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  • 28.10.2016
  • Bildung

Hochschulen

Akademiker am Patientenbett

Im Ausland gibt es sie schon länger – Deutschland zieht jetzt nach. In Bochum hat zum Wintersemester 2010/2011 die deutschlandweit erste staatliche Hochschule für Gesundheitsberufe den Lehrbetrieb aufgenommen. Die Modellhochschule leistet in mehrfacher Weise wahre Pionierarbeit: Sie hebt die Trennung zwischen den drei Pflegeausbildungen auf und legt besonderen Wert auf interdisziplinäres Lernen.

„Für mich ist es etwas Besonderes, dass ich hier studieren darf – man hat das Gefühl, Teil von etwas ganz Neuem zu sein.“ Die Worte von Marc Dreger (20) lassen erahnen, dass sich der Student an Deutschlands erster staatlicher Hochschule für Gesundheitsberufe sehr wohl fühlt. Seine Kommilitoninnen Sarah Bogumil (20) und Samira Rubel (21) pflichten ihm bei: „Man ist einfach gern hier – uns gefallen vor allem die familiäre Atmosphäre und die engagierten Dozenten!“

Der 23-jährige Maximilian Grzella hat sogar seine bereits begonnene Krankenpflege-Ausbildung abgebrochen, um hier studieren zu können: „Ich wäre schon ins zweite Lehrjahr gekommen, da habe ich von der Möglichkeit gehört, Studium und Ausbildung zu kombinieren. Das war es mir wert abzubrechen! Denn ich wollte Innovation – und die bekommt man hier definitiv!“

In mehrfacher Hinsicht innovativ
Die jungen Bochumer sind vier von insgesamt 200 Studierenden, die zum Wintersemester 2010/2011 an der neu gegründeten Hochschule für Gesundheit (hsg) in Bochum in den Fächern Ergotherapie, Hebammenkunde, Logopädie, Physiotherapie und Pflege ihr Studium aufgenommen haben.  

Mit ihrem einzigartigen Studienangebot leistet die hsg in Deutschland echte Pionierarbeit. Erstmals kann an dieser Modellhochschule ein grundständiges, primär qualifizierendes Studium in einem von fünf Gesundheitsberufen mit dem Abschluss „Bachelor of Science“ studiert werden. Parallel zum Studium erwerben die Studierenden die Voraussetzung zur Berufszulassung im entsprechenden Bereich. Die hsg ist die erste staatliche Hochschule, die für Logopäden, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Hebammen beide Abschlüsse ermöglicht. Für die Pflege existieren auch an anderen Hochschulen duale Studiengänge – an der hsg kann aber zwischen den drei Pflegeberufen gewählt werden. Das ist deutschlandweit bislang einzigartig.

Ein besonderes Aushängeschild der hsg wird auch das Interprofessionelle Lernen (Interprofessional Education, IPE) sein, das von Beginn an in den allgemeinen Lehrplan integriert ist. So sollen alle Studierenden gemeinsam über die Studiengangsgrenzen hinweg Arbeits- und Handlungsweisen einüben und damit die Gemeinsamkeiten aller Gesundheitsberufe kennen lernen.

Das Ziel dieser Bemühungen: Die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung soll, gerade auch im Hinblick auf den demografischen Wandel, deutlich verbessert werden. Dabei will die Hochschule fallorientiert vorgehen - alle Studierenden sollen in gemeinsamen Veranstaltungen interdisziplinär, quasi über den eigenen Tellerrand hinaus, Menschen aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven wahrnehmen.

Für die Zukunft ist geplant, dass Deutschlands erste Hochschule für Gesundheitsberufe Herzstück des derzeit im Bau befindlichen Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen auf dem Gelände des Campus West der Ruhr-Universität Bochum wird. Bis zur Fertigstellung des Campusgeländes – voraussichtlich im Jahr 2013 – ist die hsg in einem ehemaligen Bürogebäude untergebracht. In der Endphase soll es insgesamt 1300 Studierende an der hsg geben.   
 

