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  • 16.08.2017
  • Management

Personalmanagement

"Wir geben Pflegenden eine Bühne"

Kliniken müssen sich etwas einfallen lassen, um Pflegende für sich zu gewinnen. Das Universitätsklinikum Heidelberg probiert es mit einer neuen Pflege-Kampagne und setzt dabei auf die Unterstützung seiner Mitarbeiter. 

Herr Reisch, derzeit gibt es viele Kliniken, die Konzepte entwickeln, um Pflegende an ihr Haus zu binden. Was ist das Besondere an der Heidelberger Variante? 

Wir haben ein unglaublich breitgefächertes Spektrum an Entwicklungsmöglichkeiten für Pflegende. Sie können sich in fast 30 Aufstiegs- und Anpassungsfortbildungen weiterbilden – vom Wundexperten bis zum Casemanager. Zudem qualifizieren vier staatlich anerkannte Weiterbildungen zur Anästhesie- und Intensivfachkraft, zur pädiatrischen Intensivfachkraft, zur OP-Pflegefachperson oder zur onkologischen Pflegefachkraft. Wir haben also viel zu bieten und binden dabei die Pflegenden ein, sodass sie selbst ihre Arbeit mitgestalten können. Dieses gilt es auch bekannt zu machen. In dieser Hinsicht denke ich, arbeiten wir strukturierter als manch andere Klinik. 

Dazu zählt, dass sie ein neues Strategiekonzept aufgesetzt haben. Was war der Hintergrund dazu? 

Ausgangspunkt war eine psychische Gefährdungsanalyse, die im Rahmen eines Projektseminars über das Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg abgewickelt wurde. Der neuen Strategie ging also eine intensive Vorbereitungsphase voraus. Alle Pflegenden, immerhin rund 3 500 Mitarbeiter, waren und sind dabei eingebunden. Das war im vergangenen Jahr und die Ergebnisse haben mich doch sehr überrascht muss ich sagen.

Warum das?

Was die Pflegenden am meisten frustriert hat, war die geringe Kontrolle über die Ausübung ihrer Arbeit. Nicht Arbeitsdichte und personelle Ausstattung beschäftigten sie – dieser Punkt rangiert erst auf Platz vier. Vielmehr beschäftige sie, dass sie ihre erlangten fachlichen Kompetenzen nicht autonom, also eigenständig, ausführen durften, sondern – überspitzt gesagt – dem Arzt lediglich beratend zur Seite stehen. Delegation ist zwar möglich, nicht aber Substitution. Im Alltag gibt es wenig Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen bei der Anordnung von Maßnahmen. Pflegende empfinden ihre Arbeit häufig als fremdbestimmt. Sie müssen ihre pflegerischen Tätigkeiten den organisatorischen Abläufen in Diagnostik- und Therapieabteilungen anpassen. Außerdem ist die Leistungsbereitschaft der Pflegenden sehr hoch, sie empfinden diese aber als zu wenig anerkannt und wertgeschätzt.

Welche Konsequenzen haben Sie aus den Ergebnissen gezogen? 

Daraus entstanden ist die auf vier Jahre angelegte Heidelberger Expertise im Pflegedienst, kurz HEP 2020. Kernaspekt ist dabei die durchgängige Beteiligung der Pflegekräfte nach dem Motto „von der Pflege für die Pflege“. Klares Ziel ist es, die Pflegekompetenz weiter auszubauen. Dafür haben wir vier Aktionsfelder definiert, welche die wesentlichen Schwachstellen aus der Analyse Schritt für Schritt beheben sollen. Parallel dazu gibt es seit Jahresanfang vier Gesundheitszirkel, in denen Problemstellungen aus der Gefährdungsanalyse diskutiert und Lösungen für verschiedene Bereiche wie Intensiv- und Allgemeinstationen eingebracht werden können.

Können Sie Beispiele für konkrete Aktionen nennen?

