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  • 24.04.2017
  • Management

Neue Pflegebegutachtung

Start geglückt

Seit Jahresanfang gilt der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff. Seitdem prüfen die Gutachter des Medizinischen Dienstes nach einem neuen Verfahren – und wie es scheint, ist der Start geglückt. Viele zusätzliche Pflegebedürftige erhalten nun Leistungen, an Demenz Erkrankte profitieren. Der Pflegenotstand lässt sich mit den Reformen jedoch nicht beseitigen.

Als Reiner Kasperbauer, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) Bayern, am 21. April vor die Presse trat, zeigte er sich erleichtert. Gemeinsam mit Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS) und Bernhard Fleer, Seniorberater Pflege beim MDS, zog er eine Bilanz für die ersten 100 Tage nach dem Start der neuen Pflegebegutachtung. Das neue Verfahren läuft seit Jahresbeginn, seitdem auch der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff gilt. Für die MDK bedeutete die Reform der Begutachtung einen Kraftakt. Sie mussten eine neue Software entwickeln lassen und neue Formulare erarbeiten; mehr als 2.000 Gutachter wurden geschult, mehr als 300 neue Prüfer eingestellt. Ab 1. Januar musste alles funktionieren. Und der Volllast-Test ist aus Kasperbauers Sicht gelungen. „Wir sind sehr zufrieden und glücklich“, sagte er bei der Vorstellung erster Zahlen in Berlin. 

In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben die MDK rund 222.000 Personen nach dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff begutachtet. Statt drei Pflegestufen gibt es nun fünf Pflegegrade. Maßstab ist der Grad der Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen. Bei der Begutachtung kommt es nun nicht mehr darauf an, wie viele Minuten Hilfe jemand benötigt, wenn er sich wäscht, anzieht oder isst. Im Mittelpunkt steht stattdessen die Frage: Wie selbstständig ist eine Person im Alltag? 

Das neue Verfahren komme bei den Pflegebedürftigen und Angehörigen gut an, sagte MDS-Geschäftsführer Peter Pick bei der 100-Tage-Bilanz. Auf die Frage am Ende einer Begutachtung, ob alle Punkte zur Pflegebedürftigkeit und zum Unterstützungsbedarf angesprochen worden seien, würden die Versicherten fast immer mit „Ja“ antworten. Auch bei den Gutachtern sei der Grundtenor zum neuen Verfahren positiv, berichtete Bernhard Fleer. Sie seien froh, dass die „Minutenzählerei“ vorbei sei. Zudem falle ihnen die Bewertung nun leichter. 

Auch der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), blickte zufrieden auf den Start des neuen Systems. In vielen Gesprächen mit Verbänden, Einrichtungen vor Ort oder Pflegebedürftigen habe er den Eindruck gewonnen, dass die Umsetzung im Großen und Ganzen ziemlich gut funktioniere, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. 

70.000 zusätzliche Leistungsempfänger im ersten Quartal

Die Zahlen geben ihm recht. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind nach Schätzungen des MDS 70.000 bis 80.000 Leistungsempfänger hinzugekommen, die nach der alten Gesetzeslage leer ausgegangen wären, so MDS-Geschäftsführer Peter Pick. Sein Fazit: „Das neue Gesetzt wirkt.“ Für das gesamte Jahr 2017 rechnet der MDS mit rund 200.000 zusätzlichen Personen im Pflegesystem. In den kommenden Jahren sollen es nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums 500.000 werden. 

Im ersten Quartal dieses Jahres haben etwa 129.000 Pflegebedürftige erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. Die meisten von ihnen (rund 54.000 Personen) wurden mit Pflegegrad 2 eingestuft. Etwa 43.000 Pflegebedürftige erhielten Pflegegrad 1.