 

Konzentriertes Know-how am Gesundheitscampus NRW
Die Idee des Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen ist es es, das bevölkerungsreichste Bundesland als wichtigen Standort für Gesundheitswirtschaft und Forschungsaktivitäten im internationalen Vergleich nach vorne zu bringen. Geplant sind die Ansiedlung bedeutender Institutionen und Unternehmen der Gesundheitswirtschaft sowie der ersten öffentlich-rechtlichen Hochschule für Gesundheit.

Einrichtungen, die neben der hsg auf den Gesundheitscampus ziehen oder neu errichtet werden, sind: das Strategiezentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen, das Clustermanagement Gesundheitswirtschaft, das Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA.NRW), das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH (ZTG), das Europäische Protein Forschungszentrum (PURE), die MedEcon Ruhr GmbH, das Epidemiologische Krebsregister und das Elektronische Berufsregister für Gesundheitsfachberufe (eGBR).

Dem Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen liegt die Idee der National Institutes of Health (NIH) in den USA zugrunde. Die NIH, wichtigste US-Behörde für biomedizinische Forschung, befinden sich auf einem campusähnlichen Areal mit mehr als 75 Gebäuden. Sämtliche NIH-Einrichtungen haben sich der Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung verschrieben – alle wesentlichen bekannten Krankheiten werden dort (bio-)medizinisch erforscht.

Von diesem Leitgedanken getragen, sollen auf dem Gesundheitscampus neue Erkenntnisse zu Krankheiten gewonnen und, daraus resultierend, neue Therapien entwickelt werden. Eines der großen Themen, die den Gesundheitscampus bewegen, ist die alternde Bevölkerung. Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer oder Parkinson stellen die Gesellschaft vor große Herausforderungen – gerade in Deutschland, das in den nächsten Jahrzehnten einen immer weiter steigenden Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung zu bewältigen haben wird.

Bereits Mitte 2008 stand fest, dass der Gesundheitscampus im Ruhrgebiet angesiedelt werden soll. Neun Städte bewarben sich als Standort für den Campus. Eine unabhängige Expertenkommission unter der Leitung von Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl von der Berliner Charité erarbeitete für die Landesregierung daraufhin eine Standortempfehlung. Im Mai 2009 schließlich der Beschluss: Der Gesundheitscampus kommt nach Bochum. Ausschlaggebend für die Empfehlung Bochums waren die wissenschaftliche, medizinische und gesundheitswirtschaftliche Kompetenz.

 

 

„Wir bilden für die Pflegepraxis aus“
Gemeinsam lernen und gemeinsam Praxis erfahren: Der Bachelor-Studiengang Pflege ist generalistisch konzipiert und hebt somit die Trennung zwischen Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege auf. Studierende entscheiden sich zu Beginn des Studiums für einen dieser Schwerpunkte, lernen aber die gesamte Bandbreite der pflegerischen Versorgung kennen. Zudem legt die hsg besonderen Wert auf eine interdisziplinäre Ausrichtung der Curricula aller fünf angebotener Studiengänge. Der interdisziplinäre Ansatz sieht konkret so aus, dass sechs der insgesamt 29 Module des Studiengangs Pflege sogenannte IPE (Interprofessional Education)-Module sind. In den Lehrveranstaltungen dieser sechs Module lernen die angehenden Pflegenden gemeinsam mit den Studierenden der anderen Studiengänge – Pflege- und therapeutische Berufe lernen somit von Beginn an die Expertise der anderen kennen. Sie arbeiten gemeinsam an Themen, Prüfungen und Lösungen. Im Studiengang Pflege gibt es darüber hinaus zwei weitere Module, sogenannte Wahlmodule, in den ebenfalls gemeinsam mit den Studierenden aus den anderen Fächern gearbeitet wird.

Die Studierenden des Studiengangs Pflege erhalten für die Dauer von sechs Semestern einen Ausbildungsvertrag mit einem der bislang sieben Kooperationspartner der hsg – dies sind Kliniken, Pflegeheime und ambulante Pflegedienste in Bochum und Umgebung. Für diesen Zeitraum erhalten die Studierenden eine reguläre Auszubildendenvergütung. Das erste und letzte Semester findet ausschließlich an der Hochschule statt und wird nicht vergütet.

