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  • 01.09.2017

Beratung von Krebspatienten

Durch schwere Zeiten lotsen

Seit knapp zwei Jahren setzt das Klinikum Kassel auf eine intensivere Betreuung seiner an Krebs erkrankten Patienten. Mit guten Erfahrungen: Die sogenannte Onkologielotsin wirkt sich nachweislich positiv auf Behandlung und Genesung der Patienten aus. 

Die Diagnose Krebs ändert das Leben von Betroffenen schlagartig. Die Lebensplanung wird auf den Kopf gestellt. In den Vordergrund treten vielfältige Fragen zu der Erkrankung, deren Ursachen und Auswirkungen oder der Prognose und beruflichen Situation. Aber auch die finanzielle Absicherung und die künftige Versorgung des Patienten selbst sowie seiner Familienangehörigen beschäftigen Betroffene. 

In dieser Zeit starker Gefühlsschwankungen kann eine intensive Betreuung besonders hilfreich sein. Das hat das Projekt "Der Onkologielotse – Wie kann man eine Krebserkrankung besser meistern?" am Klinikum Kassel gezeigt. 

Ängste nehmen

Allein aufgrund der Tatsache, individuell beraten zu werden und das Gefühl zu haben, nicht allein gelassen zu werden, verspürten die Patienten weniger Angst und weniger starke Depressionen, berichtet Onkologielotsin Andrea Eckhardt. "Mir gegenüber sprechen sie häufig viel offener über ihre Probleme und Nöte als mit Familienangehörigen oder Freunden, die ihnen emotional sehr nahe stehen und die sie nicht zu sehr belasten möchten." Dabei gehe es beispielsweise um Ängste rund um das Thema Tod und Sterben, um Körperbildstörungen oder Rollenverlustängste. 

Es gebe zwar zahlreiche Informationen zu Krebserkrankungen im Internet, die jedoch ohne zusätzliche kompetente Beratung und weitere medizinische Kenntnisse kontraproduktiv für die Betroffenen seien, so die gelernte Krankenschwester weiter. Eckhardt hat Pflege mit einem Schwerpunkt auf Patienten- sowie Angehörigenberatung studiert und sich schon während des Studiums intensiv onkologisch erkrankten Patienten gewidmet.

Wie sehr ihre Arbeit im Rahmen des Projekts am Klinikum Kassel Betroffenen hilft, beschreibt Patientin Janine Wupper: "Frau Eckhardt hat mir bei organisatorischen Dingen viel Arbeit abgenommen und war durch die regelmäßigen Gespräche auch eine gute psychische Stütze. So wurde mir besonders die Unwissenheit über die bevorstehende Zeit, zugleich aber auch die Angst genommen."

Mehr Lebensqualität

Die Lebensqualität der Patienten im Projekt habe sich verbessert, die Zahl der Komplikationen und Therapieabbrüche verringert, bestätigt auch der Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie im Klinikum Kassel, Prof. Dr. Martin Wolf. Das liege an der intensiveren Patientenberatung und Betreuung über das übliche Maß hinaus.

Das auf zwei Jahre angelegte Projekt in der Klinik für Hämatologie und Onkologie wurde von der cdw-Stiftung gGmbH aus Kassel initiiert und finanziert. Folgende vier Fragen wurden dabei analysiert: 

  • Wie entwickelt sich die Lebensqualität der Patienten von der Diagnose über den Krankheitsverlauf hinweg?
  • Inwiefern ändert sich die Einstellung der Patienten zu ihrer Erkrankung und Therapie im Verlauf der Behandlung? 
  • Inwiefern wirkt sich eine intensivierte Form der Patienteninformation und -betreuung auf die Komplikationsrate während der laufenden Behandlung aus?
  • Wie wirken sich Onkologielotsen auf die Art von Therapieabbrüchen und letztlich auf das Behandlungsergebnis aus?

In Phase I des Projekts erhielten 50 Patienten das übliche Informations- und Betreuungsangebot für onkologische Patienten in einem Krankenhaus der Maximalversorgung mit einer spezialisierten hämatologisch-onkologischen Abteilung. 

