, auch wenn ich nicht an ihn denke, ist unglaublich beruhigend. Ich muss nicht ständig „online“ bei ihm sein, aber ich kann mich jederzeit an ihn wenden. Egal ob ich über meine Ängste, die es ja auch immer noch gibt, sprechen will oder ‒ was jetzt fast häufiger vorkommt ‒ einmal schnell „Danke“ für einen ganz normalen Tag sagen möchte. Ich habe das Gefühl, es ist für mich „selbstverständlicher“ geworden, dass Gott in meinem Leben die wichtigste Grundlage geworden ist.

Für viele Menschen ist Warten ein Ärgernis, das sie möglichst vermeiden wollen. Dennoch heißt Ihr neues Buch „Im Wartezimmer der Hoffnung“ – geht es Ihnen da anders?

Nein, ich warte genauso oft und mit genauso wenig Begeisterung in den Wartezimmern, wie alle anderen auch. Ich versuche mich nicht zu ärgern, denn es ist wie in einem Stau auf der Autobahn. Ich komme dadurch, dass ich wütend bin, kein bisschen schneller voran. Aber – und das ist ein wichtiges Thema in dem Buch – ich habe die Wahl! Die Wahl, wie ich mit einer Situation, einem Schicksalsschlag oder mit meinem Leben umgehen will. Ich kann es hassen, akzeptieren oder lieben. Und jeder weiß, dass sich akzeptieren und lieben sehr viel besser anfühlt. Also wähle ich doch lieber diese Gefühle und Umgangsweise für das Warten und für mein Leben.

Normalerweise herrscht in Wartezimmern eher eine unangenehme Atmosphäre des Schweigens. In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie aber ganz konkret Ihre Begegnungen mit anderen Patienten. Wie sind Sie miteinander ins Gespräch gekommen?

Das war ganz unterschiedlich. Manchmal genügt schon ein Blickkontakt, manchmal trifft man sich wieder und einige „Geschichtenerzähler“ kannte ich aus meinem engeren und weiteren Umfeld. Hin und wieder wurde ich auch darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Geschichten „erzählenswert“ sind. Fast alle, die ich um Erlaubnis gebeten habe, ihre Geschichten erzählen zu dürfen, haben begeistert zugestimmt. Ich hatte oft das Gefühl, dass es ihnen gut tat, mit jemandem über ihre Erfahrungen zu sprechen, der nicht unmittelbar beteiligt ist, sie aber trotzdem versteht. Angehörige sind ja immer mit betroffen, während ich ihre Sorgen und Empfindungen nachfühlen konnte, ohne emotional zu sehr beteiligt zu sein. Ich habe ja ähnliche Erfahrungen gemacht.

Krankheit ist ein Thema, über das wenige Menschen gern nachdenken, wieso glauben Sie, ist es so wichtig, sich dennoch damit zu befassen?

Über 40 Prozent der deutschen Bevölkerung gelten als „chronisch krank“. Wenn man sein eigenes Umfeld anschaut, die Familie, den Freundeskreis, die Nachbarschaft oder auch die Arbeitskollegen - jeder kennt einen chronisch Kranken. Die sogenannten „Volkskrankheiten“ können auch jeden treffen. Mit meinen Geschichten möchte ich zeigen, dass man dennoch oder gerade deswegen ein gutes und erfüllendes Leben führen kann.

In Ihrem Buch schreiben Sie über Ihre Begegnungen mit anderen Patienten, die Ihnen ihre ganz persönliche (Krankheits-)Geschichte erzählen. Ist dies nicht auch sehr belastend?

Nein, für mich war es ein Geschenk. Die Erzählenden haben mir viel Vertrauen entgegengebracht. Daher habe ich die Identitäten auch anonymisiert. Ihre Geschichten sind aber real. Natürlich waren die Gespräche für beide Seiten auch sehr anstrengend, manchmal schmerzhaft, aber dennoch hilfreich und es wurde oft gelacht. Zu einigen meiner Gesprächspartner hat sich eine Art „Beziehung“ entwickelt. Freundschaft wage ich (noch) nicht zu sagen, denn die muss man sich erst verdienen.

Durch Ihr Schreiben sind Sie selbst auch zu einer Geschichtenerzählerin geworden – was bedeutet diese Rolle für Sie?

Das ist meine „Lebensaufgabe“ geworden. Ich liebe diese "Rolle" und es ist eines meiner ersten Rituale, morgens meinen Laptop hochzufahren. Ich schreibe jeden Tag ‒ an einem Buchprojekt, Fachartikel, Blogs, aber auf jeden Fall in mein Tagebuch. Der Aussage "Schreiben ist wie atmen für mich" kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen.

Ihre beiden Bücher sprühen vor Lebensmut und Kraft – woher schöpfen Sie diese?

Meine Kraft schöpfe ich genau wie meine Geschichtenerzähler aus "Glaube, Liebe, Hoffnung". Aber es ist ein Trugschluss zu denken, es ginge mir immer gleich gut. Es gibt durchaus Tage, an denen ich müde und kraftlos bin. Das sind immer noch die „Nachwehen“ der Erkrankung und der Nebenwirkungen der Therapie. Aber diese Tage gehen auch wieder vorbei. Auch hier treffe ich ganz bewusst eine Entscheidung: Ich heiße dann diese „müden“ Tage willkommen, gehe mit einem guten Buch oder einem Fachbuch zur Recherche auf mein Sofa oder in meinen Strandkorb und ruhe mich aus. Dann muss eben anderes, müssen andere Termine, andere Aufgaben warten ‒ sie dürfen dann mal im „Wartezimmer“ Platz nehmen!

Welchen Rat möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?

Da denke ich sofort an Victor Frankl, den ich auch in meinem Buch mehrfach erwähne. Er hat das vor annähernd 50 Jahren, nachdem er seine gesamte Familie im KZ verloren hatte, viel treffender formuliert, als ich es könnte: „Selbst die widrigsten Umstände können uns die Wahl lassen. In Verzweiflung und Angst oder mit Mut und Würde.“ Ich glaube, dass dies einer der größten Liebesbeweise Gottes ist. Er hat uns die Freiheit geschenkt zu wählen.

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt vom Vier-Türme-Verlag

Corinna Kohröde-Warnken war Krankenschwester und hat Public Health sowie Pflegemanagement studiert. 15 Jahre war sie als Prokuristin und Vorstandsreferentin in einem Krankenhaus tätig. Heute arbeitet sie freiberuflich als Journalistin für Fachzeitschriften und als ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Zudem hat sie einen Lehrauftrag als Dozentin an der HFH Hamburg.

Ihr neues Buch
Im Wartezimmer der Hoffnung
Geschichten vom lebensbejahenden Umgang mit chronischen Krankheiten
18 Euro, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach

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