Studium plus Ausbildung – ist das überhaupt sinnvoll? „Auf jeden Fall, denn das Studium befähigt unsere Absolventen, zum Beispiel an Konzepten für die zukünftige Altenpflege mitzuarbeiten. Sie werden Modelle für eine verbesserte Lebens- und Pflegequalität entwickeln können“, betont Prof. Marion Menke die großen Chancen, die sich durch ein praxisnahes, wissenschaftlich fundiertes Studium ergeben. Birgt der Doppelstatus der Studierenden aber die Gefahr, dass das Studium hinter der praktischen Tätigkeit in den Hintergrund gerät? „Hier können wir noch keine Erfahrungswerte nennen, das bleibt abzuwarten“, sagt Prof. Anke Fesenfeld. Die in das Studium integrierte praktische Ausbildung habe erst zum Ende des ersten Semesters begonnen. In der Entwicklungsphase habe man aber sehr intensive Gespräche mit den Einrichtungen geführt, um genau dieses Problem zu vermeiden. „Das Interesse der Kooperationspartner ist von Beginn an immens hoch gewesen“, berichtet Prof. Fesenfeld. Im Rahmen der Ausgestaltung der Kooperationsverträge sei der Hochschule ein sehr hohes Engagement seitens der Einrichtungsleiter und auch Praxisanleiter vor Ort entgegebracht worden – sicher auch mit einer „gehörigen Portion Idealismus“. „Die Einrichtungen sind stolz, dass sie am neuen Ausbildungskonzept mitwirken können – die sagen, das ist eine berufspolitische Entwicklung, die wir brauchen, da wollen wir dabei sein.“

Der Studiengang Pflege umfasst acht Semester – inklusive Bachelorarbeit – und ist ein Vollzeitstudium. Der Arbeitsaufwand (Workload) rechnet sich nach ECTS-Punkten. Dabei werden 30 Zeitstunden (Präsenzzeit, aber auch Selbstlernzeit und Praktika) für die Vergabe eines ECTS berechnet und im gesamten Studium 210 ECTS vergeben. Der Studienverlaufsplan ist darauf ausgerichtet, die Absolventen für die Berufstätigkeit in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern im Gesundheits- und Pflegewesen auf der Basis pflegewissenschaftlicher Kenntnisse zu befähigen. Die Inhalte der Module sowie die praktischen Einsätze orientieren sich sowohl an Gesetzen (AltPflG und KrPflG) und den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen für die Altenpflege (AltPflAprV) und die Gesundheits- und Kranken- bzw. Kinderkrankenpflege (KrPflAPrV) als auch an aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen.

Das Studium schließt mit der beruflichen Zulassung (für die Alten-, Gesundheits- und Kranken- bzw. Kinderkrankenpflege) nach dem siebten Semester sowie dem Erwerb des Bachelorabschlusses nach dem achten Semester ab. Die Module sind in der Regel Theorie- und Praxismodule, so dass eine Verzahnung von theoretischen Inhalten in praktische Handlungskompetenz gewährleistet ist.

Wo liegen die Schwerpunkte des Studiums? Diese werden sehr durch berufsgesetzliche Vorgaben bestimmt, jedoch um wissenschaftliche Kompetenzen ergänzt. „Wichtig ist uns, ein Bewusstsein für die Bedeutung pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse sowie Fähigkeiten zur Konzeptentwicklung zu vermitteln“, betont Prof. Menke. Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt bilde zudem die Selbstreflexion. „Wir möchten, dass sich unsere Studierenden ganz klar darüber bewusst werden, was, wie und warum sie etwas tun“. Angehende Führungskräfte im Gesundheitswesen produziere der Bachelorstudiengang Pflege hingegen eindeutig nicht. „Unser Studiengang qualifiziert für die Pflegepraxis“, betont Prof. Andreas Lauterbach, Leiter des Studiengangs Pflege. „Wir wollen grundständig für die berufspraktische Tätigkeit ausbilden – das erfordert ein hohes Maß an Expertise“.