Intensive Betreuung und Begleitung

In Phase II des Projekts bekamen wiederum 50 Patienten ein deutlich ausgeweitetes Betreuungs- und Informationsangebot. Dazu gehörten eine Informationsmappe für die individuell vorliegende Erkrankung und ein Patiententagebuch, das vom Patienten geführt wird. Damit ist er informiert über Erkrankung und Therapie, hat einen ungefähren zeitlichen Rahmen für die Dauer seiner Behandlung und kennt Namen sowie Telefonnummern der behandelnden Ärzte. Bereits diese "Kleinigkeiten" des Wissens vermitteln dem Patienten Sicherheit. Durch die aktive Mitarbeit des Patienten können Chemotherapie-bedingte Nebenwirkungen früher erkannt werden. Desweiteren ist es für den Patienten eine Erleichterung, sich nicht bei jedem Arztbesuch wie Zahn- oder Augenarzt erklären zu müssen, sondern einfach das Patiententagebuch vorlegen zu können. Aus den Hausarzteinträgen, die sich vorwiegend mit den Laborwerten beschäftigen, kann sich der Patient im Laufe der Zeit beispielsweise Symptome erklären oder Verhaltensmaßnahmen selbst einleiten.

Außerdem zählt zu dem erweiterten Betreuungsangebot ein Erstgespräch mit der Projektmitarbeiterin, die die individuellen Bedürfnisse des betroffenen Patienten erfasst. Auch bei jedem stationären Aufenthalt erfolgt ein persönliches Gespräch mit der Projektmitarbeiterin. Darüber hinaus gibt es wiederholte Angebote zu einem Gespräch mit einem Psychoonkologen. Bei Bedarf wird der Patient weitervermittelt, um gezielt Hilfe für organisatorische, soziale, psychologische oder pflegerische Fragen zu erhalten.

Für beide Patientengruppen wurden Fragebögen eingesetzt, welche die allgemeine Lebensqualität, die vorhandenen Krankheitssymptome, die psychische Situation und die Einstellung zur Therapie einschließlich der Lebensperspektive erfasst haben. Diese Erfassungsbögen wurden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychologie der Universität Kassel ausgewählt. Die Patienten füllten die Fragebögen insgesamt viermal aus: nach der Neudiagnose, nach vier bis sechs Wochen, sechs Monaten und einem Jahr. 

Ebenfalls wurde unter anderem dokumentiert, zu wie vielen ungeplanten stationären Aufenthalten es kam, was jeweils Aufnahmediagnose und Liegedauer waren, wie hoch der Schmerzmittelbedarf war, ob eine psychoonkologische Beratung in Anspruch genommen wurde, aus welchen Gründen es möglicherweise zu einem Therapieabbruch kam und ob Pflegeunterstützung nötig war. Zudem wurden gegebenenfalls Rezidiv- und Todesdatum festgehalten.

Patienten profitieren

Die Projektauswertung zeigt deutlich die positiven Auswirkungen einer intensiveren Beratung und Betreuung auf die Lebensqualität des Patienten sowie den Therapieverlauf. Es mussten nur sieben Prozent der Patienten in Phase II intensivmedizinischen versorgt werden (Phase I: 14 Prozent). Fast alle Patienten ließen sich zum Schwerbehindertenrecht beraten (Phase I: 38 Prozent), was auf eine bessere Information über sozialwirtschaftliche Unterstützungsmöglichkeiten der Patienten hindeutet. Nur 16 Prozent benötigten die Gabe von Erythrozytenkonzentraten (Phase I: 22 Prozent). Das deutet auf eine bessere Schulung in der Infektionsprophylaxe hin. Innerhalb der Projektlaufzeit verstarben mit 18 Prozent nur halb so viele Patienten wie in Phase I. 

Die durchweg positiven Ergebnisse des Projekts der Onkologielotsin haben dazu beigetragen, am Klinikum Kassel eine Psychosoziale Krebsberatungsstelle in Kooperation mit der Hessischen Krebsgesellschaft e.V. einzurichten. Künftig können sich hier alle Patienten mit einer onkologischen Erkrankung individuell beraten und betreuen lassen.

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