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  • 26.05.2017

Europäische Vereinigung für Pflegestudierende

"Es ist eine Schande, was in Deutschland passiert"

In der European Nursing Student Association, kurz ENSA, treffen sich Pflegestudierende, um sich über die Situation in der Pflege europaweit auszutauschen. Wir sprachen mit dem Präsidenten des Netzwerks, welche Aufgaben und Ziele die jungen Studierenden verfolgen.  

Herr Vadell Martinez, seit Oktober 2016 sind Sie Präsident der Vereinigung für europäische Pflegestudierende. Was genau ist Ihre Aufgabe in dieser Position? 

Wir wollen uns über die praktischen und theoretischen Inhalte der Pflegeausbildung austauschen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen. Dafür ist es wichtig, dass wir nicht nur innerhalb der Europäischen Union, sondern auf dem gesamten europäischen Kontinent bekannt sind. Ich will, dass wir als Organisation gesehen werden, die sich um die Belange aller europäischen Pflegestudierenden kümmert – auch in Osteuropa. Derzeit liegt der Fokus sehr auf den nordischen und westlichen Ländern. Dabei ist eines unserer Ziele auch, nachteilige Situationen in unseren Mitgliedsländern zu verstehen, um sie schließlich ändern zu können.

Wie haben Sie von ENSA erfahren und warum wollten Sie sich aktiv beteiligen?

Das war eigentlich eher durch Zufall. Mein ehemaliger Lehrer hatte seinerzeit am schwarzen Brett unserer Universität einen Aushang aufgehängt. Darauf wurde ein ENSA-Treffen in Dublin angekündigt, sodass ich neugierig wurde. Das war im Oktober 2014. Als ich schließlich vor Ort dabei war, war ich von dem Netzwerk sofort überzeugt und wurde direkt Mitglied. Es ist schon sehr spannend, die kulturellen und berufspolitischen Hintergründe im europäischen Vergleich kennenzulernen und zu verstehen. 

Wie bewerten Sie die derzeitige Pflegeausbildung in Deutschland?

Es ist schon eine Schande, was in Deutschland passiert. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, DBfK, setzt sich wirklich sehr für eine bessere Pflegeausbildung ein. Aber derzeit ist Deutschland weit davon entfernt, ein Vorbild in dieser Sache für Europa zu sein. Obwohl einige Reformen auf den Weg gebracht wurden, bleibt Deutschland weit hinter dem zurück, was als Standard in Europa angesehen werden kann und was auch Pflegende selbst fordern. Pflegende in Deutschland leiden unter der geringen Anerkennung, sie haben so gut wie keine Lobby. Deshalb stehen sie viel schlechter da als ihre Kollegen im europäischen Ausland. Deutschland hat über viele Jahre verpasst, den Anschluss zu halten in der Pflegeausbildung. Mit dem Resultat , dass die Ausbildung nun rund 20 Jahre in der Entwicklung hinterherhinkt. Pflege in Deutschland ist einfach nicht attraktiv und für Studierende erst recht nicht. Pflegende spielen sozusagen immer die zweite Geige, stehen in der zweiten Reihe und müssen gegenüber anderen Gesundheitsberufen immer zurückstecken. 

War das auch der Grund, weshalb Sie sich kürzlich mit Vertretern des DBfK getroffen haben?

Ja, auch. Wir haben aber vor allem auch überlegt, wie wir mit Ländern in Kontakt kommen können, die ENSA bislang noch nicht kennen, wie Lettland, Russland oder Moldawien. Es war das erste Mal, dass ENSA an dem europäischen Forum für Pflegende und Hebammen, EFNNMA, teilgenommen hat. Dank des DBfK-Bundesgeschäftsführers Franz Wagner konnten wir mit zahlreichen Pflegevertretern aus Europa sprechen. Ein weiteres Highlight in dieser Hinsicht wartet am 27. Mai auf uns: Dann findet der International Council of Nurses Congress in Barcelona statt. Ein Highlight für uns, um uns weiter zu vernetzen und auf unsere Ziele aufmerksam zu machen. 

Dafür viel Erfolg und vielen Dank für das Interview, Herr Martinez.


Dafür steht ENSA

Jedes Jahr organisiert die ENSA eine professionelle Konferenz im Rahmen ihrer Hauptversammlung in einem ihrer Mitgliedsländer. Zurzeit sind die Treffen der ENSA örtlich und zeitlich an den Terminen der European Federation of Nurses Associations (EFN) angelehnt. Die Themen der Konferenzen sind unterschiedlich, jedoch an Probleme und Herausforderungen innerhalb der Pflegeberufe und dessen Ausbildung auf europäischer Ebene angelehnt. Auf der Hauptversammlung werden jährlich neue Vorstandsmitglieder gewählt. Diese arbeiten ehrenamtlich. Der aktuelle Vorstand besteht aus fünf Pflegestudierenden, die aus Spanien, Norwegen, den Niederlanden, Deutschland, und Schweden kommen. Einmal im Monat tauschen sie sich über Video-Schaltungen via Skype aus. 

Die Hauptziele von ENSA:

  • Höchstmögliche Standards der Ausbildung für europäische Pflegeberufe diskutieren, fördern und an die Mitgliedsstaaten weitertragen.
  • Berufspolitisches Interesse und Verständnis der Mitglieder fördern, um berufliche Ideale zu stärken.
  • Förderung und Unterstützung des internationalen Austausches zwischen den einzelnen Mitgliedsländern.
  • Die Mitglieder in berufspolitischen Fragen beraten.
  • Nationale Berufsverbände bei der Schaffung und Entwicklung von nationalen Pflegestudierendenorganisationen unterstützen.

Um ENSA-Mitglied zu werden, muss man in der European Nursing Student Association registriert sein. ENSA arbeitet mit nationalen Pflegestudierenden-, Pflegeschülerorganisationen und entsprechenden Organisationen der Hochschulen zusammen. In Deutschland kooperiert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jungen Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe mit ENSA.

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