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  • 01.05.2015
  • Praxis

Green Care - Pflanzengestützte Pflege

Vertrauen schaffen dank Pflanzen in der Pflege

Pflanzen werden in Finnland schon länger in die Pflege integriert. Ein Besuch in verschiedenen Pflegeheimen in Finnland lieferte Erkenntnisse für ein innovatives Projekt der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).



Pflegerische Interventionen mit Pflanzen in Pflegeheimen: Solche Massnahmen entwickelt ein Forschungsteam der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) mit dem Ziel, die Beziehung zwischen Pflegefachpersonen und Bewohnern zu stärken. Dass dieses Verhältnis von Vertrauen geprägt ist, spielt besonders dann eine wichtige Rolle, wenn es um die Verhandlung heikler Themen geht.

Bei dem Projekt arbeiten das Institut für Pflege und die Fachstelle Grün und Gesundheit der ZHAW mit Pflegenden zweier Pflegeheime des Kantons Zürich zusammen. Damit leistet die ZHAW Pionierarbeit, denn wissenschaftliche Untersuchungen über den Einsatz von Pflanzen in der Pflege sind weltweit äusserst rar.

Tradition in Finnland

Im Gegensatz zu hiesigen Pflegeheimen integrieren Heime in Finnland schon seit Jahren erfolgreich Pflanzen in die Pflege von Bewohnern. Diese lange Erfahrung war der Grund für einen Besuch von verschiedenen privaten und städtischen Heimen in der Region Helsinki, die zwischen 30 und 250 Plätze anbieten. Einige der Institutionen sind auf die Pflege von Demenzpatienten spezialisiert. Den wissenschaftlichen Austausch begleitete Erja Rappe von der Universität Helsinki. Die Professorin für Agrar-und Lebensmittelwissenschaften sowie der Gesundheitswissenschaften beschäftigt sich seit zehn Jahren damit, was Pflanzen in der Pflege zur Gesundheitsförderung beitragen können.

Alle besuchten Pflegeheime verfügen über grosszügige Aussenanlagen, die verschiedene Nutzungsmöglichkeiten bieten. Die Bewohnerinnen und Bewohner können sich dorthin zurückziehen, die Sonne geniessen, spazieren oder an einer Kaffeerunde teilnehmen. Oft sind auch Besucher mit ihren Angehörigen draussen anzutreffen. Neben Ziergärten gibt es auch Nutzgärten oder Hochbeete, in denen die Heimbewohner mit Unterstützung der Pflegenden Kräuter, Früchte und Gemüse ziehen. Manche Heime

ernten sogar zum Eigenverbrauch.

Zu den Aufgaben der Pflegenden gehört, die Bewohner zu motivieren, nach draussen zu gehen, oder sie bieten auch Unterstützung bei den Gartenarbeiten an.

Erinnerungen wecken

Neben solchen spontanen gärtnerischen Aktivitäten gehören auch gezielte pflegerische Interventionen mit Pflanzen zum Repertoire. Zum Beispiel trifft sich im Pflegeheim Kontula in Helsinki einmal wöchentlich die «Grüne Gruppe», der acht demenzkranke Bewohnerinnen angehören. Eine Pflegefachfrau, die sich auf Alltagsaktivitäten mit Pflanzen spezialisiert hat, bereitet das Treffen vor und leitet es. Zum Beispiel erhält jede Teilnehmerin eine duftende Blume, um daran zu riechen. Der Umgang und die Arbeit mit verschiedenen Blumen weckt bei den Bewohnern Erinnerungen und animiert sie, darüber zu erzählen.

Alle Bewohnerinnen und Bewohner beteiligen sich mit eigenen Geschichten – selbst solche mit erheblichen Einschränkungen oder Demenz. Am Ende stellen alle einen eigenen Wiesenblumenstrauss zum Mitnehmen zusammen, bei Bedarf auch mit Hilfe der Leiterin. Ziel dieser pflegerischen Intervention ist es, den Bewohnern eine Beschäftigung zu bieten, die sie von früher her kennen und mit der sie deshalb viele Erinnerungen verknüpfen. Zudem fördert die «Grüne Gruppe» die Aktivität der Betagten.