In einzelnen Modulen werden durchaus auch Führungsstile und Managementtheorien besprochen – Kompetenzen zur Leitung einer Pflegeeinrichtung sollen aber eher in einem Masterstudiengang vermittelt werden, für das sich die Studierenden im Anschluss entscheiden können. Diese befinden sich im Aufbau – genauso wie eine Lehr- und Forschungsambulanz. In erster Linie sollen dort interprofessionelle Themen behandelt werden. Mit der Einrichtung von Masterstudiengängen ist zu rechnen, sobald die ersten Studierenden des ersten Bachelor-Jahrgangs ihr Studium erfolgreich absolviert haben. Das wird voraussichtlich zum Sommersemester 2014 der Fall sein. „Denkbar ist unter anderem ein Masterstudium, das weitreichende Kompetenzen im Sinne einer erweiterten Pflegepraxis, dem sogenannten Advanced Nursing Practice, vermittelt“, verrät Prof. Lauterbach. „Die genaue Ausgestaltung muss man abwarten – wir befinden uns momentan noch in der Planungsphase.“

Engagierte Studierende mit hohen Zielen
Das erste Semester an der Modellhochschule ist nun abgeschlossen – wie lautet das vorläufige Fazit der Studierenden? „Für mich war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, sagt Maximilian Grzella. „Ich bereue es überhaupt nicht, für das Studium meine Ausbildung abgebrochen zu haben“. Maximilian und seine Kommilitonen Sarah, Samira und Marc zeigen das hochschuleigene Skills Lab – einem speziellen Raum mit Pflegebetten und Übungspuppen, in dem Pflegetechniken wie Grundpflege und Lagerungen geübt werden. „Wir setzen uns mit Dozenten und Studierenden aus den anderen Studiengängen zusammen und versuchen gemeinsam, Lösungen zu erarbeiten“, erzählt Samira. „Wir verbringen schon viel Freizeit hier – aber alles ohne Zwang“, fügt Marc hinzu. Es mache einfach Spaß, gemeinsam spezielle Handgriffe, wie Blutdruckmessen und Lagerungstechniken zu üben.

Für das Studium an der hsg haben sich die vier angehenden Pflegeakademiker ganz bewusst entschieden. „Ich sehe, dass sich das Berufsbild der Pflege geändert hat und ich möchte meinen Teil dazu beitragen – das geht am besten mit einem Studium, denke ich“, sagt Samira. Ihre Freundin Sarah pflichtet ihr bei: „Das Ziel ist doch, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern – das geht nur gemeinsam mit den anderen Gesundheitsberufen. Die starren Grenzen müssen wir überwinden“. „Ich erhoffte mir vom Studium einen anderen Background – den habe ich in der regulären Ausbildung vermisst“, erläutert Maximilian.

Obwohl noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn, haben die vier jungen Studierenden schon genaue Karrierevorstellungen. Alle möchten nach dem Bachelor noch einen Masterstudiengang anhängen. „Diese Möglichkeit hätte mir die normale Krankenpflege-Ausbildung nicht geboten“, betont Maximilian. „Ich kann mir nach dem Bachelor ein Weiterbildungsstudium im Bereich der Intensiv- oder Palliativpflege vorstellen“, erzählt Marc. Samira nickt mit dem Kopf und sagt, dass sie sich im Bereich der Beratung von Intensivpatienten spezialisieren will.

Was an dem Studium bislang noch nicht gut ist? Die Vier müssen etwas überlegen bevor ihnen eine Antwort einfällt. Das einzig Negative sei bislang, dass es in dem zur Hochschule umgebauten Übergangsgebäude begrenzte räumliche Möglichkeiten gibt. „Bislang sind wir ja aber nur 200 Studenten, da geht das jetzt schon noch“, sagt Sarah. „Wir ziehen ja eh in einigen Jahren auf den Gesundheitscampus. Das wird dann auch wieder eine aufregende Sache!“

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