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  • 01.07.2014
  • Praxis

Kneipp'sche Naturheilverfahren in der Altenpflege

Einfach und naturnah

Derzeit wird in Pflegeheimen ein Konzept erprobt, das die Gesundheitsförderung mit naturheilkundlichen Maßnahmen nach Sebastian Kneipp vorsieht. Die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend: Einrichtungen berichten, dass mit den Kneipp´schen Anwendungen wie dem Einsatz von Heilpflanzen Lebensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit der Bewohner effektiv gefördert werden können.


Senioreneinrichtungen sind gegenwärtig vielen Anforderungen ausgesetzt: höheres Alter, kürzere Aufenthaltsdauer, Multimorbidität, kognitive Beeinträchtigungen und soziale Isolierung zeichnen die Bewohnerschaft zunehmend aus. Aufseiten des Personals herrschen häufig Engpässe. Wie bringt man angesichts des immer größer werdenden Rationalisierungs- und Ökonomisierungsdrucks im Gesundheitswesen die Ansprüche an eine optimale Pflegequalität und an eine individuelle Betreuung unter einen Hut? Und wie kann die Senioreneinrichtung als Arbeitsumfeld so gestaltet werden, dass gutes Personal gesund bleibt und gerne im Betrieb arbeitet?

Neue Wege ausprobieren 

In Deutschland wird gegenwärtig ein Konzept erprobt, das diesbezüglich vielversprechend ist: die Gesundheitsförderung mit naturheilkundlichen Maßnahmen nach Sebastian Kneipp für Einrichtungen der stationären Altenpflege. Für die Umsetzung dieses Konzepts hat der Kneipp-Bund Richtlinien erstellt. Nach 18 Monaten Erfahrung im Bereich der ganzheitlichen Gesundheitsförderung nach Kneipp und der Ausbildung von Mitarbeitern zum Kneipp-Gesundheitstrainer kann eine Einrichtung als „Vom Kneipp-Bund e.V. anerkannte Senioreneinrichtung" zertifiziert werden. Bereits gut etabliert ist eine solche Zertifizierung für Kitas, Schulen und Kurhäuser. Die erste Senioreneinrichtung wurde 2007 entsprechend zertifiziert, gegenwärtig sind es bereits 17 Einrichtungen bundesweit.

Der Einsatz von naturheilkundlichen Methoden in der Altenpflege weckt auch das Interesse von Wissenschaft und Politik: Das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin startete im Auftrag des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und unter der Leitung von Professor Benno Brinkhaus im Jahr 2011 die erste wissenschaftliche Untersuchung. In dieser Pilotstudie sollten in vier Kneipp-Pflegeeinrichtungen mittels einer Querschnittserhebung Aspekte des Gesundheitszustandes von Bewohnern, die regelmäßig Kneipp-Anwendungen erhalten, sowie die Arbeitssituation und den Gesundheitszustand von Pflegenden ermittelt werden. Ergänzt wurde die Erhebung durch einen qualitativen Studienteil, der vom Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern unter der Leitung von Dr. Corina Salis Gross durchgeführt wurde. Dieser sollte durch Interviews und Beobachtung von Bewohnern und Personal aufzeigen, wie die Veränderungen durch Einführung des Kneipp-Konzeptes subjektiv von Bewohnern und Mitarbeitern empfunden und welche Erfahrungen damit gemacht wurden. Zurzeit wird in einer Folgestudie, die ebenfalls vom ZQP finanziert und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt wird, die Wirksamkeit der Kneipp-Anwendungen im Rahmen einer vergleichenden Kohortenstudie untersucht. Eindrücke, die bei der Durchführung der erstgenannten Studie gewonnen wurden, flossen in die folgenden Ausführungen ein.

