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  • 28.10.2016
  • Praxis

Sexualität bei ambulant betreuten Patienten

„Auch bei Pflegebedürftigen ist es normal, sich sexuell zu verhalten"

Sexualität im Alter – immer noch ein großes Tabuthema. Insbesondere in der häuslichen Pflege können Pflegende mit Situationen konfrontiert werden, die erschrecken oder irritieren. Was tun, wenn eine Pflegekraft zum Beispiel während der Pflege eines älteren Herren bedrängt wird? Und wie können Pflegende Angehörigen helfen, besser mit der Situation umzugehen? Wir haben mit Demenzexpertin Antonia Scheib-Berten über das Thema gesprochen.

Frau Scheib-Berten, wie äußert sich Sexualität im Alter und speziell bei Menschen mit Demenz?
Sexualität ist nichts anderes als Geschlechtlichkeit und wird in der Regel mit jungen, vitalen Menschen und natürlich der Fortpflanzung oder deren Verhinderung – also der Empfängnisverhütung – in Verbindung gebracht. Dass Menschen im Verlauf der gesamten Lebensspanne geschlechtliche Wesen sind, also Mann und Frau, das wird gerne übersehen. Gerade in Verbindung mit der Diagnose Demenz scheint es manchen Betrachtern absurd, sich mit der Sexualität der Betroffenen und daraus resultierend als logische Konsequenz mit der Sexualität der Partner oder Partnerinnen der Patientinnen und Patienten auseinanderzusetzen.

Obwohl die Medien seit Jahren überquellen von Informationen zum Thema Sexualität, ist Sexualität in Verbindung mit Alter und Krankheit nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema. Dies führt dazu, dass Menschen mit Verunsicherungen und Problemen in diesem Bereich häufig still erdulden und ihre Nöte nicht einmal zu formulieren wagen. Ich nehme hier zum Beispiel die Situation, der Pflegende ausgesetzt sind, die in engstem körperlichem Kontakt die Pflege verrichten und sich vermeintlichen sexuellen Übergriffen oder Belästigungen durch dementiell veränderte Menschen nicht erwehren können. Oder auch Menschen, die die fehlende Sexualität in der Partnerschaft schmerzlich vermissen und sich eines wichtigen Lebensbereiches beraubt fühlen. Dass dies häufig unbewusste Prozesse sind, lässt sich psychologisch gut erklären. Symptomatisch äußern können sich Aggressivität oder depressive Verstimmungen bis hin zur Depression.

Ein kleiner Exkurs: Bei der Mehrzahl der Demenzpatientinnen und -patienten ist vordergründig das Thema Sexualität nicht präsent – wenn man es auf die eng gefasste sexuell-erotische Deutung beschränkt. Dass Sexualität jedoch auch mit grundsätzlicher Körperlichkeit, sich berühren, gestreichelt werden, Nähe spüren, in den Arm genommen werden, sich anlehnen zu tun hat, das wird oft übersehen. Körperlichkeit bei sich und anderen zu akzeptieren, gar zu genießen, ist ein Lernprozess. Im Rahmen der Erziehung wurde gerade den heute älteren und alten Menschen diese Genussfähigkeit regelrecht abtrainiert. Der geistige Abbau zum Beispiel im Rahmen einer Demenz baut nun diese anerzogenen gesellschaftlich-moralischen Schranken wieder ab. Die betagten Patienten besinnen sich quasi auf ihre elementaren Bedürfnisse – und dazu gehört auch das körperliche Lustempfinden, das bei kleinen Kindern mittlerweile in unserer Gesellschaft akzeptiert und gefördert wird. Pflegebedürftigen hierfür einen geschützten Rahmen für diese Form von Lebensqualität zu schaffen, erfordert Information und Aufklärung für die Angehörigen und auch das betreuende ambulante oder stationäre Pflegepersonal. Bei allem Verständnis für die Kranken ist es in diesem Kontext allerdings auch wichtig, dass die oder der Pflegende nicht über die eigenen Schamgrenzen hinweg agiert. Grenzen setzen aber auch moralische Grenzwälle einreißen – das ist die Kunst.



