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  • 22.05.2017
  • Praxis

Gesundheitsversorgung in Tadschikistan

Gezahlt wird in Naturalien

Die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan zählt zu den ärmsten Ländern Zentralasiens. Das Gesundheitssystem soll jetzt nach internationalen Standards umgebaut werden. Eine Mammutaufgabe für das in vielen Bereichen rückständige Land.

Sichtlich erschöpft aber glücklich hält Irina Petrowna Wolynet in einem Wochenbett der Geburtsklinik Nummer 3 ihren neugeborenen Sohn in den Armen. „Alles in Ordnung, es war überhaupt nicht kompliziert“, versichert die junge Frau in deutscher Sprache, die sie von zuhause her perfekt beherrscht. Denn ihre Familie gehört zur Gruppe der Russlanddeutschen, die während des Zweiten Weltkriegs nach Tadschikistan umgesiedelt wurden.

Irina Petrowna Wolynet hat die Strapazen gewiss auch deshalb so gut überstanden, weil neuerdings die Väter bei der Geburt anwesend sein dürfen. Im Kreißsaal war zwar ihr Mann nicht mit dabei, man sieht ihm jedoch an, dass ihn der Besuch bei seiner Frau gleich nach der Niederkunft mächtig aufgestellt hat.

„Dieser psychologische Beistand ist für Gebärende oftmals sehr wichtig“, berichtet Malokhat Nurowa, die nach 23 Dienstjahren in der Geburtsklinik der tadschikischen Hauptstadt Dushanbe den Rang einer Ober-Hebamme erreicht hat. „Wenn Angehörige die Wöchnerinnen besuchen können, verbinden die Mütter diese wichtige Phase in ihrem Leben mit vielen positiven Erlebnissen und das erleichtert letztlich auch die Entbindung“, fügt sie hinzu.

Der Besuch von Angehörigen war nicht gestattet

Das ist ein gänzlich neuer Ansatz in dem seit 1991 unabhängigen Land, in dessen Gesundheitssektor sich nach wie vor gewisse postsowjetische Gepflogenheiten halten und Russisch zumindest in den Kliniken die wichtigste Verkehrssprache bleibt. „Traten bei Wehen und Entbindung Beschwerden auf, lautete die einzige Antwort: Übermedikation. Angehörigen war in dieser Zeit der Besuch strikt verboten“, berichtet Urunbish Uzakova, die als Gynäkologin die Geburtsabteilung leitet.

Beim Umbau des nationalen Gesundheitssystems richte man sich jetzt nach und nach an den Standards der Weltgesundheitsorganisation aus. Die alten Gewohnheiten in den Geburtskliniken weichen evidenzbasierten Behandlungsmethoden. Statt auf Pharmazeutika vertraue man auf entspannende Massagen, kalte Wickel oder Atemübungen. Vom Pflegepersonal angeleitet, können die Frauen die für sie beste Stellung während der Geburt herausfinden. „Während der ganzen Zeit stellen wir eine wirksame psychosoziale Betreuung sicher“, versichert die Frauenärztin. „Wir halten uns an die international festgelegten Richtlinien und sorgen damit für eine sicherere, der Gesundheit zuträglichere und unkompliziertere Geburt.“ 

Nur drei Geburtskliniken für das gesamte Land

Bei Risikoschwangerschaften werden die Betroffenen aus dem gesamten Land nach Dushanbe gebracht, da die hauptstädtischen Kliniken – auch das ein Erbe des sowjetischen Zentralismus – deutlich besser ausgerüstet sind als die Krankenhäuser auf dem Land. Bei einer Kapazität von 150 Betten werden in der 1985 gegründeten Geburtsklinik Nummer 3 jährlich im Schnitt 7.500 Geburten registriert. Insgesamt verfügt das etwa acht Millionen zählende Land nur über drei solcher Kliniken.

Das überwiegend aus Gebirge bestehende Tadschikistan war nach der Unabhängigkeit zunächst von einem erst 1997 beigelegten Bürgerkrieg mit Hundertausenden von Toten erschüttert worden. Ein Großteil der Infrastruktur lag damals in Trümmern. Viele Gesundheitseinrichtungen mussten wieder aufgebaut werden und da Fachpersonal in großer Zahl ihr Heil in der Flucht gesucht hatte, herrschte außerdem akuter Personalmangel.

Heimattreue trotz kärglicher Löhne

Malokhat Nurowa hatte sich vier Jahre lang zur „Momodoya“, zur Hebamme, ausbilden lassen. „Im Gesundheitsbereich arbeiten wollte ich von Anfang an“, bekennt sie. Ihr anfänglicher Wunsch, Zahnarzthelferin zu werden, sei am Widerstand ihres Mannes gescheitert. „Da er wollte, dass ich nur mit Frauen arbeite, habe ich mich für den Hebammenberuf entschieden und diesen Schritt bis heute nicht bereut“, bekräftigt sie.