Altbewährtes mit Neuem kombinieren 

Hinter der Zertifizierung durch den Kneipp-Bund steht ein Gesundheitskonzept, bei dem Maßnahmen aus den naturheilkundlichen Bereichen Hydrotherapie, Heilpflanzen/Kräuter, Ernährung, Bewegung und Lebensordnung zur Gesundheitsförderung in allen Bereichen einer Einrichtung eingesetzt werden sollen. Selbstverständlich sind alle Maßnahmen und Angebote im Rahmen des Kneipp-Konzeptes für die Bewohner freiwillig.

Die Vorgaben des Kneipp-Bundes für die Einrichtungen sind sehr allgemein formuliert, sodass sich die fünf zentralen Kneipp-Elemente mit vergleichsweise einfachen Mitteln in die Grundpflege, Behandlungspflege, Betreuung und das soziale Leben der Senioreneinrichtung integrieren lassen.

Üblicherweise verfügen Senioreneinrichtungen schon vor der Zertifizierung durch den Kneipp-Bund über Angebote, die sich den Bereichen Bewegung – beispielsweise Ergotherapie, Physiotherapie oder Gymnastik – und Lebensordnung – etwa Gedächtnistraining, spirituelle Begleitung, kreative oder soziale Angebote – zuordnen lassen können. Dabei lassen sich die verschiedensten Angebote ins Kneipp-Konzept integrieren: das Rosenkranz-Beten im süddeutschen ländlichen Heim genauso wie das Singen von Marlene-Dietrich-Schlagern im kleinstädtischen Haus, oder auch das Qi-Gong-Angebot im urbanen Heim.

Mehr Bedeutung erhalten unter dem Kneipp-Konzept Bewegungsformen, die in den Alltag und das soziale Leben des Heimes eingebaut werden können und nicht nur gut für den Körper sind, sondern auch Spaß machen, zum Beispiel begleitete Spaziergänge oder klassische Kneipp-Aktivitäten wie das Taulaufen mit nackten Füßen im Gras.

Anpassungen werden zumeist auch bei der Ernährung vorgenommen, wobei hier die Vorgaben – frische, vollwertige und möglichst vegetabile Ernährung – im Bereich der Altenpflege recht pragmatisch umgesetzt werden können. Das Essen sollte den Bewohnern schmecken, gut zu kauen und leicht zu verdauen sein.

Deshalb wird nach einem Kompromiss zwischen biografisch-historisch entstandenen Essgewohnheiten alter Menschen, den neuesten Standards gesunder Ernährung sowie den vorhandenen Strukturen und Ressourcen gesucht. Neu eingeführt und stärker betont werden Aktivitäten, die das Element der Ernährung mit anderen Elementen – Ordnung, Pflanzenheilkunde und Bewegung – verbinden, zum Beispiel das gemeinsame Zubereiten von Speisen und Getränken.


Das Kneipp'sche Gesundheitsverständnis

Die Naturheilverfahren nach Kneipp gelten als eines der populärsten und etabliertesten naturheilkundlichen Konzepte europäischen Ursprungs. Es geht zurück auf den katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) und baut auf einem gesunden, ausgewogenen Lebensstil auf, der sowohl gesundheitsfördernd wie auch heilend wirken soll. Das Konzept versteht sich als ganzheitlich und bezieht Körper, Geist und Seele gleichermaßen mit ein. Die empfohlenen Maßnahmen und Tätigkeiten bedienen sich einfachster Mittel, sind sehr alltagsnah und deshalb mit wenig zeitlichem und finanziellem Aufwand umsetzbar. Aus diesem Grund ist Kneipp – insbesondere im deutschsprachigen Raum – sehr gut in der Laienmedizin etabliert und breit bekannt. Das Konzept besteht dabei weniger aus konkreten Vorgaben, sondern eher aus einer Philosophie der Einfachheit und Naturnähe, die sich im Laufe der Jahre an die sich verändernden Gegebenheiten angepasst hat und auch mit modernen Lebensstilen gut zu vereinbaren ist.