Anzahl der neuen Pflegebedürftigen mit ihrem jeweiligen Pflegegrad:

Pflegegrad 1: 43.434
Pflegegrad 2: 54.195
Pflegegrad 3: 22.353
Pflegegrad 4:  6.914
Pflegegrad 5:  2.100

Quelle: MDS

Mit der Umstellung auf fünf Pflegegrade ist auch die Zahl der Erstanträge auf Leistungen aus der Pflegeversicherung sprunghaft angestiegen. So meldete die Techniker Krankenkasse (TK) einen Anstieg um rund 65 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Pflegebedürftigen wachse zwar auch aufgrund des demografischen Wandels kontinuierlich, verdeutlichte dazu der stellvertretende Vorsitzende des TK-Vorstands Thomas Ballast. „Dieser sprunghafte Anstieg zum Jahreswechsel zeigt jedoch deutlich die Auswirkungen der Reform.“ 

Eine der zentralen Erkenntnisse aus den ersten Monaten ist zudem, dass sich die Lage für an Demenz Erkrankte anscheinend verbessert. Unter den Erstanträgen befänden sich viele für diese Gruppe von Pflegebedürftigen, berichtete Reiner Kasperbauer. Diese Zielgruppe hatte der Gesetzgeber bei der Formulierung des Pflegestärkungsgesetzes II ganz besonders im Blick. Denn im alten System hatte sich der Begriff der Pflegebedürftigkeit vor allem auf körperliche Beeinträchtigungen bezogen. An Demenz Erkrankte ohne körperliche Einschränkungen, die ihren Alltag nicht selbstständig bewältigen können, waren nach den früheren gesetzlichen Regeln häufig außen vor. Das hat sich nun geändert. „Die Auswirkungen von psychisch-kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen werden jetzt bei der Begutachtung gleichermaßen berücksichtigt“, so Bernhard Fleer. 

Alle Lebensbereiche tragen zur Anerkennung von Pflegebedürftigkeit bei

Das umfassendere Verständnis von Pflegebedürftigkeit zeigt sich beim Blick auf die Ergebnisse der Begutachtungen. Bei dem neuen Verfahren gibt es sechs Module, die bewertet werden. Dazu gehören unter anderem Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, psychische Probleme, der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen und soziale Kontakte. Für jeden Bereich werden Punkte vergeben, die dann für den Pflegegrad entscheidend sind. Die Ergebnisse der Begutachtungen zeigen nun: Die Punkte verteilen sich über alle Module. Alle Lebensbereiche tragen somit zur Anerkennung von Pflegebedürftigkeit bei. So vergaben die Gutachter beispielsweise für die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten (Modul 2) im Durchschnitt 4,2 von 15 möglichen Punkten.

Durch das neue Verfahren hat somit ein größerer Personenkreis Anspruch auf Pflegeleistungen. Das hat mit dazu beigetragen, dass auch die Anerkennungsquoten gestiegen sind. 83 Prozent der Antragsteller haben nach Angaben des MDS einen Pflegegrad erhalten. Bisher lag die Quote bei etwa 75 Prozent. Und der Wert wird voraussichtlich weiter steigen. Mit der Zahl anerkannter Anträge hat sich jedoch auch die Bearbeitungsdauer erhöht. Sie liegt nun bei vier bis acht Wochen. Karl-Josef Laumann hatte dazu gegenüber der Deutschen Presse-Agentur kritisch angemerkt, ihm sei von einigen Bürgern berichtet worden, dass bei ihren Begutachtungen zu viel Zeit vergehe. MDS-Geschäftsführer Pick hob jedoch hervor, dass die MDK die gesetzlichen Fristen derzeit zu 96 Prozent einhielten. 

Pflegenotstand wird nicht beseitigt

Trotz all der positiven Entwicklungen werde das neue Pflegestärkungsgesetz aber nichts am Pflegenotstand ändern, sagte Pick bei der 100-Tage-Bilanz. Es verbessere zwar die Leistungsseite. „Aber der Pflegenotstand wird alleine dadurch nicht beseitigt werden.“ Es müssten mehr Pflegefachpersonen ausgebildet werden. „Das wird jedoch nur gelingen, wenn wir die Attraktivität des Pflegeberufs erhöhen und gleichzeitig darauf drängen, dass in allen Regionen Deutschlands eine angemessene Vergütung von Pflegefachkräften erfolgt“, so Pick. Er schloss sich damit der Einschätzung von Laumann an. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung hatte kürzlich gegenüber BibliomedPflege bessere Arbeitsbedingungen eingefordert.

Autor

 Hendrik Bensch

Hendrik Bensch

Fachjournalist

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