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  • 13.07.2017

Perioperatives Delir

"Die zusätzlichen Personalkosten rechnen sich"

Das St. Franziskus-Hospital in Münster hat fünf Mitarbeiter eingestellt, die sich ausschließlich um Risikopatienten für ein Delir kümmern. Diese Personalmaßnahme lohnt auch in wirtschaftlicher Hinsicht, weiß Dr. Simone Gurlit. 

Frau Dr. Gurlit, immer mehr ältere Menschen werden heute operiert. Wie oft kommt es dabei zu einem perioperativen Delir?

Es gibt nur wenig konkrete Daten. Wir wissen, dass analgosedierte Intensivpatienten zu über 80 Prozent delirant sind. Und Patienten über 65 mit einer hüftgelenksnahen Fraktur erleiden zu 40 bis 60 Prozent ein Delir. Allerdings muss bedacht werden, dass zehn bis 20 Prozent der über 65-Jährigen Patienten schon delirant in die Klinik kommen. Derzeit bleiben jedoch die meisten Delirien im Krankenhaus – rund 60 Prozent – unerkannt. Und die, die erkannt werden, werden häufig nicht kodiert, da ein Delir in der Regel nicht erlössteigernd ist. Noch zu oft wird ein Delir auch quasi als Nebeneffekt billigend in Kauf genommen – im Sinne von: Ja, der Patient ist zwar delirant, aber das geht ja wieder weg. Ein Bewusstsein für die Relevanz des Themas ist leider noch nicht bei allen ärztlichen und pflegerischen Kollegen gegeben. Dabei sind die Folgen eines Delirs immens. Die Mortalität dieser Patienten steigt deutlich an, die Literatur legt 1-Jahres-Mortalitätsraten von 30 Prozent nahe. Die Betroffenen sterben dabei nicht an ihrer Verwirrtheit, sondern an den Komplikationen, die sie erleiden, wie Stürzen und Infektionen.

Bei der Prävention und Behandlung haben sich vor allen nicht-pharmakologische Optionen als effektiv erwiesen, wie Orientierung bieten, Ängste nehmen, frühzeitig aktivieren. Das aber kostet Zeit. Wie kann das bei der momentanen Personalsituation in der Pflege gelingen?

Die Pflegenden können im Moment nicht mehr leisten – einfach, weil sie zu wenige sind. Klinikträger sollten aber bedenken: Wenn wir Risikopatienten frühzeitig erkennen und adäquat handeln, dann vermeiden wir teure Komplikationen. Mal ganz einfach formuliert: Wenn wir die Krankenschwester sparen, erkaufen wir uns auf der anderen Seite vielleicht eine teure Komplikation. Und wenn der Patient nur einen Tag länger im Krankenhaus bleibt als geplant, ist das mit Kosten für das Krankenhaus verbunden. Das sollte man gegeneinander aufrechnen.

Sie selbst haben am St. Franziskus-Hospital in Münster fünf Mitarbeiter eingestellt, die sich ausschließlich um Risikopatienten für ein Delir kümmern. Rechnet sich das?

Ja, bei uns werden seit mehr als 15 Jahren Risikopatienten vor, während und nach der OP durch ein Geriatrie-Team persönlich betreut und begleitet. Das Projekt wurde zunächst vom Bundesministerium für Gesundheit über zwei Jahre gefördert und ist seitdem in die Regelversorgung integriert. Die zusätzlichen Personalkosten rechnen sich über die reduzierten Komplikationen und die geringeren Verweildauern. Das Geriatrie-Team ist bei uns aus der Versorgung nicht wegzudenken.

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