Das Kneipp‘sche Therapieprinzip definiert sich als Komplex aus fünf Elementen, den ‧sogenannten Säulen: 1) Bewegung umfasst alle aktive und passive Bewegung, die gut tut und nicht im Übermaß betrieben wird. Ideal ist Bewegung an der frischen Luft. 2) Die Ernährung sollte einfach und naturnah sein; in der Regel wird der Schwerpunkt auf pflanzliche, vollwertige und naturbelassene Kost mit ‧frischen Zutaten gelegt. 3) Heilpflanzen bilden einen wichtigen Bestandteil der Gesundheitsförderung wie auch der Behandlung leichter Beschwerden. Bezug genommen wird hier insbesondere auf regional verbreitete, ungiftige Pflanzen und auf die lange Tradition der europäischen Kräuterheilkunde. 4) Wasser ist jenes Element, für das die Kneipp-Therapie bekannt ist. Es wird ebenfalls präventiv und kurativ eingesetzt, vor allem in Form von Bädern, Güssen und Wickeln. Es gibt unterschiedlichste Anwendungsformen, die anregend, beruhigend, stabilisierend oder auch harmonisierend wirken. 5) Die Säule der Ordnung zielt auf Ausgeglichenheit im Leben ab. Dies kann sich auf einen geregelten Tagesablauf beziehen, meint aber auch eine maßvolle und ausgewogene Lebens‧führung allgemein sowie das Bestreben nach innerer und äußerer Ruhe.


Auf einfachen Mitteln aufbauen 

Neu eingeführt werden in die stationäre Pflege vor allem die Elemente Wassertherapie und Heilpflanzen/Kräuter. Beide lassen sich in vielfältiger Weise in die Grund- und Behandlungspflege integrieren und basieren auf einfachen Mitteln.

Die Wassertherapie wird zum Beispiel in Form von Waschungen, Bädern, Güssen sowie Hand- und Bürstenmassagen in die Grundpflege eingebaut, wobei über die Temperatur des Wassers – kalt oder wechselnd zwischen kalt und warm – sowie über die Reihenfolge und die Festigkeit des Einwirkens physiologische Effekte auf den Kreislauf, die Gelenke und die Beschaffenheit der Haut erzielt werden.

Darüber hinaus vermitteln solche Wasseranwendungen viel Zuwendung, sowohl über die Sinne als auch über die Zeit und die Aufmerksamkeit, die die Bewohner dadurch erhalten. Wasseranwendungen werden in den Senioreneinrichtungen zum Teil als Therapieangebot umgesetzt, zum Teil aber auch im Rahmen der täglichen Grundpflege.

Pflegende schätzen insbesondere die Abwechslung, die Kneipp-Anwendungen in die tägliche Körperpflege bringen – ein Aspekt, der wiederum auch von den Gepflegten hoch geschätzt wird. Was diese als eine besondere Dienstleistung empfinden, kann das Personal mit einfachsten Mitteln anbieten: Wasser und ein Waschlappen, ein Becken, ein Schlauch oder eine Dusche reichen aus. Damit ließe sich, so berichten einzelne Pflegende, nicht nur das Wohlbefinden steigern, sondern auch Dekubitus- und Kontrakturprophylaxe betreiben, das Immunsystem stärken wie auch Verspannungen und Schmerzen lindern.

Auch der Bereich Heilpflanzen und Kräuter lässt sich einfach und kreativ implementieren: Häufig finden sich in Gärten und Außenanlagen der Senioreneinrichtungen Beete mit Heil- und Nutzpflanzen, die von Bewohnern bei Bedarf gepflückt und verarbeitet werden können. Tees und Aromen stehen zur Behandlung oder Vorbeugung leichter Beschwerden zur Verfügung. Besonders viel Potenzial sieht das im Rahmen der oben genannten Studie befragte Personal bei Schlafstörungen und Unruhezuständen und bei Entzündungen. Darin läge, so betonen Heim- und Pflegedienstleitungen, vielleicht eine Möglichkeit zur Reduktion von Medikamenten in der stationären Altenpflege, was sowohl zum Wohl der nicht selten übermedizierten Bewohnerschaft sei, als auch Kosteneinsparungen ermögliche.