Die meisten Pflegebedürftigen, die zu Hause leben, werden von ihren Angehörigen versorgt. Wie gehen sie mit dem Tabuthema Sexualität und Demenz um? Was können sie tun, wenn sie ihren Vater oder ihre Mutter zum Beispiel beim Masturbieren „ertappen“?


Alleine die Formulierung der Fragestellung zeigt, dass es sich um eine "verbotene Handlung" zu handeln scheint, denn nur dabei werde ich "ertappt". Wichtig zu wissen ist, dass es – solange es den Patienten nicht belastet und andere nicht bedrängt – normal ist, sich sexuell zu verhalten. Das erst einmal als Grundinformation. Realität ist allerdings, dass Angehörige durch die Konfrontation mit der Sexualität der Patienten meist überfordert sind. Den Schwiegervater beim Masturbieren anzutreffen, das wird so manche pflegende Schwiegertochter bei Nichtkenntnis des dementiellen Erkrankungsbildes irritieren oder vielleicht sogar ängstigen. Sobald Externe in die häusliche Pflege involviert sind, ergeben sich neue Themen. Eifersucht auf die junge Krankenschwester oder Unsicherheiten in Bezug auf den Pfleger sind keine Ausnahme. Auch im stationären Rahmen bestehen noch viele Vorbehalte und Dogmen gegenüber der Sexualität der Bewohnerinnen und Bewohner.

Nur durch mehr Information und Bewusstmachung kann hier Entlastung für alle Beteiligte geschaffen werden.

Pflegende, die im ambulanten Bereich tätig sind, können durchaus auch mit irritierenden Situationen konfrontiert werden. Wie sollte sich eine junge Krankenschwester beispielsweise verhalten, die von einem demenzkranken Patienten während der Pflege „bedrängt“ wird?

Hilfreich ist immer eine genaue Betrachtung der realen Situation. Häufig werden die Handlungen missverständlich gegen sich selbst definiert. Dass der Patient – meist kommen hier Klagen über Männer – krankheitsbedingt enthemmt ist, dass er gegebenenfalls die reale Situation verkennt, das wird häufig nicht berücksichtigt. Wichtig ist auf jeden Fall der Hinweis, dass die sich bedrängt fühlende Person selbst auch schützen darf. Insbesondere junge Pflegekräfte aus anderen Kulturkreisen sollten hier zum klaren "Nein" ermutigt werden.

Das Thema Sexualität zu besprechen fällt innerhalb der Teams teilweise schwer und wird aus diesem Grunde totgeschwiegen oder zotig behandelt. Grundsätzlich wichtig ist die stützende Fachlichkeit der Stationsleitung. Optimal wäre natürlich die Thematisierung vor einem potentiellen Vorfall. Dann wären die Mitarbeiter auf den Bedarfsfall vorbereitet. Handlungsstrategien müssen immer auf den Einzelfall übertragen werden – den Klassiker gibt es nicht. Immer sind unterschiedliche Faktoren – Beteiligte, Situation, Rahmenbedingungen – zu berücksichtigen. Wichtig wäre zur Nachbearbeitung einer für die Pflegekraft belastenden Situation deren Mut, sich einer Vorgesetzen oder Kollegin anzuvertrauen. Danach sollte ein vertrauensvolles, stützendes Gespräch geführt werden. Gegebenenfalls sollte die Bezugspflege bei dem betreffenden Patienten künftig durch eine andere Pflegeperson durchgeführt werden. Im Idealfall sollten regelmäßig Supervisionsgespräche durch den Träger der Einrichtungen angeboten werden, da eine von extern hinzugezogene Fachfrau hier wichtigen Input geben kann und die Teams in diesem Kontext eine fachbezogene Fortbildung erhalten können.



