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  • 28.10.2016
  • Praxis

Stationäre Altenpflege

Was zählt?

In seinem neuen Skandalbuch „Es ist genug! – Auch alte Menschen haben Rechte" prangert Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflegekritiker, erneut die Missstände in Seniorenheimen an. Von gefesselten und eingesperrten alten Menschen ist die Rede, von Menschen, die über Sonden ernährt werden, obwohl sie noch essen können. Polemik hin oder her: Was eigentlich macht ein gutes Heim aus? Eine Spurensuche.

„Die Altenpflege ist vergiftet." Dr. Thomas Behr, Vorstandsmitglied der Diakonie Fürstenfeldbruck, bereitet die Situation der stationären Einrichtungen schon seit langem Kopfzerbrechen. „Der Berufsstand ist mit viel zu vielem belastet, was dem hilfebedürftigen Menschen nicht nützt und den Pflegenden schadet", so die Überzeugung des Chefs zweier Pflegeheime. „Die Politik muss endlich den Mut finden, Reformen entschieden anzugehen – es ist dringend an der Zeit für eine planvolle Entgiftung."

Die Ursachen der Misere sieht Behr im System: „Wenn man genau hinschaut, hat die Systematik der Pflegeversicherung das eingeführt, was vor über 100 Jahren in der Industrie mit der Taylorisierung der Arbeitswelt beschrieben wurde", so das Mitglied zweier Altenpflege-Expertenkommissionen. Damals seien Arbeitsvorgänge an einem Produkt in einzelne Teilbereiche aufgelöst worden, die Mitarbeiter isoliert vom Gesamtprodukt hätten bearbeiten müssen. Dies sei unter Vorgabe von geldbewerteten Zeittaktungen geschehen. In der logischen Konsequenz sei den Werktätigen das Ergebnis ihrer Arbeit verloren gegangen und der berufliche Stress sei erhöht worden.

„Exakt dieselbe Situation haben wir heute in der stationären Altenpflege", bekräftigt Behr. Pflegemodelle, die den Menschen aufgliederten in Teilaspekte seiner Existenz, lieferten den Hintergrund, vor dem sich die zeitliche Taktung bewertbarer Module unter anderem in den Bereichen Hauswirtschaft und Pflege in verschiedenen Schweregraden abbildete. Zudem würde viel zu wenig bedacht, wie sehr sich damit für die Pflegekräfte das Tempo ihrer Handlungsabläufe erhöht habe und wie stark das dem immer weiter langsamer werdenden Tempo der alten Menschen entgegenlaufe. Behr: „Da können für beide Seiten keine guten Ergebnisse herauskommen."





„Der liebe Gott hat es gut gemeint mit mir"

Trotz schlechter Rahmenbedingungen und Skandalbücher gibt es durchaus Heimbewohner, die sich in ihren Einrichtungen wohlfühlen. Charlotte Weber, die vor eineinhalb Jahren in ein norddeutsches Heim zog, ist ein gutes Beispiel. Was ist vom früheren US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden zu halten? Wie geht es mit den EU-Krisen-Staaten weiter? Wohin steuert Ägypten? – die 83-Jährige ist neugierig und am Zeitgeschehen interessiert. Das hat sich auch mit dem Einzug ins Heim nicht geändert. „Ich will wissen, was in der Welt vor sich geht", sagt die betagte Dame mit Nachdruck. Die aktuelle Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", auf deren Lektüre Charlotte Weber seit jeher großen Wert legt, bringt ihr der Ehemann bei seinen täglichen Besuchen mit. Vieles liest er ihr vor. Denn die frühere Architektin ist bettlägerig, das Lesen fällt ihr zunehmend schwer.

Das Architekten-Ehepaar lernte sich im Studium kennen, seit dem 31. Dezember 1959 sind Charlotte und Dr. Jürgen Weber verheiratet. „Bei unserer Trauung war das Feuerwerk sozusagen inklusive", sagt die Seniorin schmunzelnd.
 Charlotte Weber wurde vor drei Jahren aufgrund einer schweren Erkrankung pflegebedürftig. „Natürlich wollten wir, dass meine Frau so lange wie möglich zu Hause bleibt, und haben deshalb einen ambulanten Pflegedienst kommen lassen", äußert Jürgen Weber. Doch die Hilfebedürftigkeit seiner Frau sei damit auf Dauer nicht kompensierbar gewesen. Erst der Einzug in eine stationäre Einrichtung entspannte die Situation, die sich immer mehr zur familiären Belastung entpuppte. Gefallen hat es Charlotte Weber von Beginn an. „Alles lief so reibungslos, ich fühlte mich wie erlöst", erinnert sie sich. Selbst die Gardinen, deren Farbe ihr nicht gefiel, wurden prompt ausgetauscht – innerhalb ‧eines Tages und ohne Wenn und Aber.