Empowerment für Pflegende und Bewohner 

Das Arbeiten nach dem Kneipp-Konzept kann dem Pflegepersonal mehr Autonomie und mehr Handlungsspielraum geben: Leichte Beschwerden können in vorheriger Absprache mit den behandelnden Ärzten gelindert werden. Auch Pflegehelfer können sich Wissen und Fertigkeiten um die naturheilkundlichen Maßnahmen aneignen und dadurch deutlich mehr Kompetenzen erhalten.

Die Bewohner ihrerseits empfinden die Behandlungsformen als Zuwendung, denn es kann rasch auf ihre Anliegen reagiert werden, und es wird mit Mitteln reagiert, die ihnen vertraut sind, die sie als „Hausmittelchen" bereits kennen. Vielleicht komme Kneipp bei den alten Menschen auch so gut an, weil es so bodenständig-normal sei, sagt eine Heimleiterin, „da brauch ich den Leuten nix zu erzählen, das verstehen sie". Und eine Pflegehelferin sagt dazu: „Das gibt Anerkennung, weil die alten Leute wissen besser Bescheid wie wir, wenn es zum Beispiel um die Kräuter geht. Die können sagen: Ah, das ist ein Fall für das und das. Unsere älteren Leute fühlen sich vielleicht dadurch auch bestätigt, dass wir Interesse daran zeigen, was sie früher gemacht haben, dass das Alte nicht einfach alles schlecht war." Das Kneipp-Konzept knüpft an medizinisches Laienwissen und biografische Erfahrungen der Bewohnerschaft an und bietet diesen somit eine Pflege, die ihnen vertraut ist und die sie als Zuwendung verstehen und genießen.

„Jede Anwendung sei auch Zuwendung", lautet einer der Leitsätze der Kneipp-Philosophie, und das bedeutet, dass auch das Anhören von Sorgen, das Halten einer Hand oder das Erledigen einer kleinen, aber für den Bewohner wichtigen Angelegenheit als legitime und erwünschte Handlung im Rahmen des Kneipp-Konzepts anerkannt wird. „Wir dürfen diese Zuwendung geben", sagt eine Pflegerin: Sie darf sich an den Bettrand setzen, wenn sich jemand schlecht fühlt, sie darf einen Knopf annähen, um die Garderobe eines Bewohners wieder in Ordnung zu bringen, sie darf eine Bewohnerin in die Kirche begleiten, wenn dieser das wichtig ist.

Die Lebenskultur in der Kneipp-Senioreneinrichtung führt dazu, dass alle Bereiche der Pflege, Behandlung und Betreuung als sinnvolle Teile eines Ganzen betrachtet werden. Das kommt, so sind sich alle in den an der Studie teilnehmenden Seniorenwohnheimen einig, vor allem und ganz unmittelbar den Bewohnern zugute. Dass sie zufrieden sind, bedeutet hingegen auch konkrete Vorteile für die Pflegenden, ohne dass der Pflegeaufwand an sich größer wäre: Einerseits, so sagen sie, erleichtern zufriedenere Bewohner die Arbeit, was neue Fenster für Tätigkeiten eröffnet, die sonst zu kurz kämen, und andererseits erhöhen zufriedene Bewohner auch die emotionale Zufriedenheit der Pflegenden. Das sei „Kick in der Altenpflege", sagt eine Pflegerin. „Es macht einen einfach glücklich, wenn man Reaktionen sieht, und wenn das auch gewürdigt wird, was man macht."


Die Autoren: Dr. med. Miriam Ortiz, Michael

Treut, Katharina Schnabel, Eva Soom Ammann,

Corina Salis Gross, Benno Brinkaus

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