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  • 28.10.2016
  • Praxis

Betreuungskräfte aus Osteuropa

Fast wie Familienmitglieder

Die an Demenz erkrankte Margarete K. braucht rund um die Uhr einen Menschen, der da ist, wenn sie Hilfe benötigt. Seit mehr als vier Jahren kümmern sich polnische Betreuungskräfte um die 89-Jährige. Für ihren Sohn ist das ein „Rundum-sorglos-Paket". Für die polnischen Frauen ist es ein „Rund-um-die-Uhr-Job" fernab ihrer Heimat. Trotzdem scheinen alle davon zu profitieren.

Margarete K. fühlt sich sichtlich wohl, während sie auf der Bank vor ihrem Haus sitzt und auf den angrenzenden Garten blickt. Dort hüpfen Vögel durch die Bäume. Manchmal hoppelt ein Hase durch das Gras. Neben ihr sitzt ihr Sohn, der Mitarbeiter einer Sparkasse ist. Er kommt sie täglich nach Feierabend besuchen. Während sie sich unterhalten, drückt er sie ab und zu kurz oder streichelt ihr mit den Händen über die Haare. Dann huscht jedes Mal ein Lächeln über ihr Gesicht.

Im Haus führt eine Treppe in den ersten Stock. Auf der untersten Stufe liegt ein Schild. „Liebe Mama, bitte Ella rufen", steht darauf in großen Buchstaben. Joachim K. hat es geschrieben, damit seine Mutter nicht alleine in den ersten Stock steigt. Dort war früher ihr Schlafzimmer. Die 89-Jährige ist an Altersdemenz erkrankt und vergisst manchmal, dass die beiden Zimmer unter dem Dach nun anderen Menschen Unterkunft geben. Ella C. zum Bespiel. Sie stammt aus Polen und wohnt hier, wenn sie an der Reihe ist, sich um die ältere Dame zu kümmern. Monatsweise wechselt sie sich mit einer anderen Polin dabei ab, Margarete K. in ihrem Alltag zu unterstützen und sie daran zu erinnern, was als Nächstes zu tun ist. Morgens um acht Uhr hilft sie der Witwe beim Aufstehen, Waschen und Anziehen.


 


Nach dem gemeinsamen Frühstück planen die beiden Frauen, was es zum Mittagessen gibt. Bevor es ans Kochen geht, kaufen sie manchmal zusammen ein. Dann steht ein Mittagschlaf auf dem Programm. Am Nachmittag geht es bei gutem Wetter nach draußen. Weil Margarete K. nicht mehr so gut laufen kann, schiebt Ella sie mit einem Rollstuhl zum Beispiel zum Friedhof. Nach dem Abendessen ist Fernsehgucken an der Reihe. Musiksendungen mag die ältere Dame gerne. Mit Prokta, der anderen Polin, schaut sie oft „Wer wird Millionär?", weil die diese Sendung so gerne mag. Oder sie spielen „Mensch ärgere dich nicht".

Auch nachts hat Ella keinen Feierabend. Zwar schläft Margarete K. meist durch, doch auf Abruf ist die Polin jederzeit bereit, ihr zu Hilfe zu eilen. Für Ella ist es ein Rund-um-die Uhr-Job fernab ihrer Heimat. Die beiden Frauen leben so eng miteinander, wie es normalerweise nur Familienangehörige oder enge Vertraute tun. Kaum eine deutsche Betreuungskraft wäre dazu bereit, sich so sehr auf einen fremden Menschen einzulassen – so viel Zeit mit ihm zu verbringen. Wenn doch, dann wären deutsche Pflegekräfte wesentlich teurer. Für einen Arbeitsmonat" bekommt Ella 1.550 Euro brutto – das entspricht etwa 50 Euro pro Tag. Außerdem erhält sie Kost und Unterkunft umsonst. Der Lohn ist fast dreimal höher als der, den sie früher als Verkäuferin in Danzig bekam. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungen bleiben ihr rund 1.200 Euro.