Ablenkung beim Eintopfen

Ein anderes Beispiel für die Integration von Pflanzen in die Pflege bietet die psychogeriatrische Station in Pietkaniämi. Hier können Patienten Pflanzen eintopfen, die später verkauft werden. Pflegende einer speziellen Arbeitsgruppe planen die Intervention und unterstützen täglich bis zu vier Gruppen bei der Arbeit mit Pflanzen. Dabei füllt ein Patient die Töpfe mit Erde, andere präparieren die gefüllten Töpfe mit einem Pflanzholz, und einige topfen die kleinen Pflänzchen ein und giessen sie an. Dabei ist immer eine Pflegefachperson der Abteilung anwesend und unterstützt die Aktivitäten.

Die Patienten scheinen sehr motiviert, sie sind stolz, dass sie eine Aufgabe erfolgreich bewältigen können. Insbesondere depressiven Patienten lassen sich gut ablenken.

Während der Arbeit herrscht eine entspannte Atmosphäre, die zu ungezwungenen Gesprächen einlädt. Auch bei dieser Art der Intervention liegen die Ziele der Pflegenden vor allem im aktivierungstherapeutischen Bereich.

Vielfältige Möglichkeiten

Die besuchten Pflegefachkräfte betonen, dass die Interventionen mit Pflanzen gezielt und strukturiert eingesetzt werden sollten. Und sie schätzen es, dass die Interventionen in der individuellen Pflegeplanung verankert sind. Die Ziele der pflegerischen Interventionen sind vielschichtig und beinhalten verschiedene Elemente. Für die Pflegenden eröffnen sie die Chance, den Bewohnern gewohnte Aktivitäten zu bieten oder neue Aufgaben für sie zu generieren. Dabei sind sie oft sehr kreativ. Pflanzen bieten ihnen einen elementaren Bestandteil der Unterstützung für Bewohner. Die finnischen Pflegenden berichten von einer grossen Zufriedenheit, weil sie durch ihre Handlungen etwas für

die Bewohner erreichen können.

Die Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich durch die erfolgreiche Bewältigung der Aufgaben bestärkt, und ihr Selbstvertrauen steigt. Zudem regen bunte und duftende Blumen verschiedene Sinne an. Sie wecken Erinnerungen und sind mit Ritualen, wie etwa Blumengeschenke zum Muttertag, verbunden. Die Bewohner haben eine Aufgabe, die für sie und ihr Lebensgefühl im Heim elementar sein kann. Sie haben einen Bereich, den sie selbst gestalten können.

Die Pflegepersonen evaluieren die Massnahmen durch Beobachtungen während der Interventionen und in Gesprächen mit den Bewohnern durch die Bezugspflegeperson.

Auf dieser Evaluation basiert die Planung für die nächste Intervention.

Vertrauen fördern

Erkenntnisse aus diesem Erfahrungsbericht bestätigen bisherige Entwicklungen: Interventionen mit Pflanzen sind insgesamt als eine sinnvolle Beschäftigung und damit Ablenkung im Heimalltag anzusehen. Dies ist wegweisend für die weitere Umsetzung des ZHAW-Projekts. Das ZHAW-Team erarbeitet nun Pflegeinterventionen mit Pflanzen und ein Konzept für die Innen-Begrünung von Pflegeheimen mit dem Ziel, die Lebensqualität der Bewohner zu steigern und gleichzeitig die Pflegequalität und Wohnattraktivität zu optimieren.

Dabei strebt das Projekt eine nachhaltige Umsetzung der Integration von Pflanzen in den Pflegeheimalltag an. Im Unterschied zu Finnland, wo der Schwerpunkt auf der  Aktivierung liegt, nimmt im schweizerischen Projekt jedoch die Förderung der pflegerischen Beziehungen zwischen Pflegeperson und Bewohner und der Einbezug der Angehörigen in die Pflege einen hohen Stellenwert ein.

Durch den Einsatz von Pflanzen soll die Bildung einer vertrauensvollen  Beziehung gefördert werden, die es den Pflegenden ermöglicht, einen besseren Zugang zu den Bewohnerinnen und Angehörigen zu finden.


Text: Jutta Dreizler, Veronika Waldboth / Foto: zVg

Dieser Artikel ist eine Zweitveröffentlichung und ist im Original in der Zeitschrift "Krankenpflege" 2/2014 des Schweizer Berufsverbandes SBK erschienen. Wir danken dem SBK und der Autorin für die Erlaubnis der Zweitveröffentlichung.

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