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  • 01.04.2017
  • Bildung

„So mancher Schultag erinnert an einen Kaffeeklatsch“

Selten wurde so viel über die Pflegeausbildung gesprochen wie in den letzten Monaten. Nun meldet sich eine Auszubildende zu Wort. Ihre Kritik: fachliche Inhalte fehlen, Dozenten sind schlecht vorbereitet – stattdessen „Kuschelatmosphäre“ und Stuhlkreise. 

Als ich mit meiner Ausbildung anfing, war ich hoch motiviert. In den ersten drei Monaten wurde fachlich viel von mir und meinen Mitschülern gefordert: Grundlegendes zur Anatomie, dem Kreislaufsystem, zur Pflege und Mobilisation. Auch die ersten Einsätze auf Station waren motivierend. Über die körperliche Belastung und den Personalmangel war ich mir vorher bewusst und empfinde sie nicht als demotivierende Kriterien für den Beruf an sich. Jetzt, wo das zweite Ausbildungsjahr bald beendet ist, würde ich die Ausbildung am liebsten abbrechen.

Was ist sehr vermisse, ist die Fachlichkeit. Das geht nicht nur mir so, sondern auch fast der Hälfte meiner Mitschüler. Alle waren zunächst hoch motiviert, vor allem kurz nach einem Stationseinsatz. Denn nirgendwo wird deutlicher, wie wichtig Fachwissen ist. Wissen über Medikation, Hygiene, Krankheitsbilder.

Und nirgends werden wir zugleich so demotiviert: Die Kollegen auf Station wundern sich, warum wir keine Krankheitsbilder kennen. Zeit, um diese zu erklären, bleibt oft keine. Bei vielen Fragen werden wir im Unterricht vertröstet mit „das kommt später“ oder – noch besser - „das müsst ihr für die Arbeit nicht wissen“.

Mikrobiologie und Biochemie gehören nicht zur Ausbildung. Gleichzeitig wird Wissen in diesen Bereichen aber oft vorausgesetzt, zum Beispiel bei Krankheitserregern und wie diese übertragen werden. Es wäre sinnvoll, wenn dies verstanden würde. Sonst wird eine diskonnektierte Drainage ohne Desinfektion wieder konnektiert, mit der Begründung, es sei ja nichts dreckig.

Stattdessen gibt es zahlreiche Einheiten zu Kommunikation, Betreuung, Ethik oder Organisation. Diese Themen sind nicht unwichtig. Sie werden aber sehr oberflächlich behandelt und dafür ständig wiederholt. Das raubt Zeit für Wissen, das in der Praxis täglich gefordert ist: 20 Stunden für Ethik, zwölf Stunden für Schock - zum Schluss kann der septische Schock aus Zeitgründen nicht mehr behandelt werden. Vier Stunden, um Fachzeitschriften kennenzulernen, gegenüber unvollständigen Einheiten zur Infusions- und Injektionstherapie.

Das Niveau der Unterrichtseinheiten reduziert sich teils auf das Ansehen von YouTube-Videos. So mancher Schultag erinnert an einen Kaffeeklatsch. Viele fachlich relevante Stunden wurden damit beendet, dass uns Arbeitsblätter zum Selbststudium überreicht wurden. Auch die Didaktik bewegt sich oft auf Kindergartenniveau: Stuhlkreise, schlecht organisierte Gruppenarbeit, softe Kuschelatmosphäre. Wenn ich bei Lehrern nachfrage, war es meist der Frust mit der Arbeit, der sie vom Pflege- in den Lehrberuf wechseln ließ. Nun möchten sie uns motivieren, in der Pflege zu arbeiten – aus der sie selbst geflüchtet sind.

Die Motivation, die Ausbildung unter diesen Umständen zu absolvieren, liegt buchstäblich am Boden. Zwar sind Handys im Unterricht verboten, nicht aber Malbücher, Zeitschriften oder schlicht Bücher, um sich Wissen selbst anzueignen. Es heißt, die Ausbildung sei Erwachsenenbildung - dieses Niveau wird leider nicht geboten.

Die Verfasserin möchte anonym bleiben. Zuschriften leitet die Redaktion gerne an sie weiter: pflegeredaktion@bibliomed.de

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