Sie haben kürzlich einen Roman mit dem Titel „Bis dass der Tod uns scheidet? – Alzheimer-Lieben“ geschrieben, der sich mit der Situation Angehöriger von Menschen mit Demenz auseinandersetzt. Wird das Thema Sexualität in der häuslichen Pflege in dem Buch aufgegriffen?
Meinen Roman habe ich aus der Sicht von pflegenden Angehörigen geschrieben und zwar einer Frau und einem Mann, die beide ihre betroffenen Ehepartner betreuen und begleiten. Das Besondere ist, dass es sich hier um frühbetroffene Demenzpatienten handelt, also eine Diagnosestellung im Alter von unter 65 Jahren erfolgte. Beide Pflegenden sind wesentlich jünger als die meisten Ehepartner von Demenzpatienten. Sie sind in einem Alter, in dem andere sich auf den (Vor-)Ruhestand freuen und vielleicht eine schöne Reise planen oder Enkelkinder betreuen wollen.

Dass Angehörige in dieser Altersgruppe, also sogenannte junge Alte oder Silver-Agers, durch die Diagnose auf ganz spezielle Weise belastet werden, das versteht sich von selbst. Dass hiervon natürlich auch die Sexualität betroffen ist, das geht damit einher. In meinem Buch habe ich durch Rückblenden in vergangene partnerschaftliche Jahre versucht, auch die eheliche Sexualität und Zweisamkeit der Paare in den vergangenen, gesunden Jahren mit einfließen zu lassen.
Um konkret auf Ihre Frage zu antworten: Ja, das Thema Sexualität in der häuslichen Pflege wird aufgegriffen, aber auf eine etwas unerwartete und unkonventionelle Weise. Ich bezeichne meinen Roman ja auch als Liebesroman. Mehr möchte ich an dieser Stelle allerdings nicht verraten.

Ihr Roman enthält auch einen Infoteil – ist das Buch sozusagen als Ratgeber für pflegende Angehörige zu verstehen?
Ich habe in meinen langjährigen Erfahrungen als Leiterin von Angehörigengruppen und auch im direkten Patientenkontakt erfahren müssen, dass sich viele Menschen durch die medizinischen und psychiatrischen Fachleute nicht verstanden fühlen und dass sie von den Fachtermini überfordert sind. Auch wird häufig Zeitmangel und manchmal auch fehlende Fachkompetenz bei den Beratungen beklagt. Insbesondere bei Frühbetroffenen kommen neben den allgemeinen Fragen und Bedarfen auch häufig noch die Themen Arbeitsplatz, Rentenansprüche, Finanzen und die besondere psychische Belastung durch die Früherkrankung hinzu. Dem werden Berater und Beraterinnen teilweise nicht gerecht. Auch die ambulanten und stationären Betreuungsmöglichkeiten sind landläufig auf alte, hinfällige Menschen ausgerichtet. Ein mobiler 65-jähriger mit dementiellem Krankheitsbild passt hier nicht ins Betreuungsbild der Profis.

Mit meinem Roman wollte ich auf einfach lesbare Weise informieren. Insofern habe ich den gesamten Roman unterschwellig als Ratgeber geschrieben. Der anhängende Informations- und Linkteil umfasst klar als "Information" deklariert allgemeine Hinweise zur Erkrankung und Links zu Beratungsorganisationen, wie zum Beispiel die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, und sonstige Hilfsmöglichkeiten. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Der Roman und die Anhänge sind insgesamt ein Ratgeber – aber in einer neuen Präsentationsform.

Werden wir weitere Bücher von Ihnen lesen können in Zukunft? Wenn ja, welcher Richtung?
Ich wurde von vielen Leserinnen und einigen Lesern angesprochen, wie die Geschichte mit den Alzheimer-Lieben denn weiter gehe. Das hat mich inspiriert, eine Fortsetzung zu schreiben. Im Mittelpunkt soll – wieder in ganzheitlicher Ratgeberfunktion zu verstehen – ein Paar stehen, das sich im höheren Lebensalter kennengelernt hat und das Wagnis einer neuen Beziehung eingeht. Als Ehe-, Partner- und Sexualberaterin in freier Praxis begegnen mir "späte Paare" vermehrt auch in der Beratung mit den klassischen Fragestellungen rund um Distanz und neue Nähe, Sexualität und ihren Chancen und Schwierigkeiten jenseits der Menopause und in der Phase von möglichen Funktionsstörungen und der Rolle des sozialen Umfeldes. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, auch hier mit einigen Mythen und Fehlinformationen aufzuräumen.

Frau Scheib-Berten, vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Stephan Lücke. 

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