 


 Höherer Lohn und Freude an der Arbeit

Wenn Ella nicht in Deutschland arbeitet, lebt sie in Danzig. Ihre drei Kinder sind schon lange erwachsen, und ihr Mann ist als Schiffsmechaniker viel unterwegs. Daher ist sie es gewohnt, viel alleine zu sein. Früher habe es hier an ihrem deutschen Arbeitsort mehrere Frauen aus Polen gegeben, erzählt Ella. Da habe sie ein paar Kontakte pflegen und Freundschaften schließen können. Doch die seien leider nicht mehr hier.

Seit acht Jahren ist sie nun schon in Deutschland. Zu Beginn hatte sie aber auch durchaus schon schlechte Erfahrungen gemacht. In der ersten Familie habe sie „nur wenig zu essen bekommen, mein Zimmer war kalt und so dunkel, dass ich fast depressiv geworden bin", erzählt sie. Doch bei Margarete K. gefällt es ihr gut. Es sei nicht nur wegen des Geldes, warum sie seit Jahren immer wieder hierher komme. „Ich mag alte Menschen", sagt sie, „ich mache meine Arbeit gerne." Joachim K. weiß, was er an ihr hat. „Ich kann sogar unbesorgt in den Urlaub fahren", sagt er.
Viel wichtiger aber sei, dass seine Mutter weiter im eigenen Haus leben könne. „Meine Eltern haben ihr ganzes Leben hier im Ort gelebt, seit 56 Jahren wohnt meine Mama in diesem Haus. Ich bin froh, dass sie so in ihrer vertrauten Umgebung bleiben kann und nicht in ein Heim muss." Schon als sein Vater noch lebte, sei eines Tages klar gewesen, dass seine Eltern nicht mehr allein zurechtkommen konnten.





Bei der Mutter schritt die Demenz langsam voran, und ihr Mann war herzkrank und aufgrund eines Hüftleidens zusätzlich in seiner Bewegung eingeschränkt. Er selbst konnte aus beruflichen Gründen die Eltern nicht pflegen, und seine Frau war bereits mit der Betreuung ihrer eigenen pflegebedürftigen Mutter ausgelastet. In den Medien stießen sie auf einen Bericht über eine Agentur, die polnische Pflegekräfte vermittelte. „Der Beitrag hatte einen sehr positiven Eindruck hinterlassen", erzählt Joachim K. So sei man vor etwa viereinhalb Jahren diesen gegangen. Ella war von Anfang an mit dabei. Vor Prokta gab es noch andere polnische Betreuerinnen. Nicht alle konnten so gut deutsch sprechen wie Ella, deren Eltern schon länger in Deutschland leben. Doch die Mutter habe auch mit Sprachschwierigkeiten kein großes Problem gehabt, so ihr Sohn. „Sie weiß immer sofort das richtige Wort, wenn ich mal nicht darauf komme", ergänzt Ella.


Agentur sorgt bei Krankheit für Ersatz

Auch mit der Agentur ist die Familie sehr zufrieden. Neben der Vermittlung von einer Betreuungskraft sorge diese dafür, dass die selbstständig tätigen Betreuungskräfte sozialversichert seien und eine Steuerberatung bekämen, sagt Joachim K. Und wenn eine der Frauen einmal krank sei, sorge die Agentur schnell für einen Ersatz. 300 Euro zahlen Joachim K. und seine Mutter für diese Leistungen monatlich. Zusammen mit den 1.550 Euro für die Betreuungskraft belaufen sich damit die Gesamtkosten für die 24-Stunden-Pflege auf 1.850 Euro pro Monat. Einen Teil davon (die Geldleistung der Pflegestufe I) zahlt die Pflegekasse, denn Margarete K. hat Pflegestufe I und bekommt außerdem einen Sonderbetrag aufgrund ihrer Demenz. Ein Heim platz wäre teurer. Als „Rundum-sorglos-Paket" bezeichnet Joachim K. die Betreuung seiner Mutter. Einen Nachteil sehe er aber doch, sagt er verschmitzt: „Ich muss mich jeden Abend mit zwei Frauen herumschlagen!" Fast ist es, als ob Ella mit zur Familie gehöre. Vielleicht kann es nur so funktionieren.

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