Was macht ein gutes Heim aus? – Charlotte Weber denkt kurz nach und sagt: „Die ethische Grundhaltung muss stimmen. Ich möchte für voll genommen werden." Zudem ist ihr eine gute medizinische Versorgung wichtig. „Schön ist, wenn eine lückenlose Versorgung klappt und alles wie am Schnürchen läuft." Dann ließen sich die Einschränkungen, die die Pflegebedürftigkeit zwangsläufig mit sich brächten, am besten ertragen. Von den Pflegenden ihrer Abteilung ist Charlotte Weber begeistert. Die Mitarbeiter seien freundlich und zugewandt, Wünsche würden berücksichtigt, wenn sie klingele, müsse sie nie lange warten. „Ich fühle mich sehr wohl und aufgehoben hier im Heim. Der liebe Gott hat es gut gemeint mit mir."

Auch Sophie Marlow hat sich mit ihrer Situation als Heimbewohnerin gut arrangiert. „Ich bin froh und dankbar, hier gelandet zu sein, denn es ist immer jemand da, der sich um mich sorgt", sagt die 88-Jährige. „Auch wenn es mir richtig dreckig geht." Zudem sei das Serviceangebot hervorragend. Vom heimeigenen Restaurant über Friseur, Postdienst und Fußpflege bis hin zur Bankfiliale sei alles vorhanden, was man zum Leben brauche. Nachdenklich fügt Sophie Marlow hinzu: „Am wichtigsten ist mir, meinen Söhnen die Sorge um mich zu nehmen – deswegen versuche ich, ein positives Gesicht zu machen. Und das kann man hier."


„Auch Mitarbeitern muss es gut gehen"

Uwe Trinkaus ist wichtig, dass er sich bei seiner Arbeit vor allem auf die pflegerische Versorgung der Bewohner konzentrieren kann und von administrativen Tätigkeiten weitgehend entlastet wird. Zudem legt er Wert auf Vertrauen und Offenheit im Team sowie darauf, dass er Anerkennung erfährt und Raum gegeben wird für berufliche Weiterentwicklung. „Das macht für mich ein gutes Pflegeheim aus", sagt der 52-Jährige. Seinen aktuellen Arbeitgeber, den Wohnstift Hannover-Kleefeld der Gemeinschaft Deutsche Altenhilfe (GDA), hatte ein Bekannter Trinkaus empfohlen. Nun kann er sich keine andere Einrichtung mehr vorstellen. „In unserem Haus passt alles zusammen", resümiert der berufserfahrene Altenpfleger. Eine individuelle Pflege sei möglich wegen geringer Fluktuation und Entlastung von administrativen Aufgaben, die Einrichtung verfüge über zahlreiche arbeiterleichternde technische Hilfsmittel, bei medizinischen Zwischenfällen sei jederzeit der mit der Einrichtung kooperierende niedergelassene Hausarzt erreichbar, dessen Praxis praktischerweise im Haus angesiedelt ist. „Für diese Vorteile nehme ich sogar die tägliche Anfahrt von Celle nach Hannover gern in Kauf", sagt Trinkaus schmunzelnd. „Denn: Welches Haus bietet Pflegenden sonst solch gute Arbeitsbedingungen?"

Zufriedene Mitarbeiter sind für Pflegedienstleiterin Susanne Oltrogge das A und O. „Selbstverständlich stehen die Bewohner an erster Stelle und im Fokus unserer Arbeit", stellt die Führungskraft klar. „Doch auch den Mitarbeitern muss es gut gehen, denn sie sind die wichtigste Ressource einer Pflegeeinrichtung." Oltrogges Büro liegt inmitten eines Pflegebereichs, zwischen zwei Bewohnerzimmern. „Ich und mein Stellvertreter sind für Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige jederzeit ansprechbar", betont die studierte Pflegemanagerin. „Da sind kurze Wege natürlich sehr vorteilhaft."

Auch sonst tut die GDA einiges, um die Beschäftigten motiviert im Unternehmen zu halten. So können Mitarbeiter im Falle persönlicher, beruflicher oder gesundheitlicher Probleme beispielsweise externe Coachings in Anspruch nehmen. Hierzu kooperiert die GDA mit dem Fürstenberg-Institut, dessen Berater sich aus verschiedenen Berufsgruppen wie Pädagogik, Psychologie und Gesundheitswissenschaften zusammensetzen. Beratungsgespräche sind schnell und unkompliziert möglich, natürlich streng vertraulich und kostenlos. Fortbildungen je nach Einsatzgebiet und persönlichen Vorlieben sind zudem ebenso selbstverständlich wie Weihnachtsgeld und Leistungsprämien. Abteilungsleiter, zu denen auch die Pflegedienstleitung zählt, erhalten einen Dienstwagen.