Aktuell herrscht in Tadschikistan kein Mangel an Interessentinnen, die sich über eine Aufnahmeprüfung an einer der 70 medizinischen Hochschulen zur Hebamme schulen lassen wollen. Wer den Zuschlag erhält, muss nach der Ausbildung im Fünf-Jahres-Turnus an speziellen Postgraduate-Kursen teilnehmen, um sein Know-how auf den neuesten Stand zu bringen. 

Angehende Krankenpfleger durchlaufen hingegen eine dreijährige Ausbildung. Der Anteil an Männern ist in Tadschikistan relativ hoch, er liegt in der Chirurgie gegenwärtig bei 95 Prozent. In der Kinder- und Jugendmedizin haben dafür traditionell die Frauen die Oberhand. Tadschikisches Pflegepersonal verbleibt inzwischen überwiegend im Heimatland, die Auswanderungsquote ist in den vergangenen Jahren spürbar gesunken.

Wenig Anlass zu Optimismus gibt allerdings die schwach ausgeprägte Lohnentwicklung in den Gesundheitsberufen. Gegenwärtig müssen sich Hebammen monatlich mit umgerechnet knapp 80 Euro begnügen, bei Krankenpflegern fällt der Lohn noch kärger aus. Etwas höher liegen die Gehälter von Krankenpflegern in der Anästhesie. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, sind die Betroffenen oftmals gezwungen, nach Feierabend und am Wochenende Nebentätigkeiten nachzugehen. Nicht selten ergänzen beispielsweise Ärzte mit guten Englischkenntnissen ihr Salär mit Dolmetscher- und Übersetzungsarbeiten.

Naturalien als Dankeschön

Wie in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion gehört es auch in Tadschikistan zum guten Ton, dass Patienten Dank und Anerkennung gegenüber dem Gesundheitspersonal in Form von Naturalien zum Ausdruck bringen, meist handelt es sich um Lebensmittel. „Noch so eine Erbschaft aus sowjetischer Zeit“, vermerkt Urunbish Uzakowa leicht ironisch und zitiert den ehemaligen sowjetischen Regierungschef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Der hatte die geringen Gehälter im Gesundheitssektor mit einer gehörigen Portion Zynismus so kommentiert: „Ein guter Arzt wird von der Bevölkerung ernährt, und schlechte Ärzte brauchen wir nicht.“

Die Hebammen und Krankenpfleger in der Geburtsklinik in Dushanbe leisten jedoch allen materiellen Engpässen zum Trotz hervorragende Arbeit. Das wird nicht zuletzt angesichts der sich positiv entwickelnden Zahlen bei der Müttersterblichkeit deutlich: Während im letzten Jahr der Zugehörigkeit zur Sowjetunion im Jahr 1990 bei 100.000 Geburten 120 Frauen starben, war 2014 der Tod von 33 Müttern zu beklagen. „Immer noch traurig genug“, bemerkt Urunbish Uzakowa, „aber immerhin ein Fortschritt.“

Gesundheitsvorsorge spielt fast keine Rolle

Als mit Abstand ärmstes Land der ehemaligen Sowjetunion verzeichnet Tadschikistan heute die höchste Kindersterblichkeit im Vergleich zu den übrigen Nachfolgerstaaten. Gut die Hälfte der Bevölkerung gilt dem Welternährungsindex zufolge als „ernsthaft unterernährt“, vor allem weil im Land selbst nicht genügend Lebensmittel hergestellt werden können. Der Wegfall der in der Sowjetunion üblichen kostenlosen Gesundheitsversorgung, stürzte den Gesundheitssektor in eine anhaltende Krise. Darunter leidet besonders die Landbevölkerung bis heute. Vorsorge und Familienmedizin spielen hier derzeit bestenfalls eine Randrolle. In dem kostspieligen und stark auf Kliniken konzentrierten System soll bis 2020 eine flächendeckende, allen Bewohnern zugutekommende Gesundheitsversorgung entstehen. 

An diesem Umbau beteiligt sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz). Sie konzentriert sich auf die Schlüsselbereich sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie Rechte. Das Programm läuft grenzübergreifend in Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan. Qualitätsstandards und Qualitätssicherungssystemen sollen ebenso eingeführt werden, wie geeignete Maßnahmen für die Aus- und Weiterbildung des Gesundheitspersonals. Für die Umsetzung in den einzelnen Landesteilen ist seit Jahren die Genfer Aga-Khan-Stiftung (Aga Khan Foundation, AKF) zuständig. Die Stiftung bemüht sich um nachhaltige Lösungen für langfristige Probleme ausgelöst durch Armut, Hunger, Analphabetismus und Krankheit. Besonderes Augenmerk richtet sie auf ländliche Gemeinschaften in Berg- und Küstenregionen.

Autor

 Thomas Veser

Thomas Veser

selbstständiger Journalist, Fotograf und Buchautor

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