Wir haben etwa eine neue Marketingkampagne, mit der die Suche nach neuen Mitarbeitern für den Pflegedienst unterstützt wird. Die Motive verdeutlichen unsere zentrale Botschaft: Pflegende bei uns entwickeln sich dank eines vielfältigen Aufgabenspektrums kontinuierlich fachlich und persönlich weiter. Sie „wachsen“ also mit jedem Arbeitstag, mit jeder persönlichen Herausforderung, mit jeder Fort- und Weiterbildung. Außerdem haben wir Mitte August den ersten Heidelberger Pflegepreis vergeben. Ausgezeichnet wurden Projekte, die von Pflegenden gemeinsam im Team erarbeitet wurden und nachweislich die Patientenversorgung verbessert haben. Den ersten Platz mit 1.500 Euro Preisgeld belegte das Team der kardiologischen Intensivstation der Medizinischen Klinik mit einer Neuorganisation der interdisziplinären Notfallversorgung im Behandlungszimmer. Die Pflegenden merken: Wer sich engagiert und sich einbringt, der kann sich bei uns gut entwickeln – und den fördern wir auch, beispielsweise indem wir ein weiterqualifizierendes Studium mitfinanzieren. 

Hier spiegelt sich die Wertschätzung wieder, die die Mitarbeiter bei Ihnen bislang vermissten…

Genau. Wir wollen mit solchen Aktionen verdeutlichen, dass wir unsere Pflegenden wertschätzen, sie ernst nehmen und ihnen zuhören, wenn sie Kritik äußern wie etwa in der erwähnten Befragung. Mein Ziel ist es deshalb, dass Pflegende ihr Wissen und ihre Kompetenz in der Patientenversorgung unmittelbar zum Einsatz bringen können. Das bietet sich besonders bei den Themen Wunde, Schmerz und Ernährung an. Hier können Pflegende deutlich mehr Autonomie erlangen, übernehmen teilweise bereits ärztliche Tätigkeiten und werden dafür in anderen Bereichen durch Team- und Serviceassistenten entlastet. Die Pflegenden merken, dass es uns ernst ist, und das trägt sich dann auch über die Klinikgrenzen hinaus weiter. Unsere Mitarbeiter sind also selbst positive Werbeträger. Gleichzeitig geben wir ihnen damit auch eine Bühne. 

Wie meinen Sie das?

Die Mitarbeiter kommen sozusagen zur Geltung. Sie organisieren eigenständig Messeauftritte oder Werbekampagnen. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel: Für unsere eigenen Veranstaltungen oder Symposien hole ich keine externen Referenten mehr, sondern setze auf meine kompetenten Mitarbeiter. Denn es geht nicht nur darum, neue Talente hinzuzugewinnen, sondern auch die bislang zu unrecht vernachlässigten Talente aus dem Verborgenen zu holen – und ihnen eben eine Bühne zu geben. Ein solcher Ansatz fängt schon im Kleinen an, etwa in dem ich als Pflegedirektor selbst auf den Stationen vorbeischaue, mich erkundige, wo es vielleicht hackt und mich auch mit unseren Auszubildenden austausche. Die Pflegenden erwarten ja nicht sofort eine Lösung, aber sie wollen gehört werden. 

Merken Sie denn, dass die neue Strategie schon etwas bewirkt?

Wir haben derzeit eine geringe Fluktuation von rund fünf Prozent und eine gute Bewerberlage. Das kann aber Zufall sein. Es wäre unseriös, das zu diesem Zeitpunkt in Verbindung mit unserer Kampagne zu setzen. Dazu müssen wir längerfristig die Entwicklungen beobachten und evaluieren. Genau das werden wir tun. Zwar sind wir derzeit noch in einer komfortablen Situation. Aber auch in Heidelberg wird es zunehmend schwieriger, für die Pflege adäquates Personal zu finden. Früher konnten wir alle Plätze nahtlos wieder besetzen, wenn jemand ausgeschieden ist. Heute merkt man schon, dass es dauert. Wir müssen dringend handeln und brauchen deshalb die Kampagne. Denn klar ist: Die Zahl und Qualität der Pflegenden bestimmt das Limit der Leistung und die Leistungsfähigkeit der Pflege ist entscheidend für den Erfolg des gesamten Klinikums. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Reisch.

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