 



Weiterhin können alle Beschäftigten kostenlos aus einem ganzen Bündel von sportlichen und gesundheitsfördernden Aktivitäten wählen: Yoga, Pilates, Sauna, Schwimmen, Krafttraining, Volleyball, Wassergymnastik, Joggen, Zumba. „Der Wohlfühlfaktor muss stimmen", resümiert Oltrogge zufrieden. „Für Bewohner und Mitarbeiter gibt es ein hohes Maß an Serviceleistungen inklusive und unter einem Dach. Das macht ein gutes Heim aus."


Die Institution öffnen

Ganz anders sieht das Hermann Brandenburg, Professor für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. „Ein gutes Heim ist ein offenes Heim", bringt der gelernte Altenpfleger auf den Punkt und fügt hinzu: „Es ist natürlich viel einfacher, alles aus einem Guss anzubieten als lästige Kooperationen einzugehen – aber der Inklusion in die Kommune dient das ganz sicher nicht."

Traditionell gesehen seien stationäre Pflegeeinrichtungen weitgehend geschlossene Welten und Arbeitsabläufe einem streng institutionalisierten Organisationsschema unterworfen. „Diese Logik kann unterbrochen werden, wenn beispielsweise die Pflege neu aufgestellt wird", sagt Brandenburg. „Ein neues Aufgaben- und Rollenprofil, multiprofessionelle Zusammenarbeit sowie vorsichtige Ambulantisierung sind nur einige Stichworte." Ein ähnlicher Effekt werde erreicht, wenn Serviceangebote von der Fußpflege über den Friseur bis hin zum Café von extern angeboten werden. Brandenburg: „Alles andere hat zur Folge, dass der Kontakt der Heimbewohner zum Stadtteil weitgehend überflüssig ist, die alten Menschen ein weitgehend isoliertes Dasein fristen, das einzig in der Institution stattfindet."

 



Was woanders noch Zukunftsmusik ist, setzt das Evangelische Johanneswerk aus Bielefeld in mehreren quartiersnahen Wohnprojekten bereits seit einigen Jahren erfolgreich um. Das Wohnprojekt Lerchenstraße im ostwestfälischen Herford ist eines davon. Es entstand durch den kompletten Umbau zweier bestehender Wohnhäuser, die seitdem über Laubengänge mit einem in der Mitte liegenden Nachbarschaftszentrum miteinander verbunden sind. Die Mieter, teilweise Menschen mit hohem Hilfebedarf, teilweise körperlich fit, leben in Wohngemeinschaften zusammen. Das städtische Klinikum, Supermarkt, Post, Friseur und Kiosk befinden sich in unmittelbarer Nähe.

„Unsere quartiersnahen Wohnprojekte wie das in der Lerchenstraße verfügen über Servicestützpunkte, die eine 24-Stunden-Versorgungssicherheit für pflegebedürftige Menschen garantieren", erläutert Ulrike Overkamp, Leiterin der Stabsabteilung Quartiersnahe Versorgung und Ambulante Hilfen des Evangelischen Johanneswerks, die Grundidee des Konzepts. Die Kontaktaufnahme sei über Notrufsysteme jederzeit möglich. Zudem könnten Mieter Hilfsangebote des angeschlossenen ambulanten Pflegedienstes nutzen. Auch Menschen aus der Nachbarschaft können die Angebote der quartiersnahen Versorgung – hauswirtschaftliche Leistungen, Freizeit- und Kulturangebote, Pflege oder Betreuung – je nach Bedarf in Anspruch nehmen.



„In unseren alternativen Wohnformen setzen wir konsequent die drei Prinzpien um, die eine gute Pflegeeinrichtung ausmachen", fasst Overkamp zusammen. „Sie ist im Sozialraum fest verankert, arbeitet systematisch mit Angehörigen, Nachbarschaft sowie Ehrenamtlichen zusammen und alle Beteiligten sind an wichtigen Willensbildungsprozessen beteiligt." Dadurch entstehe ein Höchstmaß an partizipativen Elementen, sodass sich Einrichtungen zu Orten der Inklusion entwickelten. „Die Frage, was ein gutes Pflegeheim ausmacht, kann durchaus befruchtend sein", fügt Overkamp hinzu. „Es führt dazu, dass jeder Beteiligte seine Vorstellungen einbringt und die Anforderungen des Alltags stärker reflektiert." Eine allge‧meingültige Definition des „guten Heims" sei jedoch schwierig. „Letztlich versteht doch jeder darunter etwas anderes."

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